Nachhaltige KleidungDie Stoffe der Zukunft

Weil Baumwolle knapp wird, suchen Hersteller nach neuen Materialien und stellen Kleidung aus Milch, Bananenfasern und Eukalyptus her. von Susanne Schäfer

Eine Baumwollpflückerin in der indischen Warangal-Region

Eine Baumwollpflückerin in der indischen Warangal-Region  |  © Noah Seelam/AFP/Getty Images

Glatt und kühl fühlt sich das kleine Gelbe an, ein bisschen wie Seide. Es hängt zwischen anderen Kleidern an einer Stange. Ein Zimmer weiter steht der Rohstofflieferant für den Stoff – kein Schaf, keine Baumwollpflanze, keine Seidenraupen. Sondern ein Becher mit Pulver, das aussieht wie Mehl und sich zwischen den Fingern stumpf anfühlt. Es ist Proteinpulver, aus Milch gewonnen.

Milchseide ist einer von vielen neuen Stoffen, die gerade auf den Markt kommen. Baumwolle wird in den nächsten Jahren voraussichtlich knapper und damit teurer. Deshalb suchen Textilunternehmen und Modelabels nach Alternativen. Sie probieren sich quer durch die Natur: Künftig sollen wir Mais, Soja und sogar Krabbenschalen am Körper tragen. Der Ökomode-Hersteller Hessnatur etwa bietet schon heute einen Schal aus Bananenfasern an, das italienische Label Loro Piana verarbeitet Fasern burmesischer Lotuspflanzen zu Anzügen.

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Aus den Experimenten werden wohl auch Stoffe entstehen, die den Fasermarkt neu strukturieren könnten: Der Textilexperte Andreas Engelhardt, Autor von Schwarzbuch Baumwolle, sieht eine große Zukunft für Stoffe aus Pflanzenfasern, die neue Viskose gewissermaßen. Seiner Einschätzung nach werden auf Zellulose basierende Fasern die stärksten Zunahmen erleben als Folge künftiger Engpässe bei Baumwolle. Er beobachtet, dass viele Textilunternehmen jetzt in die Herstellung von Zellulosefasern investieren. Der österreichische Hersteller Lenzing etwa vertreibt bereits einen Stoff, der aus dem Holz von Buchen und Eukalyptus entsteht.

Polyester statt Baumwolle?

Zwei Entwicklungen befeuern die Suche nach neuen Materialien. Zum einen steigt die Nachfrage nach Kleidung, weil die Weltbevölkerung wächst, in einigen bisher armen Regionen der Wohlstand steigt und die Modezyklen in den reichen Ländern kürzer geworden sind. Zum anderen werden Ackerflächen und Wasser zu begehrten Ressourcen, und gerade Baumwolle braucht enorm viel davon.

Obwohl die Baumwollproduktion immer noch steigt, sinkt der Anteil des Rohstoffs am weltweiten Fasermarkt bereits. 1990 waren weltweit 19 Millionen Tonnen verfügbar, was einem Anteil von 49 Prozent entsprach. Im Jahr 2000 gab es zwar 20 Millionen Tonnen Baumwolle, doch das entsprach lediglich einem Anteil von rund 40 Prozent, weil der weltweite Markt aller Fasern gewachsen war. Derzeit hat Baumwolle noch einen Anteil von 31 Prozent. Der enorme Stoffbedarf weltweit lässt sich immer weniger durch Baumwolle decken.

Ein Nachfolge-Kandidat ist Polyester. Das Material werde immer besser darin, Naturfasern nachzuahmen, und lasse sich besonders günstig herstellen, sagt Elke Hortmeyer von der Bremer Baumwollbörse. Dagegen prognostiziert Silvia Jungbauer vom Verband Gesamtmasche, der deutsche Textilunternehmen vertritt, dass die Preise für Chemiefasern steigen werden, weil auch Erdöl knapp wird – die Basis synthetischer Fasern. Außerdem akzeptierten die Kunden Polyester nicht immer, Unterwäsche und Nachthemden aus dem Material seien unbeliebt.

Der Verband setzt eher auf Fasern aus Naturstoffen, die nachwachsen. Dabei werden die Pflanzenfasern meist aufgelöst und zu einem Zellulosebrei verarbeitet, aus dem dann Fäden gepresst werden. Schon etwa seit 1900 ist dieses Verfahren aus der Herstellung von Viskose bekannt. Hier wird der Brei aus Holz gewonnen, allerdings braucht man für das Verfahren so viele Zusätze, dass Viskose als Chemiefaser gilt. Als zweite Generation der Zellulosefasern bezeichnet der Autor und Textilexperte Engelhardt das Modal, das meist aus Buchenholz gewonnen wird. In einem verbesserten Verfahren wurden die Fasern fester. Nun haben Hersteller zudem einen Weg gefunden, Holz schonender zu verarbeiten. Der Zellstoff wird mit ungiftigen Lösungsmitteln und ohne Natronlauge aufgelöst.

Experimente mit Maisabfällen

Zur dritten Generation der Zellulosefasern zählt Lyocell, ein Stoff aus Eukalyptus- oder Buchenholz. Zwar sind auch dafür Anbauflächen nötig, die man ebenso für Nahrungspflanzen nutzen könnte – aber weniger als für Baumwolle. Eukalyptusbäume wachsen schnell, der Ertrag pro Fläche ist also gut. Hans-Peter Fink, Leiter des Fraunhofer Instituts für Angewandte Polymerforschung in Potsdam, sieht in Lyocell eine umweltfreundliche Alternative zu Viskose. Flachs, Hanf und Bambus eignen sich ebenfalls für den Zellulosebrei, und offenbar auch Bananenpflanzen oder Soja, wie neuere Versuche zeigen.

Immer neue Rohstoffe nehmen sich die Erfinder vor. Viele legen Wert darauf, dass ihr Ausgangsmaterial üppig vorhanden ist. Garne aus Krabbenschalen entstehen aus Resten, die bei der Lebensmittelverarbeitung anfallen. Für die Sojaseide eignen sich Tofu-Abfälle. Für eine Art Biopolyester nutzen die Hersteller derzeit noch Mais, den man auch essen könnte, experimentieren aber schon mit Maisabfällen.

Die Textilunternehmen sind offen für solche Experimente. Davon profitiert auch Anke Domaske, die den Stoff aus Milch erfunden hat. Sie hat bereits viele Anfragen von Unternehmen. Im Moment produziert sie noch im Faserinstitut in Bremen, nächstes Jahr stellt sie sich ihre eigene Maschine in die Räume, die sie in Hannover gemietet hat. Dann kann sie größere Mengen herstellen. Ein Stoff, so pur wie möglich

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