Synthetische Biologie"Leben entwickelt sich immer autonom"

Der Arzt und Ethiker Giovanni Maio spricht über die Grenze zwischen dem Lebendigen und der Maschine – und die Verantwortung der Biologen. von 

ZEIT Wissen: Herr Maio, die Synthetische Biologie will neue, maßgeschneiderte Mikroorganismen herstellen, um etwa im großen Stil Kraftstoffe und Chemikalien herzustellen. Diese Idee synthetischer Lebensformen erfüllt manche Menschen mit Unbehagen. Ist das berechtigt?

Giovanni Maio: Ja, durchaus. Wir haben es hier mit einer Vermischung der Konzepte Maschine und Leben zu tun, die problematisch ist. Eine Maschine funktioniert nach den Zielen, die der Produzent vorgibt. Leben entsteht aus sich selbst heraus und erhält sich selbst. Die Vorstellung, dass man nun Leben wie ein Produkt herstellen will, muss verstören.

Anzeige

ZEIT Wissen: Ist das nicht eher ein philosophisches Problem?

Giovanni Maio

ist Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und leitet dort das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin. Er ist Mitglied verschiedener Ethikkommissionen und -beiräte.

Maio: Es ist mehr als das. Wenn die Biologen sagen, wir wollen Leben herstellen und haben das vollkommen im Griff, ist das ein Widerspruch in sich. Denn Leben ist immer autonom. Die Biologen müssten also zugeben, dass sie nicht mit Bestimmtheit sagen können, wie sich eine Lebensform weiterentwickelt und mit der Umwelt interagiert. Man kann diesen Organismus zwar einhegen, aber er wird immer irgendwo Kontakt zur Umwelt haben. Und was sich daraus entwickelt, können wir nicht vorhersagen.

ZEIT Wissen: Wenn die Synthetische Biologie sich damit begnügen würde, Genome nur zu verändern – wäre das dann unproblematisch?

Maio: Auch hier muss man vorsichtig sein. Wenn Organismen umgebaut werden, um für uns Rohstoffe herzustellen, wird Leben aus der Perspektive einer Verwertung betrachtet. Das ist vielleicht unproblematisch, solange es sich um Einzeller oder Pilze handelt. Indem wir aber Leben immer mehr in Verwertungszusammenhängen betrachten, verwischen wir die Grenze zwischen dem Lebendigen und der Maschine. Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige.

ZEIT Wissen 6/2012
ZEIT Wissen 6/2012

ZEIT Wissen: Die Verfechter der Synthetischen Biologie sagen, dass sie nichts anderes machen als Tier- und Planzenzüchter seit Jahrtausenden – nur viel präziser, weil sie direkt auf der Ebene der Gene eingreifen.

Maio: Vom Anspruch her verfolgt die Synthetische Biologie etwas Neues: Wir schaffen Leben – das ist der Mythos vom Golem. Diese mythische Vorstellung soll nun naturwissenschaftliche Praxis werden. Noch in den siebziger Jahren hätte niemand gesagt, er mache Gentechnik, um neues Leben zu erschaffen.

ZEIT Wissen: Sie haben hinsichtlich der Synthetischen Biologie einmal die These aufgestellt, es sei »nicht weise, die Evolution hinter sich lassen zu wollen«. Was meinen Sie damit?

Maio: Wenn man sagt: »Milliarden Jahre Evolution interessieren uns nicht mehr, wir wollen neu starten, wir können das besser«, dann verbirgt sich dahinter eine Hybris. Was bedeutet denn »besser«? Der Naturwissenschaftler kann Phänomene nur beschreiben, wie sie sind. Was besser und wertvoller ist, darüber können sich Kultur, Philosophie oder Theologie verständigen.

Geschichte der Synthetischen Biologie
1953

James Watson und Francis Crick klären die DNA- Struktur auf: Sie gleicht einer verdrillten Strickleiter.

1968

Hamilton Smith entdeckt, dass ein Restriktionsenzym die DNA auftrennt, bevor ein Gen ausgelesen wird.

1973

Stanley Cohen und Herbert Boyer fügen DNA in ein Bakteriengenom ein – der Beginn der Gentechnik.

1974

Der polnische Genetiker Wacław Szybalski prägt den Ausdruck »Synthetische Biologie«.

1975

Frederick Sanger sequenziert erstmals einen DNA- Abschnitt als eine Folge von genetischen Buchstaben.

1983

Kary Mullis erfindet die Polymerase-Kettenreaktion. Mit ihr lassen sich DNA-Sequenzen vervielfältigen.

1995

Robert Fleischmann ermittelt die erste komplette Gensequenz eines Lebewesens, eines Bakteriums.

2000

US-Forscher synthetisieren erstmals ein komplettes Genom, das des Hepatitis-C-Erregers.

2002

Eckard Wimmer synthetisiert das Genom eines künstlichen, in der Natur nicht vorhandenen Virus.

2003

Tom Knight, Drew Endy und Christopher Voigt starten das Register biologischer Standardteile.

2004

Am Massachusetts Institute of Technology findet die internationale Konferenz Synthetic Biology 1.0 statt.

2006

Das J. Craig Venter Institute veröffentlicht ein »Minimalgenom« aus 381 lebensnotwendigen Genen.

2007

Die Venter-Forscher transplantieren erstmals ein artfremdes Genom in ein Bakterium, das weiterlebt.

2011

Japanische Forscher verpflanzen ein Genom in künstliche Zellkörper, die sich daraufhin teilen.

ZEIT Wissen: Forschung hat seit je die Eigenart, dass all das praktisch umgesetzt wird, was möglich ist. Ist es eine trügerische Hoffnung, zu glauben, die Synthetische Biologie ließe sich begrenzen, zumal ihre Verfechter in ihr die Lösung des Energieproblems in Aussicht stellen?

Genetische Firewall
"Escherichia Coli"-Bakterien im Elektronenmikroskop

Klicken Sie auf das Bild, um zu lesen, wie Forscher mit synthetischer DNA dem Kampf gegen Viren aufnehmen.  |  © Wikicommons

Maio: Ich kritisiere zunächst einmal den Ansatz, zu sagen, wir kennen schon das Produkt, bevor wir überhaupt wissen, wie Leben wirklich funktioniert. Da machen wir den zweiten Schritt vor dem ersten. Hier gibt es eine Parallele zur Genomforschung: Als im Jahr 2000 das menschliche Genom sequenziert worden war, prognostizierte man das Ende aller Krankheiten. Davon ist heute nichts zu sehen. Wir sollten eine qualitativ hochwertige biologische Forschung unterstützen. Aber die soll erst einmal herausfinden, was Leben eigentlich ist, und nicht gleich die Rettung der Welt in Aussicht stellen. Vor allem müssten wir aber dahin steuern, dass schon der Biologe im Labor sich beim Pipettieren über seine gesellschaftliche Verantwortung im Klaren ist. Ethisches Denken darf nicht erst in den Ethikgremien starten. Eine Ethik, die nur von außen etwas eindämmt, wird auf Dauer nicht funktionieren. Ich plädiere dafür, dass die Naturwissenschaft eine neue Scheu entwickeln muss. Eine Scheu davor, einen Schritt zu tun, von dem man nicht weiß, wohin er führt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Havara
    • 29. November 2012 18:57 Uhr

    "Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige."
    Sätze wie diese sind leider nach wie vor traurige Praxis in unserem heutigen Weltbild. Zwar mag ein Lebewesen mehr sein als nur die Summe seiner Teile, aber eine geheimnisvolle Vis Vitalis wurde und wird wahrschienlich auch nie gefunden werden. Der letzte Schluss ist daraus, dass Leben tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine ist. Darin ist keine Wertung inbegriffen, sondern, ganz im Gegenteil, ermöglicht es einem sogar Leben von einem völlig neuen Blickwinkel wertzuschätzen. Außerdem plädiere ich hier ganz allgemein für eine weichere (soll heißen weniger willkürliche) Definition für Leben als bisher, denn die Grenzen zwischen Mensch und Maschine und Lebewesen werden zunehmend verwischen. Würden wir einer Maschine die alle Kriterien erfüllt das Prädikat lebendig verleihen?

    Noch kurz zur Synthetischen Biologie: Eins der Ziele der Synthetischen Biologie ist es durch sog. reverse Engineering den Aufbau von Zellen besser zu verstehen. Verkürzt gilt hier das Motto: Erst wenn wir eine Zelle von Anfang an aus "totem" Material bauen können, haben wir wirklich verstanden wie sie funktioniert.

    Und ja, neue Technologien bergen neue Gefahren, aber bisher haben die Life Sciences nahezu nur positive Dinge für den Menschen geschaffen. Das können die klassischen Ingenieure so nicht von sich sagen.

    MfG

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Der letzte Schluss ist daraus, dass Leben tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine ist."

    Dann müsste es aber irgendwie geartete mathematisch erfassbare Algorithmen (Programme) geben, welche diese Maschinen steuern würden. Egal wie komplex diese Maschinen auch sind. Letztendlich sind reale Maschinen die Summe aus endlich vielen Bauteilen. Ähnliche Gedankenansätze gibt es schon lange in der Informatik, Stichwort "künstliche Intelligenz". Ich bin der Meinung , dass eine letztendlich mechanistische Denkweise diesbezüglich nicht sehr hilfreich ist, bis man grundlegende Naturgesetze wirklich verstanden hat, Stichwort "Quantenphysik", wo jeder Determinismus seinen Sinn verloren hat.

    • wauzi
    • 29. November 2012 21:55 Uhr

    haben sie dafür irgendwelche beispiele?

    "Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige."

    Sätze wie diese sind leider nach wie vor traurige Praxis in unserem heutigen Weltbild. [...] Der letzte Schluss ist daraus, dass Leben tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine ist. Darin ist keine Wertung inbegriffen, sondern, ganz im Gegenteil, ermöglicht es einem sogar Leben von einem völlig neuen Blickwinkel wertzuschätzen.

    Verzeihung, aber Sie bestätigen Herrn Maios sehr vernünftige Gedanken.
    Sie sagen, das Leben ist tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine (was eine Wertung ist), schließen aber eine Wertung aus, konstatieren obendrein jedoch eine neue Wertschätzung, welcher natürlich eine Wertung folgt.
    Und jene Wertung, ent_wertet alles Lebendige.

    Und Ihre Frage:
    "Würden wir einer Maschine die alle Kriterien erfüllt das Prädikat lebendig verleihen?"
    Wir nicht. Folgegenerationen ja.
    Denn Sie müßen dieses Konstrukt aus der Perspektive nachfolgender Generationen betrachten.
    Weil der Mensch auch "Dinge" sozialisiert ist davon auszugehen, dass im Konstrukt der subjektiven Realität eines Kindes von z.B. dritter Generation im Zeitalter einer alle Kriterien erfüllenden Maschine, diese als lebendig angesehen wird.

    Schon heute "sprechen" wir mit unseren Autos, Kuscheltieren, sonstwas...

    Übrigens bin ich ein Bot. Eine servergestützte Kommentarfunktion.
    (Letzter Satz war ein kleiner Scherz ;)
    -
    Zum Artikel:
    Vielen Dank. Ich mag Herrn Maios Gedanken sehr.

    "Der Mensch ist nichts weiter, als eine sehr weit entwickelte Maschine".
    Die katholische Kirche brauchte und braucht ein anderes Bild vom Menschen. Die Menschen sind von Gott gemacht und die Kirchenfürsten sind die Vertreter dieser Gottheit auf Erden. Die Kirche schöpft ihre Macht genau daraus, daß der Mensch keine Maschine ist.

    Jede Zeit hat ihren eigenen Glauben. In die heutige Zeit passt nur - und deshalb muß jeder daran glauben - daß der Mensch eine Maschine ist.

    Setzt man an die Stelle von "Kirche" "die Wirtschaft" (die Wirtschaft ist der Lieferant von Überschuß für das mächtige, regierende Kapital), dann hat man wieder ein Gesamtbild.
    Mensch = Maschine Maschine = Produktionsfaktor
    Mensch = Produktionsfaktor.

    Der Mensch ist ein natürlich vorkommender Rohstoff in fast unbegrenzeter Menge. Diesen Rohstoff muß man, soll man, darf man, veredeln. Man darf Leben züchten. Nicht zum Nutzen der Menschen sondern zm Nutzen der Wirtschaft. Die Tätigkeit von Forschung geht gezielt auf die commerzielle Verwertung der Ergebnisse.
    Beispiel: Medikamente die gegen AIDS helfen, werden nur hergestellt, wenn sie Gewinn erbringen. Afrika hat keine Kaufkraft - also kein Medikament.
    Ist auch ok, denn die Maschine Mensch ist reichlich vorhanden, da kommt es auf den Velust einiger MASCHINEN NICHT AN.

  1. Schönes Interview und Herr Maio ist genau nach meinem Geschmack. Ich denke man sollte wirklich erstmal darüber nachdenken, was man da tut und sollte sich nicht anmassen zu zu glauben man wisse was da alles passiert und allem Drang der Gebräuchlichkeit und der Verwertbarkeit zügellos nachgeben. All das was wir in unserer Natur vorfinden wurde durch unzählige Prozesse geformt über Zeiträume, die wir noch nicht mal wirklich ahnen. Vom Standpunkt der Verwertbarkeit und des Eingriffs in gewisse Dinge haben wir diese Zeiträume natürlich nicht, dennoch wollen wir gewisse Probleme auch gelöst sehen, wir wollen adäquate Medikamente, Resourcen für unserr Leben, aber dabei bleibt es eben nicht. Also sollte man sich besser zweimal überlegen, ob man die Büchse der Pandora öffnet. Es bleibt wirklich spannend, was da alles noch auf uns zukommt....

  2. Aussage:

    "Und ja, neue Technologien bergen neue Gefahren, aber bisher haben die Life Sciences nahezu nur positive Dinge für den Menschen geschaffen. Das können die klassischen Ingenieure so nicht von sich sagen."

    Finde ich erstens zu kurz gedacht und zweitens eher haltlos. Verrät allenfalls Ihre Vorliebe für gewisse Felder aber keineswegs glaube ich, dass biologische Kampstoffe einer Atombombe, oder einem Maschinengewehr vorzuziehen sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Havara
    • 29. November 2012 19:17 Uhr

    Ersteinmal zur ihrer Anmerkung: Ich hatte eigentlich nicht vor ein geheimnis aus meiner positiven Einstellung zu den Life Sciences zu machen, also für Sie hier aber gerne die Bestätigung.

    Ich möchte hier nur nochmal untescheiden zwischen den potentiellen Anwendungen und den bisher erbrachten. In letzteren schneiden die Life Sciences recht gut, ab und potentiell haben sie natürlich eine unheimliche Zerstörungskraft. Allerdings eine, für den Einsetzenden unkontrollierbare und daher recht unpraktikable. Aber das nur am Rande.

    Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden. (und zwar ohne irgendeinen Präzedenzfall. Ob zum Trotz oder aufgrund der Cassandrarufe ist nun sicherlich eine Interpretationsfrage)

    • Havara
    • 29. November 2012 19:17 Uhr

    Ersteinmal zur ihrer Anmerkung: Ich hatte eigentlich nicht vor ein geheimnis aus meiner positiven Einstellung zu den Life Sciences zu machen, also für Sie hier aber gerne die Bestätigung.

    Ich möchte hier nur nochmal untescheiden zwischen den potentiellen Anwendungen und den bisher erbrachten. In letzteren schneiden die Life Sciences recht gut, ab und potentiell haben sie natürlich eine unheimliche Zerstörungskraft. Allerdings eine, für den Einsetzenden unkontrollierbare und daher recht unpraktikable. Aber das nur am Rande.

    Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden. (und zwar ohne irgendeinen Präzedenzfall. Ob zum Trotz oder aufgrund der Cassandrarufe ist nun sicherlich eine Interpretationsfrage)

    Antwort auf "Also Ihre "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    eine Interpretation.

    "Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden. (und zwar ohne irgendeinen Präzedenzfall. Ob zum Trotz oder aufgrund der Cassandrarufe ist nun sicherlich eine Interpretationsfrage)"

    Es ging ja nicht um Diffamierung, sondern um die Klarstellung, warum denn Ihrer Wertuung nach diesen sogenannten Life-Sciences der bessere "Ruf" zu Teil werden sollte.

    Und:
    "Ich möchte hier nur nochmal untescheiden zwischen den potentiellen Anwendungen und den bisher erbrachten. In letzteren schneiden die Life Sciences recht gut"

    Das wäre gut, wenn Sie das nochmal etwas differenzierter darstellen könnten, denn ich bin mir nicht sicher, was Sie hier wirklich meinen....

    "Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden."

    Nun, das ist auch eine Interpretation Ihrerseits, die ich zwar nachvollziehen kann, die aber nicht zwangsläufig unterstellt werden muss. Es ist ja auch klar, das die Dimension der Auswirkung eine völlig andere ist, wenn ich Bakterien, oder überhaupt lebende Organismen versuche zu züchten unter gewissen Bedingungen, oder ihnen ihr Erbgut verändere. Denn die Erwartungen hängen nun ja einmal in dem Maße davon ab, auf welchen Erkenntnissen mein Verständnis beruht.

  3. Ich finde die Haltung, die im Interview herüberkommt, extrem demütig. "Hybris" ist in erster Linie ein theologisches Konzept, das in einem wissenschaftlichen Diskurs nichts zu suchen hat.

    Die Frage, was besser ist, ist ganz einfach zu beantworten: Eine Entität, die die an sie gestellten Anforderungen effektiver erfüllt, als eine andere, vergleichbare Entität ist besser, im Sinne von "geeigneter", was "besser "im Kontext von Evolution bedeutet.

    Und sicher können Biologen mit den richtigen Werkzeugen manche Dinge "besser" als "die Evolution" (so klingt es schon unnötig anthropomorphiziert und daher sehr unsachlich). Weil sie ein Ziel haben, während evolutionäre Prozesse kein Ziel haben.

    Was genau der Unterschied zum Züchten ist, wird hier nicht deutlich, sondern es wird wieder in die theologische Kiste gegriffen, in dem der Golem-Mythos vorgebracht wird. Schöne Geschichte, aber was genau(!) sind die objektiven(!) Unterschiede?

    Und etwas Grundsätzliches: Wenn "die Naturwissenschaft" sich davor scheut, einen Schritt zu tun, von dem sie nicht weiß, wo er endet, dann gibt es keinerlei Forschung und keinerlei Fortschritt mehr.

    Sicher, die Risiken müssen bedacht und soweit wie möglich verhindert werden. Das kann auch bedeuten, dass einzelne Experimente nicht gemacht werden, aber insgesamt ist so eine Aussage einfach traurig, zeigt sich hier doch ein statisches Weltbild, dass darauf bedacht ist, die Welt,in der es sich bequem gemacht hat, mit Gewalt zu genau so erhalten.

    • Xdenker
    • 29. November 2012 19:23 Uhr

    So, wie eine "dreieckige Kugel" Unsinn ist.

    Für das, was er meint, gibt es Begriffe wie Biotechnologie oder Gentechnik.

    Biologie ist die Lehre vom Leben.

    Wer solchen Unfug wie Maio redet, den kann ich nicht ernst nehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Havara
    • 29. November 2012 19:30 Uhr

    Per se kann ich in synthetischer Biologie (also plump "künstlichem Leben") keinen Widerspruch finden. Leben muss nicht "natürlich" sein (k.A was das eig. genau sein soll)

    Die Disziplin existiert durchaus und der Begriff ist ein spitzen Modewort um Forschungsgelder an Land zu ziehen, da das Feld neu, heiß und, im Sinne von Publikationen, erfolgversprechend ist. Nebenbei ist es natürlich eine Unterklasse der Genetik.
    Ich stimme Herrn Maio allerdings nur in wenigen Punkten zu. Kein Wissenschaftler versucht "besseres Leben" zu schaffen, dazu ist jedem Biologen klar genug wie wenig wir selbst noch über Leben wissen. Bisher geht es ja auch noch nicht wirklich über Machbarkeitsstudien hinaus.
    Dass man als Wissenschaftler dennoch sofort behauptet, man wird damit die Welt retten, ist der heutigen Wissenschaftsförderung geschuldet. Wer nicht ordentlich die Trommel rührt geht ein.

    Die synthetische Biologie ist ein Fachgebiet im Grenzbereich von Molekularbiologie, organischer Chemie, Ingenieurwissenschaften, Nanobiotechnologie und Informationstechnik.
    Die neueste Entwicklung der modernen Biologie

    • Havara
    • 29. November 2012 19:30 Uhr

    Per se kann ich in synthetischer Biologie (also plump "künstlichem Leben") keinen Widerspruch finden. Leben muss nicht "natürlich" sein (k.A was das eig. genau sein soll)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Xdenker
    • 29. November 2012 22:36 Uhr

    Also zunächst einmal alles, was ohne menschliches Tun existiert.

    Aber auch, wenn sie vom Menschen beeinflusst wird - von der Makro- bis hin zur Quantenebene - bleibt sie doch Natur.

    Weiter noch: Da der Mensch Teil der Natur ist, würde ich in letzter Konsequenz grundsätzlich auch alles, was der Mensch hervorbringt, als natürlich bezeichnen. Denn auch alle vom Menschen geschaffene Technik ist letztlich das Ergebnis der natürlichen Evolution.

    Nun zum Leben: Es hat m.E. eine verlaufs- und eine gestaltbezogene Dimension. Aus der verlaufsbezogenen Perspektive steht es für natürliche, also in der Natur vorkommende Prozesse wie Proteinsynthese, Photosynthese etc., egal ob diese vom Menschen beeinflusst sind, oder nicht. Aus der gestaltbezogenen Perspektive, also strukturell, steht es für Organismen, also Systeme, deren Existenz auf derartigen Prozessen beruht.

    Leben kann also niemals synthetisch (künstlich) sein, eben weil es Natur ist und das Synthetische das Gegenteil des Natürlichen ist. Wenn man aber akzeptiert, dass auch das Synthetische natürlich ist (s.o.), dann ist "synthetisches Leben" eine logische Tautologie - und in jedem Fall begrifflicher Unsinn.

    Leben muss nicht "natürlich" sein

    Eine klare Entwertung.

  4. eine Interpretation.

    "Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden. (und zwar ohne irgendeinen Präzedenzfall. Ob zum Trotz oder aufgrund der Cassandrarufe ist nun sicherlich eine Interpretationsfrage)"

    Es ging ja nicht um Diffamierung, sondern um die Klarstellung, warum denn Ihrer Wertuung nach diesen sogenannten Life-Sciences der bessere "Ruf" zu Teil werden sollte.

    Und:
    "Ich möchte hier nur nochmal untescheiden zwischen den potentiellen Anwendungen und den bisher erbrachten. In letzteren schneiden die Life Sciences recht gut"

    Das wäre gut, wenn Sie das nochmal etwas differenzierter darstellen könnten, denn ich bin mir nicht sicher, was Sie hier wirklich meinen....

    "Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden."

    Nun, das ist auch eine Interpretation Ihrerseits, die ich zwar nachvollziehen kann, die aber nicht zwangsläufig unterstellt werden muss. Es ist ja auch klar, das die Dimension der Auswirkung eine völlig andere ist, wenn ich Bakterien, oder überhaupt lebende Organismen versuche zu züchten unter gewissen Bedingungen, oder ihnen ihr Erbgut verändere. Denn die Erwartungen hängen nun ja einmal in dem Maße davon ab, auf welchen Erkenntnissen mein Verständnis beruht.

    Antwort auf "Biologische Waffen"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Havara
    • 29. November 2012 19:41 Uhr

    Ich versuchs kurz zusammenzufassen:
    Beim klassischen Ingenieurwesen ist uns das Zerstörungspotential sehr bewusst (Weltkriege etc...), allerdings haben wir auch sehr konkrete Nutzen vor Augen. Bei Biotech. & Co ist es dagegen anders: Wir haben nur recht diffuse unklare Ängste (die, wie ich glaube, sich psychisch anders auswirken als klar definierte Gefahrenpotentiale). Also zum Beispiel: Das irgendwie irgendein irgendwie modifizierter Organismus entkommen könnte und irgendetwas schädliches anrichten könnte. Bisher haben wir aber zum Glück noch keinen so einen Fall erlebt. Dem gegenüber stehen aber mehrere Errungenschaften in Pharmazie, Medizin und Industrie.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Synthetische Biologie | Biotechnologie | Ethik | Bioethik | Forschung
Service