Das Wunder von Bochum ist für elf Uhr anberaumt, die Oberbürgermeisterin ist gekommen, ein japanischer Erfinder, der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen und ein deutscher Klinikdirektor. Und natürlich der Gelähmte, der gleich aufstehen und wieder gehen soll.

Dies ist ein Ereignis von biblischer Wucht, und entsprechend groß ist der Andrang im Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil. Eine rote Laufbahn markiert die zehn Meter, die der Querschnittgelähmte zurücklegen soll, am Ende gleißendes Licht wie aus einer Nahtoderfahrung, es sind aber nur die Scheinwerfer der Fernsehkameras. Am Anfang der Bahn sitzt ein lächelnder Mann auf einem Hocker: Philippe von Gliszynski, 35. Normalerweise kann er seine Beine nicht bewegen.

Nun steckt er bis zur Hüfte in einem Exoskelett: einer Roboterhose mit Sensoren unter den Schuhen und elektrisch bewegten Gelenken an Knien und Füßen. Gleich soll er losgehen, aber vorher wird noch geredet.

»Es gibt selten so schöne Termine wie diesen«, sagt die Oberbürgermeisterin.

»Das ist der erste Ort außerhalb Japans, wo die Technik zum Einsatz kommt«, sagt der Minister.

»Das ist unsere Apollo-Mission«, sagt der Geschäftsführer der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie, sie finanziert die Exoskelett-Forschung.

»Wir haben pro Jahr 1.000 neu verletzte Patienten in Deutschland«, sagt der Klinikdirektor.

»This is important«, sagt Yoshiyuki Sankai, der Erfinder, und macht ein Foto vom Publikum.

Hinten im Saal sitzt Mirko Aach in seinem Rollstuhl, ein Assistenzarzt mit langen Haaren. Wenn dies eine Apollo-Mission ist, dann ist er der Neil Armstrong. Aach war der erste Europäer, der seinen Fuß in eines der japanischen Exoskelette gesetzt hat, er ist selbst querschnittgelähmt. Philippe von Gliszynski ist sein Patient. Und der steht nun auf.

Robotergelenke knarzen, Motoren surren, das rechte Bein macht einen Schritt, dann das linke, von Gliszynski schiebt einen Rollator ein Stück vorwärts, stakst weiter wie eine Marionette, die sich selbstständig gemacht hat. Zehn Meter geht er so, dreht um, geht wieder zurück, er hat nun rote Wangen vor Anstrengung. »Science-Fiction wird Wirklichkeit«, steht am nächsten Tag im Kölner Express.

Gibt es Hoffnung für die schätzungsweise 100.000 betroffenen Menschen in Deutschland, eines Tages wieder ihre gelähmten Gliedmaßen nutzen zu können? Mirko Aach soll das herausfinden. Unter der Leitung von Klinikdirektor Thomas Schildhauer und Oberärztin Renate Meindl hat er eine Vorstudie gemacht mit fünf Probanden im Rollstuhl, ihn selbst eingeschlossen. »Sensationell« nennt er die ersten Ergebnisse. Er sagt aber auch: »Man darf keine falschen Hoffnungen wecken.«

Es geht nicht nur um neue Technik. Es geht auch um die große Frage nach dem glücklichen Leben. Es geht darum, wie man weitermachen soll, wenn einen das Schicksal aus der Bahn geworfen hat. Der Architekt Philippe von Gliszynski wollte kurz vor Silvester 2010 das Dach eines Reitstalls vom Schnee befreien, damit die Kinder darunter spielen konnten. Er brach ein und fiel drei Meter tief auf den Betonboden. Der Sportstudent Mirko Aach stürzte 1999 beim Snowboarden und wachte in einem Krankenhaus wieder auf. Er war 26 Jahre alt.

An einem Montag ein paar Wochen nach dem Pressetermin rollt Mirko Aach um 7.30 Uhr ins Foyer der Klinik, kurvt um die Zimmerpalmen, stoppt. Er trägt ein weißes Poloshirt, eine weiße Hose und weiße Turnschuhe, er sieht aus wie die anderen Ärzte hier. Bis auf den Rollstuhl. Kann ein halb Gelähmter ein ganzer Arzt sein?