PsychologieMach es anders!

Gewohnheiten bestimmen unser Leben, ob wir wollen oder nicht. Manche erleichtern den Alltag, andere sind lästig oder schaden uns. Mit den richtigen Tricks können wir sie ablegen – oder uns zunutze machen. von Katrin Zeug

Olympische Spiele 2012. Das Meer in Waymouth ist grau und schaumig beim letzten Rennen der Segler. Zehn Schiffe sind im Feld. Robert Stanjek und sein Kollege im deutschen Boot liegen vorn, als die britischen Favoriten angreifen. Wind, Wellen, Wolken – alles spielt jetzt eine Rolle. Die beiden Deutschen müssen schnell entscheiden, schreien sich die neue Taktik zu. Die Handgriffe laufen automatisch. Keinen Gedanken verschwenden sie daran, welche Schot sie zuerst bedienen müssen oder wie sie den Fuß setzen, wenn sie unter dem Baum durchtauchen. Eine Tonne Schiff, 30 Quadratmeter Segel gegen den Wind, routiniert ziehen sie mit den Briten mit.

Auch Christina Solds Handgriffe sitzen, morgens auf dem Bahnsteig. Sie denkt nicht darüber nach, wenn sie in ihre Jackentasche greift, das Päckchen herausholt, die Zigarette anzündet und am Filter zieht. Erst beim Ausatmen, wenn sie die Glut an dem mickrigen Stängelchen sieht und frierend in der Raucherecke steht, denkt sie, dass sie das eigentlich nicht braucht – und trotzdem tut.

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Gewohnheiten bestimmen unser Leben – ob sie hilfreich sind oder schaden. Im Verborgenen lotsen sie uns durch den Tag: Wie lange wir morgens brauchen, welche Musik wir wählen, wie oft wir unsere E-Mails checken, Sport treiben, Süßes und Fettiges essen oder auf welche Art wir mit unseren Kindern sprechen – all das bestimmen Gewohnheiten. Unser Bild vom aufgeklärten Bürger lässt uns gern glauben, dass jegliches Handeln von unserem Willen bewirkt wird. Dass es darauf ankommt, was wir denken. Tatsächlich spielt das Abwägen oft keine große Rolle.

»Zwischen 30 und 50 Prozent unseres täglichen Handelns werden durch Gewohnheiten bestimmt, Informationen ändern daran so gut wie nichts«, sagt Bas Verplanken. Der Professor für Sozialpsychologie an der University of Bath in England erforscht die Gewohnheiten seit über 20 Jahren. Wenn sie mit unseren Zielen übereinstimmen, sind sie uns nützlich, manchmal sogar überlebenswichtig. Tun sie das nicht, stören sie oft nur, rauben uns Zeit, Energie und schädigen manchmal auch unsere Gesundheit.

ZEIT Wissen 2/2013
ZEIT Wissen 2/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Robert Stanjek, der Olympiasegler, nutzt die beruhigende Wirkung der Gewohnheit ganz gezielt schon vor dem Segeln: Die Stunden vor dem Finale der Olympischen Spiele verbrachte der Profisegler wie vor jedem Wettkampf mit Routinehandlungen. Fast meditativ sei es, sagt er, wenn er seine Wettkampftasche packe, die Energydrinks mixe, Sonnencreme auftrage und seine Finger tape. Steigt er dann auf das Boot, ist das Rennen selbst nur noch ein weiteres Glied in einer Kette von Ereignissen, die nahezu automatisch ablaufen. Ähnlich routiniert greift Christina Sold morgens zur Zigarette. Der Unterschied ist, dass Christina Sold ihre Gewohnheit gerne ablegen würde, während Robert Stanjek seine Gewohnheiten zum Gewinnen braucht.

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen guten und schlechten Gewohnheiten. Hat sich ein Verhalten einmal eingeschliffen, ist es sehr schwer, es zu ändern, auch wenn wir uns das fest vornehmen. Trotzdem – oder gerade deshalb – können wir uns Gewohnheiten zunutze machen. Wer weiß, wie ihre Mechanismen funktionieren und wo sie ansetzen, der kann sie verändern. Nicht nur die eigenen, sondern auch die in der Firma, im Freundeskreis oder Verein.

Sogar Profis in Marketing- und Personalabteilungen nutzen Gewohnheiten: Produkte werden so zu Verkaufsschlagern und Angestellte manipulierbar. Wer die richtigen Bedingungen schafft, kann Konsumenten oder Mitarbeiter dazu bringen, genau die Gewohnheiten auszubilden, die den gewünschten Zielen dienen.

Gewohnheiten, so definiert es Bas Verplanken, sind Verhaltensweisen, die wir regelmäßig in einem stabilen Kontext ausüben – ohne viel darüber nachzudenken oder abzuwägen. Meist basieren sie auf Entscheidungen, die wir einmal bewusst getroffen haben. Welche komplexen Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn eine Gewohnheit entsteht, haben Wissenschaftler am Brain and Cognitive Sciences Department des Massachusetts Institute of Technology (MIT) erforscht. Ann Graybiel, Professorin für Neurowissenschaften, ließ Ratten durch ein Labyrinth laufen, in dem ein Stück Schokolade versteckt war. Sobald sich die Klappe zum Labyrinth mit einem Ton öffnete, schnupperten die Tiere und erkundeten das Terrain, verliefen sich und kehrten um, bis sie schließlich die Schokolade fanden. Die Wissenschaftler maßen mit Elektroden die Hirnaktivität und erkannten, dass diese die ganze Zeit erhöht war. Je öfter aber die Ratten das Labyrinth durchlaufen hatten, desto sicherer fanden sie die Schokolade.

Auch in ihren Gehirnen veränderte sich etwas: Die Areale, die für komplexe Denkprozesse und Entscheidungen zuständig sind, hörten auf zu arbeiten. Aktiv blieb nur ein Zellhaufen tief im Gehirninneren, den man früher mit Reflexen und Instinkthandlungen in Verbindung gebracht hat: die Basalganglien. Heute ist die Meinung verbreitet, dass sie eine Art Handlungsgedächtnis darstellen, in dem alle Bewegungsmuster abgelegt sind, die sich irgendwann einmal als erfolgreich erwiesen haben. Die Basalganglien aktivieren die gewohnten Muster, während der Rest des Gehirns ruht.

Leserkommentare
  1. Tabakrauchen ist keine Gewohnheit sondern eine tötliche Sucht.

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    die als Gewohnheit beginnt. Lesen Sie ruhig den Artikel.

    Ich bin Raucher. Zwar kein Kettenraucher, bei dem eine Schachtel keine zwei Tage hält, aber sicherlich auch kein Gelegenheitsraucher, der nur beim Ausgehen zur Zigarette greift.

    Dass das auch Gewohnheitskomponenten haben kann, erlebte ich selber. So habe ich jahrelang in meinem Auto geraucht. Ich konnte mir auf manchen Fahrten einfach nicht vorstellen, mich ohne eine Fluppe ins Auto zu setzen. Es gehörte einfach dazu. So wie viele morgens ihren Kaffee brauchen.

    Bis ich es vor ein paar Jahren einfach mal gelassen habe. Der Gestank (insbesondere morgens) wurde mir einfach zu blöd. Außerdem ist es unangenehm, wenn man Beifahrern sein sonst gepflegtes aber stinkendes Auto zumutet. Ich habe nun absolut kein Verlangen mehr, mir im Auto eine Zigarette anzuzünden. Es ist auch nicht so, dass ich vor oder nach der Fahrt noch schnell eine wegziehen muss.

    Das Rauchen kann also in vielen Situationen durchaus pure Gewohnheit sein.

    Ich rauche gerne. Möchte nicht aufhören. Aber mein ganzes Leben will ich sicherlich auch nicht rauchen (bin Mitte 20).

    So jetzt lese ich mal den Artikel ;)

    mit dem Wort "Sucht" kann man sich auch schön rausreden. "Ich bin halt süchtig.."
    Dabei beobachte ich bei Freunden oder Kollegen, dass die Gewohnheit die Sucht bestimmt oder fördert.

    Beispiel nach der Arbeit: Erstmal ne Zigarette.
    Das ist Gewohnheit, nicht Sucht. Sucht ist, wenn ichs im Büro nicht mehr aushalte und anfange zu zittern, weil ich ne Zigarette brauche. Aber jeden Tag Punkt 5 vor der Firma stehen und mit Kollegen quatschen und dabei eine Rauchen, ist Gewohnheit.
    Wenn aus der einen Zigarette am Tag eine Schachtel wird, dann würde ich von Sucht sprechen (die aber durch Gewohnheiten gefördert wird).

    Beim Weggehen mit Freunden ist es genau so: Alkohol gehört nunmal dazu, sonst ist es nicht gesellig. Auch das ist Gewohnheit, die sogar zur Sucht führen kann.

    Für mich ist Gewohnheit eine Vorstufe zur Sucht.

  2. Da wird es dann wesentlich extremer. Vorsichtig geschätzt besteht unser Denken aus mindestens 95 % Denkgewohnheiten. Man kann diese abwertend auch Vorurteile nennen.

    Wer es nicht glaubt, mache die Probe aufs Exempel:

    Fast alle Menschen übernehmen und behalten die Religion ihrer Eltern. Sie glauben sogar, dass diese die einzig Richtige ist und sind kaum einmal einer anderen Einsicht fähig.

    Die Denkgewohnheiten, die Kindern eingeprägt wurden, verfolgen sie regelmäßig ein Leben lang.

    Nicht umsonst haben die Jesuiten das Bildungsprinzip:

    „Gib mir ein Kind bis es sieben ist, ich gebe dir den Mann.“

    Dieses Prinzip hat sich evolutionär eindeutig bewährt. Jedes Gehirn wäre überfordert, wenn es nicht auf diese Weise eindeutig vorgeprägt oder, moderner ausgedrückt, betankt worden wäre.

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    • Oyamat
    • 08. April 2013 21:11 Uhr

    ... Gewohnheiten sprechen. Die Verdauung läuft beispielsweise fast ausschließlich als "Gewohnheit" nebenbei. Das Herz pumpt "gewohnheitsmäßig". Sogar die Hormone werden schlicht im Muster vertrauter Gewohnheiten ausgeschüttet...

    Oh, und die Wechselwirkungen zwischen Molekülen - was man da alles an Gewohnheiten finden kann! Erst bei den Bahnen des Elektrons um seinen Kern wird's wieder ungewöhnlich.

    Also, warum sollte man vor den Elektronen Schluß machen? Damit käme man bestimmt auf traumhafte Werte des Anteils von Gewohnheiten am Leben. Bestimmt. Ehrlich.

    MGv Oyamat

  3. Wir radeln zur Arbeit. Prima Sache, ja klar, diesen Winter ein komplizierter Ellenbogenbruch und eine Gehirnerschütterung in meinem Freundes/Bekanntenkreis. Letztes Jahr ein todes Schulkind, auch wenn es mir wehtut, das zu schreiben. Könnten wir nicht besser alle zur Arbeit gehen (so zu Fuss eben)? Das ist wenigstens ungefährlich und mindestens genauso gesund. Früher ging das doch auch. Und das ist nun wirklich entspannend! aj

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    bei Glätte nicht ausrutschen?

    7 Kilometer Berg und Tal dann geht mal bei stroemendem Regen, viel Spass.........

    Zitat: "Wir radeln zur Arbeit. Prima Sache, ja klar, diesen Winter ein komplizierter Ellenbogenbruch und eine Gehirnerschütterung in meinem Freundes/Bekanntenkreis. Letztes Jahr ein todes Schulkind, auch wenn es mir wehtut, das zu schreiben. Könnten wir nicht besser alle zur Arbeit gehen (so zu Fuss eben)? Das ist wenigstens ungefährlich und mindestens genauso gesund. Früher ging das doch auch. Und das ist nun wirklich entspannend!"

    Letztes Jahr hat sich bei uns einer beim Sport den Fuß verknackst - können wir nicht einfach wieder auf dem Feld arbeiten? Das ging doch früher auch und ist mindestens genauso gesund.

    P.S.: meinen Sie jetzt das berühmte Todes-Kind oder gar ein toTes Kind....?

  4. die als Gewohnheit beginnt. Lesen Sie ruhig den Artikel.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schlechte Bebilderung"
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    Tabaksucht beginnt als Abenteuer, als "sich vor den Lehrern verstecken" als "kurzer aufregender Nikotin-Kick" beim zu tief inhalieren oder als "sich cool fühlen weil man es schaft zu inhalieren". Aber immer als etwas besonderes. Noch bevor es sich verhält wie eine Gewohnheit, ist es längst Sucht. Nikotin macht ähnlich schnell süchtig wie Heroin.

    Es ist nur deshalb so leicht mit einer Gewohnheit verwechselbar, weil die Entzugserscheinungen keine körperlichen Schäden hervorrufen, sondern lediglich einen (dennoch körper-chemisch bedingten) "Heisshunger".

    Dennoch: Sucht bleibt sucht. Gewohnheit ist Kaffee, Fernsehglotzen oder "nicht das Fahrad nehmen", aber mit Sicherheit nicht das Rauchen.

  5. das Nichtrauchen hat mich gerettet - wunderbar ist die wiedergewonnene Freiheit, wunderbar wenn man nicht ständig hinter dem nächsten "Zug" hinterher hecheln muss - eine tolle Angewohnheit - das Nichtrauchen -

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    ist schon verblüffend, genauso glasklar seh' ich das heute auch, aber früher habe ich mindestens 5 Mal mehrere Monate lang mit dem Rauchen aufgehört und dann doch immer wieder angefangen. Man hat's wirklich erst geschafft, wenn man das Gefühl los ist, etwas "aufgegeben" zu haben und der Blick an dem haften bleibt, was man für sich gewonnen hat. Aber wer weiß, ob wir's wirklich geschafft haben...? ;-)

    • Oyamat
    • 08. April 2013 21:11 Uhr

    ... Gewohnheiten sprechen. Die Verdauung läuft beispielsweise fast ausschließlich als "Gewohnheit" nebenbei. Das Herz pumpt "gewohnheitsmäßig". Sogar die Hormone werden schlicht im Muster vertrauter Gewohnheiten ausgeschüttet...

    Oh, und die Wechselwirkungen zwischen Molekülen - was man da alles an Gewohnheiten finden kann! Erst bei den Bahnen des Elektrons um seinen Kern wird's wieder ungewöhnlich.

    Also, warum sollte man vor den Elektronen Schluß machen? Damit käme man bestimmt auf traumhafte Werte des Anteils von Gewohnheiten am Leben. Bestimmt. Ehrlich.

    MGv Oyamat

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    Herzschlag, Verdauung und Hormonausschüttung und angeboren.

    Denken und Verhalten nur teilweise, sie werden in einem bestimmten Umfang angelernt bzw. antrainiert.

    • Varech
    • 09. April 2013 4:42 Uhr

    ... und dann gibt es noch Leute, die die Gewohnheit haben, in einer Diskussion alles zu vermischen. Alle vergeuden so ihre Zeit.

  6. ist schon verblüffend, genauso glasklar seh' ich das heute auch, aber früher habe ich mindestens 5 Mal mehrere Monate lang mit dem Rauchen aufgehört und dann doch immer wieder angefangen. Man hat's wirklich erst geschafft, wenn man das Gefühl los ist, etwas "aufgegeben" zu haben und der Blick an dem haften bleibt, was man für sich gewonnen hat. Aber wer weiß, ob wir's wirklich geschafft haben...? ;-)

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  7. ...Verhaltenstherapie funktioniert: lernen, Verhaltensmuster zu erkennen, sie stoppen und durch neue, passendere ersetzen... verhaltenstherapie ist halt doch nur ein kompromiss aus der unkenntnis. besser die hintergruende des musters erkennen, auflösen und das neue und alte integrieren. dann geht es auch ohne ersetzen.

    aber ansonst spannender artikel. danke

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