ReligionWarum wir glauben müssen

Religion geht uns immer weniger an, trotzdem werden wir religiöser. Und das ist auch gut so, schreibt Christian Schüle.

Unbefleckte Empfängnis? Da lacht doch heute jeder. Wundertaten eines Heiligen? Nette Märchengeschichte. Wiederauferstehung? Ist höchstens einmal passiert, also unglaubwürdig. Leben nach dem Tod? Schöne Idee, aber völlig unbewiesen. Kirchenschiffe leeren, Kirchenaustritte häufen sich. Von Seelsorge ist nicht mehr viel zu sehen, skateboardfahrende Pfarrer sind irgendwie lächerlich, und der Papst hat seine Kirche auf lebensferne »Entweltlichung« programmiert. Kurzum: Der Zeitgenosse hat andere Probleme und ist auf andere Problemlösungsstrategien angewiesen.

Ist er – wie zunehmend mehr Menschen – Atheist, glaubt er womöglich an Technologie und Bionahrung, an sozialen Frieden und Nachbarschaftshilfe. Oder konkreter: Ist er zum Beispiel Lehrer, glaubt er vielleicht an die Kraft der Poesie und humanistische Bildung; ist er Analyst an den Dax und die Börse. Der CEO glaubt an Kapitalakkumulation und Höhlenmeditation, der Unternehmer an ewigen Fortschritt und Reiki, der Chemiker an das Reich des Kohlenstoffs und die digitale Second World; der Astrophysiker an ferne Galaxien; der Psychoanalytiker ans Unbewusste; die Esoterikerin an spirituelle Energien; die Linke an die Revolution, die Rechte an die Kernfamilie, der Liberale an die Freiheit.

Anzeige

Fällt bei alldem nicht etwas ins Auge?

ZEIT Wissen 1/2013
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

An irgendetwas glauben alle. Das persönliche Wohlergehen, die Definition eines gelingenden Lebens, so scheint es trotz aller Diesseitigkeit, kommt ohne Glauben nicht aus. Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein, um anzubeten. Man muss sich nicht zum Protestantismus bekennen, um seinen Nächsten zu lieben. Wer aber glaubt, der Mensch komme ohne Glauben aus, der glaubt somit erstens selbst und macht zweitens die Rechnung ohne die Spezies Mensch. Das heißt: Der Mensch glaubt, weil er gar nicht anders kann, als zu glauben. Der Mensch ist von Natur aus religiös, und auch der Atheist ist ein homo naturaliter religiosus. Gibt es Beweise für eine solche These? Gibt es. Ausgerechnet durch die Wissenschaft.

Psychophysikalisch gesprochen, entspricht kaum etwas dem ausgeprägten Individualismus unserer Tage so sehr wie die Mystik der spirituellen Auffahrt. Der nach Prinzipien der Kausalität und Rationalität erzogene Atheist etwa lebt in einer total vermittelten Medienwelt: Für jedes Gefühl gibt es ein Medium, für jeden Erdwinkel ein Bild, für jede Frage eine Wikipedia-Antwort. Als ganzer Mensch aber hungert er nach Unmittelbarkeit. Er will spüren, sich und das Sein. Er will mitgerissen werden, in eine andere Dimension geraten. Er will erleben und auffahren. Und im mystischen Erlebnis der Verschmelzung mit diesem diffusen »Irgendwohin« seiner Auffahrt ist er selbst das Medium – Körper und Geist, Leib und Seele schließen sich kurz. Der Dualismus von Ich und Korpus, Außen und Innen ist aufgehoben. Und danach? Vielleicht ist der Atheist in der Wahrnehmung seiner selbst verändert, jedenfalls aber fühlt er sich für einen wie lange auch immer währenden Moment nicht mehr überflüssig und zufällig, sondern aufgehoben, geborgen und gewollt.

Rationales Denken

Ein Ball und ein Schläger kosten zusammen elf Dollar. Der Schläger kostet zehn Dollar mehr als der Ball – was kostet der Ball? Wer hier »einen Dollar« antwortet, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit gläubiger als jemand, der die richtige Lösung, 50 Cent, nennt. Zu diesem Schluss kamen Forscher in einer Studie im April. Sie folgern, dass rationales Denken und Glauben sich gegenseitig behindern.

Rassismus

Allein das Denken an Religion kann rassistische Ressentiments verstärken. In einer Studie wurden US-Studenten unbewusst mit religiösen Begriffen konfrontiert, danach ihre Vorurteile mit Fragebögen ermittelt. Probanden, die Wörter wie Kirche und Jesus zu sehen bekamen, wurden als rassistischer gegenüber Schwarzen eingestuft als solche, die neutrale Wörter wie Butter und Hemd lasen.

Aberglaube

Aberglaube kann einen Teil der Moral stiftenden Funktion von Religion übernehmen. Das legt eine Studie von 2005 nahe: Hier betrogen Erwachsene seltener bei einem Computertest, wenn ihnen gesagt wurde, dass ein Geist im Raum sei. Bei abergläubischen Kindern wirkte die angebliche Anwesenheit einer unsichtbaren Prinzessin sogar so stark wie die Präsenz eines echten Erwachsenen.

So gut wie alle Riten und Zeremonien, die in älteren Kulturen mit dem Numinosen und Geheimnisvollen verbunden waren – Geistbeschwörungen etwa, Sonnenwendfeiern, Opferkulte –, sind im Zuge einer unterkühlten Zweck-Mittel-Rationalisierung des technischen Fortschritts entzaubert und entwertet worden.

Doch die helle Ratio, die Axt der Vernunft allein, so scheint es immer mehr, schlägt keine Bresche mehr zum Glück. Weil das Individuum ans Übersinnliche andocken will, gehen Grafikerinnen auf schamanische Reisen nach Hawaii, pilgern Bankangestellte zu den Urmenschen im peruanischen Regenwald und besuchen nachweislich gebildete Frauen immer und immer wieder Wochenendseminare oder spirituelle Sommerakademien, um sich bei einem Fest der Sinne in Meditationen, Kontemplationen, Tanz und Shiatsu an ihre Quelle, ihren Ursprung zu wagen. Es ist die Sehnsucht nach Übersetzung des kleinen Ich ins große Ganze. Der Blick geht dabei immer nach oben, dorthin, wo es offen und unbestimmt ist, weil unten doch alles determiniert scheint.

Fast immer beginnt diese Sehnsucht nach dem Oben, wenn sich der auspubertierte Mensch den großen Sinnfragen zuwendet: Ist das, was ich wahrnehme, wirklich? Gibt es einen Plan, der hinter allem steht? Wird mein Leben gelenkt? Das, sagen Religionspsychologen, sei jene Zeit, in der der Mensch bewusst erfährt, dass Glauben ein geistiges Vermögen ist. Auch der Atheist hat die Fähigkeit zu glauben, weil er die Fähigkeit hat, das Andere zu denken. Weil er sich hineindenken kann in das Gegenteil von Sein: in das Nichts. Und gerade weil der menschliche Geist zu dieser Entgrenzungserfahrung in der Lage ist, braucht er Sicherheit und Begrenzung – eine transzendente Heimat, ein metaphysisches Obdach, eine sinnreiche Antwort.

Einer der evolutionsbiologischen Vorteile des Glaubens, lehrt die Religionspsychologie, ist »Coping« (Alltagsbewältigung). Will heißen: Als Bewohner einer transzendenten Heimat (egal, welcher) wird der Mensch mit den Zumutungen und Bedrohungen des Alltags besser fertig. Im Glauben hat der oft beziehungslose Einzelne die Möglichkeit, sich selbst zu relativieren, weil Glaube immer eine Beziehung vermittelt. Evolutionspsychologisch betrachtet, ist Religiosität die einzig funktionierende Gemeinschaftsform, die den Egoismus zu reduzieren in der Lage ist.

Leser-Kommentare
    • tobmat
    • 28.12.2012 um 12:41 Uhr

    ""Eine Maschine ....ist ein klein wenig mehr als ein Stück geschliffenes Glas."

    Aber die gleiche Qualität, nämlich ein Gerät-
    "Mehr" bedeutet nur quantitativ. Eine Maschine hat mehr Schrauben."

    Sie verkürzen hier meine ursprüngliche Aussage, weswegen sie zu dieser lustigen Schlussfolgerung kommen. Sie reißen sie sozusagen aus dem Zusammenhang. Ich hatte die Fähigkeiten der Maschine angeführt. Sie kann Informationen empfangen, erkennen, verarbeiten, darauf reagieren und sie weiterleiten.
    Wenn sie diesen Teil weglassen sit es natürlich klar warum sie mich missverstehen.
    Ach ja und diese Fähigkeiten sind ein qualitativer Unterschied und kein rein quantitativer.

    ""und nicht in der Person des Erschaffers."

    Doch. Ohne Erbauer und deren Zielgerichtetheit gäbe es keine Maschinen."
    Auch diese Logik geht nach hinten los. Es ging in meinem Kommentar nicht darum ob ein Erbauer notwendig ist. Die Frage stellte sich hier gar nicht, trotzdem haben sie sie beantwortet.
    Es ging darum ob es für die grundsätzliche Funktionstüchtigkeit der Maschine eine Rolle spielt wer sie erbaut hat.

  1. Sie könnten höchstens sagen, dass ich zu wenig von Ihren Quellen aufgeführt habe. Ich habe aber keine falsche Aussage getroffen auf das, was Sie sagten.
    Deswegen können Sie nicht von Lüge sprechen. Wenn überhaupt von Unterschlagung.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie schreiben: "Deswegen können Sie nicht von Lüge sprechen."

    Selbstverständlich kann ich, ich hab's doch gemacht. Eine schlampige Ausdrucksweise ist immer Symptom eines schlampigen Denkens.

    Sie schreiben: "Deswegen können Sie nicht von Lüge sprechen."

    Selbstverständlich kann ich, ich hab's doch gemacht. Eine schlampige Ausdrucksweise ist immer Symptom eines schlampigen Denkens.

  2. Sie schreiben: "Deswegen können Sie nicht von Lüge sprechen."

    Selbstverständlich kann ich, ich hab's doch gemacht. Eine schlampige Ausdrucksweise ist immer Symptom eines schlampigen Denkens.

  3. Um erstmal auf den Artikel einzugehen:
    Die Sachen mit dem "Glauben" und dem "ich glaube, dass Fidel Castro gerade 84 geworden ist." haben ja einige schon sehr gut erklärt.
    Das gehört zu den Dingen die man hätte besser machen können, obwohl es wirklich einige Interessante stellen darin gibt, die zum nachdenken anregen.

    Jetzt zu den Leserkommentaren:

    @Creedinger:
    Es müssen nicht unbedingt Argumente oder Gegenbeweise sein, man kann es auch mit Selbstreflexion versuchen.

    @FMA
    Irrationalität oder auch Emotionalität ist nichts schlimmes, sondern etwas menschliches was man nicht abstellen muss (außer vllt bei Kollerikern, usw.) sondern einfach nur dann an die Leine nehmen, wenn sie unangebracht ist.

    @DieMitte:
    Nein der Atheist glaubt nicht zwingend an den Verstand, er glaubt zuerst einmal nur nicht an einen Gott.
    Ich z.B. glaube an andere Dinge:
    Mich, das Gute im Menschen, die Liebe und daran, dass das Leben etwas besonderes ist das man genießen sollte.;)

    @störgeräusche:
    Es ist wahrscheinlich eher so, dass die Sache mit dem Platzhalter früher mal so war, heute brauchen die Menschen einen bestimmten Glauben als Fixpunkt oder Orientierungspunkt in ihrem Leben.
    Deswegen bin ich der Meinung, dass es nicht ganz richtig ist, dass gläubige Leute glücklicher sind.
    Als ich z.B. vom Glauben zum Atheismus kam, musste ich mir auch erstmal neue Orientierungspunkte suchen. Die "neuen" helfen mir aber super und ich bin auch mit denen sehr glücklich.;)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zum Schluss wollte ich euch alle auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen:

    Euch fällt es wahrscheinlich gar nicht mehr auf, aber ihr stellt eure Meinungen oft als Tatsachen hin, was zumindest ich (ja genau, subjektiv) als sehr selbstgerecht wahrnehme.

    Nur ein paar Beispiele:
    "Glaube und Religion sind zwei unterschiedliche Veranstaltungen. Genau deswegen treten die Menschen aus der Kirche aus!"

    "[...] der moderne Atheist und Agnostiker kann nichts weniger ab, als den Vorwurf, im Grunde seines Herzens wäre er gläubig. Seinem Selbstbild nach ist er 100% reine Ratio."

    "Atheist: "Der freilich glaubt, dass es Gott nicht gibt. Daran aber glaubt er."
    Nein. Dieser fundamentale Satz ist schlicht falsch [...]"

    ....so. Merkt ihr was?
    Dieses Phänomen der Rechthaberei ist typisch deutsch (zur Vorbeugung: Deutscher bin ich auch;) und mir nicht besonders sympathisch.
    Was habt ihr alle denn gegen Demut?;)

    Ach, wenn ihr mir jetzt damit kommt, dass das jetzt nur meine ganz persönliche, subjektive Meinung ist (was ja auch stimmt), dann denkt erstmal über diese Meinung nach und ob sie vielleicht nicht doch etwas wahres an sich hat, bevor ihr sofort mit Gegenargumenten zu Felde zieht.

    Euer Phamous V;)

    Zum Schluss wollte ich euch alle auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen:

    Euch fällt es wahrscheinlich gar nicht mehr auf, aber ihr stellt eure Meinungen oft als Tatsachen hin, was zumindest ich (ja genau, subjektiv) als sehr selbstgerecht wahrnehme.

    Nur ein paar Beispiele:
    "Glaube und Religion sind zwei unterschiedliche Veranstaltungen. Genau deswegen treten die Menschen aus der Kirche aus!"

    "[...] der moderne Atheist und Agnostiker kann nichts weniger ab, als den Vorwurf, im Grunde seines Herzens wäre er gläubig. Seinem Selbstbild nach ist er 100% reine Ratio."

    "Atheist: "Der freilich glaubt, dass es Gott nicht gibt. Daran aber glaubt er."
    Nein. Dieser fundamentale Satz ist schlicht falsch [...]"

    ....so. Merkt ihr was?
    Dieses Phänomen der Rechthaberei ist typisch deutsch (zur Vorbeugung: Deutscher bin ich auch;) und mir nicht besonders sympathisch.
    Was habt ihr alle denn gegen Demut?;)

    Ach, wenn ihr mir jetzt damit kommt, dass das jetzt nur meine ganz persönliche, subjektive Meinung ist (was ja auch stimmt), dann denkt erstmal über diese Meinung nach und ob sie vielleicht nicht doch etwas wahres an sich hat, bevor ihr sofort mit Gegenargumenten zu Felde zieht.

    Euer Phamous V;)

  4. Zum Schluss wollte ich euch alle auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen:

    Euch fällt es wahrscheinlich gar nicht mehr auf, aber ihr stellt eure Meinungen oft als Tatsachen hin, was zumindest ich (ja genau, subjektiv) als sehr selbstgerecht wahrnehme.

    Nur ein paar Beispiele:
    "Glaube und Religion sind zwei unterschiedliche Veranstaltungen. Genau deswegen treten die Menschen aus der Kirche aus!"

    "[...] der moderne Atheist und Agnostiker kann nichts weniger ab, als den Vorwurf, im Grunde seines Herzens wäre er gläubig. Seinem Selbstbild nach ist er 100% reine Ratio."

    "Atheist: "Der freilich glaubt, dass es Gott nicht gibt. Daran aber glaubt er."
    Nein. Dieser fundamentale Satz ist schlicht falsch [...]"

    ....so. Merkt ihr was?
    Dieses Phänomen der Rechthaberei ist typisch deutsch (zur Vorbeugung: Deutscher bin ich auch;) und mir nicht besonders sympathisch.
    Was habt ihr alle denn gegen Demut?;)

    Ach, wenn ihr mir jetzt damit kommt, dass das jetzt nur meine ganz persönliche, subjektive Meinung ist (was ja auch stimmt), dann denkt erstmal über diese Meinung nach und ob sie vielleicht nicht doch etwas wahres an sich hat, bevor ihr sofort mit Gegenargumenten zu Felde zieht.

    Euer Phamous V;)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service