AntarktisDer Drink aus dem Eis

Im Basislager einer historischen Südpolexpedition stieß man auf hundert Jahre alten Whisky. Chemiker haben sein Geheimnis gelüftet – und ihn neu aufgelegt. von Angelika Franz

Hütte Antarktis Expedition Sheckleton

Im Eis unter dieser Hütte schlummert ein kostbarer Tropfen. Shackleton und seine Begleiter ließen bei ihrer Expedition mehrere Flaschen Whisky zurück  |  © Getty Images

Männer gesucht für gefährliche Reise. Geringer Lohn, bittere Kälte, lange Monate kompletter Dunkelheit, ständige Gefahr, sichere Rückkehr ungewiss. Ruhm und Ehre bei Gelingen.« Mit dieser Zeitungsanzeige suchte der Entdecker Ernest Shackleton Reisegefährten für seine geplante Südpolexpedition. Die Männer, die er schließlich für sein Team auswählte, waren hart im Nehmen – und Trinken. So gehörten auch 25 Kisten Whisky zum Nahrungsmittelvorrat, den sie zu Beginn des Jahres 1908 im Basislager am Cape Royds auf Ross Island verstauten – zusammen mit zwölf Kisten Brandy und sechs Kisten Port. Der Vorrat schwand schnell. Bei einer mittwinterlichen »Weihnachtsparty« im Juni 1908 leerte allein der Schotte Alistair Mackay, zweiter Chirurg des Teams, zwei Drittel einer Flasche, bevor er ins Alkoholkoma fiel.

Einer der Männer muss Angst bekommen haben, als er sah, wie schnell sich die Flaschen leerten. Er zweigte fünf Kisten aus dem Vorrat ab. Zwei davon enthielten Brandy der australischen Hunter-Valley-Destillerie in Allandale, die drei restlichen Whisky aus der Heimat: »Rare old Highland malt whisky, blended and bottled by Chas. Mackinlay & Co«. Er versteckte sie unter dem Boden der Hütte. Das damalige Basislager hat heute historischen Wert: Von 2004 an ließ der Antarctic Heritage Trust vier antarktische Sommer lang die Hütte restaurieren – und fand dort auch die versteckten Spirituosen.

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Für Whiskyliebhaber und Wissenschaftler war dieser Fund eine Sensation: »Ein Geschenk des Himmels!« nannte ihn Richard Paterson, Masterblender von Whyte & Mackay. Das Unternehmen hatte vor einigen Jahren Mackinlay & Co. aufgekauft und ist damit der rechtmäßige Nachfolger des Expeditionslieferanten. Unter strengen Auflagen bekam Whyte & Mackay im Januar 2011 die Erlaubnis, drei Flaschen nach Schottland zu holen. So ein rarer Tropfen durfte natürlich nicht einfach mit der Post verschickt werden. Also nahm Firmenchef Vijay Mallya sich der Sache persönlich an. Der indische Milliardär besitzt nicht nur Whyte & Mackay, sondern auch ein Formel-1-Team, einige Fußballclubs, die Sandalen und die Brille von Mahatma Gandhi – und einen Privatjet. In dem brachte Paterson die Flaschen nach Schottland, die roten Kühlbehälter zur Sicherheit mit Handschellen an seine Handgelenke gekettet.


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Der Zweck der Aktion: aus jeder Flasche 100 Milliliter zu entnehmen, den Whisky zu kosten, zu analysieren und – nachzumachen. Im Permafrost hatte er unter perfekten Lagerbedingungen ein ganzes Jahrhundert überdauert; einmal in Flaschen abgefüllt, altert Whisky nicht weiter. Er bot also die Chance, das Originalgeschmacksprofil wiederzuentdecken.

Der Polarforscher Shackleton hatte die um 1900 sehr beliebte Whiskymarke angeblich persönlich für seine Expedition ausgesucht. Es ging dabei wohl auch darum, der Kälte zu trotzen und den Geschmack des gewöhnungsbedürftigen Proviants hinunterzuspülen. Die nicht verbrauchten Vorräte stehen noch heute in den Regalen der restaurierten Hütte: getrockneter Spinat und Pfefferminze, gekochte Nieren, irische Sülze, Markfett, gekochte Steaks, Kutteln, Bückling. Und Pemmikan – eine Mischung aus Dörrfleisch mit Fett, erhältlich in zwei Varianten: eine für Hunde, eine für Menschen.

ZEIT Wissen 1/2013
ZEIT Wissen 1/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

In dieser Hütte hatten Shackleton und seine Leute einen antarktischen Winter verbracht, bevor sie zur Expedition aufbrachen. Die eine Gruppe sollte erstmals den magnetischen Südpol erreichen – was gelang. Die andere machte sich unter Shackletons Leitung auf den Weg zum geografischen Südpol. Doch 180 Kilometer vor dem angestrebten Ziel mussten die Männer umkehren. Weil Robert Scott und Roald Amundsen ihren legendären Wettlauf zum Südpol erst drei Jahre später starteten, stellte Shackleton dennoch einen Rekord auf: Niemals zuvor war jemand so weit gen Süden vorgedrungen. Zurück in London, schlug ihn König Edward VII. zum Ritter.

Dass er 180 Kilometer vor dem Ziel umgekehrt war, trug sogar positiv zu Shackletons Image bei. Er wollte den Ruhm nicht mit dem Leben seiner erschöpften Leute bezahlen. Die Transportschlitten mussten sie selber ziehen, weil ihre Hunde und Ponys längst verendet waren. Sie waren geschwächt von den Strapazen und vom Durchfall, die Vorräte wurden knapp. Nur mit Mühe erreichten sie ihr Schiff Nimrod. Der Whisky blieb in der Antarktis zurück.

Leserkommentare
  1. ein deutscher frachter versenkt welcher auch weissbier geladen hatte. um die letzte jahrhundertwende holten taucher flaschen hoch. aus jenen wurde der hefestam entnommen mit dem heute in uppsala das sogenannte vraköl weissbier gebraut wird.

  2. Ich frage mich, ob diese gefundene Geschmacksnuance nicht u.U. auch der Tatsache geschuldet ist, dass bei der Verkostung aufgrund des Wissens um den spektakulären Fundort der Odem der Lagerfeueromantik durch den Raum waberte...

    Wie subjektiv und beeinflussbar menschliches Empfinden ist, ist hinlänglich bekannt.

    Allein das Wissen, dass es sich um einen teuren, bzw. traditionell als exquisit eingestuften Whisky handelt, lässt ihn uns als wohlschmeckender empfinden, als bei Blindverkostung.
    Wurde per Versuch ermittelt und festgestellt.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Polarforschung | Südpol | Antarktis | Whiskey | Alkohol | Chemie | Schottland
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