KolumbienKommando Koks

Kolumbiens Drogenbosse rüsten auf – und der Staat hält dagegen. Auf einer eigenen Kokaplantage lernt die Polizei, wie man die Pflanze effektiv ausrottet. von Florian Meyer-Hawranek

Die Antidrogenpolizei sprengt ein Kokainlabor im kolumbianischen Departamento Meta, nachdem sie Drogen und Chemikalien beschlagnahmt hat.

Die Antidrogenpolizei sprengt ein Kokainlabor im kolumbianischen Departamento Meta, nachdem sie Drogen und Chemikalien beschlagnahmt hat.  |  © Guillermo Legaria/AFP/GettyImages

Luis Alberto Cepeda steht im Schatten einer Akazie und genießt den Blick auf das, was er seinen Schatz nennt: ein grünes Meer dicht gepflanzter Sträucher. »Heute werden sie besonders viel Wasser brauchen«, sagt Cepeda. Er wischt über seine schweißnasse Stirn. »Es wird bestimmt noch heißer.« 35 Grad sind in der Tierra Caliente, der tropischen Ebene im Zentrum Kolumbiens, keine Ausnahme. Die Pflanzen sind Cepedas ganzer Stolz. Es sind Kokasträucher.

Seit sieben Jahren kümmert sich Cepeda um sie. Er lebt das ganze Jahr auf der Plantage und müsste eigentlich an seiner Arbeit verzweifeln. Denn genau die gleiche Pflanze, die er heute noch mehrfach gießen will, wird von seinen Kollegen zu Tausenden ausgerissen und verbrannt. Cepeda aber freut sich, wann immer ein Kokafeld vernichtet wird: »Ich pflege die Pflanzen zwar jeden Tag, aber eigentlich suche ich hier nur nach Wegen, den Kokastrauch noch effizienter auszurotten.«

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Luis Alberto Cepeda sät im Auftrag des Staates. Er ist Polizeioffizier, Gärtner, Agrarforscher und Koordinator des weltweit größten experimentellen Kokafeldes. Cepeda ist Kolumbiens Antidrogenpolizist mit dem grünen Daumen.

Kolumbien ist der weltweit größte Produzent von Kokain, und in den Blättern der unscheinbaren Sträucher in Cepedas Garten befindet sich die Grundzutat der Droge. Rund um die hellen Blattadern sammeln sich Alkaloide. Richtig verarbeitet und mit anderen Chemikalien vermischt, bilden sie den Wirkstoff des weißen Pulvers, für das Süchtige weltweit viel Geld zahlen. Es ist Lifestyle und Lebensinhalt. »In Kolumbien dagegen ist Kokain vor allem ein Weg, um schnell reich zu werden«, sagt der Soziologe Ricardo Vargas, der seit mehr als 20 Jahren am Transnational Institute in Bogotá über die Drogen in seinem Land forscht.

Dabei musste Vargas beobachten, wie der Drogenhandel Kolumbien in einen blutigen Konflikt stürzte. Erst war es ein Geschäft, an dem wenige findige Schmuggler verdienten, später kontrollierten hochgerüstete Gangs den Handel. Die großen Drogenkartelle von Cali und Medellín bekriegten sich nicht nur gegenseitig, sondern forderten auch den Staat heraus. Der erhielt finanzielle und militärische Unterstützung aus den USA und konnte die Mafiabanden schließlich gewaltsam zerschlagen. Doch das Geschäft geht weiter. Spezialeinheiten von Polizei und Militär fahnden deshalb auch heute noch in entlegenen Dörfern nach illegalen Kokafeldern und improvisierten Drogenlabors.

Cultivo Experimental Hoja de Coca, Kokaversuchsplantage, steht auf einem Schild neben den jungen Pflanzen am Rand eines staubigen Feldweges, am Eingang zu Cepedas Reich. Im Jahr 2005 gründete die kolumbianische Regierung die Versuchsplantage als Teil ihrer Antidrogenstrategie. Der Kokagarten ist neues Kapitel im Kampf gegen die Drogen. Eine sinnvolle Ausweitung auf wissenschaftliche Methoden, sagt Cepeda. Ein weiterer verzweifelter Versuch, die Macht der Banden zu brechen, sagen Kritiker. »Denn solange die Nachfrage nach Drogen da ist, wird es auch jemanden geben, der sie befriedigt«, sagt der Soziologe Vargas. Er meint: Mit Kokain lässt sich einfach zu viel Geld verdienen, als dass der Staat der Droge mit Verboten und Gewalt Herr werden könnte.

Cepeda zieht seinen olivgrünen Tarnhut tief ins Gesicht und tritt in die schwüle Hitze. Etwa 23.000 Sträucher strecken ihre Blätter in den Himmel des Coello-Tales, fünf Stunden südwestlich von Kolumbiens Hauptstadt. Insgesamt 19 Kokasorten wachsen auf der Plantage. Cepeda kennt sie alle: Die Rote Bolivianerin steht neben der Süßen Peruanerin; die wenig ertragreiche Pajarita, die in Kolumbien am häufigsten verbreitet ist, hat Cepeda am Rand der Anlage in den Schatten riesiger Tropenbäume gepflanzt, und über die Reihen der Peruanischen Tingo, die am meisten unter der Hitze leidet, hat er Tarnnetze gespannt.

Die Blätter des Kokastrauches werden zwar bereits seit Jahrhunderten von der indigenen Bevölkerung als Heil- und Rauschmittel genutzt und zumindest seit Jahrzehnten verwendet, um Drogen herzustellen – wissenschaftlich erforscht ist die Pflanze allerdings nur wenig. Da musste die kolumbianische Polizei nachlegen, weil die Drogengangs über die Jahre technisch und biologisch aufgerüstet hatten.

Mit viel Geld warben die Mafiabanden Chemiker und Biologen an. Sie experimentierten mit neuen Kokasorten und schmuggelten Sträucher von Bolivien und Peru nach Kolumbien. Einige dieser Pflanzen produzieren mehr Alkaloide, wachsen mit weniger Licht und gedeihen auch in tiefer gelegenen, trockeneren Gegenden als den regenreichen traditionellen Koka-Anbaugebieten in gemäßigter Höhenluft.

Leserkommentare
    • ZH1006
    • 27. März 2013 14:17 Uhr

    als wollte man in Westeuropa den Löwenzahn ausrotten.

    Eine Leserempfehlung
  1. auch in Apotheken verkaufen. Das ist billiger, schont die Umwelt und macht die Drogenhändler arbeitslos. Der Krieg gegen Drogen ist verloren.

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    • ZH1006
    • 27. März 2013 23:03 Uhr

    Alkohol kann man doch auch an jeder Ecke kaufen, und der fordert 75.000 Todesopfer jährlich in Deutschland - im Gegensatz zu den ca. 1.000 Toten durch Kokain.

  2. ... ganz ehrlich: hätte mir jemand ernsthaft diesen Vorschlag unterbreitet hätte ich ihn der Naivität und der Fahrlässigkeit wegen ausgelacht. Alle Sträucher verbrennen, damit Lebensräume von Pflanzen, Insekten und Tieren zerstören, um damit letztendlich eine Randerscheinung zu schwächen. Wieso überwindet sich die Regierung nicht, anstatt eine Pflanze auszurotten, eine liberalere Politik hinsichtlich Kokain zu führen? Ach ja, ich habe jetzt ganz vergessen, die (tief in die Regierung reinreichende) Drogenkartelle würde so etwas gar nicht gefallen. Daher findet man lieber - wegen der großen Anzahl an ertrunkenen Menschen - heraus, wie man Wasser von der Erde tilgt, anstatt den Menschen das schwimmen beizubringen.

    8 Leserempfehlungen
  3. Volkswirtschaftlich sinnvoll, hohe staatliche Verkaufseinnahmen, weniger Banden- und Kleinkriminalität, weniger Geldwäsche. Strafrichter können sich wieder wichtigen Fällen zuwenden.
    Zu gewinnen ist der Kampf gegen Drogen sowieso nicht. Manche Menschen bringen sich übrigens mit Alkohol und/oder Zigaretten um. Schade und unnötig, aber legal. Es ginge also.

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    ist legal erhältlich,
    entsprechend ist es nicht kriminell oder gesellschaftlich verpönt diesen zu konsumieren.
    Die gute Seite, wie von Ihnen ausgeführt, ist klar.

    Die schlechte Seite der Sache sind riesige Zahlen von Abhängigen, die den Staat jährlich unheimlich hohe Summen kosten, eine ganze Reihe von Menschen auf lange Sicht von jeder sinnvollen Tätigkeit abhalten und sicherlich auch nicht gerade zur Lebensqualität der Betroffenen beitragen.

    Nun halte ich Kokain noch um einiges für gefährlicher als Alkohol, auf dem Gebiet der Suchtgefahr bin ich zwar kein Experte, doch vermute ich, würden uns diese Drogen, selbst wenn sie legal sind, besonders im Bereich der Heranwachsenden einen beachtlich wachsenden Teil an Abhängigen liefern.
    Da reden wir dann übrigens von Menschen, die ihr Leben mit 15 - 25 schon komplett versauen.

    Ich weiß nicht wie die Mehrheit das sieht, aber in meinen Augen hat der Staat, hat unsere Gesellschaft dort auf jeden Fall eine Pflicht diesem Treiben vorzubeugen.

    Langfristig sollte man für jede Droge einzeln, nach ausführlichem öffentlichen Diskurs, dazu übergehen, eine Volksabstimmung über die Legalisierung abzuhalten,
    sowie gegebenenfalls eine Gesetzesänderung vornehmen, die derart Suchtkranke aus der Fürsorgepflicht der Öffentlichkeit ausnimmt.

  4. ... warum sich Westler Kokain in reiner kristalliner Form reinziehen müssen.

    Die weitaus schlaueren Bewohner der Anden konsumieren Cocablätter zusammen mit einer Kalklösung (aus Stein oder Muscheln) - vollkommen suchtfrei.

    2 Leserempfehlungen
  5. Es gibt ja nun wirklich genügend legale und gefährliche Drogen: Alkohol, Morphium (auf Rezept), Nikotin, Benzodiazepine (auf Rezept), Computerspiele, Fallschirmsprünge (auch nach einem Endorphin-Kick kann man süchtig werden), Prostituierte (-> Sexsucht) und viele, viele mehr.

    Die meisten Suchtforscher dürften den Satz unterschreiben, dass ein Kilogramm Alkohol (so viel steckt in 3 Litern 40%igem Schnapps oder Whiskey) gefährlicher ist als ein Gramm Koks. Somit geht also allein von den 640 Tausend Tonnen Alkohol, die jährlich in Deutschland genossen werden, mehr Gefahr aus, als von den 345 Tonnen Koks aus Kolumbien.

    Klar muss eine Drogenfreigabe das Ziel verfolgen, die Zahl der drogenabhängigen nicht wesentlich zu erhöhen, und den Konsum langfristig zu reduzieren - und zwar den Konsum ALLER starken Drogen inklusive Alkohol. Die Milliarden, die bisher in Polizeiarbeit gehen, müssen also künftig für Prävention und möglichst kontrollierte Abgabe aufgewendet werden.

    Jag

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    Ist denn nicht genau da wieder das Problem, das Sie durch Auferlegen eines staatlichen Zwangs einen Markt für illegale Beschaffung und somit für die Wiederbelebung des Teufelskreises schaffen?

  6. ist legal erhältlich,
    entsprechend ist es nicht kriminell oder gesellschaftlich verpönt diesen zu konsumieren.
    Die gute Seite, wie von Ihnen ausgeführt, ist klar.

    Die schlechte Seite der Sache sind riesige Zahlen von Abhängigen, die den Staat jährlich unheimlich hohe Summen kosten, eine ganze Reihe von Menschen auf lange Sicht von jeder sinnvollen Tätigkeit abhalten und sicherlich auch nicht gerade zur Lebensqualität der Betroffenen beitragen.

    Nun halte ich Kokain noch um einiges für gefährlicher als Alkohol, auf dem Gebiet der Suchtgefahr bin ich zwar kein Experte, doch vermute ich, würden uns diese Drogen, selbst wenn sie legal sind, besonders im Bereich der Heranwachsenden einen beachtlich wachsenden Teil an Abhängigen liefern.
    Da reden wir dann übrigens von Menschen, die ihr Leben mit 15 - 25 schon komplett versauen.

    Ich weiß nicht wie die Mehrheit das sieht, aber in meinen Augen hat der Staat, hat unsere Gesellschaft dort auf jeden Fall eine Pflicht diesem Treiben vorzubeugen.

    Langfristig sollte man für jede Droge einzeln, nach ausführlichem öffentlichen Diskurs, dazu übergehen, eine Volksabstimmung über die Legalisierung abzuhalten,
    sowie gegebenenfalls eine Gesetzesänderung vornehmen, die derart Suchtkranke aus der Fürsorgepflicht der Öffentlichkeit ausnimmt.

    Antwort auf "Legalisieren!"
  7. Ist denn nicht genau da wieder das Problem, das Sie durch Auferlegen eines staatlichen Zwangs einen Markt für illegale Beschaffung und somit für die Wiederbelebung des Teufelskreises schaffen?

    Antwort auf "Legalisieren!"

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