Nachhaltige KleidungDie Stoffe der Zukunft
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Ein Stoff, so pur wie möglich

Auf die Suche nach dem neuen Stoff hatte sich die Mikrobiologin gemacht, als ihr Stiefvater an Leukämie erkrankte. Sein Körper war so geschwächt, dass er keine normale Kleidung mehr tragen konnte; die Haut reagierte zu gereizt auf die Chemikalien, die bei der Produktion eingesetzt werden. Für ihn wollte Anke Domaske einen Stoff entwickeln, der so pur wie möglich war. Sie fand heraus, dass schon in den dreißiger Jahren Kleidung aus dem Milchprotein Kasein hergestellt wurde. Damals brauchte man aber viele chemische Zusatzstoffe bei der Herstellung. Sie wollte es mit natürlichen Mitteln schaffen, so wie auch die neue Generation der Zellulosefasern mit weniger Chemie auskommt.

Zutaten aus der Molkerei

Domaske kaufte einen Mixer und ein Thermometer, das Hobbyköche zum Einkochen verwenden, und begann, in der Küche zu experimentieren. Wenn sie erzählt, wie sie zum ersten Mal einen Faden aus der Masse herauszog, der nicht riss, klingt sie immer noch begeistert und staunend.

Die Zutaten liefert die Molkerei. Sie lässt die Milch sauer werden und schöpft die Proteinmasse ab. Daraus entsteht das trockene Pulver, das Anke Domaske in einem Becher auf dem Tisch stehen hat. Im Faserinstitut Bremen kann sie eine Maschine nutzen, die aus Kasein, Wasser und ein paar Geheimzutaten eine Masse knetet und Fäden presst. Die Zusätze sorgen dafür, dass der Stoff haltbar wird – auch wenn man ihn wäscht, löst er sich nicht auf. Zum Beweis, dass sie wirklich nur natürliche Zutaten verwendet, reißt die Erfinderin ein Stück Faden ab, steckt es in den Mund, kaut – und schluckt.

Bananen

Nach der Ernte werden die Pflanzen zurückgeschnitten, der Stamm wird zerkleinert, in Salzwasser eingeweicht und gekocht. Aus der getrockneten Masse lösen die Arbeiter die Fasern heraus, die sie reinigen, zu Garn spinnen und mit etwas Baumwolle zu einem Mischgewebe verarbeiten.

Eukalyptus

Weil diese Bäume schnell wachsen, eignen sie sich besonders gut als Rohstofflieferant. Das Holz wird zu einem Zellulosebrei aufgelöst und zu Fäden gepresst, aus denen Lyocell entsteht – ein ähnliches Verfahren wie bei Viskose, bei dem aber weniger chemische Hilfsmittel notwendig sind.

Lotuspflanzen

Burmesische Arbeiter brechen die Pflanzen einzeln auf und ziehen mit der Hand Fäden aus dem Stängel heraus, die wie Spinnenfäden aussehen. Diese spinnen sie und weben einen Stoff daraus, der an Wildseide erinnert. Massentauglich ist das Produkt nicht, sondern eher etwas für Liebhaber.

Mais

Die Firma Nature Works extrahiert Zuckerstoffe aus Pflanzen wie Mais und wandelt diese in das sogenannte Ingeo-Biopolymer um. Daraus lassen sich nicht nur Fasern formen, sondern auch Flaschen, Behälter und Folien, die Plastik ähneln. Derzeit gibt es T-Shirts und Socken aus der Faser.

Milch

Die Mikrobiologin Anke Domaske stellt Kleiderstoff aus Kasein her – ein Eiweiß, das in Milch vorkommt und sich zu Fasern verarbeiten lässt. Sie verwendet dazu nur Milch, die nicht in den Handel kommt, weil sie zum Beispiel zu viele Bakterien enthält.

Spinnenseide

Die unproduktivste Textilfabrik der Welt hat rund 80 Angestellte und steht auf Madagaskar. Sie gehört einem britischen Textildesigner und einem amerikanischen Kleinunternehmer und hat in acht Jahren nur zwei Kleidungsstücke hergestellt: einen Umhang und einen Schal.

Das weltberühmte Victoria and Albert Museum in London zeigte die beiden goldschimmernden Textilien Anfang des Jahres in einer Sonderausstellung. Das Besondere daran: Der Stoff besteht aus Spinnenseide, produziert von mehr als zwei Millionen Seidenspinnen.
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Napoleon besaß Kniestrümpfe aus Spinnenseide, seine erste Frau einen Schal. Heute fasziniert der Stoff nicht nur Textildesigner, sondern auch Mediziner. Spinnenfäden sind sehr reißfest und dehnbar, außerdem werden sie vom Organismus gut abgebaut.

Deshalb halten Forscher an der Medizinischen Hochschule Hannover mehrere Dutzend Seidenspinnen, die zweimal pro Woche an rotierenden Spindeln ihre Fäden abgeben. In Versuchen mit Schafen nähten die Mediziner einen Faden aus Spinnenseide zwischen verletzte Nervenenden im Hinterbein. Daran entlang wuchsen die Nervenfasern wieder zusammen. Bereits nach zwei Monaten konnten die Schafe ohne Schwierigkeiten laufen.

Schon lange träumen Materialforscher davon, Spinnenseide industriell herzustellen. Thomas Scheibel von der Universität Bayreuth hat E.-coli-Bakterien gentechnisch so verändert, dass sie das Seidenprotein der Spinne produzieren. Eine Firma vermarktet das Produkt. Einen Faden herzustellen, wie es die Spinne kann, ist aber noch nicht gelungen. Kein Wunder: Das Tier hat ein paar Millionen Jahre Vorsprung.

Die Milch, die Anke Domaske für ihren Stoff verwendet, ist ungenießbar. Für Rohmilch gelten strenge Anforderungen, damit sie als Lebensmittel in den Handel kommen darf, oft erfüllt sie diese nicht. Jährlich entsorgten die Agrarbetriebe etwa 1,9 Millionen Tonnen davon, sagt Anke Domaske. »Wir kurbeln also nicht die Milchproduktion an, sondern verwerten einen Rohstoff, der unvermeidbar anfällt.«

Aus dem Faden lässt sich entweder Milchseide pur weben, wie bei dem kleinen Gelben, oder ein Mischgewebe mit Viskose wie bei den anderen Kleidern auf der Stange. Die fühlen sich eher wie Baumwolljersey an, ein schwerer, dehnbarer T-Shirt-Stoff. Wie viele Chemikalien für die Weiterverarbeitung verwendet wurden, kann Anke Domaske nicht sagen, sie verkauft nur die Faser, den Rest machen andere. Ihr Ziel sei aber, völlig natürliche Kleidung herzustellen, sie experimentiere schon mit Lebensmittelfarbe. Bei der nächsten Präsentation wird sie dann womöglich ein Kleid anknabbern.

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Leserkommentare
  1. Man muß nur auf der Seite hier oben im Suchfeld den Begriff eingeben, dann wird man erschlagen von dem Unheil des Eukalyptus.

    Was die Ökologie angeht, hilft nur weniger konsumieren.

    Es gab schon Werbung, daß man mit einer Jeans 5 mal heiraten kann. Ist aber lange her.

    Wenn man unter die Naturfaser Kunststoff-Fasern mischt halten die sehr viel länger.

    Das ist viel umweltfreundlicher als alles Recycling und Co.

  2. Bei dem Titel könnte der Leser erwarten, daß die Autoren recherchieren. Naja - Glückssache.

    Die Republik Südafrika zum Beispiel muß Millionen US Dollar in sog. work for cash programs ausgeben, um den extrem invasiven Eukalyptus, der dort in Plantagen angebaut wird/wurde, wieder aus dem "Veld" (Savanne/Busch, wie es beliebt) zu bekommen.

    Das Zeucg ist eine Plage, jedenfalls dort, wo es nicht hingehört - Was auch immer Frau Schäfer unter "Nachhaltigkeit" versteht, weder Eukalyptusplantagen noch die Produktion von Kuhmilch sind auch nur im Entferntesten nachhaltig. Das ist schlicht Quatsch.

    (Ich möchte einmal die Wasser-, Futtermittel- und CO2-Bilanz dieser Klamotten sehen - derartige Informationen fehlen in Ihrem Artikel leider völlig. Das macht eine Kritik dieser Traumwelten sehr schwer.)

    Was hier propagiert wird, ist wieder nichts anderes als ein Loch mit einem größeren zu stopfen.
    Fasern aus Holz zu bewerben ist ungefähr so sinnvoll, wie den Import von Tropenholzmöbeln zu propagieren - oder haben Sie einmal die benötigten Mengen ausgerechnet und wieviel Waldflächen dafür gerodet werden mussten?

    Eine Leserempfehlung
  3. Da wird dann der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben!

  4. Ohje, der selbe Denkfehler wie bei dem "Bio"sprit:
    Monokulturen, Ressourcenverschwendung & Tierquälerei zur Befriedigung unserer nicht endenden Wünsche.
    https://albert-schweitzer...
    und wer lieber liest als sieht
    http://albert-schweitzer-...

    Guter Kommentar zum Wahnsinn Wachstum
    http://www.taz.de/1/archi...
    http://www.veistberlin.com/

  5. Was teilt der Artikel neues mit?
    Die "Kunstfasern", egal ob Regeneratzellulose oder vollsynthetisch, sind schon seit knapp 100 Jahren ein Thema.

    Was ist zu Beginn der Entwicklung das Motiv gewesen? Ging es vorrangig um "Werkstoffe nach Maß", oder war es auch damals schon schon eine Ressourcenfrage?
    Wie hat sich seither die Märkte für Naturfasern entwickelt? ....offenbar mit einem gigantischen Wachstum, - und die Viskose ist über das Immage des Ersatzstoffes nicht hinausgekommen.
    Wenn sich jetzt die Verhältnisse ändern - bitte, warum nicht.

    Im Übrigen:
    Ob die vorgestellten Regeneratfasern aus "unkonventionellen" Zellulosequellen Vorteile gegenüber vollsynthetischen Fasern (z.B. den genannten Polyestern) haben, kann sich nur in einer nüchternen ökonomischen Abwägung erweisen. Das Ergebnis ist keinesfalls gewiß.
    Das Argument, daß die Synthesefasern aus "endlichem" Erdöl erzeugt würden, kann nicht überzeugen, solange man es sich leisten kann die Atomkraftwerke zuzumachen, und stattdessen Mais, Holz und Erdgas zur Stromerzeugung zu verheizen.
    (Energie braucht man auch für die vorgestellten Naturstoff-Transformationen. Das muß nicht weniger sein als der Bedarf in einer Totalsynthese).

    Gegenüberstellungen des Kohlenstoffbedarfes von Energiesektor und chemischer Synthese hat man schon vor 50 Jahren angestellt. Mit der "Energiewende" verschiebt sich das Verhältnis bei uns derzeit. Früher hätte man das als bedenklich bezeichnet.

  6. 7. Ironie

    Das ist natürlich wunderbar, wenn die westliche Welt nicht nur Lebensmittel in den Tank kippt, sondern dank der fortschreitenden Technik auch noch anzieht.
    Ich bin sehr darauf gespannt, wie wir das den Millionen (ver)hungernden Kindern erklären wollen...

  7. Hanf, Flachs, Leinen?

    Hanf und Flachs wurden im Artikel ja auch erwähnt. Aber nein, lieber tankt man Lebensmittel und nun soll man auch Lebensmittel anziehen, wie der Kommentar über mir bereits zutreffend anmerkt. 1a!

    Und wieso verarbeitet man die Naturfasern nicht wie sie sind? Nein, da muss dann erst ein Brei aus den Fasern gemacht werden, aus dem dann neue Fasern gepresst werden? Was für ein unausgegorener Schwachsinn ist das eigentlich? Wer kommt auf solch glorreiche Ideen? Wahrscheinlich ist die Motivation dahinter, gleichmäßige und potentiell unendlich lange Fasern zu erhalten, damit man keine Knötchen im Stoff hat. Aber was schon wieder an Energie und Wasser in diese Umwandlungsprozesse gesteckt werden mag. So etwas würde meiner Meinung nach ja auch noch in den Artikel gehören.

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