Als am 13. Juli 2011 um 22.34 Uhr in den Straßen von Hannover die Ampeln ausfielen und in den Wohnzimmern die Fernseher verstummten, hatten drei Bewohner der Seniorenresidenz Vahrenwald ein ernstes Problem. Sie lagen in ihren Betten und wurden künstlich beatmet. Die Geräte brauchen Strom, und der war nun weg.

Heimleiter Peter Voss fuhr zurück zur Seniorenresidenz, wo ein Mitarbeiter schon auf die Feuerwehr wartete. Die elektrische Eingangstür war blockiert, Akku defekt, Voss führte die Feuerwehrmänner durch den Hintereingang. Sie eilten in die Zimmer und inspizierten die Beatmungsgeräte: Wann mussten sie ihre Notstromdiesel anwerfen? In einer Stunde, so lange würden die Akkus wohl noch reichen.

650.000 Hannoveraner waren in diesem Moment ohne Strom. In acht Alten- und Pflegeheimen rückte die Feuerwehr an. In neun Fahrstühlen steckten Menschen fest. Beim Reifenhersteller Conti verklebte Kautschukmasse die Maschinen.

Die Seniorenresidenz Vahrenwald hatte wieder Strom, bevor die Feuerwehr Notstrom liefern musste, und nach eineinhalb Stunden war der Spuk in ganz Hannover vorbei. Der Schreck blieb. »Der Strom war bis dahin nie ausgefallen, das hatte zu einer gewissen Nachlässigkeit geführt«, sagt Voss heute. In den Wochen nach dem Blackout ließ er alle Akkus austauschen, vor Kurzem kaufte er einen Dieselgenerator.

Eine deutsche Großstadt ohne Strom, das ist ungefähr so selten wie der Rücktritt eines Bundespräsidenten. Aber genau das könnte sich ändern. Acht Atomkraftwerke wurden hierzulande nach dem Super-GAU von Fukushima stillgelegt, der Bau neuer Stromleitungen verzögert sich. Die Energiewende geht nicht schnell genug voran, das ist das Problem.

Im vergangenen Winter war das Stromnetz mehrmals am Limit. Größere Blackouts konnten die Netzbetreiber verhindern. Aber das heißt nicht, dass auch im kommenden Winter alles gut gehen wird. In diesem Jahr sind kaum neue Leitungen angeschlossen worden, außerdem wurden mehr alte Kraftwerke stillgelegt als neue in Betrieb genommen. In Süddeutschland fehlen laut Bundesnetzagentur etwa 500 Megawatt im Vergleich zum vergangenen Winter, der Strombedarf einer Großstadt.

Der Blackout von Hannover hatte mit der Energiewende zwar nichts zu tun: Ursache war eine Notabschaltung des Kohlekraftwerks Hannover-Stöcken wegen eines überhitzten Kessels. Der Fall zeigt aber, welche Folgen schon ein kurzer Stromausfall haben kann.

Ein landesweiter, mehrtägiger Blackout wäre die Hölle. In den Krankenhäusern reichen die Dieselvorräte für die Notstromgeneratoren ein bis zwei Tage. In den Supermärkten würden die Lebensmittel verderben, Alarmanlagen und Heizungen würden ausfallen, Züge stillstehen, für die Toilettenspülung fehlte das Wasser. »Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern«, heißt es in einem Gutachten des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Gesetzliche Regelungen zur Notstromversorgung in Justizvollzugsanstalten seien beispielsweise »nicht erkennbar«. Und weiter wie im Hollywood-Drehbuch: »Unruhe und Aggressivität unter den Gefangenen steigen; das Personal steht unter kontinuierlich wachsendem Stress.«

Ein tagelanger Stromausfall ist zwar unwahrscheinlich. Doch aus der Angst lässt sich Profit schlagen. Ist der Blackout am Ende nur Bluff? Wie ernst ist die Lage wirklich?

Volker Weinreich ist so etwas wie die Spinne im Stromnetz: Er ist der Chef der Leitwarte von Tennet, einem von vier Netzbetreibern, die das Höchstspannungsnetz unter sich aufgeteilt haben. Er und seine Mannschaft steuern einen Korridor von der dänischen bis zur österreichischen Grenze, lassen Kraftwerke hoch- oder runterfahren, schalten auch mal Windparks ab. Wenn jemand das Risiko eines Blackouts einschätzen kann, dann er.