Worte können als Heuristiken dienen, mit deren Hilfe wir Informationen schnell einordnen können. Ihre Kraft liegt in den Assoziationen, die sie wecken. Das gilt vor allem für Metaphern. Sie übertragen eine konkrete Erfahrung auf ein abstraktes Konzept. Da muss eine Idee verdaut, eine Theorie untermauert, ein Argument geschärft werden. Metaphern stehen an der Schnittstelle zwischen Wahrnehmen und Handeln auf der einen und Denken auf der anderen Seite. Und sie sind damit weit mehr als rhetorische Figuren und poetischer Zuckerguss, als die sie uns im Deutschunterricht begegnet sind.

Der Linguist George Lakoff ist überzeugt: "Metaphern können töten." Mit diesem Satz begann er im März 2003 einen Artikel über den bevorstehenden Krieg gegen den Irak . Er meinte den Ausdruck "Krieg gegen den Terror", den die Regierung Bush nach dem 11. September 2001 geprägt hatte. Schon Stunden nach den Anschlägen seien die Weichen gestellt worden. Zunächst sprach die Regierung von "Opfern", wenige Stunden später von "Verlusten".

"Ein Sprachmoment von höchster politischer Relevanz", meint Lakoff. Denn mit diesem Wortwechsel habe sich auch die Deutung der Anschläge verändert: vom Verbrechen hin zu einer Kriegshandlung. Das habe zur Metapher "Krieg gegen den Terror" geführt – und letztlich zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak mit Zehntausenden Toten.

Lakoffs manchmal kühne Thesen sind unter Sprachforschern umstritten. Doch dass Metaphern die öffentliche Meinung beeinflussen können, bestreiten auch gemäßigte Linguisten nicht. "Politiker spielen damit", sagt etwa Hans-Jörg Schmid von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Interessant sei zum Beispiel der "Euro-Rettungsschirm" , eine recht neue Wortschöpfung. "Das weckt die Assoziation, dass man einen Staat schützt, der unverschuldet in ein Unwetter geraten ist." Ganz anders der englische Begriff bail out , der so viel wie "heraushauen", aber auch "auf Kaution aus dem Gefängnis holen" bedeutet. Er legt nahe, dass der von der Pleite bedrohte Staat selbst an seiner misslichen Lage schuld, womöglich gar kriminell sei.

Wie groß der Einfluss von Metaphern tatsächlich ist, haben Wissenschaftler in Experimenten nachgewiesen. Die Psychologin Lera Boroditsky von der Stanford University etwa legte Probanden zwei Versionen eines Textes vor, der das Kriminalitätsproblem in der fiktiven Stadt Addison beschrieb. Sie unterschieden sich nur im ersten Satz. Einmal wurde die Kriminalität darin als "wildes Tier" bezeichnet, einmal als "Virus". Die Versuchspersonen sollten Vorschläge machen, wie die Verbrechen in Addison reduziert werden könnten.

Das Ergebnis war eindeutig : Die Teilnehmer, denen Kriminalität als wildes Tier präsentiert worden war, plädierten eher dafür, die Verbrecher hartnäckig zu jagen, sie ins Gefängnis zu stecken und strengere Gesetze zu erlassen. Diejenigen, denen Kriminalität als Virus vorgestellt worden war, schlugen dagegen meist vor, die Ursachen zu erforschen, Armut zu bekämpfen und die Bildung zu verbessern. Ein einziges Wort hatte den Ausschlag gegeben! Das Unheimlichste daran: Beide Gruppen gaben denselben Grund für ihre Entscheidung an, die Kriminalitätsstatistik im Text. Die Zahlen waren aber dieselben.

Offensichtlich wirken Metaphern im Verborgenen; wir bemerken nicht einmal, wie groß ihre Macht ist. "Das verstärkt ihre Kraft noch", sagt Lera Boroditsky. "Metaphern strukturieren und beeinflussen, welche Informationen wir bei einer Entscheidung einbeziehen." Sie könnten im Gedächtnis ein ganzes Netz an Assoziationen aktivieren, das Gedanken beeinflusst. Die Metapher in ihrem Experiment zum Beispiel rufe in Erinnerung, wie sich Viren oder wilde Tiere verhalten. "Und diesem Konzept werden dann alle anderen Informationen untergeordnet." Natürlich fallen dabei auch Informationen unter den Tisch, über die man dann nicht mehr nachdenkt, weil sie nicht ins Konzept passen. Das birgt die Gefahr, dass wir wichtige Fakten übersehen und andere überbewerten. "Metaphors hide and highlight", sagt Lakoff. "Metaphern verbergen und heben hervor."

Jüngere Untersuchungen von Hirnforschern zeigen, dass Sprachbilder auch jene Areale im Gehirn aktivieren, die mit der wörtlichen Bedeutung der Begriffe verknüpft sind. Lange hatten die Vertreter der beiden Schulen darüber gestritten. "Ich fand, wir sollten mal das Hirn dazu befragen", sagt der Neurowissenschaftler Friedemann Pulvermüller von der Freien Universität Berlin. Während eines Forschungsaufenthaltes in England setzte er Probanden unter ein Gerät, das die magnetische Aktivität des Gehirns misst, und präsentierte ihnen sowohl wörtlich gemeinte als auch metaphorische Sätze, die jeweils mit Arm- oder Beinbewegungen zu tun hatten: "John picks her fruit/her brain" (John erntet ihre Früchte/horcht sie aus), "Pablo kicked the ball/the bucket" (Pablo schoss den Ball/biss ins Gras).

Das Ergebnis: Bei den Sätzen mit übertragener Bedeutung war nicht nur der präfrontale Kortex aktiv, der für komplexe Bedeutungsverarbeitung zuständig ist, sondern auch der Motorkortex, und zwar jeweils die Bereiche, die für Arme oder Beine zuständig sind. "Im Hirn schwingt also tatsächlich die wörtliche Bedeutung mit", sagt Pulvermüller. Als der Neurowissenschaftler seine Studie vorstellte, saß im Publikum auch George Lakoff. Pulvermüller erinnert sich noch gut an dessen Reaktion: "Der wär fast vom Stuhl gehüpft."

Der Neurowissenschaftler Vilayanur Ramachandran glaubt sogar, dass Metaphern durch physiologische Veränderungen im Hirn entstanden sein könnten, nämlich dadurch, dass Regionen, die nah beieinander liegen, sich untereinander vernetzt haben. Zum Beispiel die Bereiche, die für Sehen und Hören zuständig sind: Für die "hellen Stimmen" und die "schreienden Farben" wäre danach die Synästhesie verantwortlich, also die Koppelung mehrerer Bereiche der Wahrnehmung. Tatsächlich deuten weitere Befunde in diese Richtung: Derselbe Bereich im Gehirn ist zum Beispiel sowohl für die Regulation der Körpertemperatur (physikalische Wärme) als auch für die Verarbeitung zwischenmenschlicher Erfahrungen (psychologische Wärme) zuständig.

Lakoff ist überzeugt: "Wir reden nicht nur in Metaphern, wir denken in Metaphern." Seine Grundannahme besteht darin, dass Metaphern aus direkten, körperlichen Erfahrungen entstanden sind. Zum Beispiel ist Zuneigung Wärme und umgekehrt: Da ist jemand warmherzig, ein anderer zeigt eher die kalte Schulter. Man kann sich für jemanden erwärmen, und Beziehungen können auch erkalten. "Wenn wir als Kinder von unseren Eltern im Arm gehalten werden, dann spüren wir Wärme. Und gleichzeitig spüren wir Zuneigung. So lernen wir die Verbindung zwischen beiden", erklärt Lakoff.

Das könnte eine anschauliche Erklärung dafür sein, wie Kinder lernen, über abstrakte Konzepte nachzudenken. Es könnte auch erklären, wie Schüler und Erwachsene komplizierte Sachverhalte erfassen. Tatsächlich zeigt die Lernforschung, dass Metaphern und Analogien es leichter machen, sich neues Wissen anzueignen. Glaubt man Lakoff, sind Analogien wie "Ein Atom ist aufgebaut wie ein Sonnensystem" oder "Ein Antikörper funktioniert wie ein Schlüssel für ein Schloss" nicht bloß pädagogische Hilfsmittel, sondern der Grundmechanismus, mit dem wir schwer zugängliche Konzepte überhaupt erst verstehen – Analogien und Metaphern als unser wichtigstes Denkwerkzeug.