BiohackerDas Spiel mit den Bakterien
Seite 3/3:

Öffentliche Gemeinschaftslabors

Ob denn schon einmal ein verdächtiger Biohacker gemeldet worden sei, wird Nathan Head in der anschließenden Diskussion gefragt. »Nein«, räumt der FBI-Mann ein, bislang nicht. Aber sollte irgendwann jemand mit einem Krankheitserreger wie Anthrax, Ebola oder Tularämie arbeiten wollen, sei »der Punkt erreicht, an dem man uns anrufen sollte«, erklärt Heads Kollege Donahue den versammelten Biohackern eindringlich. Sicherheitshalber verteilen die Beamten noch ein paar Infokärtchen. Aufgemacht wie ein Skatspiel, zeigen sie Bilder und Informationen zu Anthrax- und Pestbakterien sowie Pocken- und Ebolaviren. Einige Biohacker sind belustigt, andere eher verwirrt. Denn für den Umgang mit derart gefährlichen Erregern sind Amateurlabors gar nicht ausgerüstet.

Am Abend nach der Tagung ziehen die europäischen Biohacker in eine der Bars von Walnut Creek und sind sich bei Bier und kalifornischem Wein schnell einig: Das Modell des FBI passt nicht nach Europa. Es gebe keinen Grund, mit Interpol, BND oder Polizeibehörden zusammenzuarbeiten, sagt Trojok: »Biohacking ist eine zivile Angelegenheit und keine Sache für Geheimdienste.« Solange die Hacker die Sicherheitsregeln einhielten, sei das Forschen »ohne Einmischung der Polizei« möglich.

Anzeige

In den sehr komplexen deutschen Sicherheitsrichtlinien, die auf Firmen und Universitäten zugeschnitten sind, sieht Trojok allerdings ein Problem. Weil die für gentechnische Arbeiten nötigen Werkzeuge und Zutaten inzwischen so günstig zu haben sind, könnte manch einer versucht sein, die Sicherheitsauflagen zu Hause zu umgehen. Er schlägt deshalb öffentliche, nach allen Sicherheitsstandards ausgestattete und zugelassene Gemeinschaftslabors vor, in denen die Biohacker basteln können. So ließen sich auch Unfälle kontrollieren, wie sie immer passieren könnten. Das erste solche Labor eröffnete die Non-Profit-Organisation Genspace 2010 in New York. Deren Präsidentin Ellen Jorgensen sagt: »Wir bieten so viele coole Ressourcen an, dass die Leute lieber hier als allein zu Hause arbeiten.«

Trojok ist inzwischen nach Kopenhagen umgezogen, wo er seine Diplomarbeit beendet und sich BiologiGaragen angeschlossen hat. Der Biohacker-Space hat mit dem Medizinmuseum der Universität Kopenhagen eine Ausstellung über Do-it-yourself-Biologie entwickelt. Dafür baute Trojok ein Gen-Gewehr, mit dem man fremde DNA in Zellen schießen kann. Ob das Gerät unbedingt wie eine Waffe aussehen muss, darüber kann man streiten. Trojok war das Augenzwinkern wichtig, mit dem Biohacker ihren Spaß an Gentechnik vermitteln.

Doch eigentlich nimmt die Community ihre Sache sehr ernst. »Wir haben schon darüber nachgedacht, den Chaos Biologie Club zu gründen«, sagt Trojok – in Anlehnung an den Chaos Computer Club, in dem Computerhacker Regierungen und Konzernen auf die Finger schauen. Biohacker seien das Pendant in der Biotechnik, so Trojok. Nicht nur Experten oder Firmen sollten bestimmen, was man von Gentechnik zu halten habe. »Die Leute müssen selbst erfahren, wie es geht«, betont Trojok. Denn erst dann könne man die realen Risiken verstehen – »und auch, warum Gentechnik so cool ist«.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • porph
    • 21. November 2012 11:38 Uhr

    Schön, dass in einem Artikel über diese Thematik berichtet wird, allerdings verleitet das Lesen des Artikels ein bisschen dazu, die Möglichkeiten und die Effektivität der ganzen "Szene" etwas zu überhöhen.

    Molekularbiologie, zumindest dann wenn es über die üblichen Heimversuche hinausgeht, ist teuer. So richtig teuer. Außerdem ist die Infrastruktur sehr komplex, das alles privat betreiben zu wollen ist schon etwas wahnwitzig. In jedem Durchschnitts-Unilabor steckt eine Menge an Mitteln und Logistik dahinter, die auch für zusammengeschlossene Gruppen Privatmenschen nicht zu stemmen ist.

    Die Idee, dass man auch abseits von den etablierten Laboren Versuche durchführen und spannende Dinge sehen kann, eventuell sogar Dinge, die so noch niemand zuvor gesehen hat (das was man landläufig als Forschung bezeichnet), ist sicher richtig. Dass man allerdings wirklich an der Speerspitze der Forschung sein könnte, ist eine unglaublich romantisierte Vorstellung. Es gibt viele Tausende Menschen in Deutschland und noch viele mehr auf der ganzen Welt, die ein vollausgestattetes Labor hinter sich haben und ohne persönliche finanzielle Hürden loslegen können.

    Bei den engagierten "Bio-Hackern" sind sicher auch Leute dabei, die in Kreativität und Fähigkeiten echte Überflieger sind. Diese Leute gibt es aber auch in den etablierten Labors und daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eben dort und nicht in der Garage etwas wirklich substantielles entdeckt wird, um viele Größenordnungen höher.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Szene hilft Vorurteile auszuräumen. Etwas was "anfassbar" und nicht in großen Laboren versteckt ist fördert mehr Akzeptanz. Da gerne auch aus Prinzip auf die Gentechnik geschimpft wird ist so etwas doch positiv zu sehen.

  1. Die Szene hilft Vorurteile auszuräumen. Etwas was "anfassbar" und nicht in großen Laboren versteckt ist fördert mehr Akzeptanz. Da gerne auch aus Prinzip auf die Gentechnik geschimpft wird ist so etwas doch positiv zu sehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • porph
    • 21. November 2012 12:53 Uhr

    Jede Art von Publicity (solange sie nicht allzu unsachlich negativ ausfällt - fiktive Schlagzeile "Mutmaßliche Bioterroristen züchten Killervirus in der Garage! Strengere Gesetze nötig!") ist erstmal gut, das hilft definitv Vorurteile abzubauen. Deswegen begrüße ich auch den Artikel und jeden, der sich sachlich und fundiert (egal ob im professionellen Labor, in der DIY-Garage, oder theoretisch zuhause) mit der Thematik beschäftigt und davon ein bisschen was nach außen trägt.

  2. wie gross ist denn die Chance, einen echten "Killervirus" quasi zu Hause aufzuziehen bzw. zu entwickeln. ( So etwas wie ein 6er im Lotto, nur halt im negativen Sinn ? )

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Allerdings benötigt für einen Killerkeim niemand ein Labor.
    Daran züchten jetzt schon munter ein paar hundert Millionen Menschen indem sie mit Antibiotika und Hygienemitteln mit Anti-Bakterien-Zutaten nicht vernünftig umgehen.
    So wird jeder Alltagskeim, der mal ganz harmlos war zu einem Multi-Resistenten Killer.

  3. 4. Teuer?

    Ja und nein. Klar, um einen Pipettensatz und Gelkammenrn kommt man nicht herum, sowie einen Basisvorrat an Chemikalien, einen Kühl- und Gefrierschrank, einen Thermocycler, ein paar Enzyme und ne Tischzentrifuge.
    Viel mehr bekommt man als Student im ersten Praktikum in dem Bereich auch nicht in die Finger, sogar ein einfaches Photometer ist noch für den Hobbyisten mittlerweile drin.
    Teuer wird es eigentlich erst so richtig, wenn man anfängt, das Ergebnis der molekularbiologischen Arbeit biochemisch zu untersuchen (dann kommt die FPLC, HPLC Ultrazentrifuge etc. und es wird echt teuer :-) ).
    Davon abgesehen verstehe ich aber nicht ganz, warum man so etwas in der Garage tun will, die meisten Leute in der Szene dürften auch etwas ähnliches studieren und daher eh Zugriff auf ein echtes Labor haben. Es reicht normalerweise, eine nette Mail an eine AG seiner Wahl zu schicken und klarzumachen, wann man mit seinem Projekt anfangen kann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • porph
    • 21. November 2012 14:02 Uhr

    Manche Geräte kann man tatsächlich improvisieren. Man kann sich durchaus einfache Zentrifugen aus Bohrmaschinen zusammenbauen, und irgendwann las ich in einem anderen Artikel zur Biohacker-Szene, dass es inzwischen Thermocycler-Selbstbau-Kits für unter 1000€ gibt.

    Allerdings geht es erstmal gar nicht so sehr um die Geräte (die dann wenn man in den Bereich FPLC, UZ usw geht dann sowieso unbezahlbar sind), sondern allein schon um die Gebrauchskosten bei einfachsten molekularbiologischen Tätigkeiten. OK, Restriktionsenzyme sind inzwischen nicht mehr so teuer aber allein die einfachsten Grundchemikalien kosten schon ein Heidengeld. Für ein einfaches DNA-Gel ist immer ein mindestens zweistelliger Eurobetrag notwendig, allein für die enthaltene Agarose und die Färbung, usw. Wer schonmal kloniert hat, weiß, dass man da Gele am laufenden Band raushauen muss. Allein damit ist die Privatperson überfordert wenn sie nicht gerade am Tag hunderte Euro nur für ihr "Hobby" aufwenden kann...

    Was außerdem im Artikel angesprochen wurde, solange man nicht mit allereinfachsten Proben hantiert ist sowieso S1 vorgeschrieben, und wie ein Privatmann ohne größeren Aufwand an einen S1 Bereich rankommt, ist mir schleierhaft... da wären dann vielleicht die gemeinschaftlich genutzten größeren "Hobbylabore" schon eher ein gangbarer Weg.

    • porph
    • 21. November 2012 12:53 Uhr

    Jede Art von Publicity (solange sie nicht allzu unsachlich negativ ausfällt - fiktive Schlagzeile "Mutmaßliche Bioterroristen züchten Killervirus in der Garage! Strengere Gesetze nötig!") ist erstmal gut, das hilft definitv Vorurteile abzubauen. Deswegen begrüße ich auch den Artikel und jeden, der sich sachlich und fundiert (egal ob im professionellen Labor, in der DIY-Garage, oder theoretisch zuhause) mit der Thematik beschäftigt und davon ein bisschen was nach außen trägt.

    Antwort auf "Stimmt schon, aber..."
    • porph
    • 21. November 2012 14:02 Uhr

    Manche Geräte kann man tatsächlich improvisieren. Man kann sich durchaus einfache Zentrifugen aus Bohrmaschinen zusammenbauen, und irgendwann las ich in einem anderen Artikel zur Biohacker-Szene, dass es inzwischen Thermocycler-Selbstbau-Kits für unter 1000€ gibt.

    Allerdings geht es erstmal gar nicht so sehr um die Geräte (die dann wenn man in den Bereich FPLC, UZ usw geht dann sowieso unbezahlbar sind), sondern allein schon um die Gebrauchskosten bei einfachsten molekularbiologischen Tätigkeiten. OK, Restriktionsenzyme sind inzwischen nicht mehr so teuer aber allein die einfachsten Grundchemikalien kosten schon ein Heidengeld. Für ein einfaches DNA-Gel ist immer ein mindestens zweistelliger Eurobetrag notwendig, allein für die enthaltene Agarose und die Färbung, usw. Wer schonmal kloniert hat, weiß, dass man da Gele am laufenden Band raushauen muss. Allein damit ist die Privatperson überfordert wenn sie nicht gerade am Tag hunderte Euro nur für ihr "Hobby" aufwenden kann...

    Was außerdem im Artikel angesprochen wurde, solange man nicht mit allereinfachsten Proben hantiert ist sowieso S1 vorgeschrieben, und wie ein Privatmann ohne größeren Aufwand an einen S1 Bereich rankommt, ist mir schleierhaft... da wären dann vielleicht die gemeinschaftlich genutzten größeren "Hobbylabore" schon eher ein gangbarer Weg.

    Antwort auf "Teuer?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sicherheitsvorschriften vornehm außen vor gelassen, was aber für meine privaten Hefeexperimente mit Material von Lidl auf der Heizung damals im Grundstudium auch in Ordnung war. Habe grade nochmal bei Sigma nachgeschaut: Die Agarose ist ja tatsächlich sauteuer, 200 € für 100 g und Tris 150 € /kilo.
    Gut, dass ich hauptsächlich mit Acrylamid arbeite, das kostet nur rund 2 €, wenn man das (Mini)-Gel selber gießt.
    Allerdings: Wenn man schon aus einer Bohrmaschine eine Zentrifuge baut (gut austarieren nachher :-) ), dann sollte es auch der LB Agar tun, das bisserl DNAse stört in der Hexenküche dann auch nicht mehr...

  4. Allerdings benötigt für einen Killerkeim niemand ein Labor.
    Daran züchten jetzt schon munter ein paar hundert Millionen Menschen indem sie mit Antibiotika und Hygienemitteln mit Anti-Bakterien-Zutaten nicht vernünftig umgehen.
    So wird jeder Alltagskeim, der mal ganz harmlos war zu einem Multi-Resistenten Killer.

  5. Sicherheitsvorschriften vornehm außen vor gelassen, was aber für meine privaten Hefeexperimente mit Material von Lidl auf der Heizung damals im Grundstudium auch in Ordnung war. Habe grade nochmal bei Sigma nachgeschaut: Die Agarose ist ja tatsächlich sauteuer, 200 € für 100 g und Tris 150 € /kilo.
    Gut, dass ich hauptsächlich mit Acrylamid arbeite, das kostet nur rund 2 €, wenn man das (Mini)-Gel selber gießt.
    Allerdings: Wenn man schon aus einer Bohrmaschine eine Zentrifuge baut (gut austarieren nachher :-) ), dann sollte es auch der LB Agar tun, das bisserl DNAse stört in der Hexenküche dann auch nicht mehr...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service