Synthetische Biologie "Leben entwickelt sich immer autonom"
Der Arzt und Ethiker Giovanni Maio spricht über die Grenze zwischen dem Lebendigen und der Maschine – und die Verantwortung der Biologen.
ZEIT Wissen: Herr Maio, die Synthetische Biologie will neue, maßgeschneiderte Mikroorganismen herstellen, um etwa im großen Stil Kraftstoffe und Chemikalien herzustellen. Diese Idee synthetischer Lebensformen erfüllt manche Menschen mit Unbehagen. Ist das berechtigt?
Giovanni Maio: Ja, durchaus. Wir haben es hier mit einer Vermischung der Konzepte Maschine und Leben zu tun, die problematisch ist. Eine Maschine funktioniert nach den Zielen, die der Produzent vorgibt. Leben entsteht aus sich selbst heraus und erhält sich selbst. Die Vorstellung, dass man nun Leben wie ein Produkt herstellen will, muss verstören.
ZEIT Wissen: Ist das nicht eher ein philosophisches Problem?
ist Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und leitet dort das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin. Er ist Mitglied verschiedener Ethikkommissionen und -beiräte.
Maio: Es ist mehr als das. Wenn die Biologen sagen, wir wollen Leben herstellen und haben das vollkommen im Griff, ist das ein Widerspruch in sich. Denn Leben ist immer autonom. Die Biologen müssten also zugeben, dass sie nicht mit Bestimmtheit sagen können, wie sich eine Lebensform weiterentwickelt und mit der Umwelt interagiert. Man kann diesen Organismus zwar einhegen, aber er wird immer irgendwo Kontakt zur Umwelt haben. Und was sich daraus entwickelt, können wir nicht vorhersagen.
ZEIT Wissen: Wenn die Synthetische Biologie sich damit begnügen würde, Genome nur zu verändern – wäre das dann unproblematisch?
Maio: Auch hier muss man vorsichtig sein. Wenn Organismen umgebaut werden, um für uns Rohstoffe herzustellen, wird Leben aus der Perspektive einer Verwertung betrachtet. Das ist vielleicht unproblematisch, solange es sich um Einzeller oder Pilze handelt. Indem wir aber Leben immer mehr in Verwertungszusammenhängen betrachten, verwischen wir die Grenze zwischen dem Lebendigen und der Maschine. Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige.
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ZEIT Wissen: Die Verfechter der Synthetischen Biologie sagen, dass sie nichts anderes machen als Tier- und Planzenzüchter seit Jahrtausenden – nur viel präziser, weil sie direkt auf der Ebene der Gene eingreifen.
Maio: Vom Anspruch her verfolgt die Synthetische Biologie etwas Neues: Wir schaffen Leben – das ist der Mythos vom Golem. Diese mythische Vorstellung soll nun naturwissenschaftliche Praxis werden. Noch in den siebziger Jahren hätte niemand gesagt, er mache Gentechnik, um neues Leben zu erschaffen.
ZEIT Wissen: Sie haben hinsichtlich der Synthetischen Biologie einmal die These aufgestellt, es sei »nicht weise, die Evolution hinter sich lassen zu wollen«. Was meinen Sie damit?
Maio: Wenn man sagt: »Milliarden Jahre Evolution interessieren uns nicht mehr, wir wollen neu starten, wir können das besser«, dann verbirgt sich dahinter eine Hybris. Was bedeutet denn »besser«? Der Naturwissenschaftler kann Phänomene nur beschreiben, wie sie sind. Was besser und wertvoller ist, darüber können sich Kultur, Philosophie oder Theologie verständigen.
- 1953
James Watson und Francis Crick klären die DNA- Struktur auf: Sie gleicht einer verdrillten Strickleiter.
- 1968
Hamilton Smith entdeckt, dass ein Restriktionsenzym die DNA auftrennt, bevor ein Gen ausgelesen wird.
- 1973
Stanley Cohen und Herbert Boyer fügen DNA in ein Bakteriengenom ein – der Beginn der Gentechnik.
- 1974
Der polnische Genetiker Wacław Szybalski prägt den Ausdruck »Synthetische Biologie«.
- 1975
Frederick Sanger sequenziert erstmals einen DNA- Abschnitt als eine Folge von genetischen Buchstaben.
- 1983
Kary Mullis erfindet die Polymerase-Kettenreaktion. Mit ihr lassen sich DNA-Sequenzen vervielfältigen.
- 1995
Robert Fleischmann ermittelt die erste komplette Gensequenz eines Lebewesens, eines Bakteriums.
- 2000
US-Forscher synthetisieren erstmals ein komplettes Genom, das des Hepatitis-C-Erregers.
- 2002
Eckard Wimmer synthetisiert das Genom eines künstlichen, in der Natur nicht vorhandenen Virus.
- 2003
Tom Knight, Drew Endy und Christopher Voigt starten das Register biologischer Standardteile.
- 2004
Am Massachusetts Institute of Technology findet die internationale Konferenz Synthetic Biology 1.0 statt.
- 2006
Das J. Craig Venter Institute veröffentlicht ein »Minimalgenom« aus 381 lebensnotwendigen Genen.
- 2007
Die Venter-Forscher transplantieren erstmals ein artfremdes Genom in ein Bakterium, das weiterlebt.
- 2011
Japanische Forscher verpflanzen ein Genom in künstliche Zellkörper, die sich daraufhin teilen.
ZEIT Wissen: Forschung hat seit je die Eigenart, dass all das praktisch umgesetzt wird, was möglich ist. Ist es eine trügerische Hoffnung, zu glauben, die Synthetische Biologie ließe sich begrenzen, zumal ihre Verfechter in ihr die Lösung des Energieproblems in Aussicht stellen?
Klicken Sie auf das Bild, um zu lesen, wie Forscher mit synthetischer DNA dem Kampf gegen Viren aufnehmen.
Maio: Ich kritisiere zunächst einmal den Ansatz, zu sagen, wir kennen schon das Produkt, bevor wir überhaupt wissen, wie Leben wirklich funktioniert. Da machen wir den zweiten Schritt vor dem ersten. Hier gibt es eine Parallele zur Genomforschung: Als im Jahr 2000 das menschliche Genom sequenziert worden war, prognostizierte man das Ende aller Krankheiten. Davon ist heute nichts zu sehen. Wir sollten eine qualitativ hochwertige biologische Forschung unterstützen. Aber die soll erst einmal herausfinden, was Leben eigentlich ist, und nicht gleich die Rettung der Welt in Aussicht stellen. Vor allem müssten wir aber dahin steuern, dass schon der Biologe im Labor sich beim Pipettieren über seine gesellschaftliche Verantwortung im Klaren ist. Ethisches Denken darf nicht erst in den Ethikgremien starten. Eine Ethik, die nur von außen etwas eindämmt, wird auf Dauer nicht funktionieren. Ich plädiere dafür, dass die Naturwissenschaft eine neue Scheu entwickeln muss. Eine Scheu davor, einen Schritt zu tun, von dem man nicht weiß, wohin er führt.
- Datum 29.11.2012 - 18:41 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen
- Kommentare 66
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„Ich tu mir einfach schwer einzusehen,was Lebewesen von der "unbelebten" Welt unterscheiden soll..“
Versuchen Sie es doch einmal mit Hingucken. Ihre Aussage hat ja fast etwas Behindertes.
Ach, und kommen Sie bitte nicht mit Anfragen für Beweise für Lebenskraft etc.
Sie geben ja selbst schon zu, dass man den Beweis für Ihre Maschinentheorie nicht antreten kann. Aber angesichts der Tatsache, dass alles nach Lebenskraft aussieht und sich selbst so anfühlt - zumindest bei mir – müssen Sie die Belege für das Gegenteil liefern.
"Wer sagt, Leben sei im Grunde nichts anderes als eine komplexe Maschine, entwertet alles Lebendige."
Sätze wie diese sind leider nach wie vor traurige Praxis in unserem heutigen Weltbild. [...] Der letzte Schluss ist daraus, dass Leben tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine ist. Darin ist keine Wertung inbegriffen, sondern, ganz im Gegenteil, ermöglicht es einem sogar Leben von einem völlig neuen Blickwinkel wertzuschätzen.
Verzeihung, aber Sie bestätigen Herrn Maios sehr vernünftige Gedanken.
Sie sagen, das Leben ist tatsächlich eine äußerst komplexe Maschine (was eine Wertung ist), schließen aber eine Wertung aus, konstatieren obendrein jedoch eine neue Wertschätzung, welcher natürlich eine Wertung folgt.
Und jene Wertung, ent_wertet alles Lebendige.
Und Ihre Frage:
"Würden wir einer Maschine die alle Kriterien erfüllt das Prädikat lebendig verleihen?"
Wir nicht. Folgegenerationen ja.
Denn Sie müßen dieses Konstrukt aus der Perspektive nachfolgender Generationen betrachten.
Weil der Mensch auch "Dinge" sozialisiert ist davon auszugehen, dass im Konstrukt der subjektiven Realität eines Kindes von z.B. dritter Generation im Zeitalter einer alle Kriterien erfüllenden Maschine, diese als lebendig angesehen wird.
Schon heute "sprechen" wir mit unseren Autos, Kuscheltieren, sonstwas...
Übrigens bin ich ein Bot. Eine servergestützte Kommentarfunktion.
(Letzter Satz war ein kleiner Scherz ;)
-
Zum Artikel:
Vielen Dank. Ich mag Herrn Maios Gedanken sehr.
Die synthetische Biologie ist ein Fachgebiet im Grenzbereich von Molekularbiologie, organischer Chemie, Ingenieurwissenschaften, Nanobiotechnologie und Informationstechnik.
Die neueste Entwicklung der modernen Biologie
Nach meiner Auffassung ist und bleibt der Begriff sprachlicher Unfug. Ich habe begründet, warum.
Die Gestaltung biologischer Systeme würde ich biologisches oder biochemisches Systemdesign, kurz Biosystemdesign, nennen, aber keinesfalls synthetische Biologie.
Nach meiner Auffassung ist und bleibt der Begriff sprachlicher Unfug. Ich habe begründet, warum.
Die Gestaltung biologischer Systeme würde ich biologisches oder biochemisches Systemdesign, kurz Biosystemdesign, nennen, aber keinesfalls synthetische Biologie.
Leben muss nicht "natürlich" sein
Eine klare Entwertung.
Das soll gleich als Antwort auf zwei Ihrer Kommentare (#34 & #36) dienen:
Bei der Wertung sollten sie aufpassen, dass sie von IHNEN mit emotionen aufgeladene Wörter nicht als Wertung auffassen, sondern nur die eigentliche Wortbedeutung hernehmen. "natürlich" hat keien positive und keine negative Eigenschaft, es soll einfach heißen, dass es ohne den Menschen (ohne künstliche Eingriffe) entstanden ist. Selbe gilt für Maschinen: Nur weil SIE Maschinen nicht mögen, heißt das nicht, dass es als abwertend zu sehen ist etwas als Maschine zu bezeichnen.
Ich formuliere das hier mal sehr überspitzt (und wahrscheinlich ist das ein großer Fehler, aber mal schaun...): Wenn ich sie als Perfektionist bezeichne könnten Sie das als Beleidigung und als Kompliment auffassen, je nachdem was Sie von Perfektionisten halten. Eine Wertung ist im Wort aber nicht automatisch enthalten. Es gibt höchstens eine soziale Konnotation.
Das soll gleich als Antwort auf zwei Ihrer Kommentare (#34 & #36) dienen:
Bei der Wertung sollten sie aufpassen, dass sie von IHNEN mit emotionen aufgeladene Wörter nicht als Wertung auffassen, sondern nur die eigentliche Wortbedeutung hernehmen. "natürlich" hat keien positive und keine negative Eigenschaft, es soll einfach heißen, dass es ohne den Menschen (ohne künstliche Eingriffe) entstanden ist. Selbe gilt für Maschinen: Nur weil SIE Maschinen nicht mögen, heißt das nicht, dass es als abwertend zu sehen ist etwas als Maschine zu bezeichnen.
Ich formuliere das hier mal sehr überspitzt (und wahrscheinlich ist das ein großer Fehler, aber mal schaun...): Wenn ich sie als Perfektionist bezeichne könnten Sie das als Beleidigung und als Kompliment auffassen, je nachdem was Sie von Perfektionisten halten. Eine Wertung ist im Wort aber nicht automatisch enthalten. Es gibt höchstens eine soziale Konnotation.
Aber der menschliche Drang nach Erkenntnis lässt sich selbst dann nicht aufhalten, wenn er in unseren Untergang führen würde.
Aha. Und das ist dann einfach so, hm?
Oder versucht herr Maio gerade an diesem Punkt anzusetzen?
Und wenn ja, was, seiner vernünftigen Ausführungen, spricht denn dagegen?
Herr Maio spricht ja nicht davon, die Forschung einzustellen, sondern angemessen Vernünftig vor zu gehen.
Ich denke ein anderer Begriff ist "Qualitätssteigerung" durch Forschung mit Vernunft und Verstand, statt nur Neu_gier.
Wäre das das Motto der Naturwissenschaft (und _jeder_ Wissenschaft), würde ich heute wahrscheinlich hinter einem Felsen lauern, um Herrn Maio mit meiner Keule bewusstlos zu schlagen und seine Frau zu entführen. Ugaah!
Ok. So lauerten Sie hinterm Monitor und haben exakt die Keule verbal geschwungen.
Hat uns die Wissenschaft nicht sehr weit gebracht, hm? :)
Es ist lustig, dass Sie Ihre Liste ausgerechnet mit Antibiotika beginnen.
Frei übersetzt = Mittel gegen das Leben.
Wenn man alles was in der Natur vorkomm (a.k.a. alles was nicht vom Menschen stammt) & alles was vom Menschen stammt natürlich nennt, ja was ist denn dann nicht natürlich
Vermutlich dürfen wir davon ausgehen, dass es nichts unnatürliches gibt, ohne das wir es in einem "Als Ob Konstrukt" annehmen.
Und wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur,
die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist. - Heisenberg
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