PsychologieGanz schön langweilig!

Manche Menschen macht es wahnsinnig, wenn sie an der Bushaltestelle nur ein paar Minuten warten müssen und sich langweilen. Mit immer neuer Unterhaltungstechnik lenken wir uns ab. Dabei hat der Leerlauf im Kopf großen Nutzen. von Birgit Herden

»Mama, wie lange dauert es noch?« Stunde um Stunde hat das kleine Mädchen ausgeharrt, Bilderbücher durchgeblättert, Rätsel gelöst – jetzt ist die Schmerzgrenze erreicht. Alles Interesse ist erloschen, die vorbeihuschende Landschaft hinter dem Zugfenster kann dem Auge nichts mehr bieten, die leeren Stunden dehnen sich zur Ewigkeit. Die Untätigkeit wird zur Qual, das Kind bricht in verzweifeltes Weinen aus. Ein menschliches Urgefühl: Neben Hunger, Durst und Schmerzen ist uns nur wenig so zuwider wie das schiere Nichts, die Langeweile.

Rings um das Mädchen im Zug sitzen Erwachsene, bestens gerüstet mit Büchern, Zeitschriften, Notebooks oder Smartphones. Wer vielseitig interessiert und gut organisiert ist, der kann sich heute mit einem multimedialen Schutzwall vor Leerlauf schützen und auch die letzten ungenutzten Minuten mit Zerstreuung und Anregung füllen. Manch Reisender allerdings legt das Buch beiseite und starrt in die Ferne. Vertane Zeit, könnte man denken. Doch ist Langeweile wirklich überflüssig? Oder sollten wir unserem Gehirn nicht ab und an ein wenig Erholung gönnen – auch tagsüber?

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Langeweile kann ungesund sein

Im Übermaß geht Langeweile mit schweren Störungen der Psyche einher. Zugleich ist sie eine Triebfeder des menschlichen Geistes, die uns zu neuen Erlebnissen und Gedanken drängt. Vollständig sollten wir das Luxusleiden wohl nicht aus unserem Leben bannen: Denn im dämmrigen Niemandsland der schweifenden Gedanken, so zeigen Versuche von Hirnforschern und Kognitionspsychologen, könnte gerade der Schlüssel zu Kreativität und Erfolg liegen.

Einer dieser Wissenschaftler ist Daniel Weissman. Er erforscht an der University of Michigan die Gehirne von gelangweilten Menschen. Seine Versuchsteilnehmer im Kernspintomografen werden aufgefordert, je nach gezeigtem oder gesprochenem Buchstaben einen bestimmten Knopf zu drücken. Unweigerlich schweifen bei der stupiden Aufgabe nach einer Weile die Gedanken ab. Weissman erkennt dies an der nachlassenden Reaktionszeit seiner Probanden, aber auch an veränderten Aktivitätsmustern im Gehirn. Konzentriert sich ein Mensch auf eine Aufgabe, so ist ein Netzwerk bestimmter Hirnareale aktiv und miteinander verknüpft – lässt die Konzentration nach, dann schwindet in diesen Bereichen die Aktivität.

ZEIT Wissen 6/2012
ZEIT Wissen 6/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Doch auch wenn der Geist entspannt, die Gedanken wandern und das Bewusstsein in die Dämmerung trudelt, wird es keineswegs dunkel im Gehirn: Stattdessen übernimmt dann das Default-Netzwerk die Regie, das nur unwesentlich weniger Energie verbraucht als ein konzentriertes Gehirn.

An der Schwelle zum Tagtraum, so konnte Weissman zeigen, gibt es in beiden Netzwerken Aktivität, und die träumerischen und die bewussten Hirnareale scheinen miteinander zu kommunizieren. Die Leistung bei der augenblicklichen Aufgabe ist dadurch eingeschränkt. Überraschend ist jedoch: Je mehr die aktiven und die träumerischen Hirnareale miteinander kommunizierten, desto effektiver absolvierten die Probanden einen darauffolgenden Test. Vielleicht braucht unser Gehirn ja womöglich Phasen der geistigen Abwesenheit, um optimal funktionieren zu können. Und falls ja: Wie viel Leerlauf sollten wir uns gönnen, ab wann ist Langeweile schädlich?

Leserkommentare
  1. und echte Entspannung. Was heute meist unter Entspannung läuft ist nur Ablenkung von den real drohenden und unbewältigten Problemen.
    Das, was fehlt, ist die Hinwendung zur Natur, zu allem Natürlichen. Und das wird immer schwieriger, weil der Natur überall der Garaus gemacht wird.
    Ein schönes, zufriedenes Leben ist für mich ein ganz einfaches Leben. Ohne Hintergrundlärm, in reiner Luft und Naturdüften, mit Grünblick,reinem Wasser und frischen Früchten. Und das ist ja heute alles Luxus. Aber alles andere ist doch schon Stress. So ist es nun einmal.

    Eine Leserempfehlung
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    ja, ist was dran, ganz viele "Fortschritte" machen uns nicht glücklicher. Aber was bei einigen Kommentatoren hier durchscheint ist diese Idee, man könne glücklich sein, wenn man die ganze Zeit in seinem schönen Garten im grünen hockt. Das halte ich auf Dauer für einen depressiv machenden Irrtum. Der Mensch ist ausgelegt auf den gemeinsamen Überlebenskampf in feindlicher Natur. Wir brauchen auch Streß (am besten positiven)!

    • Gerry10
    • 25. Oktober 2012 6:33 Uhr

    "...dass die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt um das 2,5-Fache erhöht war, wenn diese sich im Monat zuvor bei der Arbeit gelangweilt hatten"
    Da bin ich aber in großer Gefahr.
    Kann ich meinen Arbeitgeber in diesem Fall als "Verursacher" verklagen?
    ;-)

    Ernsthaft, wie so vieles und bereits im Artikel erwähnt halte ich Langeweile für ein Bildungsproblem.
    Wer nicht weis was er mit sich und seiner Zeit machen soll verfügt mMn nicht über genug wissen was er/sie eigentlich machen könnte.

    "Gesunde Langeweile" verlagt mein Kopf ganz von alleine. Dann setze ich mich neben meinen Kater und schau mit ihm für eine Wiele aus dem Panoramafenster - oder ich gehe in die Arbeit...

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    • Infamia
    • 25. Oktober 2012 7:33 Uhr

    "Manch Reisender allerdings legt das Buch beiseite und starrt in die Ferne. Vertane Zeit, könnte man denken. Doch ist Langeweile wirklich überflüssig? "

    Was definieren Sie als Langeweile? Jeder kennt diese Situation doch, wo er im Zug, Bus, S-Bahn sitzt und einfach den Blick schweifen lässt, ohne etwas zu tun. Was hat das mit Bildungsproblem zu tun? Manchmal kann ich genau das tun. Einfach den Blick schweifen lassen und dabei die Gedanken vor dem inneren Auge ablaufen lassen.

    Ich glaube, der Autor hat recht mit dem, was er schreibt. Ich durfte mich als Kind auch mal langweilen und einfach so aus dem Fenster schauen. Es war auszuhalten, denn irgendwann kam ich dann auf eine Idee, was ich machen könnte. Permanente Möglichkeiten in Form von Lesen, Musik, Filme, Chatten, Twittern ist sicher nicht gut für uns alle.

    "Manch Reisender allerdings legt das Buch beiseite und starrt in die Ferne. Vertane Zeit, könnte man denken. Doch ist Langeweile wirklich überflüssig?"

    in diesem artikel wird auch langeweile mit nicht-sichtbar-etwas-tun verwechselt.
    manch reisender denkt vielleicht einfach nach oder lässt seine gedanken schweifen oder genießt eine musik in seinem kopf oder erinnert sich an etwas oder jemand schönes.

    in der tat ist langeweile eher ein bildungsproblem. wer zu einer inneren einkehr nicht fähig ist, der wird die pausen in der dauerbespaßung als qual empfinden. das gilt nicht nur für chatten oder telefonieren,sondern auch für jede andere form des dauerkonsums.

    Bildung und Geld hängen bei uns leider sehr nah zusammen und wenn ich daran denke auf wieviel interessante Sachen ich aus Geldmangel verzichten muss.

    Zeitmangel ist auch so eine Sache, als Student bleibt auch nicht mehr soviel Zeit zum Weltbürger zu reifen, wenn man nach der Uni zur Arbeit muss, nach der Arbeit lernen und
    das bisschen was an Energie bleibt einsetzt damit das Sozialleben nicht verwaist.

    Zumal seine Neugier zu stillen,

    • Infamia
    • 25. Oktober 2012 7:33 Uhr

    "Manch Reisender allerdings legt das Buch beiseite und starrt in die Ferne. Vertane Zeit, könnte man denken. Doch ist Langeweile wirklich überflüssig? "

    Was definieren Sie als Langeweile? Jeder kennt diese Situation doch, wo er im Zug, Bus, S-Bahn sitzt und einfach den Blick schweifen lässt, ohne etwas zu tun. Was hat das mit Bildungsproblem zu tun? Manchmal kann ich genau das tun. Einfach den Blick schweifen lassen und dabei die Gedanken vor dem inneren Auge ablaufen lassen.

    Ich glaube, der Autor hat recht mit dem, was er schreibt. Ich durfte mich als Kind auch mal langweilen und einfach so aus dem Fenster schauen. Es war auszuhalten, denn irgendwann kam ich dann auf eine Idee, was ich machen könnte. Permanente Möglichkeiten in Form von Lesen, Musik, Filme, Chatten, Twittern ist sicher nicht gut für uns alle.

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    Die empfinde ich täglich auf dem Nachhauseweg. Allerdings sind das auch die 20 Minuten, in denen ich von der Arbeit ein bisschen runterkomme. Ich hab kein Auto und einer der Gründe, warum ich mir demnächst keines zulegen will, ist u.a. diese Möglichkeit, morgens sinnlos vor mich hinzudösen und abends einfach mal 20 Minuten keinerlei Gedanken auf irgendwas fokussieren zu müssen.
    Bie längeren Zugreisen habe ich immer etwas zu lesen dabei und lege es doch meist nach wenigen Seiten weg. Aber ist das Gefühl dann wirklich Langeweile? Oder eher ein komplettes Schweifenlassen der Gedanken, eine Pause von allen Fokussierungen?

    Langeweile bin ich auch gestolpert: "Manch Reisender allerdings legt das Buch beiseite und starrt in die Ferne." Langweilig ist das nämlich beileibe nicht.
    Trotzdem habe ich für mich auch entdeckt, dass ich aktiv alles Ausschalte, mich hinsetze und einfach mich 'langweile'. Zufällig kam mir die Idee einige Wochen vor diesem Artikel hier. Und ich kann bestätigen ... ich hatte mehrere Wochen danach eine äußerst kreative Phase. Produktiv und langatmig widmete ich mich selbstgestellten Aufgaben, von denen ich zuvor nicht wusste, dass sie in mir schlummerten. Was mir am meisten auffiel, war das tiefe Gefühl von Befriedigung und Erfüllung, was mit dieser Phase einherging. Seitdem schalte ich öfter alles aus und sitze einfach wieder rum. Das ist nicht immer einfach, wieder so auf sich und die manchmal vorherrschende gähnende Leere zu treffen und dem 'Was soll ich nur tun', obwohl die Aufgaben sich ja eigentlich vor einem auftürmen. Aber letztlich lohnt es sich.

  2. 4. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

  3. Die empfinde ich täglich auf dem Nachhauseweg. Allerdings sind das auch die 20 Minuten, in denen ich von der Arbeit ein bisschen runterkomme. Ich hab kein Auto und einer der Gründe, warum ich mir demnächst keines zulegen will, ist u.a. diese Möglichkeit, morgens sinnlos vor mich hinzudösen und abends einfach mal 20 Minuten keinerlei Gedanken auf irgendwas fokussieren zu müssen.
    Bie längeren Zugreisen habe ich immer etwas zu lesen dabei und lege es doch meist nach wenigen Seiten weg. Aber ist das Gefühl dann wirklich Langeweile? Oder eher ein komplettes Schweifenlassen der Gedanken, eine Pause von allen Fokussierungen?

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    Totales Abschalten, ist fuer mich nie mit einem unguten Gefuehl verbunden. Aehnlich wie Sie, nehme ich bei langen Zugreisen oft ein Buch mit, lese dann aber nur die ersten Seiten und kann stattdessen mehrere Stunden lang einfach aus dem Fenster schauen und Tagtraeumen und Gedanken nachhaengen. Dabei empfinde ich keine Langeweile, es ist eher ein Trancezustand, so erholsam wie Schlaf, aber gerade noch wach genug, dass ich weiss, wo ich aussteigen muss. In diesen Zustand, kann ich mich jederzeit versetzen, aber es ist dazu notwendig, dass ich in diesem Moment eben keine weitere Aufgabe erfuellen muss. wirkliche Langeweile setzt dann ein, wenn ich stattdessen etwas tun muss, was mich geistig unterfordert. Einen langweiligen Vortrag anhoeren, von dem man danach jemandem berichten muss, mit Kindern gruene Autos zaehlen oder gar - oh Graus -, sich mit jemandem unterhalten muessen. Deshalb reise ich, wann immer ich kann, allein. Langeweile allein ist ein Genuss - Langeweile mit anderen die Hoelle.

  4. "Manch Reisender allerdings legt das Buch beiseite und starrt in die Ferne. Vertane Zeit, könnte man denken. Doch ist Langeweile wirklich überflüssig?"

    in diesem artikel wird auch langeweile mit nicht-sichtbar-etwas-tun verwechselt.
    manch reisender denkt vielleicht einfach nach oder lässt seine gedanken schweifen oder genießt eine musik in seinem kopf oder erinnert sich an etwas oder jemand schönes.

    in der tat ist langeweile eher ein bildungsproblem. wer zu einer inneren einkehr nicht fähig ist, der wird die pausen in der dauerbespaßung als qual empfinden. das gilt nicht nur für chatten oder telefonieren,sondern auch für jede andere form des dauerkonsums.

  5. Meine Freundin hat ein sogenanntes Nichts unter der Couch versteckt. Wenn sie mit vielen Eindrücken nach Hause kommt, holt sie es hervor und taucht in es ein.
    Ich starre ab und zu Zeitungspapier oder Buchseiten an. Manchmal liest etwas von mir sogar die Worte, aber ich weiß nicht, wo sie sich dann aufhalten. Ich kann sie kurz danach bereits nicht mehr finden.
    Am Liebsten allerdings stehe ich vor dem Haus (ein altes Bauernhaus am Waldrand) und schaue den Blättern beim Herunterfallen zu oder den Vögeln beim vom-Ast-zu-Ast-Hüpfen oder den Blumen beim Schönsein.
    Der Leerlauf erfüllt mich und bringt mich weiter.

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    • dubie
    • 25. Oktober 2012 15:18 Uhr

    Genau.
    Leerlauf.
    Aber das wird im Artikel mit Langeweile gleichgesetzt.
    Langweilen Sie sich, wenn Sie die Blumen angucken? Im Grunde ist das doch auch eine Art der Zerstreuung.
    Eindrücke sind es allemal.

  6. Sehr wohl bekannt ist mir der Zustand der Antriebslosigkeit, meist gepaart mit (mentaler) Erschöpfung. Und genau dann kann ich durchaus über längere Zeit einfach nur so daliegen. Allerdings nicht, ohne über vieles nachzudenken. Auch, was diesen eher unangenehmen Zustand verursacht.
    .
    Ich halte es für normal, sich auf langen Bahn- oder Busfahrten mit einer Zeitung oder einem Buch die Zeit zu verkürzen. Leider piept oder klingelt meistens die Unterhaltungselektronik der Mitreisenden oder sie quasseln so laut am Handy, dass die Konzentration perdu ist.

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