Psychologie: "Kreativität kann man sich aneignen"
Gewohnheiten sind wichtig, um kreativ zu sein, sagt der Psychiater Rainer Holm-Hadulla im Interview. Ein bisschen Chaos schade allerdings auch nicht.
© DANIEL DAL ZENNARO/AFP/GettyImages

Daniel Barenboim dirigiert Beethovens neunte Symphonie.
ZEIT Wissen: Sind Gewohnheiten der Feind der Kreativität?
Rainer Holm-Hadulla: Nein, im Gegenteil. Kreativität braucht klare Strukturen, in denen sie sich entfalten kann. Wir können kreativen Einfällen nur nachgehen, wenn wir von äußeren Störungen abgeschirmt sind.
ZEIT Wissen: Und einen solchen Schutz können Gewohnheiten darstellen?

Rainer Holm-Hadulla ist Professor für Psychotherapeutische Medizin an der Universität Heidelberg.
Holm-Hadulla: Die Schönheit des Denkens und kreativen Tuns entfaltet sich oft innerhalb von verlässlichen Alltagsritualen. Die sich selbst steuernde, autopoietische Aktivität des Gehirns funktioniert am besten in Ruhe oder im Rahmen routinierter Abläufe. Und gerade nicht, wenn man sich aufregt oder ängstigt.
ZEIT Wissen: In welchen Situationen kommt man denn gut auf Neues?
Holm-Hadulla: Ideen stellen sich oft beim Spazierengehen, Musikhören, Zuschauen, Warten oder Tagträumen ein.
ZEIT Wissen: Aber um etwas Überraschendes zu schaffen, muss man sich vom Alten, vom Gewohnten losmachen...
Holm-Hadulla: Sie können sich vom Gewohnten nicht losmachen, sie können es nur verändern. Alles ist schon einmal gedacht worden. Es gibt keinen Künstler, der etwas aus dem Nichts schafft, selbst so große Revolutionäre wie Pablo Picasso nicht. Er hat in langem ritualisiertem Üben eine Menge von künstlerischen Formen erlernt und dann mit seiner souveränen Technik das Neue aus dem Alten entbunden. Neurobiologisch gibt es keinen Cocktail ohne gute Zutaten, das heißt: Ohne gespeichertes Wissen entstehen keine neuen und brauchbaren Kombinationen dieses Wissens.
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ZEIT Wissen: Kreativität baut also immer auf Bekanntem auf?
Holm-Hadulla: Der Komponist Arnold Schönberg ist ein gutes Beispiel. Er hat mit seiner Zwölftonmusik scheinbar eine Revolution eingeleitet. Wenn wir sie zum ersten Mal hören, denken wir, dass hier etwas ganz anderes entstanden ist. Doch Schönberg sagt, dass seine Musik nichts grundsätzlich Neues ist, sondern nur eine konsequente Weiterentwicklung des Alten. Es ist kreativ, wenn gewohnte Grenzen überschritten, alte Formen dekonstruiert und verflüssigt – und dann wieder neu und anders zusammengesetzt werden.







Zitat 1: "Die Schönheit des Denkens und kreativen Tuns entfaltet sich oft innerhalb von verlässlichen Alltagsritualen. Die sich selbst steuernde, autopoietische Aktivität des Gehirns funktioniert am besten in Ruhe oder im Rahmen routinierter Abläufe. Und gerade nicht, wenn man sich aufregt oder ängstigt".
Zitat 2_ "Ideen stellen sich oft beim Spazierengehen, Musikhören, Zuschauen, Warten oder Tagträumen ein. ... Neurobiologisch gibt es keinen Cocktail ohne gute Zutaten, das heißt: Ohne gespeichertes Wissen entstehen keine neuen und brauchbaren Kombinationen dieses Wissens."
Wenn man ständig mit der Lebensunsicherheit konfrontieren muss und viel Kraft und Mühe in die banale Stabilisierung des Systems investiert, wirkt es auf den freien Denkfluss tatsächlich eher blockierend, weil der Kopf (trotz bewusster Anstrengungen) ständig mit anderen, unerwünschten Sorgen und daran anknüpfenden Gedanken voll ist. Die innere Unruhe kann somit lähmend wirken... Gesicherte äußere Rahmen sind deswegen A und O, wenn man eine gute Leistung kontinuierlich auf- und ausbauen möchte.
Zum zweiten Statement: ich glaube auch, je mehr man Wissen in einem Bereich ansammelt, desto öffter tauchen in deed neue Ideen auf. Und sehr wichtig: man muss einen gewissen geistigen Freiraum haben, in dem kein viel zu großer Zeitzwang besteht. Kreativität "auf Bestellung" oder "auf Knopfdruck" ist selten nachhaltig-wirksam.
Ich sehe gerade hier eine Anzeige für das aktuelle „ZEIT WISSEN“. Da fällt mir auf: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Titel zu Bildung gesehen habe, der mit einem Mann bzw. einem Jungen illustriert war und nicht mit einer Frau oder einem Mädchen, einer Studentin.
Das männliche scheint als positives Beispiel für Bildung in den Medien nicht mehr stattzufinden. Vor allem DIE ZEIT fällt mir dabei immer wieder auf. Oder kommt mir das nur so vor? Achten Sie mal darauf.
(Hier ist die Diskrepanz zwischen Inhalt und Abbildung besonders groß denn gerade Frauen sind dafür bekannt besonders konformistich, angepasst zu sein. Das muss immer auch als grund für Ihren Erfolg herhalten. Ich weiss das aber noch aus der Schule: Schönschrift, auswendig lernen, anpassen. Mädchen.)
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