ExoskeletteDie Auferstehung
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 Noch sind Exoskelette zu teuer für den Hausgebrauch

Aach gibt seinen Rädern Schwung und rollt voran durch die Flure der Abteilung für Rückenmarksverletzte, raus aus dem Hauptgebäude, rein ins Zentrum für neurorobotales Bewegungstraining, wo Philippe von Gliszynski an diesem Morgen erwartet wird. Später muss er noch operieren.

»Wir dürfen nicht behaupten: In fünf Jahren wird jeder, der heute im Rollstuhl sitzt, mit einem Exoskelett rumlaufen«, sagt Aach. Viele Patienten nähmen jede Nachricht über vermeintliche Heilungschancen begierig auf. »Die klammern sich an nicht belastbare Strohhalme.« Er war selbst so, nach seinem Unfall. Er werde wohl nie wieder gehen können, sagten ihm die Ärzte damals. Bei mir ist das anders, habe er gedacht, das wird schon. Es wurde aber nicht. Sein Körper blieb teilgelähmt vom achten Brustwirbel abwärts: Von den Zehen bis drei Finger breit unter den Brustwarzen hat er zwar ein fast normales Berührungsempfinden und kann auch einzelne Muskelgruppen ansteuern, aber seine Beine etwa kann er nicht koordiniert bewegen.

Für die Reha wurde Aach nach Bochum verlegt. Wenn es stimmt, dass sich in Grenzsituationen der Charakter eines Menschen offenbart, dann zeigte Mirko Aach in jenen Wochen, dass er eine Kämpfernatur ist. Er saß nun im Rollstuhl und baute trotzdem weiter mit einem Freund Snowboards, die er über das Internet verkaufte. Seine Freundin blieb bei ihm, sie sind heute verheiratet. Er schrieb auch noch eine Klausur in Sport, aber er merkte: »Das war nicht mehr das, was ich wollte.« Ob man als Querschnittgelähmter Medizin studieren könne, fragte er die Oberärztin, die ihn in Bochum behandelt hatte. Kann man, sagte sie, er müsse ja nicht gleich Chirurg werden.

Aach schrieb sich für ein Medizinstudium in Münster ein. Mit Kommilitonen paukte er regelmäßig für die Prüfungen, zu Partys trugen sie ihn die Treppen hoch, nach sechs Jahren war er – Arzt in der Chirurgie. Die Oberärztin, Renate Meindl, ist heute seine Chefin. »Er ist zäh«, sagt sie, »er hat das Leben trotz seiner Behinderung bejaht.« Im Frühjahr 2011 fragte sie ihn, ob er die Exoskelett-Studie betreuen wolle.

Auf Medizinmessen hat Aach verschiedene Exoskelette begutachtet. Die Hersteller drängen nach Deutschland und buhlen um Kunden. In den meisten Modellen wird man festgeschnallt, und der Roboter trägt einen durch die Welt, gesteuert etwa mit einem Joystick. Die Bochumer Mediziner suchten stattdessen ein Gerät, mit dem Patienten aktiv ihre Bein- und Rumpfmuskulatur trainieren, und zwar zunächst auf dem Laufband in der Klinik. Dann nämlich, so die Hoffnung, könnten sie auch ohne Gehmaschine besser den Alltag meistern. Denn mit 50.000 Euro und mehr sind die Exoskelette noch zu teuer für den Hausgebrauch.

Sie stießen auf die Erfindung von Yoshiyuki Sankai, Professor an der University of Tsukuba in Japan. »Hal« hat Sankai seinen Roboteranzug genannt, eine Abkürzung für Hybrid Assistive Limb (hybride Hilfsgliedmaße). Hal wird durch die schwachen Muskelaktivitäten und Nervenreize gesteuert, die vielen Gelähmten noch geblieben sind. Restfunktionen, sagen Mediziner. Elektroden auf Oberschenkeln und Knien messen elektrische Signale, wenn der Gelähmte die Beine bewegen will, und ein Minicomputer steuert dann den Motor für die entsprechende Bewegung an. Etwa jeder vierte Querschnittgelähmte eigne sich für das Training mit dieser Technik, schätzt Klinikdirektor Schildhauer.

Mirko Aach traf Sankai im November 2011 – im Einkaufszentrum von Tsukuba. Die japanische Kleinstadt nordöstlich von Tokio ist berühmt für ihre Forschungskultur. Im Einkaufszentrum betreibt Sankais Firma Cyberdyne das Hal Fit Center, eine Mischung aus Robotermuseum, Fitnessstudio und Reha-Labor. »Wahnsinn«, sagt Aach, »da wurde ich von einem kleinen Roboter begrüßt.« Cyberdyne verkauft die Exoskelette nicht, sondern vermietet sie. Derzeit sind 300 Hal-Systeme an 125 japanischen Kliniken im Einsatz. Zwei Stunden betreutes Training im Hal Fit Center kosten 160 Euro.

Im Trainingsraum vermaßen Sankais Assistenten Aachs Nervenreize und schnallten ihm das Exoskelett an. Dann halfen sie ihm auf das Laufband, rechts und links Haltegriffe, vor ihm ein Spiegel. Zwölf Jahre lang hatte er seine Beine durch die Welt gerollt, oft verkrampften sie, doch als das Laufband langsam anlief, schienen sie plötzlich seinen Befehlen zu gehorchen. Mirko Aach, der Cyborg aus Bochum, konnte gehen. Was war das für ein Gefühl? Aach zuckt mit den Schultern. Er sagt: »Das war eine gute Erfahrung. Aber wenn man zwölf Jahre im Rollstuhl saß, ist man damit eleganter unterwegs.« Es gibt Dinge, die ihn mehr nerven als der Rollstuhl. Wenn er einmal zwei Stunden als Fußgänger umherspazieren könnte, hat er einem Magazin für Querschnittgelähmte gesagt, dann würde er gern als Erstes im Stehen und mit vollem Strahl an einen Baum pinkeln, statt sich, wie jetzt mehrmals täglich, einen Katheter durch den Penis in die Blase zu schieben. Diesen Wunsch würde auch ein Roboteranzug nicht erfüllen.

In einem Standardtest messen Mediziner, wie schnell Querschnittgelähmte mit einem Hilfsmittel wie einem Rollator zehn Meter zurücklegen. Aach brauchte dafür knapp 60 Sekunden, bevor er nach Japan flog. Das Training auf dem Laufband in Tsukuba stärkte seine Bein- und Rumpfmuskeln. Schon nach fünf Tagen schaffte er die zehn Meter in 35 Sekunden. Allerdings haben die Japaner den Nutzen des Exoskelett-Trainings noch nicht systematisch untersucht. Das wollen die Bochumer Forscher nun nachholen. Yoshiyuki Sankai hat ihnen fünf Exemplare ausgeliehen, angefertigt für europäische Körpermaße.

Eine Krankengymnastin klebt Philippe von Gliszynski die Elektroden ans Bein, als Mirko Aach in das Zentrum für Bewegungstraining rollt. Aach erlaubt sich einen Spaß über dessen »DDR-Gedächtnis-Trainingsanzug«, von Gliszynski fragt zurück, ob Aach mit seinem Bart und dem Pferdeschwanz an den Störtebeker-Festspielen teilnehmen wolle. Aach ist hier der Arzt, aber er ist auch ein Leidensgenosse.

Von Gliszynski ist von den Füßen bis zum zwölften Brustwirbel gelähmt, etwas unterhalb des Bauchnabels. Bevor er zum ersten Mal mit dem Exoskelett trainierte, konnte er sich aufrecht nur in einem Gehwagen vorwärtsschieben, der ihm bis unter die Achseln reichte. Heute kann er 140 Meter ohne Exoskelett an einem gewöhnlichen Rollator gehen. Die zehn Meter legt er in 27 Sekunden zurück, früher brauchte er dreimal so lange.

Leser-Kommentare
  1. Dass Deutschland als Land des Maschinenbaus da so wenig zu bieten hat,ist eine Schande.

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    ...oder A-Klassen, die wie Tapire aussehen.

    ...oder A-Klassen, die wie Tapire aussehen.

  2. ...oder A-Klassen, die wie Tapire aussehen.

    Eine Leser-Empfehlung
    • DaniB
    • 08.03.2013 um 19:49 Uhr

    Eine sehr unpassende Überschrift, wie ich finde. Es vermittelt, dass Rollstuhlfahrer eigentlich tot sind und erst durch dieses technische Monstrum wieder zum Menschen werden. Ich würde dieses Teil niemals im Alltag nutzen. Zu Therapiezwecken, wenn es irgendwann Standard ist, ok... aber darüberhinaus sicher nicht. Ich bin mit dem Rollstuhl sowieso schon schneller als jeder Fußgänger. Und mit diesem Monsterdings würde ich weit hinter allen zurückbleiben. Nein danke, ich bleibe sitzen!

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    Tatsächlich ein guter Titel, wenn man ihn sehr wörtlich betrachtet und nicht im religiösen Kontext.

    Tatsächlich ein guter Titel, wenn man ihn sehr wörtlich betrachtet und nicht im religiösen Kontext.

  3. Tatsächlich ein guter Titel, wenn man ihn sehr wörtlich betrachtet und nicht im religiösen Kontext.

    Antwort auf "Auferstehung?"
    • DaniB
    • 09.03.2013 um 23:49 Uhr

    .... finde ich es einen guten Titel, weil dieses Teil in keinster Weise eine Alternative zum Rollstuhl ist. Und aufstehen konnte ich bisher auch. Mit Gurten, in Holmen etc. Ähnlich alltagstauglich also.

    Finde es ja an sich nicht verkehrt, aber es mich nervt total, dass dieses Ding schon wieder so übertrieben gefeiert wird...

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