Synthetische Biologie : "Leben entwickelt sich immer autonom"

Der Arzt und Ethiker Giovanni Maio spricht über die Grenze zwischen dem Lebendigen und der Maschine – und die Verantwortung der Biologen.

ZEIT Wissen: Herr Maio, die Synthetische Biologie will neue, maßgeschneiderte Mikroorganismen herstellen, um etwa im großen Stil Kraftstoffe und Chemikalien herzustellen. Diese Idee synthetischer Lebensformen erfüllt manche Menschen mit Unbehagen. Ist das berechtigt?

Giovanni Maio: Ja, durchaus. Wir haben es hier mit einer Vermischung der Konzepte Maschine und Leben zu tun, die problematisch ist. Eine Maschine funktioniert nach den Zielen, die der Produzent vorgibt. Leben entsteht aus sich selbst heraus und erhält sich selbst. Die Vorstellung, dass man nun Leben wie ein Produkt herstellen will, muss verstören.

ZEIT Wissen: Ist das nicht eher ein philosophisches Problem?

Giovanni Maio

ist Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und leitet dort das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin. Er ist Mitglied verschiedener Ethikkommissionen und -beiräte.

Maio: Es ist mehr als das. Wenn die Biologen sagen, wir wollen Leben herstellen und haben das vollkommen im Griff, ist das ein Widerspruch in sich. Denn Leben ist immer autonom. Die Biologen müssten also zugeben, dass sie nicht mit Bestimmtheit sagen können, wie sich eine Lebensform weiterentwickelt und mit der Umwelt interagiert. Man kann diesen Organismus zwar einhegen, aber er wird immer irgendwo Kontakt zur Umwelt haben. Und was sich daraus entwickelt, können wir nicht vorhersagen.

ZEIT Wissen: Wenn die Synthetische Biologie sich damit begnügen würde, Genome nur zu verändern – wäre das dann unproblematisch?

Maio: Auch hier muss man vorsichtig sein. Wenn Organismen umgebaut werden, um für uns Rohstoffe herzustellen, wird Leben aus der Perspektive einer Verwertung betrachtet. Das ist vielleicht unproblematisch, solange es sich um Einzeller oder Pilze handelt. Indem wir aber Leben immer mehr in Verwertungszusammenhängen betrachten, verwischen wir die Grenze zwischen dem Lebendigen und der Maschine. Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige.

ZEIT Wissen: Die Verfechter der Synthetischen Biologie sagen, dass sie nichts anderes machen als Tier- und Planzenzüchter seit Jahrtausenden – nur viel präziser, weil sie direkt auf der Ebene der Gene eingreifen.

Maio: Vom Anspruch her verfolgt die Synthetische Biologie etwas Neues: Wir schaffen Leben – das ist der Mythos vom Golem. Diese mythische Vorstellung soll nun naturwissenschaftliche Praxis werden. Noch in den siebziger Jahren hätte niemand gesagt, er mache Gentechnik, um neues Leben zu erschaffen.

ZEIT Wissen: Sie haben hinsichtlich der Synthetischen Biologie einmal die These aufgestellt, es sei »nicht weise, die Evolution hinter sich lassen zu wollen«. Was meinen Sie damit?

Maio: Wenn man sagt: »Milliarden Jahre Evolution interessieren uns nicht mehr, wir wollen neu starten, wir können das besser«, dann verbirgt sich dahinter eine Hybris. Was bedeutet denn »besser«? Der Naturwissenschaftler kann Phänomene nur beschreiben, wie sie sind. Was besser und wertvoller ist, darüber können sich Kultur, Philosophie oder Theologie verständigen.

ZEIT Wissen: Forschung hat seit je die Eigenart, dass all das praktisch umgesetzt wird, was möglich ist. Ist es eine trügerische Hoffnung, zu glauben, die Synthetische Biologie ließe sich begrenzen, zumal ihre Verfechter in ihr die Lösung des Energieproblems in Aussicht stellen?

Klicken Sie auf das Bild, um zu lesen, wie Forscher mit synthetischer DNA dem Kampf gegen Viren aufnehmen.

Maio: Ich kritisiere zunächst einmal den Ansatz, zu sagen, wir kennen schon das Produkt, bevor wir überhaupt wissen, wie Leben wirklich funktioniert. Da machen wir den zweiten Schritt vor dem ersten. Hier gibt es eine Parallele zur Genomforschung: Als im Jahr 2000 das menschliche Genom sequenziert worden war, prognostizierte man das Ende aller Krankheiten. Davon ist heute nichts zu sehen. Wir sollten eine qualitativ hochwertige biologische Forschung unterstützen. Aber die soll erst einmal herausfinden, was Leben eigentlich ist, und nicht gleich die Rettung der Welt in Aussicht stellen. Vor allem müssten wir aber dahin steuern, dass schon der Biologe im Labor sich beim Pipettieren über seine gesellschaftliche Verantwortung im Klaren ist. Ethisches Denken darf nicht erst in den Ethikgremien starten. Eine Ethik, die nur von außen etwas eindämmt, wird auf Dauer nicht funktionieren. Ich plädiere dafür, dass die Naturwissenschaft eine neue Scheu entwickeln muss. Eine Scheu davor, einen Schritt zu tun, von dem man nicht weiß, wohin er führt.

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Kleingeisterei auf hohem Niveau

"Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige."
Sätze wie diese sind leider nach wie vor traurige Praxis in unserem heutigen Weltbild. Zwar mag ein Lebewesen mehr sein als nur die Summe seiner Teile, aber eine geheimnisvolle Vis Vitalis wurde und wird wahrschienlich auch nie gefunden werden. Der letzte Schluss ist daraus, dass Leben tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine ist. Darin ist keine Wertung inbegriffen, sondern, ganz im Gegenteil, ermöglicht es einem sogar Leben von einem völlig neuen Blickwinkel wertzuschätzen. Außerdem plädiere ich hier ganz allgemein für eine weichere (soll heißen weniger willkürliche) Definition für Leben als bisher, denn die Grenzen zwischen Mensch und Maschine und Lebewesen werden zunehmend verwischen. Würden wir einer Maschine die alle Kriterien erfüllt das Prädikat lebendig verleihen?

Noch kurz zur Synthetischen Biologie: Eins der Ziele der Synthetischen Biologie ist es durch sog. reverse Engineering den Aufbau von Zellen besser zu verstehen. Verkürzt gilt hier das Motto: Erst wenn wir eine Zelle von Anfang an aus "totem" Material bauen können, haben wir wirklich verstanden wie sie funktioniert.

Und ja, neue Technologien bergen neue Gefahren, aber bisher haben die Life Sciences nahezu nur positive Dinge für den Menschen geschaffen. Das können die klassischen Ingenieure so nicht von sich sagen.

MfG

"künstliches Leben"

"Der letzte Schluss ist daraus, dass Leben tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine ist."

Dann müsste es aber irgendwie geartete mathematisch erfassbare Algorithmen (Programme) geben, welche diese Maschinen steuern würden. Egal wie komplex diese Maschinen auch sind. Letztendlich sind reale Maschinen die Summe aus endlich vielen Bauteilen. Ähnliche Gedankenansätze gibt es schon lange in der Informatik, Stichwort "künstliche Intelligenz". Ich bin der Meinung , dass eine letztendlich mechanistische Denkweise diesbezüglich nicht sehr hilfreich ist, bis man grundlegende Naturgesetze wirklich verstanden hat, Stichwort "Quantenphysik", wo jeder Determinismus seinen Sinn verloren hat.

Unschärfe

Die Quantenphysik wird gerne für sowas angeführt, das Argument ist aber nicht sehr genau - es gibt nicht beobachtbare Zustände, obwohl die Realität tatsächlich deterministisch sein könnte. Ebenso macht die Quantenmechanik präzise Vorhersagen, und sollte nicht als Argument für eine finale Unbestimmbarkeit gewisser Themen dienen, sofern nicht explizit ein Bezug gegeben ist.

Quantenphysik

Das ist doch das Dilemma. Man kann i.A. ein Spektrum gewisser MÖGLICHKEITEN präzise vorhersagen. Welche dieser Möglichkeiten dann "wirklich" in der Beobachtung eintreten wird ist aber gänzlich unbestimmt. Schrödinger's Katze. Man beschäftigt sich doch bis heute mit dieser grundsätzlichen erkenntnistheoretischen Problematik. Bis man das irgendwann vielleicht wirklich verstanden hat bedarf es wohl noch viele künftige Generationen. So sehe ich das.

Unverständlichkeit

Die Unverständlichkeit quantenmechanischer Phänomene ist primär philosophischer Natur, nicht technischer. Wir können die Welt beschreiben, und im Rahmen der mathematische Modelle, die angewendet werden, präzise beschreiben. Zu dieser Beschreibung gehört eben auch die Unsicherheit des Ausgangs eines Experiments.

Im Rahmen dieses Modells ist es aber unvermeidlich, dass diese Phänomene auftreten - es ist entsprechend prinzipiell nicht möglich, dieses Phänomen aus der Welt zu schaffen. Damit ist das Problem - von der physikalischen Seite her - erstmal gelöst. Die erkenntnistheoretischen Implikationen sind nicht klar, aber eben auch nicht systematisch ableitbar. Es gibt z. B. auch deterministische Modelle, die dieselben Vorhersagen treffen und lediglich für uns unvorhersehbar sind.

Wenn von mangelndem Verständnis der Naturgesetze gesprochen wird, dann reden wir von einem philosophischen Verständnis, und das wird möglicherweise noch ewig unklar bleiben, eben weil wir hier von nicht beobachtbaren Phänomenen sprechen. Die physikalischen Implikationen sind hingegen relativ klar.

Nun...

...was die Physik "im Kleinen" betrifft, sind wir uns ja wohl einig. Mir geht es hier um den Übergang zu makroskopischen Systemen, zu uns selbst also, wir die wir ja offensichtlich irgendwie aus interferierenden Quantensystemen zusammengesetzt sind. Und eben dieser Übergang, diese "Grenzwelt" ist eine der großen wissenschaftlichen und philosophischen Herausforderungen unserer Zeit. Und eben hier setzt für mich die Realisierung von künstlichem Leben/Intelligenz an. Daher kann doch "Leben" nicht auf komplexe Maschinen reduziert werden.

Beispiele

Ich habs zwar bereits einmal geschrieben aber hier nochmal: Falls jmd Ingenieur ist, das sollte keine Attacke sein :)

Ich schreib jetzt nur grob herunter was mit in den Kopf einfällt als positive Beispiele, wovon manche in verschiedene Sparten einzuordnen sind (Biotech, Genetik ...):

Antibiotika
Insulin
Humaninterferone
Blutgerinnungsfaktoren
(überhaupt die meisten körpereigenen Stoffe die sie in Medikamenten finden)
Aminosäureproduktion, Vitamine ....
usw. und so fort,... ich bin sicher eher kompetente Leute als ich könnten die Liste besser und aktueller fortsetzen.

Algorithmus

Benötigt es wirklich einen Algorithmus? Ich denke da mehr in die Richtung chaotischer Systeme, die auch ohne klaren Algorithmus tadellos und stabil funktionieren können (Wetter!). Ich tu mir einfach schwer einzusehen,was Lebewesen von der "unbelebten" Welt unterscheiden soll... Ich glaube die Organismen sind einfach zu komplex, dass WIR sie durchschauen können, aber das sagt mehr über uns als über die Organismen aus. Denn woher soll die sonderbarkeit von Lebewesen kommen?
Apropos: Selbst wenn man die Quantenmechanik miteinbezieht (ist schon so ne sache bei makroskopischen Objekten, aber da kenn ich mich zu wenig aus) dann betrifft das Lebewesen ebenso wie Steine, daher seh ich da keinen Unterschied.

@ Havara

„Ich tu mir einfach schwer einzusehen,was Lebewesen von der "unbelebten" Welt unterscheiden soll..“

Versuchen Sie es doch einmal mit Hingucken. Ihre Aussage hat ja fast etwas Behindertes.

Ach, und kommen Sie bitte nicht mit Anfragen für Beweise für Lebenskraft etc.

Sie geben ja selbst schon zu, dass man den Beweis für Ihre Maschinentheorie nicht antreten kann. Aber angesichts der Tatsache, dass alles nach Lebenskraft aussieht und sich selbst so anfühlt - zumindest bei mir – müssen Sie die Belege für das Gegenteil liefern.

hmm...

"Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige."

Sätze wie diese sind leider nach wie vor traurige Praxis in unserem heutigen Weltbild. [...] Der letzte Schluss ist daraus, dass Leben tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine ist. Darin ist keine Wertung inbegriffen, sondern, ganz im Gegenteil, ermöglicht es einem sogar Leben von einem völlig neuen Blickwinkel wertzuschätzen.

Verzeihung, aber Sie bestätigen Herrn Maios sehr vernünftige Gedanken.
Sie sagen, das Leben ist tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine (was eine Wertung ist), schließen aber eine Wertung aus, konstatieren obendrein jedoch eine neue Wertschätzung, welcher natürlich eine Wertung folgt.
Und jene Wertung, ent_wertet alles Lebendige.

Und Ihre Frage:
"Würden wir einer Maschine die alle Kriterien erfüllt das Prädikat lebendig verleihen?"
Wir nicht. Folgegenerationen ja.
Denn Sie müßen dieses Konstrukt aus der Perspektive nachfolgender Generationen betrachten.
Weil der Mensch auch "Dinge" sozialisiert ist davon auszugehen, dass im Konstrukt der subjektiven Realität eines Kindes von z.B. dritter Generation im Zeitalter einer alle Kriterien erfüllenden Maschine, diese als lebendig angesehen wird.

Schon heute "sprechen" wir mit unseren Autos, Kuscheltieren, sonstwas...

Übrigens bin ich ein Bot. Eine servergestützte Kommentarfunktion.
(Letzter Satz war ein kleiner Scherz ;)
-
Zum Artikel:
Vielen Dank. Ich mag Herrn Maios Gedanken sehr.

Indeterminismus bedarf nicht der Quantentheorie

Er folgt bereits zwingend aus der ebenso praktischen wie theoretischen Unmöglichkeit einer absolut präzise bestimmbaren Ausgangslage auch in klassischer Physik.
Man kann die Ausgangslage zwar theoretisch festlegen, wenn man allgegenwärtig wäre, ohne etwas beim Messen zu verändern, aber nur mit einer bestimmten (nicht absoluten) Präzision. Absolute Präzision würde unteilbare Maße voraussetzen.

Leben-Maschine

"Der Mensch ist nichts weiter, als eine sehr weit entwickelte Maschine".
Die katholische Kirche brauchte und braucht ein anderes Bild vom Menschen. Die Menschen sind von Gott gemacht und die Kirchenfürsten sind die Vertreter dieser Gottheit auf Erden. Die Kirche schöpft ihre Macht genau daraus, daß der Mensch keine Maschine ist.

Jede Zeit hat ihren eigenen Glauben. In die heutige Zeit passt nur - und deshalb muß jeder daran glauben - daß der Mensch eine Maschine ist.

Setzt man an die Stelle von "Kirche" "die Wirtschaft" (die Wirtschaft ist der Lieferant von Überschuß für das mächtige, regierende Kapital), dann hat man wieder ein Gesamtbild.
Mensch = Maschine Maschine = Produktionsfaktor
Mensch = Produktionsfaktor.

Der Mensch ist ein natürlich vorkommender Rohstoff in fast unbegrenzeter Menge. Diesen Rohstoff muß man, soll man, darf man, veredeln. Man darf Leben züchten. Nicht zum Nutzen der Menschen sondern zm Nutzen der Wirtschaft. Die Tätigkeit von Forschung geht gezielt auf die commerzielle Verwertung der Ergebnisse.
Beispiel: Medikamente die gegen AIDS helfen, werden nur hergestellt, wenn sie Gewinn erbringen. Afrika hat keine Kaufkraft - also kein Medikament.
Ist auch ok, denn die Maschine Mensch ist reichlich vorhanden, da kommt es auf den Velust einiger MASCHINEN NICHT AN.

Klassische Physik

Sie haben ja "praktisch" gesehen Recht. Nur prinzipiell (!) ist die klassische Physik, vor Einstein, wirklich deterministisch begründet. Einstein brach als Erster dieses Prinzip mit seiner Relativitätstheorie, nach der nicht mehr alle beobachtbaren Parameter in allen Bezugssystemen GLEICHZEITIG bestimmt werden können. Die Quantenphysik geht da prinzipiell noch viel weiter, nach der es nicht mal mehr ein einziges Bezugssystem gibt wo dies zutreffen könnte. Man bekommt dort i.A. ein Spektrum von Erwartungswerten, welche nur mit Wahrscheinlichkeiten behaftet beobachtet werden können. Und diese Interpretation lehnte selbst Einstein kategorisch ab.

Und mit diesen Prämissen ist es meiner Ansicht nach unmöglich, "Leben" auf komplexe Maschinen zu reduzieren.

P.S. Solche Sichtweisen waren schonmal populär. Im Zeitalter der Aufklärung, kurz nach Newton und Lagrange.

............

"Und mit diesen Prämissen ist es meiner Ansicht nach unmöglich, "Leben" auf komplexe Maschinen zu reduzieren."

Den Satz haben sie jetzt zum dritten oder vierten mal wiederholt, aber begründen tun sie ihn nicht. Was unterscheidet denn nun Leben von "sehr komplexen Maschinen"?

Benennen sie doch mal bitte die Unterschiede. Unser mangelndes Verständnis der Naturgesetze ist als Grund unbrauchbar.

Maschinen

am besten jetzt noch das Bedingungslose Grundeinkommen und dann haben wir den Spagat von Synthetischer Biologie zu politischen Einstellungen endlich geschafft!

Spaß beiseite, mit Maschinen meinte ich Dinge, die aufgrund von Regeln funktionieren und nicht etwas besitzen, was außerhalb einer mathematisch erfassbaren Wirklichkeit setzt (okay das war gewagt, aber ich geh hier jetzt einfach mal davon aus, dass die Mathematik potentzieller Weise alle Vorgänge in der Natur beschreiben kann. Sollte das nicht der Fall sein bin ich gerne bereit dazuzulernen)

Joh II

Betrachten wir nun den Begriff Wertung im Kontext Ihres Konstrukts UND der Aussage von Herrn Maio, die da ist:
"Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige."
Sie entwerten alles Lebendige mit der Annahme, das Leben ist eine Maschine.
Erkennen Sie es? Und erkennen Sie, dass diese Betrachtung frei von Emotionen ist?

Wertung:
Unter Wertung bzw. Bewerten versteht man Überlegungen und Feststellungen, wieweit ein Vorgang oder Sachverhalt, eine Eigenschaft von Objekten bzw. Personen oder eine Idee mit damit verknüpfbaren Wertvorstellungen übereinstimmt. Da aber letztere von praktischen, individuellen oder sittlichen Idealen geprägt sind, können Wertungen je nach Situation, gesellschaftlichem Umfeld und beteiligten Personen stark voneinander abweichen.

Wertschätzung:
Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf eine innere allgemeine Haltung anderen gegenüber. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Sie ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung über eine Person und damit die Wertschätzung beeinflussen.
qu. wiki

Es ist eben

Schönes Interview und Herr Maio ist genau nach meinem Geschmack. Ich denke man sollte wirklich erstmal darüber nachdenken, was man da tut und sollte sich nicht anmassen zu zu glauben man wisse was da alles passiert und allem Drang der Gebräuchlichkeit und der Verwertbarkeit zügellos nachgeben. All das was wir in unserer Natur vorfinden wurde durch unzählige Prozesse geformt über Zeiträume, die wir noch nicht mal wirklich ahnen. Vom Standpunkt der Verwertbarkeit und des Eingriffs in gewisse Dinge haben wir diese Zeiträume natürlich nicht, dennoch wollen wir gewisse Probleme auch gelöst sehen, wir wollen adäquate Medikamente, Resourcen für unserr Leben, aber dabei bleibt es eben nicht. Also sollte man sich besser zweimal überlegen, ob man die Büchse der Pandora öffnet. Es bleibt wirklich spannend, was da alles noch auf uns zukommt....

Also Ihre

Aussage:

"Und ja, neue Technologien bergen neue Gefahren, aber bisher haben die Life Sciences nahezu nur positive Dinge für den Menschen geschaffen. Das können die klassischen Ingenieure so nicht von sich sagen."

Finde ich erstens zu kurz gedacht und zweitens eher haltlos. Verrät allenfalls Ihre Vorliebe für gewisse Felder aber keineswegs glaube ich, dass biologische Kampstoffe einer Atombombe, oder einem Maschinengewehr vorzuziehen sind.

Biologische Waffen

Ersteinmal zur ihrer Anmerkung: Ich hatte eigentlich nicht vor ein geheimnis aus meiner positiven Einstellung zu den Life Sciences zu machen, also für Sie hier aber gerne die Bestätigung.

Ich möchte hier nur nochmal untescheiden zwischen den potentiellen Anwendungen und den bisher erbrachten. In letzteren schneiden die Life Sciences recht gut, ab und potentiell haben sie natürlich eine unheimliche Zerstörungskraft. Allerdings eine, für den Einsetzenden unkontrollierbare und daher recht unpraktikable. Aber das nur am Rande.

Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden. (und zwar ohne irgendeinen Präzedenzfall. Ob zum Trotz oder aufgrund der Cassandrarufe ist nun sicherlich eine Interpretationsfrage)

Es immer

eine Interpretation.

"Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden. (und zwar ohne irgendeinen Präzedenzfall. Ob zum Trotz oder aufgrund der Cassandrarufe ist nun sicherlich eine Interpretationsfrage)"

Es ging ja nicht um Diffamierung, sondern um die Klarstellung, warum denn Ihrer Wertuung nach diesen sogenannten Life-Sciences der bessere "Ruf" zu Teil werden sollte.

Und:
"Ich möchte hier nur nochmal untescheiden zwischen den potentiellen Anwendungen und den bisher erbrachten. In letzteren schneiden die Life Sciences recht gut"

Das wäre gut, wenn Sie das nochmal etwas differenzierter darstellen könnten, denn ich bin mir nicht sicher, was Sie hier wirklich meinen....

"Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht die Ingenieure diffamieren, sondern eher die "Unlogik" unterstreichen, mit der die Life Sciences als unser aller Untergang dargestellt werden."

Nun, das ist auch eine Interpretation Ihrerseits, die ich zwar nachvollziehen kann, die aber nicht zwangsläufig unterstellt werden muss. Es ist ja auch klar, das die Dimension der Auswirkung eine völlig andere ist, wenn ich Bakterien, oder überhaupt lebende Organismen versuche zu züchten unter gewissen Bedingungen, oder ihnen ihr Erbgut verändere. Denn die Erwartungen hängen nun ja einmal in dem Maße davon ab, auf welchen Erkenntnissen mein Verständnis beruht.

Gefahren

Ich versuchs kurz zusammenzufassen:
Beim klassischen Ingenieurwesen ist uns das Zerstörungspotential sehr bewusst (Weltkriege etc...), allerdings haben wir auch sehr konkrete Nutzen vor Augen. Bei Biotech. & Co ist es dagegen anders: Wir haben nur recht diffuse unklare Ängste (die, wie ich glaube, sich psychisch anders auswirken als klar definierte Gefahrenpotentiale). Also zum Beispiel: Das irgendwie irgendein irgendwie modifizierter Organismus entkommen könnte und irgendetwas schädliches anrichten könnte. Bisher haben wir aber zum Glück noch keinen so einen Fall erlebt. Dem gegenüber stehen aber mehrere Errungenschaften in Pharmazie, Medizin und Industrie.

Sehr demütig

Ich finde die Haltung, die im Interview herüberkommt, extrem demütig. "Hybris" ist in erster Linie ein theologisches Konzept, das in einem wissenschaftlichen Diskurs nichts zu suchen hat.

Die Frage, was besser ist, ist ganz einfach zu beantworten: Eine Entität, die die an sie gestellten Anforderungen effektiver erfüllt, als eine andere, vergleichbare Entität ist besser, im Sinne von "geeigneter", was "besser "im Kontext von Evolution bedeutet.

Und sicher können Biologen mit den richtigen Werkzeugen manche Dinge "besser" als "die Evolution" (so klingt es schon unnötig anthropomorphiziert und daher sehr unsachlich). Weil sie ein Ziel haben, während evolutionäre Prozesse kein Ziel haben.

Was genau der Unterschied zum Züchten ist, wird hier nicht deutlich, sondern es wird wieder in die theologische Kiste gegriffen, in dem der Golem-Mythos vorgebracht wird. Schöne Geschichte, aber was genau(!) sind die objektiven(!) Unterschiede?

Und etwas Grundsätzliches: Wenn "die Naturwissenschaft" sich davor scheut, einen Schritt zu tun, von dem sie nicht weiß, wo er endet, dann gibt es keinerlei Forschung und keinerlei Fortschritt mehr.

Sicher, die Risiken müssen bedacht und soweit wie möglich verhindert werden. Das kann auch bedeuten, dass einzelne Experimente nicht gemacht werden, aber insgesamt ist so eine Aussage einfach traurig, zeigt sich hier doch ein statisches Weltbild, dass darauf bedacht ist, die Welt,in der es sich bequem gemacht hat, mit Gewalt zu genau so erhalten.