Biohacker : Das Spiel mit den Bakterien

Daheim in der Garage oder in Gemeinschaftslaboren experimentieren Biohacker mit der Gentechnik. Auch das FBI interessiert sich für sie.

Ein Mittwochabend im April. Es ist 23.12 Uhr, Rüdiger Trojok schreibt noch am Konzept seiner Diplomarbeit, als plötzlich eine ungewöhnliche E-Mail eingeht. Absender: das FBI. Es ist keine Spam, kein Online-Scherz – sondern eine Einladung nach Kalifornien. »Ich war schockiert«, sagt der Freiburger Biologiestudent. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er das Interesse der amerikanischen Bundespolizei wecken könnte. Allerdings hat der 26-Jährige kein gewöhnliches Hobby. In seiner kleinen Dachkammerwohnung betreibt Trojok ein improvisiertes Heimlabor, in dem er mit Genen experimentiert.

Trojok ist Teil einer wachsenden Community von Do-it-yourself-Biologen in aller Welt, auch »Biohacker« genannt. Die Analogie zu Computerhackern ist kein Zufall. Die Heimgentechniker sind nicht nur von purem Forscherdrang getrieben. Sie wollen die machtvolle Gentechnik und ihre neue Spielart der synthetischen Biologie nicht der Industrie überlassen. Ähnlich wie bei der freien Software schwebt ihnen eine Biotechnik für alle vor – gemeinschaftlich entwickelt, demokratisch kontrolliert.

Längst ist es kein Privileg professionell ausgestatteter Universitätslabore mehr, Gentests durchzuführen oder Bakterien-Erbgut zu verändern. Die seit den achtziger Jahren immer weiterentwickelten Verfahren sind inzwischen sehr einfach zu handhaben. Maschinen für das Vermehren der Erbsubstanz DNA werden bei eBay angeboten; Enzyme und Chemikalien gibt es ebenfalls im Internet. Ein passables Genlabor ist bereits für ein paar Tausend Euro zu haben. Das machen sich die Biohacker zunutze. In Kellern, Garagen und Dutzenden von Gemeinschaftslabors sind weltweit mehrere Hundert von ihnen dabei, DNA-Codes zu hacken. Im Internet finden die oft biologisch vorgebildeten Amateure Rezepte, um Bakterien im Dunkeln fluoreszieren zu lassen, einfach so, zum Spaß. Oder sie – ernsthafter – so aufzupeppen, dass sie Wirkstoffe gegen Krankheiten produzieren.

Könnten Biohacker beim Herumspielen mit DNA – absichtlich oder zufällig – auch neue, gefährliche Mikroben züchten? Diese Frage macht das FBI nervös. Deshalb organisierte die US-Bundespolizei die Konferenz im kalifornischen Walnut Creek, zu der sie auch Rüdiger Trojok aus Freiburg einlud. Sie wollte mit der Community ins Gespräch kommen und Sicherheitsfragen diskutieren.

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Die langen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, stoppeliger Bart, Brille, ein Faible für Fantasy, Science-Fiction und Rollenspiele sowie Reisen in entlegene Regionen Amazoniens – Rüdiger Trojok erfüllt die typischen Klischees eines Biologen. Doch anders als vielen seiner Studienkollegen genügt es ihm nicht, nur nachzukauen, was ihm Professoren an der Uni erzählen. Und so machte er 2009 zum ersten Mal bei iGEM mit – dem Wettbewerb International Genetically Engineered Machines, bei dem Studententeams aus aller Welt einen Sommer lang mit gentechnischen Werkzeugen experimentieren. Die iGEM-Initiatoren Tom Knight und Randy Rettberg, ehemalige Computerspezialisten vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Vordenker der synthetischen Biologie, wollen Gentechnik so vereinfachen, dass selbst Erstsemesterstudenten damit umgehen können. »Zum ersten Mal konnte ich als Student eigenständig arbeiten«, schwärmt Trojok. »Im Internet habe ich dann die Website DIYbio.org gefunden und gesehen, dass es schon auf der ganzen Welt Do-it-yourself-Biologen gibt.«

Manche von ihnen testen ihre eigenen Gene auf Mutationen. Andere verändern das Erbgut von Joghurtbakterien, damit sie Schadstoffe aufspüren. Oder nehmen mithilfe von Luftballons Gasproben aus der Stratosphäre, um dort Bakterien nachzuweisen. Wenn die das können, kann ich das auch, dachte Trojok und suchte sich ein Labor zusammen: »Zum Teil habe ich mir die Geräte auf eBay gekauft, zum Teil abgestaubt, was die Uni wegwerfen wollte.«

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Kommentare

9 Kommentare Kommentieren

Garagenromantik und Realität

Schön, dass in einem Artikel über diese Thematik berichtet wird, allerdings verleitet das Lesen des Artikels ein bisschen dazu, die Möglichkeiten und die Effektivität der ganzen "Szene" etwas zu überhöhen.

Molekularbiologie, zumindest dann wenn es über die üblichen Heimversuche hinausgeht, ist teuer. So richtig teuer. Außerdem ist die Infrastruktur sehr komplex, das alles privat betreiben zu wollen ist schon etwas wahnwitzig. In jedem Durchschnitts-Unilabor steckt eine Menge an Mitteln und Logistik dahinter, die auch für zusammengeschlossene Gruppen Privatmenschen nicht zu stemmen ist.

Die Idee, dass man auch abseits von den etablierten Laboren Versuche durchführen und spannende Dinge sehen kann, eventuell sogar Dinge, die so noch niemand zuvor gesehen hat (das was man landläufig als Forschung bezeichnet), ist sicher richtig. Dass man allerdings wirklich an der Speerspitze der Forschung sein könnte, ist eine unglaublich romantisierte Vorstellung. Es gibt viele Tausende Menschen in Deutschland und noch viele mehr auf der ganzen Welt, die ein vollausgestattetes Labor hinter sich haben und ohne persönliche finanzielle Hürden loslegen können.

Bei den engagierten "Bio-Hackern" sind sicher auch Leute dabei, die in Kreativität und Fähigkeiten echte Überflieger sind. Diese Leute gibt es aber auch in den etablierten Labors und daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eben dort und nicht in der Garage etwas wirklich substantielles entdeckt wird, um viele Größenordnungen höher.

Das auf jeden Fall

Jede Art von Publicity (solange sie nicht allzu unsachlich negativ ausfällt - fiktive Schlagzeile "Mutmaßliche Bioterroristen züchten Killervirus in der Garage! Strengere Gesetze nötig!") ist erstmal gut, das hilft definitv Vorurteile abzubauen. Deswegen begrüße ich auch den Artikel und jeden, der sich sachlich und fundiert (egal ob im professionellen Labor, in der DIY-Garage, oder theoretisch zuhause) mit der Thematik beschäftigt und davon ein bisschen was nach außen trägt.

Teuer?

Ja und nein. Klar, um einen Pipettensatz und Gelkammenrn kommt man nicht herum, sowie einen Basisvorrat an Chemikalien, einen Kühl- und Gefrierschrank, einen Thermocycler, ein paar Enzyme und ne Tischzentrifuge.
Viel mehr bekommt man als Student im ersten Praktikum in dem Bereich auch nicht in die Finger, sogar ein einfaches Photometer ist noch für den Hobbyisten mittlerweile drin.
Teuer wird es eigentlich erst so richtig, wenn man anfängt, das Ergebnis der molekularbiologischen Arbeit biochemisch zu untersuchen (dann kommt die FPLC, HPLC Ultrazentrifuge etc. und es wird echt teuer :-) ).
Davon abgesehen verstehe ich aber nicht ganz, warum man so etwas in der Garage tun will, die meisten Leute in der Szene dürften auch etwas ähnliches studieren und daher eh Zugriff auf ein echtes Labor haben. Es reicht normalerweise, eine nette Mail an eine AG seiner Wahl zu schicken und klarzumachen, wann man mit seinem Projekt anfangen kann.

Die Geräte sind nichtmal das teuerste

Manche Geräte kann man tatsächlich improvisieren. Man kann sich durchaus einfache Zentrifugen aus Bohrmaschinen zusammenbauen, und irgendwann las ich in einem anderen Artikel zur Biohacker-Szene, dass es inzwischen Thermocycler-Selbstbau-Kits für unter 1000€ gibt.

Allerdings geht es erstmal gar nicht so sehr um die Geräte (die dann wenn man in den Bereich FPLC, UZ usw geht dann sowieso unbezahlbar sind), sondern allein schon um die Gebrauchskosten bei einfachsten molekularbiologischen Tätigkeiten. OK, Restriktionsenzyme sind inzwischen nicht mehr so teuer aber allein die einfachsten Grundchemikalien kosten schon ein Heidengeld. Für ein einfaches DNA-Gel ist immer ein mindestens zweistelliger Eurobetrag notwendig, allein für die enthaltene Agarose und die Färbung, usw. Wer schonmal kloniert hat, weiß, dass man da Gele am laufenden Band raushauen muss. Allein damit ist die Privatperson überfordert wenn sie nicht gerade am Tag hunderte Euro nur für ihr "Hobby" aufwenden kann...

Was außerdem im Artikel angesprochen wurde, solange man nicht mit allereinfachsten Proben hantiert ist sowieso S1 vorgeschrieben, und wie ein Privatmann ohne größeren Aufwand an einen S1 Bereich rankommt, ist mir schleierhaft... da wären dann vielleicht die gemeinschaftlich genutzten größeren "Hobbylabore" schon eher ein gangbarer Weg.

Ich habe jetzt mal die

Sicherheitsvorschriften vornehm außen vor gelassen, was aber für meine privaten Hefeexperimente mit Material von Lidl auf der Heizung damals im Grundstudium auch in Ordnung war. Habe grade nochmal bei Sigma nachgeschaut: Die Agarose ist ja tatsächlich sauteuer, 200 € für 100 g und Tris 150 € /kilo.
Gut, dass ich hauptsächlich mit Acrylamid arbeite, das kostet nur rund 2 €, wenn man das (Mini)-Gel selber gießt.
Allerdings: Wenn man schon aus einer Bohrmaschine eine Zentrifuge baut (gut austarieren nachher :-) ), dann sollte es auch der LB Agar tun, das bisserl DNAse stört in der Hexenküche dann auch nicht mehr...

"warum Gentechnik so cool ist"

Eine sehr interessante Entwicklung: Privatleute entdecken Molekularbiologie und Gentechnik als Hobby, betreiben es in ihren Garagen und Kellern.
Die parallele zu Computerhackern wird ja im Artikel schon gezogen. Soweit ich das beurteilen kann, haben diese im Bereich der Informatik sicher auch zu einigen Entwicklungen geführt. Nicht auszuschließen, dass die Biohacker mal ähnliches vollbringen.
Dass sie mit ihrem Hobby die Vorbehalte gegen Gentechnik zerstreuen helfen, scheint ja schon zu klappen. Wenn hier auf ZO sonst nur kleine Artikel zu Thema erscheinen, geht immer eine große Debatte zum Für und vor allem zum Wider dieser Technologie los.
Das ist heute nicht so. Weiter so!