ZEIT Wissen:  Herr Joas, glauben Sie?

Hans Joas:  Ja.

ZEIT Wissen: Woran?

Joas: Ich dachte, Sie reden vom christlichen Glauben. An eine Erdgöttin glaube ich jedenfalls nicht.

ZEIT Wissen: Was ist das überhaupt, Glauben ?

Joas: Ein sehr starkes Gefühl von Gewissheit und Vertrauen. Wir müssen unterscheiden zwischen der umgangssprachlichen Verwendung von »Glauben« im Sinne eines Nicht-ganz-sicher-Wissens und religiösem »Glauben« im Sinne einer solchen Haltung des Vertrauens und der Gewissheit vor aller Reflexion.

ZEIT Wissen: Wenn ich jetzt sage: Ich glaube nicht – habe ich etwas falsch gemacht?

Joas: So würde ich nie reden. Auch der militanteste Atheist weiß ja, was ein tief sitzendes Vertrauensgefühl ist. Wir alle würden seelisch zusammenbrechen, hätten wir nicht Erfahrungen der Geborgenheit bei anderen Menschen. Solche Erfahrungen, die fundamentale Gewissheiten konstituieren, sind allen Menschen zugänglich. Von da aus ist der Zugang zum Glauben im anspruchsvolleren Sinn zu bahnen.

ZEIT Wissen: Es ist also kein Bezug auf Gott oder Jesus Christus oder sonst wen nötig, um zu glauben?

Joas: Zunächst einmal nicht, wenn wir alle Arten des Glaubens einbeziehen wollen. Die fundamentale Erfahrung, von der ich spreche, nenne ich Selbsttranszendenz. Das soll ein bloß beschreibender psychologischer Begriff sein, weit entfernt noch von Transzendenz im Sinne eines Über-Irdischen. Selbsttranszendenz heißt: Wir werden aus den Grenzen unseres Selbst herausgerissen, indem wir einer starken, uns anziehenden Kraft begegnen.

ZEIT Wissen: In Ihrem neuen Buch Glaube als Option vertreten Sie die These, dass der christliche Glaube heute nur noch eine »Glaubensmöglichkeit« neben vielen anderen ist. Heißt das, dass ich auch als Ungläubiger selbsttranszendente Erfahrungen machen kann?

Joas: Selbstverständlich. Diese Erfahrung ist universell. So wie auch Liebesgefühle zum anthropologischen Grundbestand gehören. Es gibt ja keinen Menschen, der nicht wüsste, was Gefühle der Liebe sind. Alle Menschen haben Zugang zu diesen Erfahrungen. Sie deuten sie innerhalb ihres kulturellen Raums freilich höchst unterschiedlich.

ZEIT Wissen: Steht das Gefühl der Selbsttranszendenz in meiner Macht, oder widerfährt es mir?

Joas: Es ist wie mit der Kreativität: Ich kann sie nicht erzwingen. Inspiration ist auch nicht steuerbar, sondern die Erfahrung, dass ein Geist in mich fährt. Konkreter: Wenn ich ein Problem kreativ lösen will, brauche ich eine spezifische Form der Entspannung bei gleichzeitiger Konzentration auf die Situation. Ich muss mich zugleich distanzieren und öffnen können für eigene neue Impulse und neue Wahrnehmungen der Welt.

ZEIT Wissen: Kann man die Erfahrung der Selbsttranszendenz nicht auch im Fußballstadion machen oder bei einem Konzert? Wann kommt die Religion ins Spiel?

Joas: Tatsächlich gehören solche kollektiven Formen der Selbsttranszendenz für viele zu den intensivsten Erfahrungen überhaupt. Religionen offerieren für Erfahrungen der Selbsttranszendenz ein bestimmtes Repertoire an Deutungen. Atheisten halten genau diese Deutungen für Illusionen. Was wir brauchen, ist eine Auseinandersetzung über die Deutung von Erfahrungen, die wir teilen. Vorbei ist es dann mit dem Eindruck, Gläubige hätten ein Geheimwissen, das Nichtgläubigen prinzipiell verschlossen sei.

ZEIT Wissen: Religionen stellen aber Rahmen bereit, um bestimmte Erfahrungen erst zu machen – etwa Räume der Stille oder Meditationen im Kloster .

Joas: Erfahrungen der Selbsttranszendenz können einen völlig unerwartet überkommen, wie etwa das Sich-Verlieben in der ersten Minute einer Begegnung oder das Überwältigtwerden vom Mitleid mit einem anonymen anderen. Später merkt man dann allerdings oft, dass eine gewisse Stimmung bereits vorhanden war, die es in einer anderen Lebenslage nicht gegeben hat. Es ist aber völlig richtig: Religionen schaffen einen Raum, der Erfahrungen der Selbsttranszendenz ermöglicht. Jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen heißt für den Katholiken ja nicht, dass er immer eine sein Selbst mitreißende Erfahrung macht, sondern dass er diese bestimmte Erfahrung garantiert nicht machen wird, wenn er nicht geht.