»Ego-Deflation« nennt Sebastian Murken, klinischer Therapeut am Forschungszentrum für Psychobiologie und Psychosomatik der Universität Trier, den Reiz des Glaubens. Als prosoziales Wesen ist dem Menschen von Geburt an das Bedürfnis nach Beziehung eingeschrieben. Der Bindungstheorie des berühmten britischen Psychoanalytikers und Arztes John Bowlby zufolge wird in der frühkindlichen Sozialisation bis zum Alter von vier mit dem Selbstbild auch ein spezifischer Bindungsstil generiert, der das je spezifische Glaubensmuster prägt. Bis zum zehnten Lebensjahr wird dieses erworbene Vertrauensmuster bestätigt, wodurch sich im Gehirn emotionale Strukturen für das Gefühl von Zugehörigkeit ausbilden.

Der amerikanische Evolutionspsychologe Lee Kirkpatrick hat die Gesetzmäßigkeit der Bowlbyschen Bindungstheorie auf das Religiöse erweitert. Jeder Mensch strebt nach einem positiven Selbstbild. Je höher nun aber die innere Spannung zwischen gewünschtem und erlebtem, zwischen positivem und negativem Selbst ist, desto eher versucht der Mensch, diese Spannung religiös zu lösen. Der plötzliche Wechsel zu einem neuen Bezugs- oder Glaubenssystem, die radikale Umwertung von inneren Überzeugungen, von Selbst- und Weltwahrnehmung garantiert Entlastung und Erleichterung. Kirkpatrick weist die Vorstellung zurück, der Mensch besitze so etwas wie religiöse Instinkte. Religiöser Glaube ist für ihn die Suche nach der Beziehung zu einer Vaterfigur. Je defizitärer die Beziehungsstruktur eines Individuums, desto stärker glaubt es.

Ethnologisch betrachtet, ist in der Tat verblüffend, wie stark die Bereitschaft, eine überindividuelle Bezugsgröße zu verehren, bis zum heutigen Tag von den Menschen aller Kulturen bejaht wird. Der Glaube an eine höhere Wirklichkeit, das Niederwerfen auf die Knie vor einer Vaterfigur, scheint das denkfähige Subjekt zu erheben. Vielleicht kann selbst der Atheist gar nicht anders, als zu glauben, aus ganz profanen, weil neurologischen Gründen.

Der Geist sei zwangsläufig mystisch, mystische Erfahrung sei biologisch real und naturwissenschaftlich messbar, religiöses Erleben habe allein neurophysiologische Grundlagen: Das ist die Behauptung einer vergleichsweise jungen Disziplin namens Neurotheologie, die seit einigen Jahren versucht, den Mechanismus mystischer Erfahrung im menschlichen Gehirn zu verorten, genauer: im Lobus parietalis superior, auch Scheitellappen genannt. Der Begriff Neurotheologie, 1984 von James Ashbrook vom Chicago Center for Religion and Science zum ersten Mal verwendet, steht für den systematischen Versuch neurophysiologischer Forschung, Religiosität von ihrer biologischen Grundlage her zu verstehen.

Das bedeutet: Alle Religionen beruhen auf Mythen; der Scheitellappen ist ein wichtiger Teil des mythenbildenden Zentrums im Gehirn; menschliche Rituale können transzendente Einheitszustände hervorrufen, die sich auf den Hypothalamus auswirken. Während einer Meditation wird die Reizzufuhr durch den Hippocampus, der als Filter Beruhigungs- und Erregungsreaktionen im Gehirn reguliert, gestoppt. Die neurologischen Prozesse des Rituals machen aus Mythen gefühlte Erfahrungen; über das religiöse Ritual wird der Mythos im Gehirn messbar. Also schafft sich das Gehirn seinen eigenen Gott.

Religiosität, lautet die Erkenntnis neurotheologischer Hirnforscher, ist ein in ihrer Grundstruktur so einheitliches Phänomen, dass man für verschiedene Glaubensrichtungen und Kulturen ein identisches Hirnareal annehmen kann – wobei fast trivial zu sagen ist, dass auch religiöse Emotionen neuronale Grundlagen haben, weil Emotionen immer neuronal bedingt sind. Bei Meditationen lassen sich die gleichen starken Theta-Wellen feststellen wie während eines Orgasmus oder eines intensiven Schmerzerlebnisses. Conclusio? Religiöse Erfahrungen sind hirnphysiologisch betrachtet intensive emotionale Erlebnisse, die unterhalb des kortikalen Mantels im limbischen System, der entwicklungsgeschichtlich ältesten Hirnregion, verankert sind.

Aber das ist noch nicht alles. Aus zahlreichen religionsmedizinischen Studien vornehmlich amerikanischer Wissenschaftler geht hervor, dass Gläubige gesünder sind als Nichtgläubige. Menschen, die mystische Zustände erfahren, weisen angeblich ein höheres Maß an psychischer Gesundheit auf als die Bevölkerung insgesamt. Der klinische Psychologe David Larson vom amerikanischen National Institute for Healthcare Research hat alle zwischen 1978 und 1989 erschienenen Untersuchungen seines Instituts systematisch auf den Zusammenhang zwischen Glauben und psychischer Gesundheit ausgewertet und kommt zu dem Fazit, Religiosität wirke sich in 84 Prozent der Fälle positiv, in 13 Prozent neutral und in 3 Prozent gesundheitsabträglich aus.

Eine breit angelegte Studie über den Zusammenhang zwischen Religiosität und Mortalität aus dem Jahr 1999 will beweisen, dass 20-jährige US-Amerikaner, wenn sie einmal pro Woche den Gottesdienst besuchen, eine um 6,6 Jahre höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die nie einen Gottesdienst besuchen. Naheliegend ist erst einmal der Rückschluss auf die subjektive Verhaltensweise im Angesicht des Transzendenten.

Das Gesundheitsverhalten von Gläubigen ist grundsätzlich günstiger: Sie rauchen weniger, trinken weniger Alkohol und nehmen seltener Drogen, erfahren größere soziale Unterstützung in der Gemeinschaft und genießen bessere Krankenpflege in intakten Familien. Harold Koenig, Direktor des Center for the Study of Religion/Spirituality and Health an der Duke-Universität Durham, North Carolina, will in seinen Kohortenstudien sogar nachgewiesen haben, dass religiöse oder spirituelle Aktivitäten zu einer Reduktion depressiver Symptome führen: »Wir wissen, dass religiöser Glaube die Dauer depressiver Schübe reduziert.«

Glaube steigert also das subjektive Wohlbefinden – auch das des Atheisten: Der freilich glaubt, dass es Gott nicht gibt. Daran aber glaubt er.

Die entscheidende Frage lautet schließlich: Könnte das Leben, könnte die Gesellschaft, könnte die Welt ohne Glauben funktionieren? Die Antwort lautete Nein, weil die eigentliche Währung des Religiösen das Vertrauen ist. Um in einer hochdifferenzierten, auf zerbrechlichen Übereinkünften basierenden Umwelt zu überleben, muss der Mensch sich von vornherein auf den guten Gang der Dinge verlassen. Er muss mit der konstanten Stabilität seiner Lebenswelt rechnen.

Auch der Atheist muss vertrauen können, einen doppelten Boden hat er dafür nicht. Er muss auf seine Sinne vertrauen und kann das Wahrgenommene nicht andauernd infrage stellen. Darum geht es letztlich jedem Menschen, ob Atheist, Esoteriker, Christ, ob Maschinenbauer, Chemiker, Webdesigner oder Bäcker: um die Hoffnung auf die für ihn ideale Ordnung. Um die Geborgenheit im Diesseits. Um das Heil in Gemeinschaft. Um den Rausch der spirituellen Erfahrung. Im Vertrauen versichert sich das Individuum seiner selbst. Wer glaubt, hofft. Wer hofft, vertraut. Und wer vertrauen kann – lebt der nicht glücklicher?