Aber warum ist die Religion so erfolgreich? Ara Norenzayan, Religionspsychologe an der University of British Columbia in Vancouver, liefert eine Antwort aus anthropologischer Sicht: Ein religiöses System schweiße seine Jünger zu einer Glaubensgemeinschaft zusammen, die häufig erfolgreicher sei als andere Gruppen. Denn mit dem Verweis auf göttliche oder heilige Gebote ließen sich moralische Werte in einer Gemeinschaft sehr effektiv durchsetzen. »Und solche Gruppen können größer werden und kooperativer zusammenarbeiten und damit erfolgreicher sein als andere im Wettbewerb um Ressourcen und Habitate«, schreibt Norenzayan.

Für ihn erklärt dies auch den engen Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der ersten Hochkulturen und der Entwicklung ausgefeilter religiöser Lehren. Denn bei den Jäger-und-Sammler-Stämmen, die durch die Frühzeit des Menschen zogen, war »der direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht die Norm«. Moralisches Verhalten wurde durch den sozialen Gruppendruck garantiert, deshalb liefern die schamanistischen Religionen solcher Stämme in der Regel auch keine moralischen Wertesysteme. Erst als die Menschen sesshaft, ihre Gesellschaften größer und anonymer wurden, änderte sich das. Nun wurde es nötig, moralische Standards zu definieren, an die sich Menschen auch dann halten, wenn sie keine engen verwandtschaftlichen Beziehungen mehr haben – und damit begann der Aufstieg der Religionen.

Gerade die Vorstellung eines omnipräsenten Gottes lässt sich für Norenzayan aus dieser Perspektive schlüssig erklären: Psychologische Studien zeigen nämlich, dass Menschen sich stets ehrlicher und »moralischer« verhalten, wenn sie sich beobachtet fühlen. Schon allein stilisierte Zeichnungen, die Augen repräsentieren, fördern großzügiges Verhalten gegenüber Fremden. Kein Wunder, dass die Vorstellung, von einem allwissenden Gott beobachtet zu werden, einen massiven Effekt hat.

Diesen Effekt wiesen Norenzayan und sein Kollege Azim Shariff unter anderem in einem Spielexperiment nach, in dem zwei einander unbekannte Teilnehmer eine gewisse Summe Geld untereinander aufteilen mussten. Konfrontierte man sie vor dem Versuch quasi nebenbei mit Begriffen wie »göttlich«, »Gott« oder »Geist«, ließ sich ihre Großzügigkeit beträchtlich steigern. »Wer dazu angeregt wird, an Gott zu denken, verhält sich viel großzügiger«, sagt Norenzayan und folgert daraus: Die Religion habe während »der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte die Rolle eines sozialen Klebstoffs« gespielt.

Fehlt uns heute in unseren kalten, kapitalistischen Gesellschaften gerade diese Art von »Klebstoff«, wie es zum Beispiel Alain de Botton in seinem Buch beklagt? Ist etwa der Arbeitswahn von modernen Workaholics auch dadurch zu erklären, dass sie im Büro jene Art von Gemeinschaftserlebnis suchen, für das früher die Religionen zuständig waren? Mit anderen Worten: Fehlt uns ohne irgendeine Art von Religion etwas Entscheidendes im Leben?

Norenzayan sieht das differenziert. Zur Aufrechterhaltung der Moral brauche man Religion heute nicht mehr unbedingt. Schließlich hätten moderne Gesellschaften inzwischen Ersatz für die einstigen religiösen Moralhüter geschaffen: Gerichte, Polizei und weltliche Gesetze wachen nun in säkularen Staaten darüber, dass niemand den anderen übers Ohr haut. Und in solchen Nationen gehe es keinesfalls unmoralischer oder chaotischer zu, bilanziert Norenzayan. Im Gegenteil, »einige der kooperativsten, friedlichsten und prosperierendsten Gesellschaften der Welt« hätten heute eine atheistische Mehrheit. Solche Staaten seien gewissermaßen »die Leiter der Religion hochgeklettert und haben sie dann weggekickt«.

Doch die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung ist nicht alles. Für Alain de Botton gibt es auch noch die »weicheren« Qualitäten unseres Zusammenlebens, die in Begriffen wie Nächstenliebe oder Demut zum Ausdruck kommen. Und für diese fehle unseren Gesellschaften häufig das Gespür. »So sind wir etwa vom finanziellen Standpunkt aus deutlich großzügiger als unsere Vorfahren«, schreibt der Philosoph. »Wir geben rund die Hälfte unseres Einkommens an das Gemeinwesen ab. Aber wir tun dies, fast ohne es zu realisieren, nämlich durch die anonymen Mechanismen unseres Steuersystems.« Und wir fühlten uns schon gar nicht mit jenen verbunden, für die unsere Steuern »saubere Wäsche, Suppe, ein Dach über dem Kopf oder die tägliche Dosis Insulin« finanzieren. Denn Steuern förderten weniger den Zusammenhalt als eher das egoistische Denken. »Weder Empfänger noch Geber empfinden das Bedürfnis, Danke oder Bitte zu sagen«, klagt de Botton. Daher komme es darauf an, für solche Situationen einen geeigneten Rahmen zu schaffen, der auch die menschliche Dimension hinter solchen Transaktionen sichtbar mache. Und das könne man von den Religionen durchaus lernen, argumentiert er.

Dass man ihm Naivität vorwerfen kann, ist de Botton dabei durchaus bewusst. Und dass es in der Geschichte schon früher ähnliche Versuche gegeben hat, die kläglich scheiterten, thematisiert er selbst in seinem Buch. Ihm geht es auch gar nicht im Ernst darum, nun eine neue Form der Religion zu schaffen, sondern viel bescheidener darum, »einige der Lektionen zu identifizieren, die wir von den Religionen lernen können«.

Und da, so ist Alain de Botton überzeugt, gebe es genügend Stoff aufzuarbeiten. »Die Weisheit der Religionen gehört allen Menschen, selbst den rationalsten unter uns, und sie verdient es, dass ihre besten Teile auch von den größten Gegnern des Übernatürlichen wieder aufgegriffen werden.«