SprachpsychologieDie Macht der Worte

Sprache hat einen verblüffenden Einfluss auf das Denken: Andere können uns durch Wörter subtil manipulieren, und unsere Muttersprache beeinflusst sogar, wie wir die Welt sehen. von  und Claudia Wüstenhagen

Barack Obama hat eine Schwäche, die ihn die Wiederwahl kosten könnte: Er hält sich an Zahlen und Fakten – und spricht auch noch darüber. »Aber das funktioniert nicht«, sagt George Lakoff. Er würde Obama und den Demokraten in den USA gern helfen. Denn »die Republikaner sind viel besser darin, ihre Ideen rüberzubringen«, beklagt Lakoff. Ihr Erfolgsgeheimnis: »Sie nutzen sehr geschickt Metaphern.« Lakoff ist Linguist und Experte für Metaphern, für Sprachbilder. Er ist überzeugt: »Metaphern können Wahlen entscheiden.«

Beispiel Gesundheitsreform: In seinem ersten Wahlkampf habe Obama großen Erfolg damit gehabt, die Krankenversicherung für alle damit zu rechtfertigen, dass es zur Moral der USA gehöre, sich umeinander zu kümmern: der Staat als fürsorgliche Familie – eine Metapher. »Aber sobald er ins Amt kam, hat er damit aufgehört«, sagt Lakoff. Die Republikaner dagegen verlegten sich einfach auf die Macht der Metaphern. Die Komitees, die entscheiden sollten, wer welche Behandlung bekommt, nannten sie zum Beispiel »Todes-Kommissionen«. Die Zustimmung zur Reform sank rapide.

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Das Beispiel zeigt, welche Macht Worte haben können. Sie entfalten ihre Wirkung aber nicht nur in Wahlkämpfen, sondern beeinflussen tagtäglich, wie wir denken und handeln, was wir wahrnehmen und woran wir uns erinnern. Darin sind sich Sprachforscher einig. Doch zugleich tobt unter ihnen seit Jahrzehnten ein erbitterter Streit.

Die einen sind überzeugt, dass unsere Sprache unser Denken bestimmt – und dass Menschen deshalb sogar in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich denken. Die anderen dagegen glauben, dass das Denken von der Sprache weitgehend unabhängig ist – und dass allen Menschen ohnehin dieselben Grundregeln der Sprache angeboren sind. Die Diskussion ist weit über die Grenzen der Linguistik hinaus von Bedeutung. Denn sie rührt an grundlegende Fragen nach dem Wesen des Menschen und seiner Wahrnehmung.

ZEIT Wissen 6/2012
ZEIT Wissen 6/2012

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Mittlerweile suchen auch Psychologen und Hirnforscher nach Antworten. Sie finden immer mehr Hinweise darauf, dass Worte unser Denken und Handeln prägen, und dass wir uns tatsächlich schon mit unserer Muttersprache bestimmte Denkmuster aneignen, die unser Leben auf überraschende Weise beeinflussen.

Es gibt die offensichtliche Wirkung der Worte: Wer einen Roman aufschlägt, eine Liebeserklärung bekommt oder in einen heftigen Streit gerät, der spürt, wie Sprache berührt. Worte können trösten oder tief verletzen, manche hängen einem tage- oder gar jahrelang nach. Auch unsere eigenen Worte wirken auf uns. Wenn wir etwa ein Tabuwort aussprechen, kann das bei uns selbst körperlich messbare Stresssymptome hervorrufen.

Wie die Sprache uns manipuliert

Stress durch Fluchen
Das Aussprechen von Tabuwörtern löst körperliche Stresssymptome aus. Euphemismen, die das Gleiche bedeuten, haben diese Wirkung nicht. Forscher vermuten dahinter eine frühe emotionale Konditionierung: Kinder lernen, noch ehe sie die Bedeutung der bösen Wörter begreifen, dass die Eltern wütend werden, wenn sie fallen.

Die Magie des Etiketts
Produktnamen können das Geschmackserlebnis beeinflussen. Ein Experiment an der Hochschule Harz ergab: Heißt ein Tee Tropical Feeling, schmeckt er nach Auskunft von Testpersonen exotischer, fruchtiger und erfrischender, als wenn der Name Vor dem Kamin auf dem Etikett steht. Dabei war die Teesorte im Test immer dieselbe.

Worte für die Sinne
Romane können sich wie eine zweite Realität anfühlen. Kein Wunder: Lesen wir Wörter wie »Parfüm« oder »Kaffee«, wird im Gehirn auch jenes Areal aktiviert, das Gerüche verarbeitet. Werden in einem Text Bewegungen beschrieben, aktiviert das den Motorkortex. Man kann sich dadurch sogar selbst manipulieren: Wenn Menschen »greifen« sagen, während sie nach etwas greifen, werden ihre Bewegungen flüssiger.

Vorsicht Vorurteil
Wenn Menschen mit ausländischem Akzent sprechen, halten andere ihre Aussagen für weniger glaubwürdig. Das ergab eine Studie von Psychologen. Die Vorurteile sind hartnäckig: Selbst nachdem die Versuchsleiter die Probanden auf die Verzerrung aufmerksam gemacht hatten, hielten diese die Sprecher mit starkem Akzent immer noch für unglaubwürdig.

Fremdsprache lohnt sich

Das Geschlecht der Dinge
Sind Brücken schön und elegant oder stark und gewaltig? Das hängt davon ab, welche Sprache man spricht. Deutsche Probanden schrieben in einer Studie Brücken eher weibliche Eigenschaften zu, Spanier hingegen eher männliche. Die Forscher glauben, das liege daran, dass Brücken im Spanischen, anders als im Deutschen, männlich sind. Ähnliche Assoziationsunterschiede gab es auch bei Äpfeln, Stühlen, Schlüsseln und Gabeln.

Worte gegen die Angst
Wer seine Gefühle in Worte fasst, kommt besser über Ängste hinweg. Das zeigt eine Studie mit Spinnenphobikern. Während die Patienten mit einer Spinne konfrontiert wurden, sollten manche ihre negativen Gefühle aussprechen, andere nicht. Diejenigen, die ihre Angst in Worte fassten, hatten bei einer späteren Exposition weniger Stresssymptome und trauten sich näher an die Spinne heran.

Achtung bei Namenswahl
Der Name beeinflusst das Image. Schüler namens Kevin oder Mandy etwa werden einer Umfrage zufolge von Lehrern von vornherein für tendenziell leistungsschwächer gehalten als Kinder namens Alexander oder Sophie. Auch Nachnamen bergen ein Risiko: Komplizierte Namen lassen Menschen einer Studie zufolge eher unsympathisch erscheinen. Wir mögen lieber Informationen, die das Gehirn leicht verarbeiten kann.

Fremdsprache lohnt sich
Finanzielle Entscheidungen trifft man besser in einer fremden Sprache. Eine Studie zeigt, dass Menschen dann rationaler entscheiden. Ihre in der Regel übersteigerte Verlustangst sinkt, sie lassen sich seltener attraktive Chancen entgehen. Eine Fremdsprache distanziere vom intuitiven Denken, da sie nicht so einen emotionalen Nachklang habe wie die Muttersprache, so die These.

Oft jedoch bekommen wir den Einfluss der Worte gar nicht mit. Deshalb kann man uns so gut manipulieren, mit Marketing zum Beispiel. Studien ergaben, dass allein die Beschreibung von Lebensmitteln das Geschmackserlebnis beeinflussen kann: Gebäck schmeckt besser, wenn es laut Speisekarte nach einem »Rezept der Großmutter« gebacken oder »traditionell« erzeugt wurde. Ein exotischer Name verleiht Getränken ein frischeres Aroma, ergaben Tests. Unsere Wahrnehmung ist also alles andere als objektiv, sie lässt sich von Begriffen leiten.

Leserkommentare
    • Nibbla
    • 30. November 2012 17:50 Uhr

    immer so gestört.

    Suggestiv, beleidigend.

    Zum Glück wirds langsam besser, ab und an hört man Ballerspiele. :-)

  1. Aus meiner Sicht mehr und Unterhaltsameres, besonders wenn man bereit ist, sich in der Welt der angegebenen Links zu verirren, findet sich hier:
    http://en.wikipedia.org/w...

    Und hier ist auch die ZEIT verlinkt:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Als bekennendes Mitglied des Klubs Für Deutliche Aussprache halte ich beide Seiten für ebenso informativ wie amüsant und erschreckend gleichermaßen.

  2. ist dieser Artikel, der einen guten Überblick gibt. Eine Korrektur sei erlaubt. Am Anfang heißt es: "Die anderen dagegen glauben, dass das Denken von der Sprache weitgehend unabhängig ist".
    Ich glaube nicht, dass unter Linguisten, Psychologen und Philosophen eine größere Gruppe die Unabhängigkeitsthese vertritt. Strittig ist wohl nur Anteil des Nicht-Sprachlichen Symbolischen und Methaphorischen.

    2 Leserempfehlungen
  3. Dass die Muttersprache einen großen Einfluss über das rein sprachliche hinaus haben muss, ist jedem klar, der sich die Liste der Fußballweltmeister betrachtet:
    Romanische Sprachen eignen sich besonders für den Fußball (15 von 19 Weltmeistermannschaften kommen aus Ländern mit vorwiegend romanischer Sprache), jedenfalls für den Männerfußball, beim Frauenfußball siehts wieder anders aus.

    Andererseits scheinen die germanischen Sprechan sich besonders dazu zu eignen, Länder zu entwickeln (jedenfalls die eigenen). Dazu braucht man sich nur die Liste der Länder mit dem Index für menschliche Entwicklung, HDI, anzusehen.

    ;-))))

  4. Dieses Zitat von Karl Marx ist mir beim Lesen spontan eingefallen.

    Es gibt auch einen umgekehrten Ansatz:

    Die Sprache hat sich evolutionär entwickelt aus dem Bedürfnis der Menschen, erfolgreich zu überleben. Wenn Völker wie die Aborigines sich in ihrer Sprache nach den Himmelsrichtungen orientieren, ist diese Fähigkeit wohl für ihr Überleben immens wichtig gewesen.

    Ich erinnere mich auch an „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ wonach Grönländer 20 verschiedene Worte für Schnee haben.

    Dass die Macht der Worte und ihre Darstellung beeinflussend sind, kann jeder Rhetoriklehrer bestätigen. Denken wir an die verheerende Wirkung von Hitlers Reden. Ein weiteres anschauliches Beispiel ist, wie in Gottesdiensten und Predigten Sprache verwendet wird.

    „Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit“ „Eine feste Burg ist unser Gott“ Solche kräftigen Worte werden noch verstärkt, wenn sie mit Musik untermalt und gesungen werden.

    Dass manche Worte nur in gewissen Sprachen ihre Kraft entfalten, zeigt sich auch in gewissen Mantras. Spontan fällt mir das „Kyrie eleison …„ ein.

    Wie Worte wirken können, war auch den Predigern der Kreuzzüge bekannt und den Anführern von Kriegszügen, die vor der Schlacht eine „zündende“ Ansprache hielten.

    Auch der Gesetzgeber ist sich der Wirkung von Worten bewusst. So war ursprünglich im BGB von "nichtehelichen Kindern" die Rede. Später wurde der Begriff in "uneheliche Kinder" geändert und jetzt in "Kind und seine nicht miteinander verheirateten Eltern".

  5. > Russen etwa unterteilen Blautöne in sinij (dunkel) und goluboj (hell).

    Das ist wohl nicht so exotisch wie es wohl vielen scheinen mag: die Farbe zwischen Rot und Gelb hat auch im Deutschen zwei Namen: Orange (hell) und Braun (dunkel).

    Eine Leserempfehlung
    • Morein
    • 01. Dezember 2012 0:21 Uhr

    „Die US-Regierung lässt sich das Sprachprojekt um die hundert Millionen Dollar kosten. Sie will damit Terroristen auf die Spur kommen.„

    Die wesentlichste Information auf Seite 4, ist aber auch nicht so wichtig. Wer alles wohl nach den Terroristen kommt?

    Bald auch SIE !

    Ein Hoch auf unsere „Wissenschaftler“ ! :(

    Eine Leserempfehlung
  6. ...hat Obama seine Wiederwahl mittlerweile aber trotz seiner Faktenbezogenheit gewonnen!

    Ich nehme an, der Artikel lag als Lückenfüller eine Weile auf der Festplatte (metaphorisch: in der Schublade, aber heute liegen sie dort nicht mehr). Spricht das eventuell dann doch dafür, dass der schöne Schein einer Sprache doch durchschaut werden kann, wenn der Leser/Hörer sich nur genug anstrengt?

    Doch dieses Zitat bekommt meine volle Zustimmung:
    "Wer eine neue Sprache lernt, erwirbt also zu einem gewissen Grad auch eine neue Denkweise und einen neuen Blick auf die Welt, (...)"
    Doch damit ist sicher kein VHS Sprachkurs gemeint und auch kein Schulunterricht. Damit ist gemeint: Lernen der Sprache im Land, in der Lebenssituation. Ich habe das zweimal gemacht, es ist hart, aber unglaublich bereichernd. Plötzlich schafft man auch eine Außensicht auf die eigene Heimat, die einen oft schmunzeln oder den Kopf schütteln lässt. Und man versteht wieso in Südeuropa über weisse Socken zu Herrensandalen so gelacht wird....

    Danke für den Artikel - mich interessiert, wie es funktioniert, dass ich in einer Konversation heutzutage zwischen 4 Sprachen hin und herschalten kann.

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