Atomindustrie : Das Weltgifterbe

Die Atomindustrie hat tonnenweise Plutonium angehäuft, weil sie hoffte, es irgendwann recyceln zu können. Falsch gedacht. Nun sitzt die Welt auf einem hochgiftigen Erbe.
Ein Auto auf einer Straße nahe der Kühltürme des tschechischen AKW Temelin © Sean Gallup/Getty Images

Die Tauben versetzten die nordenglische Kleinstadt Seascale an der Irischen See in Aufruhr. »Die beiden alten Damen, die 1998 dort drüben wohnten, haben sie gefüttert«, sagt Martin Forwood von der örtlichen Umweltorganisation Core Cumbria und deutet auf eines der Reihenhäuser an der Strandpromenade. Ein Hotelbesitzer aus der Nachbarschaft habe sich damals über den Taubendreck geärgert und die Vögel mit behördlicher Erlaubnis töten lassen. Doch niemand wollte die toten Tiere wegräumen: Sie hatten ihre Nester im drei Kilometer entfernten Sellafield. Dort steht eine der größten Nuklearanlagen der Welt, und auf dem Gelände gibt es viele warme Nischen. Die Laboruntersuchung brachte Gewissheit: Die Kadaver waren radioaktiv. Sie mussten in einem Lager für schwach strahlenden Atommüll entsorgt werden. »Schuld war das Plutonium« , sagt Martin Forwood, »britisches Plutonium, japanisches Plutonium und deutsches Plutonium. Es hat unsere Tauben in fliegenden Atommüll verwandelt.«

Wohin mit dem Atommüll? ZEIT-Redakteur Frank Drieschner über die schwierige Endlagersuche Seit fast 50 Jahren streitet Deutschland um mittlerweile mehr als 12.000 Tonnen strahlendes Material, das sicher untergebracht werden muss. ZEIT-Redakteur Frank Drieschner über die schwierige Suche nach einem geeigneten Endlager.

Auf dem Betriebsgelände der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield lagern 112 Tonnen reines Plutonium , es ist das größte zivile Plutoniumlager der Welt. Ursprünglich glaubte man, mit dem aufgearbeiteten Atommüll günstig Strom erzeugen zu können, im eigens dafür konzipierten Schnellen Brüter. Doch der Traum vom Reaktor, der seinen eigenen Abfall verzehrt, droht zum Albtraum zu werden. Und während Länder wie Großbritannien, Deutschland und die USA verzweifelt nach Wegen suchen, den Stoff loszuwerden, findet die gefährliche Utopie des Plutoniumkreislaufs in China, Russland und Indien neue Anhänger – allen Gefahren zum Trotz.

Immer wenn ein Atomkraftwerk Strom aus der Kernspaltung von Uran erzeugt, entsteht dabei Plutonium. Es ist radioaktiv und hochgiftig. Schon wenige Mikrogramm können Krebs auslösen. Kein anderer Stoff, der in so kleinen Dosen tödlich wirkt, wurde je in so großen Mengen produziert. Und natürlich ist Plutonium auch noch auf andere Weise gefährlich: 1945 tötete eine Atombombe mehr als 70.000 Menschen in der japanischen Stadt Nagasaki, Zehntausende starben an den Spätfolgen.

Wie viel Plutonium die Ingenieure und Militärs nach Jahrzehnten des Wettrüstens und der zivilen Atomstrom-Produktion angehäuft haben, lässt sich nur grob schätzen: Bis zu 2000 Tonnen könnten sich als Bestandteil von abgebranntem Kernbrennstoff angesammelt haben, verteilt auf Abklingbecken und Zwischenlager in aller Welt. Daraus lassen sich nicht so einfach Atombomben bauen, weil das Plutonium mit anderen Stoffen im Brennelement eingeschlossen ist. 250 Tonnen reines Plutonium jedoch haben die Atommächte für ihr nukleares Arsenal produziert, es wird streng bewacht. Aber dann sind da noch einmal 250 Tonnen aus der Wiederaufbereitung – das Erbe der Technikutopie vom geschlossenen Brennstoffkreislauf. Genug für Tausende Nuklearsprengköpfe des Nagasaki-Typs. Diese Erbschaft kann man nicht einfach ausschlagen wie die Schulden der Großtante. Das Plutonium existiert – und es muss weg. Nur wohin?

Das Gelände der Nuklearanlage Sellafield beginnt gleich hinter dem Bahnhof. Wer sich zu nah an den Zaun heranwagt, wird sofort von Sicherheitskräften umringt, die Maschinengewehre vor der Brust tragen: »Could we have a look at your documents, please?« Hinter dem Zaun Gestalten mit Schutzhelmen, die Hürden überspringen, robben, schießen: Sicherheitskräfte beim Einsatztraining. »Irgendwann ist ein Lageplan von Sellafield im Internet aufgetaucht«, sagt der Atomkraftgegner Martin Forwood. »Seitdem finden hier regelmäßig Übungen zur Verhütung von Terroranschlägen statt.«

Sellafield betreibt eine von zwei Plutoniumfabriken in Europa, die andere ist die Wiederaufbereitungsanlage in La Hague. In Sellafield stehen Gewerbehallen, Schornsteine, Bürokomplexe, Kühltürme und Reaktorkuppeln inmitten von grünen Hügeln. Da gibt es die beiden alten Plutoniumreaktoren, die früher Munition für das britische Atombombenprogramm produzierten. Sie stammen aus den fünfziger Jahren, als Sellafield noch Windscale hieß. Ein Brand im Jahr 1957 löste dort eine der ersten schweren Katastrophen des Nuklearzeitalters aus.

Hier steht auch die Wiederaufbereitungsanlage Thorp, wo abgebrannter Kernbrennstoff aus Atomkraftwerken in Salpetersäure aufgelöst wird, um daraus Plutonium und Uran wiederzugewinnen. In den Jahren 2004 und 2005 liefen durch ein Leck im Rohrsystem unbemerkt 83.000 Liter radioaktive Flüssigkeit mit 160 Kilogramm Plutonium in ein Becken. Die Brühe wurde abgepumpt, der Betreiber musste 500.000 Pfund Strafe zahlen.

Und schließlich gibt es die Fertigungsanlage für Mischoxid-Brennstoff, kurz: Mox, in der Plutonium und Uran zu neuen Brennelementen verarbeitet werden. Wegen technischer Schwierigkeiten produzierte die Anlage bislang nur einen Bruchteil der angekündigten 120 Tonnen Mox pro Jahr.

Ursprünglich war der Mox-Brennstoff für den Betrieb der Schnellen Brüter gedacht. Weil diese jedoch nie gebaut wurden oder vor Inbetriebnahme als Ruinen endeten, war bald eine andere Lösung im Gespräch: das Verbrennen in Leichtwasser-Reaktoren. Allerdings können die britischen Atomkraftwerke den Mox-Brennstoff nicht selbst verbrauchen, weil sie mit Gas gekühlt werden. Die AKWs, die man mit Mox-Brennstoff betreiben kann, stehen in Frankreich – und in Deutschland.

Verlagsangebot

Lesen Sie weiter.

Noch mehr faszinierende Wissenschaftsthemen jetzt im digitalen ZEIT WISSEN-Abo.

Hier sichern

Kommentare

67 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

100 Jahre

Wie schon gesagt wurde, vor hundert Jahren gab konnte man sich Dinge, die heute selbstverständlich sind, nicht mal vorstellen.
Der größte Fehler, den die Menschheit begehen kann ist, sich Technologien von vornherein zu verschließen.
Fakt ist, dass die EEG nicht zu bezahlen sind (zumindest nicht, wenn der gesamte Bedarf damit gedeckt werden soll) und dass durch diese Energiegewinnung gigantische Umweltschäden hervorgerufen werde.

Wenn das denn so wäre

könnte man die Forschung der Transmutation beenden.
Fakt ist aber daß noch sehr lange u. mit sehr viel Geld daran geforscht werden muß u. 10 Mrd Euro werden nicht reichen!

Genau ist das Problem! Warum sollten die Steuerzahler für Müll aufkommen und die Verursacher läßt man außen vor?! Sollen doch diese Atomkonzerne sich darum kümmern wie sie ihren Dreck wieder wegbekommen und nicht die Allgemeinheit dafür zahlen lassen! Oder was meinen Sie wer die Mrd für die Forschung zahlt???

.............

" Warum sollten die Steuerzahler für Müll aufkommen und die Verursacher läßt man außen vor?! "

Die lässt man nicht außen vor sondern die werden an den Kosten beteiligt. Die haben schon ein paar Milliarden EUro für die ganze Endlagersuche bezahlt. Wissen sie das etwas nicht?

"Sollen doch diese Atomkonzerne sich darum kümmern wie sie ihren Dreck wieder wegbekommen "
Und das löst das Problem jetzt in wie weit? Das Unternehmen pleite gehen können ist ihnen bekannt?
Im Endeffekt würde es ohne staatliche Forschung und Forsierung des Themas überhaupt keine Atomindustrie geben. Kein Unternehmen hätte selbständig so eine Technologie entwickelt und umgesetzt. Das der Staat jetzt auch die Probleme am Hals hat ist nur folgerichtig.

..............

"Die Verursacher zahlen nichts für die Endlagerung. Asse, Morsleben u. Schacht Konrad wurden vom Steuerzahler bezahlt."

Und warum erwähnen sie Gorleben nicht? Dafür haben die Kernkraftwerksbetreiber bisher 1,6 Milliarden Euro bezahlt.
Für Konrad tragen die EVU´s bisher 60% der Kosten (über 1 Milliarde Euro). Ich bezweifle das der Staat das Geld noch nicht eingetrieben.
Für Asse I sieht es ähnlich aus. Bei Asse II müssen die EVU´s nichts zahlen, da der Staat die Betreiber von den Verpflichtungen befreit hat. Er hat ihnen den Atommüll praktisch abgekauft.
Für Morsleben habe ich auf die SChnelle nicht viel gefunden. Aber auch hier hängt es davon ab was eingelagert wurde. Natürlich müssen die EVU´s nur für ihren eigenen Müll zahlen und nicht für fremnden.

Wie kommen sie also zu dem Märchen das die EVU´s ihren gesetzlichen Verpflichtungen nicht nachkommen?

Märchen Entsorgungskosten

http://www.focus.de/panor...

"Insgesamt summieren sich die Rückstellungen der vier Energiekonzerne auf rund 30 Milliarden Euro"

http://www.endlager-konra...

"Die Kosten für die Errichtung des Endlagers stellen den notwendigen Aufwand (zum Beispiel Planungskosten, Kosten für den Erwerb von Grundstücken und Rechten, die Errichtung sowie für die Erkundung) nach § 21b AtG dar und werden den Abfallverursachern vom BfS in Rechnung gestellt."

Morsleben gehörte zum Volkseigentum der DDR. Die Treuhand fand leider keinen privaten Käufer, also blieb es im Staatseigentum. Die Asse gehörte dem Helmholtzzemtrum, einer
staatlichen Forschungseinrichtung. Ausserdem gibt es genügend staatliche Einrichtungen, die radioaktiven Müll erzeugen, alleine im Gesundheitswesen, z.B. durch die Röntgenreihenuntersuchungen.

Im Gegensatz zu jedem anderen Müllerzeuger sind die EVU gesetzlich verpflichtet Lagerstätten vorzufinanzieren.

Die Rücklagen dafür belaufen sich zur Zeit auf 30 Milliarden Euro. Steuerfrei!

Nachtrag

Die Interessenlage beim Endlager stellt sich wiefolgt dar:

1) Industrie: Die Industrie ist verpflichtet, die stillgelegten Atommeiler abzureissen. Abgerissene Atommeiler können nicht mehr angefahren werden. Da mit der Zeit die Strahlenbelastung der kontaminierten Bauteile abnimmt (schwachradioaktive Belastung, kurze Halbwertzeiten), nimmt auch die Anzahl des als radioaktiv zu entsorgenden Mülls ab.
Je später der Abriss, desto günstiger. Abgerissen kann nur werden, wenn auch entsprechende Lagerkapazitäten vorhanden sind.
Engagement zur Errichtung eines Endlagers: Schwach ausgeprägt!

2.) EEG-Produzenten, EEG-Lobbyisten: Sind abhängig von Subventionen in Form von Garantiepreisen oder direkten Subventionen. Rechtfertigen dies mit den "wahren" Kosten für die Atomkraft. Benötigen den Strahlenmüll als drohendes Menetekel (Gefahr, Kosten), um die Sauberkeit und die "günstige" Stromerzeugung der eigenen Anlagen zu rechtfertigen.
Engagement zur Errichtung eines Endlagers: Nicht ausgeprägt.

3) Politik (teilweise durch Lobbyisten indentisch mit den o.g. Gruppen): Ist mit der Durchsetzung eines Endlagers überfordert, da es den politischen Niedergang bedeutet. Alternativ werden Arbeitskreise und Kommissionen gegründet und gefordert, um nicht als untätig zu gelten.
Engagement zur Errichtung eines Endlagers: Nicht ausgeprägt.

Punkt 2 ist irrelevant

Wozu soll sich jemand, der Erneuerbare Energie produziert, um die Endlagerung von hochradioaktivem Müll aus AKW kümmern (dessen Problematik - und um die geht's im Artikel - Sie einfach mal weggelassen haben)?

Es ging wohl mal wieder nur darum, den Grünen oder "Ökos" einen überzubraten. Dürfen Sie ja gerne, aber wer das mit untauglichen Argumenten macht schiesst sich selbst ins Knie.

Utopien / Alternative zur Startrek-Version

Reicht Ihnen die Utopien bzgl. des "schnellen Brüters" nicht aus?

Wenn sie den "science fiction Technik" Joker ziehen wollen, spielt es übrigens keine Rolle, ob sie den Müll in einem abgeschlossenen Tiefenlager oder im Garten verbuddeln, in spätestens 50.000 Jahren kann man das Zeug "rausbeamen" oder sich gleich "in den Tank" schütten - zukünftige Technologie machts möglich.

Ihren Vorschlag "in die Sonne schiessen" sollte in der Zwischenzeit lieber nicht realisiert werden. Sollte ein Großtransport auf dem Weg zur Sonne in der Erdatmosphäre explodieren (dieser Fall ist aber statistisch sicher vernachlässigbar), könnte die Zukunft "strahlender" werden, als jemals gedacht.

Zukunftsprognosen sind übrigens trügerisch. Hier die "treehugger" Variante: In 70.000 Jahren wenden sich alle von jeglicher Technologie ab, leben einfach und als Naturburschen im Einklang mit der Natur. Irgenwann finden Sie Atommüll-Endlager und nutzen diese als Wallfahrtsorte (da ist es auch immer so schön warm). Sie verstehen garnicht, warum alle dahinsiechen. Ihr qualvolles Ableben (müssen) sie als "naturgegeben" hinnehmen, da ihnen jegliches Verständnis für Technik und kausale Zusammenhänge fehlt.

FAKT ist, das wir einen SEHR großen Wechsel auf die Zukunft ausstellen, den zukünftige Generationen (sofern vorhanden) einlösen müssen, ob sie wollen/können oder nicht.

Meine Utopie finden in Weißrussland praktisch in Ansätzen schon statt. Die Menschen siechen dahin, wissen aber noch, warum.

Hallo Brandsch

Sie machen mir Angst!
Sie meinen, daß in 100 jahren noch immer die CDU und die FDP regieren werden? Also, da mache ich es doch lieber wie der User, auf den sich ihr Kommentar bezieht. Ich glaube! Glaube war schon immer gut. Glauben, daß man das Zeug igendwann vewenden kann, in die Sonne schiessen kann, vielleiht auch in Sonnenstudios einsetzen kann, oder was weiß ich.

Ich hoffe doch, daß sich die Menschheit wenigstens ein wenig weiter entwickeln wird, und Parteien wie die heutigen, von etwas demokratischerem, gerechterem oder doch wenigstens vernüftigerem abgelöst werden.

Kostenübernahme

Brandtsch, Sie behaupten: "Für Asse, Morsleben u. Schacht Konrad zahlen bisher die Bürger u. nicht die Atomlobby."

Mal abgesehen davon, dass "Atomlobby" jetzt nicht der richtige Begriff ist oder meinen Sie der Lobbyist zahlt (?): Können Sie zu Ihrer o. g. Behauptung auch die Fakten/Zahlen aus verlässlicher Quelle liefern (also nicht Greenpeace oder so Quatsch).

Nach Gesetz zahlen die Betreiber die Entsorgung des von Ihnen stammenden Mülls selbst.

Schneller Brüter und Risiko

Das Risiko von schnellen Brütern kommt in meinen Augen nicht von einem KO-Kriterium, sondern vielen kleineren Problemen: Zunächst muss man sagen, dass eigentlich drei schnelle-Brüter diskutiert werden. Sie unterscheiden sich u.a. durch das eingesetzte Kühlmittel: Blei(legierung), Natrium und Gas. Eine Beschreibung kann man hier finden: http://www.gen-4.org/PDFs...

Das Hauptproblem ist in meinen Augen, die Möglichkeit waffenfähiges Material herzustellen und die Komplexität des Systems. Der erste Punkt verhindert eine Verbreitung über viele Länder und der zweite Punkt macht ihn teuer und macht das Risiko schlechter kalkulierbar.
Vielleicht noch wichtiger sind jedoch die historischen Gründe, dass er einmal gefloppt ist und insofern schwerer durchsetzbar ist.

Der bleigekühlte sieht in meinen Augen bestechender aus: Vor allem dass man ihn skalieren kann (also kleine und große Reaktoren bauen kann) und er sehr lange nicht befüllt werden muss ist ein Vorteil. Auch soll er schlechter zu öffnen sein, sodass eine Nutzung von Spaltbaren Material für militärische Zwecke erschwert ist.

Wenn ich aber erlich bin, finde ich die Argumentation für einen Reaktortypen sehr schwer, da es einfach komplexe Systeme sind. Das ist der ADS-Reaktor zwar auch, aber intuitiv wäre ich einfach glücklicher wenn der Reaktor ausgeht, sobald ein Teil ausfällt. Andererseits das Inventar ist trotzdem da. Fukushima wäre also auch mit einem ADS-Reaktor denkbar. Wenn auch unwahrscheinlicher.