BiohackerDas Spiel mit den Bakterien

Daheim in der Garage oder in Gemeinschaftslaboren experimentieren Biohacker mit der Gentechnik. Auch das FBI interessiert sich für sie. von Sascha Karberg

Ein Mittwochabend im April. Es ist 23.12 Uhr, Rüdiger Trojok schreibt noch am Konzept seiner Diplomarbeit, als plötzlich eine ungewöhnliche E-Mail eingeht. Absender: das FBI. Es ist keine Spam, kein Online-Scherz – sondern eine Einladung nach Kalifornien. »Ich war schockiert«, sagt der Freiburger Biologiestudent. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er das Interesse der amerikanischen Bundespolizei wecken könnte. Allerdings hat der 26-Jährige kein gewöhnliches Hobby. In seiner kleinen Dachkammerwohnung betreibt Trojok ein improvisiertes Heimlabor, in dem er mit Genen experimentiert.

Trojok ist Teil einer wachsenden Community von Do-it-yourself-Biologen in aller Welt, auch »Biohacker« genannt. Die Analogie zu Computerhackern ist kein Zufall. Die Heimgentechniker sind nicht nur von purem Forscherdrang getrieben. Sie wollen die machtvolle Gentechnik und ihre neue Spielart der synthetischen Biologie nicht der Industrie überlassen. Ähnlich wie bei der freien Software schwebt ihnen eine Biotechnik für alle vor – gemeinschaftlich entwickelt, demokratisch kontrolliert.

Anzeige

Längst ist es kein Privileg professionell ausgestatteter Universitätslabore mehr, Gentests durchzuführen oder Bakterien-Erbgut zu verändern. Die seit den achtziger Jahren immer weiterentwickelten Verfahren sind inzwischen sehr einfach zu handhaben. Maschinen für das Vermehren der Erbsubstanz DNA werden bei eBay angeboten; Enzyme und Chemikalien gibt es ebenfalls im Internet. Ein passables Genlabor ist bereits für ein paar Tausend Euro zu haben. Das machen sich die Biohacker zunutze. In Kellern, Garagen und Dutzenden von Gemeinschaftslabors sind weltweit mehrere Hundert von ihnen dabei, DNA-Codes zu hacken. Im Internet finden die oft biologisch vorgebildeten Amateure Rezepte, um Bakterien im Dunkeln fluoreszieren zu lassen, einfach so, zum Spaß. Oder sie – ernsthafter – so aufzupeppen, dass sie Wirkstoffe gegen Krankheiten produzieren.

Könnten Biohacker beim Herumspielen mit DNA – absichtlich oder zufällig – auch neue, gefährliche Mikroben züchten? Diese Frage macht das FBI nervös. Deshalb organisierte die US-Bundespolizei die Konferenz im kalifornischen Walnut Creek, zu der sie auch Rüdiger Trojok aus Freiburg einlud. Sie wollte mit der Community ins Gespräch kommen und Sicherheitsfragen diskutieren.

ZEIT Wissen 6/2012
ZEIT Wissen 6/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Die langen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, stoppeliger Bart, Brille, ein Faible für Fantasy, Science-Fiction und Rollenspiele sowie Reisen in entlegene Regionen Amazoniens – Rüdiger Trojok erfüllt die typischen Klischees eines Biologen. Doch anders als vielen seiner Studienkollegen genügt es ihm nicht, nur nachzukauen, was ihm Professoren an der Uni erzählen. Und so machte er 2009 zum ersten Mal bei iGEM mit – dem Wettbewerb International Genetically Engineered Machines, bei dem Studententeams aus aller Welt einen Sommer lang mit gentechnischen Werkzeugen experimentieren. Die iGEM-Initiatoren Tom Knight und Randy Rettberg, ehemalige Computerspezialisten vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Vordenker der synthetischen Biologie, wollen Gentechnik so vereinfachen, dass selbst Erstsemesterstudenten damit umgehen können. »Zum ersten Mal konnte ich als Student eigenständig arbeiten«, schwärmt Trojok. »Im Internet habe ich dann die Website DIYbio.org gefunden und gesehen, dass es schon auf der ganzen Welt Do-it-yourself-Biologen gibt.«

Geschichte der Synthetischen Biologie
1953

James Watson und Francis Crick klären die DNA- Struktur auf: Sie gleicht einer verdrillten Strickleiter.

1968

Hamilton Smith entdeckt, dass ein Restriktionsenzym die DNA auftrennt, bevor ein Gen ausgelesen wird.

1973

Stanley Cohen und Herbert Boyer fügen DNA in ein Bakteriengenom ein – der Beginn der Gentechnik.

1974

Der polnische Genetiker Wacław Szybalski prägt den Ausdruck »Synthetische Biologie«.

1975

Frederick Sanger sequenziert erstmals einen DNA- Abschnitt als eine Folge von genetischen Buchstaben.

1983

Kary Mullis erfindet die Polymerase-Kettenreaktion. Mit ihr lassen sich DNA-Sequenzen vervielfältigen.

1995

Robert Fleischmann ermittelt die erste komplette Gensequenz eines Lebewesens, eines Bakteriums.

2000

US-Forscher synthetisieren erstmals ein komplettes Genom, das des Hepatitis-C-Erregers.

2002

Eckard Wimmer synthetisiert das Genom eines künstlichen, in der Natur nicht vorhandenen Virus.

2003

Tom Knight, Drew Endy und Christopher Voigt starten das Register biologischer Standardteile.

2004

Am Massachusetts Institute of Technology findet die internationale Konferenz Synthetic Biology 1.0 statt.

2006

Das J. Craig Venter Institute veröffentlicht ein »Minimalgenom« aus 381 lebensnotwendigen Genen.

2007

Die Venter-Forscher transplantieren erstmals ein artfremdes Genom in ein Bakterium, das weiterlebt.

2011

Japanische Forscher verpflanzen ein Genom in künstliche Zellkörper, die sich daraufhin teilen.

Manche von ihnen testen ihre eigenen Gene auf Mutationen. Andere verändern das Erbgut von Joghurtbakterien, damit sie Schadstoffe aufspüren. Oder nehmen mithilfe von Luftballons Gasproben aus der Stratosphäre, um dort Bakterien nachzuweisen. Wenn die das können, kann ich das auch, dachte Trojok und suchte sich ein Labor zusammen: »Zum Teil habe ich mir die Geräte auf eBay gekauft, zum Teil abgestaubt, was die Uni wegwerfen wollte.«

Ein paar Monate später und um 1.500 Euro ärmer legte Trojok im Frühjahr 2011 mit den ersten Experimenten los. Allerdings nicht mit gentechnischen Veränderungen von Bakterien oder lebenden Organismen. Denn die sind in Deutschland – anders als in den USA – außerhalb von Sicherheitslabors verboten. Erlaubt ist aber zum Beispiel, aus dem eigenen Speichel ein wenig eigene DNA herauszuholen und davon im Heimlabor einen genetischen Fingerabdruck zu nehmen. Harmlose Versuche also, die kein Sicherheitslabor erfordern. Trojok machte sich dennoch Gedanken, wie Nachbarn oder Vermieter auf seine Experimente reagieren könnten. Gemeinsam mit der Berliner Biohackerin Lisa Thalheim entwarf er Leitlinien für eine sichere und verantwortungsbewusste DIY-Biologie: Biohacker-Labors sollen sich gegenseitig inspizieren, ein web of trust aufbauen und sich auf öffentlich vorzeigbare, verpflichtende Sicherheitsstandards einschwören. Das Regelwerk diskutierte er per E-Mail mit der weltweit vernetzten Biohacker-Community – und erregte so das Aufsehen des FBI.

Drei Wochen lang trug Trojok die Einladung des FBI mit sich herum. »Es war mir irgendwie suspekt, dass die mich auf einer Liste haben.« Er tauschte sich mit anderen Biohackern in Europa aus, fragte seine Uni-Professoren um Rat. Doch denen ist so etwas noch nie passiert. »Im Grunde habe ich mich dann aus purer Neugier entschieden hinzufliegen«, sagt Trojok. Außerdem lege er ja in seinem code of conduct großen Wert darauf, die Bedenken der Öffentlichkeit ernst zu nehmen. Und ist nicht das FBI irgendwie auch ein Teil der Gesellschaft?

Genetische Firewall
"Escherichia Coli"-Bakterien im Elektronenmikroskop

Klicken Sie auf das Bild, um zu lesen, wie Forscher mit synthetischer DNA dem Kampf gegen Viren aufnehmen.  |  © Wikicommons

Mitte Juni steht Trojok in dem fensterlosen Tagungszentrum eines Hotels von Walnut Creek, acht Stationen mit der Regionalbahn von San Francisco nach Nordosten. Draußen herrscht kalifornische Hitze, drinnen klimatisierte Kälte. Begrüßung durch eine freundliche FBI-Agentin, »FBI Menue« zum Mittagessen, abends ins plüschige, FBI-finanzierte – womöglich auch observierte – Hotelzimmer. Trojok freut sich zwar, seine Biohacking-Kollegen zu sehen. Doch das Gefühl, beobachtet zu werden, lässt sich nicht abschütteln.

Am nächsten Tag begrüßt Nathan Head, Leiter der Biological Countermeasures Unit des FBI, die Biohacker – ein kahlköpfiger, freundlicher Beamter mit Schlips und Anzug, der gar nicht zum Bild eines Agenten passt. Der promovierte Mikrobiologe scheint den Enthusiasmus der forschungsaffinen Biohacker nachvollziehen zu können. Es klingt nicht nach einer Spionagestrategie, wenn er erklärt, dass er den DIYbio Outreach Workshop organisiert habe, um »mehr über Biohacking zu lernen und zwischen den white hats und black hats unterscheiden zu können« – zwischen den harmlosen und den terroristisch motivierten Bastlern. Das FBI müsse auf technologische Trends wie das Biohacking eingestellt sein – und auch auf die Reaktion der Öffentlichkeit auf diesen Trend, ergänzt FBI-Agent Sean Donahue, der für »Massenvernichtungswaffen« zuständig ist. Wenn sich Politiker oder Bürger, von den Medien aufgeschreckt, über »unregulierte Amateurbiologen« sorgten, dann könne das FBI nun sagen: »Wir reden mit der Amateurgemeinde. Sie stellt keine Gefahr dar.«

Im Fall Steve Kurtz hatte das FBI noch ganz anders reagiert. Der Professor der Universität Buffalo hatte sich in seinen Kunstaktionen jahrelang mit Gentechnik auseinandergesetzt. Dann starb 2003 plötzlich seine Frau, routinemäßig inspizierte die örtliche Polizei sein Haus, fand diverse Petrischalen mit Bakterien und alarmierte das FBI. Wegen Verdachts auf »Bioterrorismus« wurde Kurtz festgenommen, sein Haus von Beamten in Schutzanzügen durchsucht. Nach fünf Jahren Verhandlung wurde Kurtz schließlich freigesprochen: Die Bakterienkulturen waren harmlos gewesen.

Inzwischen, nach rund drei Jahren Austausch mit der Biohacking-Bewegung, haben die Agenten gelernt, was die DIY-Biologen tun – und dass sie es mit Vorsicht tun. Mit der Einladung zur Konferenz hofft FBI-Mann Head, international Werbung für eine Kooperation von Biohacker-Gruppen mit den jeweiligen Behörden zu machen. Jetzt sei die »Gelegenheit da, diese Gruppen für Sicherheitsfragen zu sensibilisieren«. Nein, um Kontrolle gehe es dabei nicht, versichert Head. Aber man sei natürlich daran interessiert, die nationale Sicherheit zu schützen und schwarze Schafe rechtzeitig auszumachen, um so einen Anschlag zu verhindern. Dabei hofft er auf die Hilfe der Community.

Gut drei Dutzend Biohacker sind gekommen, meist junge Leute. Darunter Biologen, aber auch Programmierer, Elektrotechniker und Künstler. Ein bunter Haufen, den das Desinteresse an modischer Kleidung und die Lust am Forschen und Tüfteln vereint. Jeans und T-Shirts mit Uni-Emblem herrschen vor. In kurzen PowerPoint-Präsentationen präsentieren sie in dem Hotel in Walnut Creek ihre Arbeit. Eine Gruppe aus Los Angeles versucht etwa, spezielle Bakterien zu züchten, die Luftstickstoff schon bei 20 bis 30 Grad Celsius binden sollen statt wie bisher bei hohen Temperaturen. Vielleicht gelingt damit ein wichtiger Beitrag hin zu weniger Stickstoffdüngereinsatz in der Landwirtschaft.

Doch nicht alle Technologien sind geeignet für das Heimlabor. Deshalb schließen sich Biohacker zunehmend in Gemeinschaftslaboren zusammen – in Paris, London und Prag wie in Chicago, New York und Baltimore, ja selbst in Jakarta und Singapur. Amsterdams Biohacker haben ihr Labor in jenem Gebäude eingerichtet, wo 1632 die wohl ersten öffentlichen Sektionen an Leichen in Europa vorgenommen wurden – verewigt in dem berühmten Rembrandt-Bild Die Anatomiestunde des Dr. Nicolaes Tulp. Das MadLab im britischen Manchester hat in einer der Textilfabriken Unterschlupf gefunden, in denen die industrielle Revolution begann und Friedrich Engels sein Manifest schrieb. MadLab fungiert hier als Kulturstätte, in der auch Langzeitarbeitslose beim Experimentieren Beschäftigung, Ablenkung und Bildung finden.

Nach FBI-Agent Head geht seine junge Kollegin Kate Carley ans Mikrofon. Und skizziert den Biohackern Worst-Case-Szenarien. Man stelle sich zum Beispiel Deb vor, die mit gefährlichen Bakterien arbeiten will, die Bedenken anderer Biohacker in den Wind schlägt – und extreme politische Reden schwingt. Dann wird sie entdeckt, wie sie noch spätnachts allein im Gemeinschaftslabor experimentiert. »Würdet ihr den Vorfall melden?«, fragt die Agentin.

Das FBI verfolgt bei den Biohackern die gleiche Strategie, die New Yorker zur Vorbeugung von Anschlägen in der U-Bahn kennen: If you see something, say something – wer etwas sieht, soll es melden. Konkret heißt das, dass die Hobby-Gentechniker den freundlichen FBI-Kontaktmann schon dann anrufen »dürfen«, wenn Deb nur durch radikale Ansichten auffällt. Die europäischen Biohacker werfen sich irritierte Blicke zu, ein heftiges Tuscheln beginnt. Die Stimmung, eben noch vom Enthusiasmus einer Graswurzelbewegung getragen, kippt. Bürger als Informanten? Das seien Stasimethoden, zischelt Trojok.

Ob denn schon einmal ein verdächtiger Biohacker gemeldet worden sei, wird Nathan Head in der anschließenden Diskussion gefragt. »Nein«, räumt der FBI-Mann ein, bislang nicht. Aber sollte irgendwann jemand mit einem Krankheitserreger wie Anthrax, Ebola oder Tularämie arbeiten wollen, sei »der Punkt erreicht, an dem man uns anrufen sollte«, erklärt Heads Kollege Donahue den versammelten Biohackern eindringlich. Sicherheitshalber verteilen die Beamten noch ein paar Infokärtchen. Aufgemacht wie ein Skatspiel, zeigen sie Bilder und Informationen zu Anthrax- und Pestbakterien sowie Pocken- und Ebolaviren. Einige Biohacker sind belustigt, andere eher verwirrt. Denn für den Umgang mit derart gefährlichen Erregern sind Amateurlabors gar nicht ausgerüstet.

Am Abend nach der Tagung ziehen die europäischen Biohacker in eine der Bars von Walnut Creek und sind sich bei Bier und kalifornischem Wein schnell einig: Das Modell des FBI passt nicht nach Europa. Es gebe keinen Grund, mit Interpol, BND oder Polizeibehörden zusammenzuarbeiten, sagt Trojok: »Biohacking ist eine zivile Angelegenheit und keine Sache für Geheimdienste.« Solange die Hacker die Sicherheitsregeln einhielten, sei das Forschen »ohne Einmischung der Polizei« möglich.

In den sehr komplexen deutschen Sicherheitsrichtlinien, die auf Firmen und Universitäten zugeschnitten sind, sieht Trojok allerdings ein Problem. Weil die für gentechnische Arbeiten nötigen Werkzeuge und Zutaten inzwischen so günstig zu haben sind, könnte manch einer versucht sein, die Sicherheitsauflagen zu Hause zu umgehen. Er schlägt deshalb öffentliche, nach allen Sicherheitsstandards ausgestattete und zugelassene Gemeinschaftslabors vor, in denen die Biohacker basteln können. So ließen sich auch Unfälle kontrollieren, wie sie immer passieren könnten. Das erste solche Labor eröffnete die Non-Profit-Organisation Genspace 2010 in New York. Deren Präsidentin Ellen Jorgensen sagt: »Wir bieten so viele coole Ressourcen an, dass die Leute lieber hier als allein zu Hause arbeiten.«

Trojok ist inzwischen nach Kopenhagen umgezogen, wo er seine Diplomarbeit beendet und sich BiologiGaragen angeschlossen hat. Der Biohacker-Space hat mit dem Medizinmuseum der Universität Kopenhagen eine Ausstellung über Do-it-yourself-Biologie entwickelt. Dafür baute Trojok ein Gen-Gewehr, mit dem man fremde DNA in Zellen schießen kann. Ob das Gerät unbedingt wie eine Waffe aussehen muss, darüber kann man streiten. Trojok war das Augenzwinkern wichtig, mit dem Biohacker ihren Spaß an Gentechnik vermitteln.

Doch eigentlich nimmt die Community ihre Sache sehr ernst. »Wir haben schon darüber nachgedacht, den Chaos Biologie Club zu gründen«, sagt Trojok – in Anlehnung an den Chaos Computer Club, in dem Computerhacker Regierungen und Konzernen auf die Finger schauen. Biohacker seien das Pendant in der Biotechnik, so Trojok. Nicht nur Experten oder Firmen sollten bestimmen, was man von Gentechnik zu halten habe. »Die Leute müssen selbst erfahren, wie es geht«, betont Trojok. Denn erst dann könne man die realen Risiken verstehen – »und auch, warum Gentechnik so cool ist«.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • porph
    • 21. November 2012 11:38 Uhr

    Schön, dass in einem Artikel über diese Thematik berichtet wird, allerdings verleitet das Lesen des Artikels ein bisschen dazu, die Möglichkeiten und die Effektivität der ganzen "Szene" etwas zu überhöhen.

    Molekularbiologie, zumindest dann wenn es über die üblichen Heimversuche hinausgeht, ist teuer. So richtig teuer. Außerdem ist die Infrastruktur sehr komplex, das alles privat betreiben zu wollen ist schon etwas wahnwitzig. In jedem Durchschnitts-Unilabor steckt eine Menge an Mitteln und Logistik dahinter, die auch für zusammengeschlossene Gruppen Privatmenschen nicht zu stemmen ist.

    Die Idee, dass man auch abseits von den etablierten Laboren Versuche durchführen und spannende Dinge sehen kann, eventuell sogar Dinge, die so noch niemand zuvor gesehen hat (das was man landläufig als Forschung bezeichnet), ist sicher richtig. Dass man allerdings wirklich an der Speerspitze der Forschung sein könnte, ist eine unglaublich romantisierte Vorstellung. Es gibt viele Tausende Menschen in Deutschland und noch viele mehr auf der ganzen Welt, die ein vollausgestattetes Labor hinter sich haben und ohne persönliche finanzielle Hürden loslegen können.

    Bei den engagierten "Bio-Hackern" sind sicher auch Leute dabei, die in Kreativität und Fähigkeiten echte Überflieger sind. Diese Leute gibt es aber auch in den etablierten Labors und daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eben dort und nicht in der Garage etwas wirklich substantielles entdeckt wird, um viele Größenordnungen höher.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Szene hilft Vorurteile auszuräumen. Etwas was "anfassbar" und nicht in großen Laboren versteckt ist fördert mehr Akzeptanz. Da gerne auch aus Prinzip auf die Gentechnik geschimpft wird ist so etwas doch positiv zu sehen.

  1. Die Szene hilft Vorurteile auszuräumen. Etwas was "anfassbar" und nicht in großen Laboren versteckt ist fördert mehr Akzeptanz. Da gerne auch aus Prinzip auf die Gentechnik geschimpft wird ist so etwas doch positiv zu sehen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • porph
    • 21. November 2012 12:53 Uhr

    Jede Art von Publicity (solange sie nicht allzu unsachlich negativ ausfällt - fiktive Schlagzeile "Mutmaßliche Bioterroristen züchten Killervirus in der Garage! Strengere Gesetze nötig!") ist erstmal gut, das hilft definitv Vorurteile abzubauen. Deswegen begrüße ich auch den Artikel und jeden, der sich sachlich und fundiert (egal ob im professionellen Labor, in der DIY-Garage, oder theoretisch zuhause) mit der Thematik beschäftigt und davon ein bisschen was nach außen trägt.

  2. wie gross ist denn die Chance, einen echten "Killervirus" quasi zu Hause aufzuziehen bzw. zu entwickeln. ( So etwas wie ein 6er im Lotto, nur halt im negativen Sinn ? )

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Allerdings benötigt für einen Killerkeim niemand ein Labor.
    Daran züchten jetzt schon munter ein paar hundert Millionen Menschen indem sie mit Antibiotika und Hygienemitteln mit Anti-Bakterien-Zutaten nicht vernünftig umgehen.
    So wird jeder Alltagskeim, der mal ganz harmlos war zu einem Multi-Resistenten Killer.

  3. 4. Teuer?

    Ja und nein. Klar, um einen Pipettensatz und Gelkammenrn kommt man nicht herum, sowie einen Basisvorrat an Chemikalien, einen Kühl- und Gefrierschrank, einen Thermocycler, ein paar Enzyme und ne Tischzentrifuge.
    Viel mehr bekommt man als Student im ersten Praktikum in dem Bereich auch nicht in die Finger, sogar ein einfaches Photometer ist noch für den Hobbyisten mittlerweile drin.
    Teuer wird es eigentlich erst so richtig, wenn man anfängt, das Ergebnis der molekularbiologischen Arbeit biochemisch zu untersuchen (dann kommt die FPLC, HPLC Ultrazentrifuge etc. und es wird echt teuer :-) ).
    Davon abgesehen verstehe ich aber nicht ganz, warum man so etwas in der Garage tun will, die meisten Leute in der Szene dürften auch etwas ähnliches studieren und daher eh Zugriff auf ein echtes Labor haben. Es reicht normalerweise, eine nette Mail an eine AG seiner Wahl zu schicken und klarzumachen, wann man mit seinem Projekt anfangen kann.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • porph
    • 21. November 2012 14:02 Uhr

    Manche Geräte kann man tatsächlich improvisieren. Man kann sich durchaus einfache Zentrifugen aus Bohrmaschinen zusammenbauen, und irgendwann las ich in einem anderen Artikel zur Biohacker-Szene, dass es inzwischen Thermocycler-Selbstbau-Kits für unter 1000€ gibt.

    Allerdings geht es erstmal gar nicht so sehr um die Geräte (die dann wenn man in den Bereich FPLC, UZ usw geht dann sowieso unbezahlbar sind), sondern allein schon um die Gebrauchskosten bei einfachsten molekularbiologischen Tätigkeiten. OK, Restriktionsenzyme sind inzwischen nicht mehr so teuer aber allein die einfachsten Grundchemikalien kosten schon ein Heidengeld. Für ein einfaches DNA-Gel ist immer ein mindestens zweistelliger Eurobetrag notwendig, allein für die enthaltene Agarose und die Färbung, usw. Wer schonmal kloniert hat, weiß, dass man da Gele am laufenden Band raushauen muss. Allein damit ist die Privatperson überfordert wenn sie nicht gerade am Tag hunderte Euro nur für ihr "Hobby" aufwenden kann...

    Was außerdem im Artikel angesprochen wurde, solange man nicht mit allereinfachsten Proben hantiert ist sowieso S1 vorgeschrieben, und wie ein Privatmann ohne größeren Aufwand an einen S1 Bereich rankommt, ist mir schleierhaft... da wären dann vielleicht die gemeinschaftlich genutzten größeren "Hobbylabore" schon eher ein gangbarer Weg.

    • porph
    • 21. November 2012 12:53 Uhr

    Jede Art von Publicity (solange sie nicht allzu unsachlich negativ ausfällt - fiktive Schlagzeile "Mutmaßliche Bioterroristen züchten Killervirus in der Garage! Strengere Gesetze nötig!") ist erstmal gut, das hilft definitv Vorurteile abzubauen. Deswegen begrüße ich auch den Artikel und jeden, der sich sachlich und fundiert (egal ob im professionellen Labor, in der DIY-Garage, oder theoretisch zuhause) mit der Thematik beschäftigt und davon ein bisschen was nach außen trägt.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Stimmt schon, aber..."
    • porph
    • 21. November 2012 14:02 Uhr

    Manche Geräte kann man tatsächlich improvisieren. Man kann sich durchaus einfache Zentrifugen aus Bohrmaschinen zusammenbauen, und irgendwann las ich in einem anderen Artikel zur Biohacker-Szene, dass es inzwischen Thermocycler-Selbstbau-Kits für unter 1000€ gibt.

    Allerdings geht es erstmal gar nicht so sehr um die Geräte (die dann wenn man in den Bereich FPLC, UZ usw geht dann sowieso unbezahlbar sind), sondern allein schon um die Gebrauchskosten bei einfachsten molekularbiologischen Tätigkeiten. OK, Restriktionsenzyme sind inzwischen nicht mehr so teuer aber allein die einfachsten Grundchemikalien kosten schon ein Heidengeld. Für ein einfaches DNA-Gel ist immer ein mindestens zweistelliger Eurobetrag notwendig, allein für die enthaltene Agarose und die Färbung, usw. Wer schonmal kloniert hat, weiß, dass man da Gele am laufenden Band raushauen muss. Allein damit ist die Privatperson überfordert wenn sie nicht gerade am Tag hunderte Euro nur für ihr "Hobby" aufwenden kann...

    Was außerdem im Artikel angesprochen wurde, solange man nicht mit allereinfachsten Proben hantiert ist sowieso S1 vorgeschrieben, und wie ein Privatmann ohne größeren Aufwand an einen S1 Bereich rankommt, ist mir schleierhaft... da wären dann vielleicht die gemeinschaftlich genutzten größeren "Hobbylabore" schon eher ein gangbarer Weg.

    Antwort auf "Teuer?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sicherheitsvorschriften vornehm außen vor gelassen, was aber für meine privaten Hefeexperimente mit Material von Lidl auf der Heizung damals im Grundstudium auch in Ordnung war. Habe grade nochmal bei Sigma nachgeschaut: Die Agarose ist ja tatsächlich sauteuer, 200 € für 100 g und Tris 150 € /kilo.
    Gut, dass ich hauptsächlich mit Acrylamid arbeite, das kostet nur rund 2 €, wenn man das (Mini)-Gel selber gießt.
    Allerdings: Wenn man schon aus einer Bohrmaschine eine Zentrifuge baut (gut austarieren nachher :-) ), dann sollte es auch der LB Agar tun, das bisserl DNAse stört in der Hexenküche dann auch nicht mehr...

  4. Allerdings benötigt für einen Killerkeim niemand ein Labor.
    Daran züchten jetzt schon munter ein paar hundert Millionen Menschen indem sie mit Antibiotika und Hygienemitteln mit Anti-Bakterien-Zutaten nicht vernünftig umgehen.
    So wird jeder Alltagskeim, der mal ganz harmlos war zu einem Multi-Resistenten Killer.

    5 Leserempfehlungen
  5. Sicherheitsvorschriften vornehm außen vor gelassen, was aber für meine privaten Hefeexperimente mit Material von Lidl auf der Heizung damals im Grundstudium auch in Ordnung war. Habe grade nochmal bei Sigma nachgeschaut: Die Agarose ist ja tatsächlich sauteuer, 200 € für 100 g und Tris 150 € /kilo.
    Gut, dass ich hauptsächlich mit Acrylamid arbeite, das kostet nur rund 2 €, wenn man das (Mini)-Gel selber gießt.
    Allerdings: Wenn man schon aus einer Bohrmaschine eine Zentrifuge baut (gut austarieren nachher :-) ), dann sollte es auch der LB Agar tun, das bisserl DNAse stört in der Hexenküche dann auch nicht mehr...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service