"Mama, wie lange dauert es noch?" Stunde um Stunde hat das kleine Mädchen ausgeharrt, Bilderbücher durchgeblättert, Rätsel gelöst – jetzt ist die Schmerzgrenze erreicht. Alles Interesse ist erloschen, die vorbeihuschende Landschaft hinter dem Zugfenster kann dem Auge nichts mehr bieten, die leeren Stunden dehnen sich zur Ewigkeit. Die Untätigkeit wird zur Qual, das Kind bricht in verzweifeltes Weinen aus. Ein menschliches Urgefühl: Neben Hunger, Durst und Schmerzen ist uns nur wenig so zuwider wie das schiere Nichts, die Langeweile.

Rings um das Mädchen im Zug sitzen Erwachsene, bestens gerüstet mit Büchern, Zeitschriften, Notebooks oder Smartphones . Wer vielseitig interessiert und gut organisiert ist, der kann sich heute mit einem multimedialen Schutzwall vor Leerlauf schützen und auch die letzten ungenutzten Minuten mit Zerstreuung und Anregung füllen. Manch Reisender allerdings legt das Buch beiseite und starrt in die Ferne. Vertane Zeit, könnte man denken. Doch ist Langeweile wirklich überflüssig? Oder sollten wir unserem Gehirn nicht ab und an ein wenig Erholung gönnen – auch tagsüber?

Langeweile kann ungesund sein

Im Übermaß geht Langeweile mit schweren Störungen der Psyche einher . Zugleich ist sie eine Triebfeder des menschlichen Geistes, die uns zu neuen Erlebnissen und Gedanken drängt. Vollständig sollten wir das Luxusleiden wohl nicht aus unserem Leben bannen: Denn im dämmrigen Niemandsland der schweifenden Gedanken, so zeigen Versuche von Hirnforschern und Kognitionspsychologen, könnte gerade der Schlüssel zu Kreativität und Erfolg liegen.

Einer dieser Wissenschaftler ist Daniel Weissman . Er erforscht an der University of Michigan die Gehirne von gelangweilten Menschen. Seine Versuchsteilnehmer im Kernspintomografen werden aufgefordert, je nach gezeigtem oder gesprochenem Buchstaben einen bestimmten Knopf zu drücken. Unweigerlich schweifen bei der stupiden Aufgabe nach einer Weile die Gedanken ab. Weissman erkennt dies an der nachlassenden Reaktionszeit seiner Probanden, aber auch an veränderten Aktivitätsmustern im Gehirn. Konzentriert sich ein Mensch auf eine Aufgabe, so ist ein Netzwerk bestimmter Hirnareale aktiv und miteinander verknüpft – lässt die Konzentration nach, dann schwindet in diesen Bereichen die Aktivität.

Doch auch wenn der Geist entspannt, die Gedanken wandern und das Bewusstsein in die Dämmerung trudelt, wird es keineswegs dunkel im Gehirn: Stattdessen übernimmt dann das Default-Netzwerk die Regie, das nur unwesentlich weniger Energie verbraucht als ein konzentriertes Gehirn.

An der Schwelle zum Tagtraum, so konnte Weissman zeigen, gibt es in beiden Netzwerken Aktivität, und die träumerischen und die bewussten Hirnareale scheinen miteinander zu kommunizieren. Die Leistung bei der augenblicklichen Aufgabe ist dadurch eingeschränkt. Überraschend ist jedoch: Je mehr die aktiven und die träumerischen Hirnareale miteinander kommunizierten, desto effektiver absolvierten die Probanden einen darauffolgenden Test. Vielleicht braucht unser Gehirn ja womöglich Phasen der geistigen Abwesenheit, um optimal funktionieren zu können. Und falls ja: Wie viel Leerlauf sollten wir uns gönnen, ab wann ist Langeweile schädlich?