Glaube "Diese Erfahrung ist universell"

Auch Atheisten kennen die Erfahrung der Selbsttranszendenz. Sie deuten diese nur anders als religiöse Menschen.

ZEIT Wissen: Herr Joas, glauben Sie?

Hans Joas: Ja.

ZEIT Wissen: Woran?

Joas: Ich dachte, Sie reden vom christlichen Glauben. An eine Erdgöttin glaube ich jedenfalls nicht.

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ZEIT Wissen: Was ist das überhaupt, Glauben?

Joas: Ein sehr starkes Gefühl von Gewissheit und Vertrauen. Wir müssen unterscheiden zwischen der umgangssprachlichen Verwendung von »Glauben« im Sinne eines Nicht-ganz-sicher-Wissens und religiösem »Glauben« im Sinne einer solchen Haltung des Vertrauens und der Gewissheit vor aller Reflexion.

Hans Joas

ist einer der profiliertesten Soziologen in Deutschland. Nach Professuren in Erlangen, Berlin und Erfurt ist der 64-Jährige nun Permanent Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies und Professor an der University of Chicago. Im Sommersemester 2012 hatte Joas als erster Wissenschaftler die neu geschaffene Gastprofessur der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung an der Universität Regensburg inne. Sein jüngstes Buch Glaube als Option erschien im Juni im Herder Verlag.

ZEIT Wissen: Wenn ich jetzt sage: Ich glaube nicht – habe ich etwas falsch gemacht?

Joas: So würde ich nie reden. Auch der militanteste Atheist weiß ja, was ein tief sitzendes Vertrauensgefühl ist. Wir alle würden seelisch zusammenbrechen, hätten wir nicht Erfahrungen der Geborgenheit bei anderen Menschen. Solche Erfahrungen, die fundamentale Gewissheiten konstituieren, sind allen Menschen zugänglich. Von da aus ist der Zugang zum Glauben im anspruchsvolleren Sinn zu bahnen.

ZEIT Wissen: Es ist also kein Bezug auf Gott oder Jesus Christus oder sonst wen nötig, um zu glauben?

Joas: Zunächst einmal nicht, wenn wir alle Arten des Glaubens einbeziehen wollen. Die fundamentale Erfahrung, von der ich spreche, nenne ich Selbsttranszendenz. Das soll ein bloß beschreibender psychologischer Begriff sein, weit entfernt noch von Transzendenz im Sinne eines Über-Irdischen. Selbsttranszendenz heißt: Wir werden aus den Grenzen unseres Selbst herausgerissen, indem wir einer starken, uns anziehenden Kraft begegnen.

ZEIT Wissen: In Ihrem neuen Buch Glaube als Option vertreten Sie die These, dass der christliche Glaube heute nur noch eine »Glaubensmöglichkeit« neben vielen anderen ist. Heißt das, dass ich auch als Ungläubiger selbsttranszendente Erfahrungen machen kann?

Joas: Selbstverständlich. Diese Erfahrung ist universell. So wie auch Liebesgefühle zum anthropologischen Grundbestand gehören. Es gibt ja keinen Menschen, der nicht wüsste, was Gefühle der Liebe sind. Alle Menschen haben Zugang zu diesen Erfahrungen. Sie deuten sie innerhalb ihres kulturellen Raums freilich höchst unterschiedlich.

ZEIT Wissen 1/2013
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

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ZEIT Wissen: Steht das Gefühl der Selbsttranszendenz in meiner Macht, oder widerfährt es mir?

Joas: Es ist wie mit der Kreativität: Ich kann sie nicht erzwingen. Inspiration ist auch nicht steuerbar, sondern die Erfahrung, dass ein Geist in mich fährt. Konkreter: Wenn ich ein Problem kreativ lösen will, brauche ich eine spezifische Form der Entspannung bei gleichzeitiger Konzentration auf die Situation. Ich muss mich zugleich distanzieren und öffnen können für eigene neue Impulse und neue Wahrnehmungen der Welt.

ZEIT Wissen: Kann man die Erfahrung der Selbsttranszendenz nicht auch im Fußballstadion machen oder bei einem Konzert? Wann kommt die Religion ins Spiel?

Joas: Tatsächlich gehören solche kollektiven Formen der Selbsttranszendenz für viele zu den intensivsten Erfahrungen überhaupt. Religionen offerieren für Erfahrungen der Selbsttranszendenz ein bestimmtes Repertoire an Deutungen. Atheisten halten genau diese Deutungen für Illusionen. Was wir brauchen, ist eine Auseinandersetzung über die Deutung von Erfahrungen, die wir teilen. Vorbei ist es dann mit dem Eindruck, Gläubige hätten ein Geheimwissen, das Nichtgläubigen prinzipiell verschlossen sei.

ZEIT Wissen: Religionen stellen aber Rahmen bereit, um bestimmte Erfahrungen erst zu machen – etwa Räume der Stille oder Meditationen im Kloster.

Joas: Erfahrungen der Selbsttranszendenz können einen völlig unerwartet überkommen, wie etwa das Sich-Verlieben in der ersten Minute einer Begegnung oder das Überwältigtwerden vom Mitleid mit einem anonymen anderen. Später merkt man dann allerdings oft, dass eine gewisse Stimmung bereits vorhanden war, die es in einer anderen Lebenslage nicht gegeben hat. Es ist aber völlig richtig: Religionen schaffen einen Raum, der Erfahrungen der Selbsttranszendenz ermöglicht. Jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen heißt für den Katholiken ja nicht, dass er immer eine sein Selbst mitreißende Erfahrung macht, sondern dass er diese bestimmte Erfahrung garantiert nicht machen wird, wenn er nicht geht.

Leser-Kommentare
  1. ...gibt es übrigens eine ganze Menge. Z.B. in den Gebetbüchern des Protestantismus, z.B. Habermann, Gerhard etc., z.B. im Pietismus, bei J S Bach, bei Bonhoeffer und und und.

    Wer sowas bestreitet, besitzt nicht einmal Halbwissen.

    Herzlichst,

    Bandhagen

    Antwort auf "Halbwissen?"
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    Ich habe nicht bestritten, dass es evangelische Spiritualität gibt. Ich schrieb, dass der Bildersturm, das Abschaffen von Heiligen- und Marienverehrung Menschen sprituelle Heimat genommen hat.

    Das heißt ja nicht, dass es nicht auch protestantische Spiritualität gibt und nicht für jeden war /ist es schlimm, wenn bestimmte Riten, Feiertage etc. abgeschafft werden, für viele macht das jedoch einen wichtigen Teil ihres religiösen Erlebens aus. Ihnen geht es offenbar nicht so, schön für Sie. Andere erleben es eben anders ...

    Ich habe nicht bestritten, dass es evangelische Spiritualität gibt. Ich schrieb, dass der Bildersturm, das Abschaffen von Heiligen- und Marienverehrung Menschen sprituelle Heimat genommen hat.

    Das heißt ja nicht, dass es nicht auch protestantische Spiritualität gibt und nicht für jeden war /ist es schlimm, wenn bestimmte Riten, Feiertage etc. abgeschafft werden, für viele macht das jedoch einen wichtigen Teil ihres religiösen Erlebens aus. Ihnen geht es offenbar nicht so, schön für Sie. Andere erleben es eben anders ...

  2. und so viel Nicht-Verstehen.
    Ich bin sicher (wie ganz gut ausgeführt wurde: ich glaube), dass Jesus Christus gegen viele der kirchlichen Riten und für viele der atheistischen Meinungen wäre. Dass er keiner der traditionellen Kirchen angehören würde und auch kein Märchenbuch-Held ist.
    In meinem Verständnis kommt es darauf an, Ihn zu erkennen, nicht das, was die Menschen in all den Jahrhunderten aus ihm gemacht haben. Das lohnt sich...

    2 Leser-Empfehlungen
  3. "jene Elemtarteilchen, die am leichtesten/besten Relationen zueinander herstellen, sind erfolgreich im evolutionären Prozess;"
    Der Satz ist Quatsch. Elementarteilchen existieren total unabhaengig davon, wie sie sich zu anderen Elementarteilchen verhalten.

  4. Habe ich nicht?
    Dann werde ich demnächst einen Aztekentempel hier bauen und wieder Menschenopfer - alles Freiwillige natürlich - einführen - natürlich öffentlich für alle!

    Offenes Beten auf der Straße und auch Prozessionen, sind sehr zwiespältig. Ich kann dem nicht unbedingt ausweichen. Schlimmer ist jedoch, wenn ein Imam mir zuruft Minutenlang: Gott ist groß, Gott ist mächtig - dann möchte ich schon sagen, dass ich davon, wenn ich da wohne, negativ in meinem Wohnraum beeinflusst werde. Und so eine Kirchenglocke schallt auch zu mir rein - ins Private. Schon mal daran gedacht? Ich kann dem nicht ausweichen!

    Mal sehen wie weit die Religionsfreiheit geht, wenn ich Freiwillige opfere - oder sie sich selbst opfern. Alle finden sicher das Ritual wunderschön und "transzendental", wenn man gute Musik laufen lässt.
    Und das ist mein großes Problem:
    Allein der Glaube an etwas, bzw. Religion an sich, zeigt nämlich nicht, ob dies tatsächlich allen Menschen zugänglich gemacht werden muss. Meist basiert es auf Ritualen, die den Geist beeinflussen - ob es nützt, und ob man sich belügen will bzw. in einen Rauschzustand versetzen will durch Rituale - das ist der Punkt an Religion der mich sehr, sehr stört.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Relegionsfreiheit"
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    ich muss sagen mir fehlt ein wenig das Verständnis für ihren Beitrag...
    Riten ? die man nicht versteht!, bzw deren Ziel man nicht erreichen will, sollte man nicht ausführen.
    blinder Glaube ist nicht das Nonplus Ultra da stimme ich zu.
    und auch die Penetration von sogenannten Predigern auf offener Straße kann sehr nervtötend, aber auch lustig sein.
    Das alles hat allerdings herzlich wenig mit dem zutun, was in diesem Artikel geschrieben wird, nämlich dass die Religionen nicht versteckt werden müssen (das heisst ja nicht, dass ich deswegen allen von meiner achso tollen Religion erzählen muss) sondern öffentlich Gestalt annehmen können und das würde auch meiner Meinung nach viel Farbe und Leben in den Alltag bringen.

    Also zunächst gilt es mal zu sagen, dass eine Religion, in welche Menschenopfer gebracht werden in Deutschland verfassungswidrig wäre. Auch können Sie nicht einfach willkürlich Religionen gründen und sich anschließend auf Artikel 4 des GG berufen. Dieses Thema wurde mal ausführlich vom VerfG behandelt, wenn Sie möchten suche ich Ihnen das raus.
    Wenn Sie durch religiöse Praktiken anderer in Ihrem eigenen Recht eingeschränkt werden, dann überwiegt die Religionsfreiheit des anderen Ihre Rechte keinesfalls, und das hat hier auch niemand behauptet.

    ich muss sagen mir fehlt ein wenig das Verständnis für ihren Beitrag...
    Riten ? die man nicht versteht!, bzw deren Ziel man nicht erreichen will, sollte man nicht ausführen.
    blinder Glaube ist nicht das Nonplus Ultra da stimme ich zu.
    und auch die Penetration von sogenannten Predigern auf offener Straße kann sehr nervtötend, aber auch lustig sein.
    Das alles hat allerdings herzlich wenig mit dem zutun, was in diesem Artikel geschrieben wird, nämlich dass die Religionen nicht versteckt werden müssen (das heisst ja nicht, dass ich deswegen allen von meiner achso tollen Religion erzählen muss) sondern öffentlich Gestalt annehmen können und das würde auch meiner Meinung nach viel Farbe und Leben in den Alltag bringen.

    Also zunächst gilt es mal zu sagen, dass eine Religion, in welche Menschenopfer gebracht werden in Deutschland verfassungswidrig wäre. Auch können Sie nicht einfach willkürlich Religionen gründen und sich anschließend auf Artikel 4 des GG berufen. Dieses Thema wurde mal ausführlich vom VerfG behandelt, wenn Sie möchten suche ich Ihnen das raus.
    Wenn Sie durch religiöse Praktiken anderer in Ihrem eigenen Recht eingeschränkt werden, dann überwiegt die Religionsfreiheit des anderen Ihre Rechte keinesfalls, und das hat hier auch niemand behauptet.

  5. Ich habe nicht bestritten, dass es evangelische Spiritualität gibt. Ich schrieb, dass der Bildersturm, das Abschaffen von Heiligen- und Marienverehrung Menschen sprituelle Heimat genommen hat.

    Das heißt ja nicht, dass es nicht auch protestantische Spiritualität gibt und nicht für jeden war /ist es schlimm, wenn bestimmte Riten, Feiertage etc. abgeschafft werden, für viele macht das jedoch einen wichtigen Teil ihres religiösen Erlebens aus. Ihnen geht es offenbar nicht so, schön für Sie. Andere erleben es eben anders ...

  6. "Diese grenzenlose Überheblichkeit und der dabei bedingungslose Glaube an die eigene Toleranz ist Übelkeit erregend."

    Gut für Sie, daß Sie offenbar nicht mit einem Hang zu Übelkeit erregender Toleranz gestraft sind. Die Tage, in denen ich Atheismus für etwas eher positives, aufgeklärtes und progressives hielt, liegen etwas zurück. Mittlerweile ist auch das einfach nur noch peinlich, wie manche es vertreten. Am lautesten sind auch hier jene, mit deren Geblöke ich nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Wie das hingerotzte Spiegelbild fundamentalistisch-missionarischer Gläubiger. Toller Fortschritt, yeah. Irgendwelche Phrasen dreschen, kein Interesse den anderen zumindest nachvollziehen zu können.

    "Aber an einen namenlosen, gutmütigen Gott im Himmel, der zusieht, wie sein eigener Sohn zu Tode gefoltert wird, schon oder was?"

    LOL einfach nur. Ob Sie einen Text gut oder schlecht finden, ist Ihr Ding. Aber Sie haben klar nicht einmal verstanden, an was (in diesem Fall Christen) denn glauben. Beten aber eifrig Ihren Sarkasmus runter. Man wird nicht automatisch Christ (ja, Entwarnung), nur weil man trotzdem versucht, auch die Bibel mit etwas Verstand und Textgefühl zu lesen.

    Stephen Fry, Catholic Church is not a force for good. Das ist clever, und bringt Kritik sachlich vor ohne sich auf das Niveau von Geifer und Selbstgefälligkeit runter zu lassen, das manchen Gläubigen (zurecht, wie eben leider auch manchen Atheisten) und vor allem ihren Institutionen vorgeworfen wird.

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Überheblichkeit"
  7. warum sollte sie das nicht bedeuten? Warum genau sollte man im öffentlichen Raum nicht von sämtlichen religiösen Einflüssen befreit sein? Wieso glauben Sie, dass einen das nicht einschränkt?

    Beispiel? Glockengeläut z.B. stört mich tagsüber nicht, aber wenn ich am Wochenende die Fenster zu lassen muss, nur um mal Ausschlafen zu können, dann fühle ich mich schon gestört durch die Ausübung von Religion.

    Im Prinzip ist das vergleichbar mit dem Rauchen. Mich stört prinzipiell nicht, wenn >10m entfernt 5 Leute stehen und rauchen. Machen sie das aber nur 1m entfernt, oder vor meinem Wohnungsfenster, könnte ich immer die Axt auspacken. Speziell immer dann, wenn ich nicht fliehen kann, bin ich sehr ärgerlich, weil ich mich in meiner Freiheit eingeschränkt fühle.

    Antwort auf "Relegionsfreiheit"
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    Das ist der Punkt, das alles hat eben nichts mit Ihrer negativen Religionsfreiheit zu tun, sondern ggf. mit anderen Rechten. Diese müssen dann mit den Rechten der anderen abgewogen werden. Beim Glockengebimmel gleichermaßen wie beim Rauchen.

    Das ist der Punkt, das alles hat eben nichts mit Ihrer negativen Religionsfreiheit zu tun, sondern ggf. mit anderen Rechten. Diese müssen dann mit den Rechten der anderen abgewogen werden. Beim Glockengebimmel gleichermaßen wie beim Rauchen.

  8. 80. gott...

    lauter scheinheilige Kommentarprediger hier hab ich das Gefühl. :D
    ich find er hat gut beschrieben wie ähnlich Menschen sich, egal welcher Glaubensrichtung (wenn vorhanden) doch sind und bringt damit alle Menschen ein Stückchen näher zusammen.
    Und nur weil er sagt, dass er nicht an eine Naturgöttin (erste Glaubensrichtungen von daher fundamentalsten schon richtig) glaubt wendet er sich doch nicht gegen diesen Glauben.. in dem Glauben an Naturgötter ist allerdings kein Schimmer von Nächstenliebe zu finden, sondern wohl eher eine beliebige Allmacht verschiedener Gewalten, der sich die Menschen unterwerfen müssen. Also mir ist der Gedanke der Nächstenliebe wesentlich angenehmer auch wenn ich realistisch gesehn die Naturgötter dabei nicht ausschließen kann.
    Viele Leute unterwegs die viel zu meckern haben :D
    Meiner Meinung nach steht er Beispielhaft für eine Koexistenz der Glaubensrichtungen ein und sei es nun Atheismus.
    Denn wenn man glaubt, dass man nichts glaubt, glaubt man schließlich auch.

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