Atomindustrie : Das Weltgifterbe
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Für die Endlagerung ist reines Plutonium nicht geeignet

Tatsächlich stammen bis zu sieben Tonnen des Sellafield-Plutoniums aus dem Recycling deutscher Brennelemente. Die deutschen AKW-Betreiber waren ursprünglich vertraglich verpflichtet, Sellafield die entsprechende Menge an Mox-Brennstäben abzunehmen. Im September und November wurden 16 davon ins AKW Grohnde geliefert, begleitet von Protesten. Mox-Brennelemente seien unter anderem wegen der aufwendigen Handhabung etwa 30 Prozent teurer als Brennelemente aus reinem Uran, teilt Grohnde-Betreiber E.on mit. Trotzdem muss Deutschland Dutzende Mox-Brennelemente abnehmen. Wie konnte es nur so weit kommen? 

Der Schnelle Brüter in Kalkar, die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und die Mox-Kernbrennstoff-Fabrik in Hanau kosteten Milliarden, ohne jemals in Betrieb zu gehen. Doch seit Mitte der siebziger Jahre war die Wiederaufbereitung vorgeschrieben. Sie lieferte den AKW-Betreibern den Nachweis der »schadlosen Verwertung« – und entschärfte so den Konflikt um das Endlager Gorleben. Deshalb schickten die deutschen Betreiber weiter ihren abgebrannten Kernbrennstoff zur Wiederaufbereitung nach Frankreich und Großbritannien, obwohl in Deutschland niemand mehr an ein Atommüll-Recycling im Schnellen Brüter glaubte.

Erst 2005 gab die Bundesregierung den offiziellen Ausstieg aus der Wiederaufbereitung bekannt. Das Plutonium aus den Altverträgen muss Deutschland dennoch zurücknehmen. In Frankreich, Großbritannien und Belgien laufen noch Aufträge über 244 Mox-Brennelemente. Sie alle müssen irgendwie angeliefert und verbraucht werden, bevor der letzte deutsche Meiler heruntergefahren wird.

Die Kleinstadt Harwell, 25 Kilometer südlich von Oxford und damit weit entfernt von Sellafield, ist Sitz der Nuclear Decommissioning Authority (NDA), der für nukleare Entsorgungsfragen zuständigen Behörde. Adrian Simper ist hier als strategischer Leiter verantwortlich für Sellafield. Dass die britische Strategie der Wiederaufbereitung in der Sackgasse steckt, ist spätestens seit dem Atomunglück von Fukushima offensichtlich, wo es zur Kernschmelze von Mox-Elementen kam. Im August 2011 gab Großbritannien die Schließung der Sellafield-Mox-Fabrik bekannt, weil die Anlage von technischen Dauerproblemen geplagt war und mit Japan obendrein ihren letzten großen Auslandskunden verloren hatte.

»Ja, wir sitzen auf riesigen Plutoniumbeständen und haben jetzt keine Kernbrennstoff-Fabrik mehr«, gibt Simper zu. »Es ist Zeit, zu überlegen, was wir mit unserem Plutonium anfangen. Zunächst einmal müssen wir dafür sorgen, dass es für viele Jahrzehnte sicher gelagert wird.« Doch wie schützt man 112 Tonnen Plutonium vor Flugzeugabstürzen, Erdbeben, Überschwemmungen, Stromausfällen, Terroranschlägen? Simper schüttelt lächelnd den Kopf: Die Informationen über die technischen Sicherheitsstandards der Lagerstätte sind geheim.

Würde man das Plutonium als Müll deklarieren, erklärt Simper, müsste man eine schlüssige Entsorgungsstrategie vorweisen. »Unsere Regierung hat sich kürzlich dafür ausgesprochen, Forschung und Entwicklung weiterzuführen, um den Energiegehalt des Plutoniums zu nutzen. Voraussichtlich wird das Plutonium in Leichtwasser-Reaktoren eingesetzt werden, deren Bau Großbritannien in den kommenden Jahren plant.« Dafür wäre dann aber auch der Bau einer neuen Mox-Anlage nötig.

Für einen Teil des Plutoniums aus deutschen Beständen gibt es eine neue Regelung: Vier der sieben Tonnen hat jetzt die NDA in ihren Besitz genommen. Und die vereinbarte Produktion weiterer Mox-Kernbrennstäbe soll künftig der französische Nuklearkonzern Areva übernehmen. »So vermeiden wir teure Atomtransporte, und Großbritannien bekommt die Kosten für das Management des Plutoniums erstattet«, sagt Simper. »Aus Sicht der britischen Steuerzahler ist es also ein guter Deal und auch für unsere deutschen Kunden von Vorteil.«

Die Wiederaufbereitung, die Großbritannien einst mit Blick auf den Schnellen Brüter im großen Stil begann, hat dem Land ein gewaltiges Sicherheitsproblem beschert. Reines Plutonium, das nach der Wiederaufbereitung nicht mehr von dem stark strahlenden Mantel aus Atommüll umgeben ist, ist ein Waffenstoff. Obwohl es extrem gefährlich ist, kann man seine radioaktive Strahlung leicht abschirmen; es ist ein sogenannter Alphastrahler. Sollten sich je Handlanger von Terroristen oder Diktatoren Zugang zu einer Lagerstätte verschaffen, könnten sie es ziemlich einfach heraustragen.

Für die Endlagerung ist reines Plutonium daher nicht geeignet. Die paradoxe Lösung dieses Problems: Bevor man das mühsam separierte Plutonium in einer Matrix aus Glas oder Keramik endlagerfähig macht, müsste man es wieder mit anderem Atommüll vermischen, der Gammastrahlung abgibt. Das würde den Diebstahl erheblich erschweren. Doch solange ein Fünkchen Hoffnung auf ein Plutoniumrecycling besteht, lässt sich die Suche nach einem Endlager in die ferne Zukunft verschieben, und das Plutonium bleibt in Sellafield zwischengelagert.

Am 20. Dezember 1951 flackerten in der Halbwüste des Bundesstaates Idaho im Mittleren Westen der USA vier Glühbirnen auf. Der Strom, der sie zum Leuchten brachte, wurde erzeugt vom ersten Atomkraftwerk der Welt. Der Meiler war ein Reaktortyp, der später als Schneller Brüter berühmt werden sollte. Damals in Idaho schien die Vision vom geschlossenen Brennstoffkreislauf für einen Moment zum Greifen nah.

Schnurgerade zieht sich die Straße durch die grasbewachsene Ebene. Das Betriebsgelände des staatlichen Forschungszentrums Idaho National Laboratory (INL) umfasst 2300 Quadratkilometer Wüstenlandschaft. Insgesamt 52 Testreaktoren gab es hier. Die meisten sind zu Industrieruinen geworden. »Where peaceful power was born« steht auf einer riesigen Schrifttafel über dem Eingang zu dem Reaktorgebäude, das heute ein Wissenschaftsmuseum ist. Ein mit Plexiglas abgeschirmtes Loch im Boden gibt den Blick nach unten frei – mitten in den Reaktorkern hinein. »Das Kühlmittel Natrium wurde von der Hitze hier im Reaktorkern auf fast 320 Grad Celsius erwärmt: 1300 Liter pro Minute, und das durch Kernbrennstoff, der lediglich die Größe eines Fußballs hatte«, schwärmt Don Miley, der im INL für die historischen Führungen zuständig ist. »Das nenne ich Energiedichte!«

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Kommentare

67 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

100 Jahre

Wie schon gesagt wurde, vor hundert Jahren gab konnte man sich Dinge, die heute selbstverständlich sind, nicht mal vorstellen.
Der größte Fehler, den die Menschheit begehen kann ist, sich Technologien von vornherein zu verschließen.
Fakt ist, dass die EEG nicht zu bezahlen sind (zumindest nicht, wenn der gesamte Bedarf damit gedeckt werden soll) und dass durch diese Energiegewinnung gigantische Umweltschäden hervorgerufen werde.

Wenn das denn so wäre

könnte man die Forschung der Transmutation beenden.
Fakt ist aber daß noch sehr lange u. mit sehr viel Geld daran geforscht werden muß u. 10 Mrd Euro werden nicht reichen!

Genau ist das Problem! Warum sollten die Steuerzahler für Müll aufkommen und die Verursacher läßt man außen vor?! Sollen doch diese Atomkonzerne sich darum kümmern wie sie ihren Dreck wieder wegbekommen und nicht die Allgemeinheit dafür zahlen lassen! Oder was meinen Sie wer die Mrd für die Forschung zahlt???

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" Warum sollten die Steuerzahler für Müll aufkommen und die Verursacher läßt man außen vor?! "

Die lässt man nicht außen vor sondern die werden an den Kosten beteiligt. Die haben schon ein paar Milliarden EUro für die ganze Endlagersuche bezahlt. Wissen sie das etwas nicht?

"Sollen doch diese Atomkonzerne sich darum kümmern wie sie ihren Dreck wieder wegbekommen "
Und das löst das Problem jetzt in wie weit? Das Unternehmen pleite gehen können ist ihnen bekannt?
Im Endeffekt würde es ohne staatliche Forschung und Forsierung des Themas überhaupt keine Atomindustrie geben. Kein Unternehmen hätte selbständig so eine Technologie entwickelt und umgesetzt. Das der Staat jetzt auch die Probleme am Hals hat ist nur folgerichtig.

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"Die Verursacher zahlen nichts für die Endlagerung. Asse, Morsleben u. Schacht Konrad wurden vom Steuerzahler bezahlt."

Und warum erwähnen sie Gorleben nicht? Dafür haben die Kernkraftwerksbetreiber bisher 1,6 Milliarden Euro bezahlt.
Für Konrad tragen die EVU´s bisher 60% der Kosten (über 1 Milliarde Euro). Ich bezweifle das der Staat das Geld noch nicht eingetrieben.
Für Asse I sieht es ähnlich aus. Bei Asse II müssen die EVU´s nichts zahlen, da der Staat die Betreiber von den Verpflichtungen befreit hat. Er hat ihnen den Atommüll praktisch abgekauft.
Für Morsleben habe ich auf die SChnelle nicht viel gefunden. Aber auch hier hängt es davon ab was eingelagert wurde. Natürlich müssen die EVU´s nur für ihren eigenen Müll zahlen und nicht für fremnden.

Wie kommen sie also zu dem Märchen das die EVU´s ihren gesetzlichen Verpflichtungen nicht nachkommen?

Märchen Entsorgungskosten

http://www.focus.de/panor...

"Insgesamt summieren sich die Rückstellungen der vier Energiekonzerne auf rund 30 Milliarden Euro"

http://www.endlager-konra...

"Die Kosten für die Errichtung des Endlagers stellen den notwendigen Aufwand (zum Beispiel Planungskosten, Kosten für den Erwerb von Grundstücken und Rechten, die Errichtung sowie für die Erkundung) nach § 21b AtG dar und werden den Abfallverursachern vom BfS in Rechnung gestellt."

Morsleben gehörte zum Volkseigentum der DDR. Die Treuhand fand leider keinen privaten Käufer, also blieb es im Staatseigentum. Die Asse gehörte dem Helmholtzzemtrum, einer
staatlichen Forschungseinrichtung. Ausserdem gibt es genügend staatliche Einrichtungen, die radioaktiven Müll erzeugen, alleine im Gesundheitswesen, z.B. durch die Röntgenreihenuntersuchungen.

Im Gegensatz zu jedem anderen Müllerzeuger sind die EVU gesetzlich verpflichtet Lagerstätten vorzufinanzieren.

Die Rücklagen dafür belaufen sich zur Zeit auf 30 Milliarden Euro. Steuerfrei!

Nachtrag

Die Interessenlage beim Endlager stellt sich wiefolgt dar:

1) Industrie: Die Industrie ist verpflichtet, die stillgelegten Atommeiler abzureissen. Abgerissene Atommeiler können nicht mehr angefahren werden. Da mit der Zeit die Strahlenbelastung der kontaminierten Bauteile abnimmt (schwachradioaktive Belastung, kurze Halbwertzeiten), nimmt auch die Anzahl des als radioaktiv zu entsorgenden Mülls ab.
Je später der Abriss, desto günstiger. Abgerissen kann nur werden, wenn auch entsprechende Lagerkapazitäten vorhanden sind.
Engagement zur Errichtung eines Endlagers: Schwach ausgeprägt!

2.) EEG-Produzenten, EEG-Lobbyisten: Sind abhängig von Subventionen in Form von Garantiepreisen oder direkten Subventionen. Rechtfertigen dies mit den "wahren" Kosten für die Atomkraft. Benötigen den Strahlenmüll als drohendes Menetekel (Gefahr, Kosten), um die Sauberkeit und die "günstige" Stromerzeugung der eigenen Anlagen zu rechtfertigen.
Engagement zur Errichtung eines Endlagers: Nicht ausgeprägt.

3) Politik (teilweise durch Lobbyisten indentisch mit den o.g. Gruppen): Ist mit der Durchsetzung eines Endlagers überfordert, da es den politischen Niedergang bedeutet. Alternativ werden Arbeitskreise und Kommissionen gegründet und gefordert, um nicht als untätig zu gelten.
Engagement zur Errichtung eines Endlagers: Nicht ausgeprägt.

Punkt 2 ist irrelevant

Wozu soll sich jemand, der Erneuerbare Energie produziert, um die Endlagerung von hochradioaktivem Müll aus AKW kümmern (dessen Problematik - und um die geht's im Artikel - Sie einfach mal weggelassen haben)?

Es ging wohl mal wieder nur darum, den Grünen oder "Ökos" einen überzubraten. Dürfen Sie ja gerne, aber wer das mit untauglichen Argumenten macht schiesst sich selbst ins Knie.

Utopien / Alternative zur Startrek-Version

Reicht Ihnen die Utopien bzgl. des "schnellen Brüters" nicht aus?

Wenn sie den "science fiction Technik" Joker ziehen wollen, spielt es übrigens keine Rolle, ob sie den Müll in einem abgeschlossenen Tiefenlager oder im Garten verbuddeln, in spätestens 50.000 Jahren kann man das Zeug "rausbeamen" oder sich gleich "in den Tank" schütten - zukünftige Technologie machts möglich.

Ihren Vorschlag "in die Sonne schiessen" sollte in der Zwischenzeit lieber nicht realisiert werden. Sollte ein Großtransport auf dem Weg zur Sonne in der Erdatmosphäre explodieren (dieser Fall ist aber statistisch sicher vernachlässigbar), könnte die Zukunft "strahlender" werden, als jemals gedacht.

Zukunftsprognosen sind übrigens trügerisch. Hier die "treehugger" Variante: In 70.000 Jahren wenden sich alle von jeglicher Technologie ab, leben einfach und als Naturburschen im Einklang mit der Natur. Irgenwann finden Sie Atommüll-Endlager und nutzen diese als Wallfahrtsorte (da ist es auch immer so schön warm). Sie verstehen garnicht, warum alle dahinsiechen. Ihr qualvolles Ableben (müssen) sie als "naturgegeben" hinnehmen, da ihnen jegliches Verständnis für Technik und kausale Zusammenhänge fehlt.

FAKT ist, das wir einen SEHR großen Wechsel auf die Zukunft ausstellen, den zukünftige Generationen (sofern vorhanden) einlösen müssen, ob sie wollen/können oder nicht.

Meine Utopie finden in Weißrussland praktisch in Ansätzen schon statt. Die Menschen siechen dahin, wissen aber noch, warum.

Hallo Brandsch

Sie machen mir Angst!
Sie meinen, daß in 100 jahren noch immer die CDU und die FDP regieren werden? Also, da mache ich es doch lieber wie der User, auf den sich ihr Kommentar bezieht. Ich glaube! Glaube war schon immer gut. Glauben, daß man das Zeug igendwann vewenden kann, in die Sonne schiessen kann, vielleiht auch in Sonnenstudios einsetzen kann, oder was weiß ich.

Ich hoffe doch, daß sich die Menschheit wenigstens ein wenig weiter entwickeln wird, und Parteien wie die heutigen, von etwas demokratischerem, gerechterem oder doch wenigstens vernüftigerem abgelöst werden.

Kostenübernahme

Brandtsch, Sie behaupten: "Für Asse, Morsleben u. Schacht Konrad zahlen bisher die Bürger u. nicht die Atomlobby."

Mal abgesehen davon, dass "Atomlobby" jetzt nicht der richtige Begriff ist oder meinen Sie der Lobbyist zahlt (?): Können Sie zu Ihrer o. g. Behauptung auch die Fakten/Zahlen aus verlässlicher Quelle liefern (also nicht Greenpeace oder so Quatsch).

Nach Gesetz zahlen die Betreiber die Entsorgung des von Ihnen stammenden Mülls selbst.

Schneller Brüter und Risiko

Das Risiko von schnellen Brütern kommt in meinen Augen nicht von einem KO-Kriterium, sondern vielen kleineren Problemen: Zunächst muss man sagen, dass eigentlich drei schnelle-Brüter diskutiert werden. Sie unterscheiden sich u.a. durch das eingesetzte Kühlmittel: Blei(legierung), Natrium und Gas. Eine Beschreibung kann man hier finden: http://www.gen-4.org/PDFs...

Das Hauptproblem ist in meinen Augen, die Möglichkeit waffenfähiges Material herzustellen und die Komplexität des Systems. Der erste Punkt verhindert eine Verbreitung über viele Länder und der zweite Punkt macht ihn teuer und macht das Risiko schlechter kalkulierbar.
Vielleicht noch wichtiger sind jedoch die historischen Gründe, dass er einmal gefloppt ist und insofern schwerer durchsetzbar ist.

Der bleigekühlte sieht in meinen Augen bestechender aus: Vor allem dass man ihn skalieren kann (also kleine und große Reaktoren bauen kann) und er sehr lange nicht befüllt werden muss ist ein Vorteil. Auch soll er schlechter zu öffnen sein, sodass eine Nutzung von Spaltbaren Material für militärische Zwecke erschwert ist.

Wenn ich aber erlich bin, finde ich die Argumentation für einen Reaktortypen sehr schwer, da es einfach komplexe Systeme sind. Das ist der ADS-Reaktor zwar auch, aber intuitiv wäre ich einfach glücklicher wenn der Reaktor ausgeht, sobald ein Teil ausfällt. Andererseits das Inventar ist trotzdem da. Fukushima wäre also auch mit einem ADS-Reaktor denkbar. Wenn auch unwahrscheinlicher.