ZEIT Wissen: Frau Doktor Kriek, Ihnen wurde bereits ein Denkmal gesetzt...

Marjolein Kriek: Dabei bin ich noch nicht einmal tot. Ich habe auch nichts Besonderes getan!

ZEIT Wissen: Sie sind ziemlich jung, Sie sind eine Frau – und Sie sind die erste, deren Erbgut entziffert wurde...

Kriek: Es war die erste komplette Entschlüsselung eines Genoms einer nicht anonymen Frau, um genau zu sein. Mein gesamtes Erbgut ist nun öffentlich.

ZEIT Wissen: Also sind die Menschen in Ihrer Heimatstadt Nijmegen stolz auf Sie?

Kriek: Vielleicht. Fragen Sie die Leute zu Hause einmal. Wissen Sie, warum ich ausgesucht wurde?

ZEIT Wissen: Das wollte ich gerade fragen.

Kriek: Das war 2007. Ich forschte gerade in Leiden für meine Doktorarbeit. Damals bekamen wir einen neuen schnellen Gensequenzer – eine Maschine, mit der man Erbgut entziffern kann. Eine vergleichbare gab es nur noch ein einziges Mal in ganz Europa, im Max-Planck-Institut in Berlin. Meine beiden Chefs wollten sofort ein menschliches Genom damit entziffern. Zu dieser Zeit war bereits das Erbgut von Jim Watson entziffert worden, also sollte es nun eine Frau sein. Und mein Nachname – Kriek – klingt wie Crick, wenn man ihn englisch ausspricht. Damit waren Watson und Crick beisammen, die Entdecker der DNA-Doppelhelix. Das Ganze haben meine Chefs natürlich bei ein paar Drinks ersonnen – ich war nicht einmal dabei.

ZEIT Wissen: Und Sie haben einfach so mitgemacht?

Kriek: Nein. Ich habe erst mit meiner Familie gesprochen. Ich war zu dieser Zeit mit unserem ersten Kind schwanger. Deshalb war das sehr wichtig.

ZEIT Wissen: Wenn Sie Ihr Erbgut veröffentlichen lassen, werden automatisch auch eine Menge genetischer Informationen über Ihre Mutter, Ihren Vater und Ihre Kinder publik. Haben Sie da nicht gezögert?

Kriek: Danach wurde ich später oft gefragt. Schließlich liegt jetzt auch die Hälfte des Genoms meiner Kinder im Schaufenster. Ich sage dann: Aber wir wissen nicht, welche Hälfte das ist. Es gibt schließlich auch einen Vater, der den zweiten Teil zu ihrem Erbgut beigesteuert hat.

ZEIT Wissen: Trotzdem hätten unangenehme Dinge herauskommen können!

Kriek: Natürlich. Ich habe mir die Gedanken gemacht, die sich jeder Mensch machen sollte, der sich auf so etwas einlässt. Es gibt viele monogene Krankheiten, die durch ein einziges defektes Gen ausgelöst werden. Zum Glück bin ich gesund geboren worden und bin jetzt, mit fast 40 Jahren, immer noch gesund. Ich musste mir also keine großen Sorgen machen – für mich sind höchstens genetische Veränderungen relevant, die erst später im Leben krank machen können. Mein Vater ist zum Beispiel mit 54 an Darmkrebs gestorben – also lag die Frage nahe: Habe ich von ihm vielleicht eine Mutation geerbt, die auch mich in Gefahr bringen könnte? Ich wollte das wissen, denn gegen ein genetisches Darmkrebsrisiko hätte ich etwas unternehmen können, etwa eine Darmspiegelung durchführen lassen.

»Mein Vater ist an Darmkrebs gestorben – also lag die Frage nahe: Habe ich von ihm vielleicht eine gefährliche Mutation geerbt?«

ZEIT Wissen: Es ist faszinierend, sich die eigenen Gene anzuschauen. Waren Sie nicht auch neugierig?

Kriek: Natürlich, ich bin eine klinische Genetikerin, ich glaube an Wissen, nicht an Ignoranz. Und ich fühlte mich natürlich geehrt.

ZEIT Wissen: Die Analysetechnik für Genomuntersuchungen wird immer schneller und billiger. Sind wir schon bereit, alle Menschen zu sequenzieren?

Kriek: Umfassende Genomanalysen werden in den nächsten Jahren kommen. Ich bin überzeugt, dass sie bald Teil der alltäglichen ärztlichen Praxis sind. Aber es sollte seine Gene nur entschlüsseln lassen, wer eine konkrete medizinische Frage hat: Woran leidet ein Kranker wirklich, bekommt er die richtigen Medikamente? Einfach so die Gene von gesunden Menschen zu entziffern, würde ich nicht empfehlen. Es ist übrigens immer noch ziemlich teuer.