Olympische Spiele 2012. Das Meer in Waymouth ist grau und schaumig beim letzten Rennen der Segler. Zehn Schiffe sind im Feld. Robert Stanjek und sein Kollege im deutschen Boot liegen vorn, als die britischen Favoriten angreifen. Wind, Wellen, Wolken – alles spielt jetzt eine Rolle. Die beiden Deutschen müssen schnell entscheiden, schreien sich die neue Taktik zu. Die Handgriffe laufen automatisch. Keinen Gedanken verschwenden sie daran, welche Schot sie zuerst bedienen müssen oder wie sie den Fuß setzen, wenn sie unter dem Baum durchtauchen. Eine Tonne Schiff, 30 Quadratmeter Segel gegen den Wind, routiniert ziehen sie mit den Briten mit.

Auch Christina Solds Handgriffe sitzen, morgens auf dem Bahnsteig. Sie denkt nicht darüber nach, wenn sie in ihre Jackentasche greift, das Päckchen herausholt, die Zigarette anzündet und am Filter zieht. Erst beim Ausatmen, wenn sie die Glut an dem mickrigen Stängelchen sieht und frierend in der Raucherecke steht, denkt sie, dass sie das eigentlich nicht braucht – und trotzdem tut.

Gewohnheiten bestimmen unser Leben – ob sie hilfreich sind oder schaden. Im Verborgenen lotsen sie uns durch den Tag: Wie lange wir morgens brauchen, welche Musik wir wählen, wie oft wir unsere E-Mails checken, Sport treiben, Süßes und Fettiges essen oder auf welche Art wir mit unseren Kindern sprechen – all das bestimmen Gewohnheiten. Unser Bild vom aufgeklärten Bürger lässt uns gern glauben, dass jegliches Handeln von unserem Willen bewirkt wird. Dass es darauf ankommt, was wir denken. Tatsächlich spielt das Abwägen oft keine große Rolle.

"Zwischen 30 und 50 Prozent unseres täglichen Handelns werden durch Gewohnheiten bestimmt, Informationen ändern daran so gut wie nichts", sagt Bas Verplanken. Der Professor für Sozialpsychologie an der University of Bath in England erforscht die Gewohnheiten seit über 20 Jahren. Wenn sie mit unseren Zielen übereinstimmen, sind sie uns nützlich, manchmal sogar überlebenswichtig. Tun sie das nicht, stören sie oft nur, rauben uns Zeit, Energie und schädigen manchmal auch unsere Gesundheit.

Robert Stanjek, der Olympiasegler, nutzt die beruhigende Wirkung der Gewohnheit ganz gezielt schon vor dem Segeln: Die Stunden vor dem Finale der Olympischen Spiele verbrachte der Profisegler wie vor jedem Wettkampf mit Routinehandlungen. Fast meditativ sei es, sagt er, wenn er seine Wettkampftasche packe, die Energydrinks mixe, Sonnencreme auftrage und seine Finger tape. Steigt er dann auf das Boot, ist das Rennen selbst nur noch ein weiteres Glied in einer Kette von Ereignissen, die nahezu automatisch ablaufen. Ähnlich routiniert greift Christina Sold morgens zur Zigarette. Der Unterschied ist, dass Christina Sold ihre Gewohnheit gerne ablegen würde, während Robert Stanjek seine Gewohnheiten zum Gewinnen braucht.

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen guten und schlechten Gewohnheiten. Hat sich ein Verhalten einmal eingeschliffen, ist es sehr schwer, es zu ändern, auch wenn wir uns das fest vornehmen. Trotzdem – oder gerade deshalb – können wir uns Gewohnheiten zunutze machen. Wer weiß, wie ihre Mechanismen funktionieren und wo sie ansetzen, der kann sie verändern. Nicht nur die eigenen, sondern auch die in der Firma, im Freundeskreis oder Verein.

Sogar Profis in Marketing- und Personalabteilungen nutzen Gewohnheiten: Produkte werden so zu Verkaufsschlagern und Angestellte manipulierbar. Wer die richtigen Bedingungen schafft, kann Konsumenten oder Mitarbeiter dazu bringen, genau die Gewohnheiten auszubilden, die den gewünschten Zielen dienen.

Gewohnheiten, so definiert es Bas Verplanken, sind Verhaltensweisen, die wir regelmäßig in einem stabilen Kontext ausüben – ohne viel darüber nachzudenken oder abzuwägen. Meist basieren sie auf Entscheidungen, die wir einmal bewusst getroffen haben. Welche komplexen Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn eine Gewohnheit entsteht, haben Wissenschaftler am Brain and Cognitive Sciences Department des Massachusetts Institute of Technology (MIT) erforscht. Ann Graybiel, Professorin für Neurowissenschaften, ließ Ratten durch ein Labyrinth laufen, in dem ein Stück Schokolade versteckt war. Sobald sich die Klappe zum Labyrinth mit einem Ton öffnete, schnupperten die Tiere und erkundeten das Terrain, verliefen sich und kehrten um, bis sie schließlich die Schokolade fanden. Die Wissenschaftler maßen mit Elektroden die Hirnaktivität und erkannten, dass diese die ganze Zeit erhöht war. Je öfter aber die Ratten das Labyrinth durchlaufen hatten, desto sicherer fanden sie die Schokolade.

Auch in ihren Gehirnen veränderte sich etwas: Die Areale, die für komplexe Denkprozesse und Entscheidungen zuständig sind, hörten auf zu arbeiten. Aktiv blieb nur ein Zellhaufen tief im Gehirninneren, den man früher mit Reflexen und Instinkthandlungen in Verbindung gebracht hat: die Basalganglien. Heute ist die Meinung verbreitet, dass sie eine Art Handlungsgedächtnis darstellen, in dem alle Bewegungsmuster abgelegt sind, die sich irgendwann einmal als erfolgreich erwiesen haben. Die Basalganglien aktivieren die gewohnten Muster, während der Rest des Gehirns ruht.

 Ohne Gewohnheiten wäre unser Gehirn überfordert

"Die Konfrontation mit neuen und komplizierten Dingen erfordert Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Konzentration – das Gehirn strebt darum danach, alles zu routinisieren", sagt der Hirnforscher Gerhard Roth. "Gewohnheiten sind sowohl stoffwechselbiologisch als auch neuronal billig." Das ist ein Vorteil: Wir müssen nicht mehr über grundlegende Verhaltensweisen nachdenken, etwa über das Gehen. Dafür steht uns mehr mentale Energie zur Verfügung, um anderes zu tun. So können wir uns auch in Stresssituationen darauf verlassen, dass wir das Zähneputzen nicht vergessen oder den Weg zur Arbeit finden.

Eugene Pauly verdankte diesem Phänomen, dass er bis zu seinem Tod relativ selbstständig in seinem Haus nahe San Diego leben konnte. Ein Virus hatte das Gehirn des 70-Jährigen entzündet. Als die Infektion abgeklungen war, funktionierte sein Gedächtnis nicht mehr. Manchmal frühstückte Pauly dreimal hintereinander und merkte es nicht. Immer wenn er fertig war, legte er sich ins Bett, um Radio zu hören, vergaß dann aber, dass er den Tag schon begonnen hatte, und begann wieder von vorn. Wenn er die Straße entlanglief, konnte er nicht sagen, wo sich sein Haus befand, wenn er vor dem Fernseher saß, nicht, welcher Weg zur Küche führte. Aber er bereitete das Frühstück selbst zu, ging täglich allein eine Runde spazieren und sah abends gerne fern. Seine Gewohnheiten hatten überlebt. Sie waren es, die ihn durch den Tag führten.

Gewohnheiten navigieren uns durchs Leben. Ohne sie wäre unser Gehirn überfordert von den Details des Alltags. Aber genau dieser Trick des Energiesparens macht es uns so schwer, unser Verhalten zu ändern. Denn diese Steuerung liegt in einem Bereich des Gehirns, der nicht bewusst kontrolliert wird.

Als die Ratten in Ann Graybiels Labor schließlich routiniert durch das Labyrinth liefen, erkannten die Forscher noch etwas anderes: Das Hirn schaltete immer genau dann auf Sparflamme, wenn der Ton erklang, sich die Klappe öffnete und das Tier loslief – bis zu dem Moment, in dem die Ratte die Schokolade fand. Der Ton als Auslösereiz und die Belohnung als Endpunkt funktionierten wie Schranken, in deren Grenzen sich das Gehirn ausruhen konnte. Dieser Mechanismus gilt für alle Gewohnheiten, egal, ob sie schlichtes Tun betreffen oder hochkomplexe Abläufe.

Es ist der klassische Lernprozess, eine Wechselwirkung zwischen auslösendem Reiz, Routinehandlung und Belohnung. Oft genug wiederholt, frisst sich der Pfad tief in das Gehirn und wird irgendwann quasi automatisch abgeschritten. Beim Zähneputzen kann der Auslösereiz beispielsweise das Betreten des Badezimmers am Morgen sein oder ein unangenehmer Geschmack im Mund. Ohne nachzudenken, nehmen wir die Bürste, geben Zahnpasta darauf und schrubben die Zähne nach dem immer gleichen Ablauf.

Kinder müssen dieses Verhalten erst erlernen, bei ihnen führt das Betreten des Badezimmers am Morgen automatisch noch zu gar nichts. Und beim Putzen vergessen sie schnell einige der Zähne oder bürsten doppelt. Erst nach vielen Wiederholungen wird der Ablauf zur Gewohnheit.

Mit dem Alter nimmt die Zahl der Gewohnheiten zu. Erwachsene gewöhnen sich daran, sich auf eine bestimmte Art zu kleiden, zum Kaffee eine Zigarette zu rauchen oder den Müll zu trennen. Wir wachsen in Betriebsstrukturen und in bestimmte Rollen hinein. Am Anfang haben wir noch darüber nachgedacht, wie wir uns im Meeting am besten verhalten oder wie der Haushalt aufgeteilt werden sollte – und irgendwann nicht mehr.

"Gewohnheiten sind kleine Süchte", sagt Wolfram Schultz, Professor für Neurowissenschaften an der University of Cambridge. "Wenn wir die Erfahrung machen, dass ein bestimmtes Verhalten zu einer Belohnung führt, wiederholen wir es möglichst oft." Der Trick ist, dass das Gehirn das, was es kennt, irgendwann verstärkt: Es schüttet Botenstoffe aus, durch die wir uns besonders wohlfühlen. Beim Zähneputzen zum Beispiel kann die Belohnung in dem guten Gefühl liegen, glatte, saubere Zähne zu haben. "Belohnungen erzeugen ein neuronal verankertes Verlangen, sie verändern das Gehirn", sagt Schultz – sie erhalten sich so selbst.

In ihrer Gleichförmigkeit verleiht uns die Gewohnheit Stabilität. Das Gefühl von Sicherheit. Das ist schon zu Beginn des Lebens wichtig: Für Kinder wirkt das Märchen im immer gleichen Wortlaut wie eine Verschnaufpause. In einer Welt voller Neuigkeiten ist für eine Weile jede Silbe vorhersagbar. Und später, im Alter, wenn das Sehen und Denken schwererfällt, ist ein selbstständiger Alltag oft nur noch dank routinierter Handgriffe möglich.

"Gewohnheiten garantieren, dass die Welt um uns herum und das Ich gleich bleiben", sagt Nicolas Hoffmann. Der Berliner Verhaltenstherapeut beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren intensiv mit Gewohnheiten. Als Dozent und Autor mehrerer Bücher beschreibt er die Funktion der Wiederholung in ihrer ganzen Bandbreite. "Zuerst einmal sind Gewohnheiten gut. Wir sprechen zu Recht von den lieben Gewohnheiten", sagt er.

Doch Gewohnheiten haben auch eine Kehrseite. Ohne dass wir es bemerken, schränken sie unsere Wahrnehmung ein. Sie machen unflexibel und starr. Wenn uns ein Weg sehr vertraut ist, beispielsweise der zur Arbeit, gehen wir ihn jahrelang, ohne überhaupt noch wahrzunehmen, was rechts und links von uns geschieht. Und ohne uns zu fragen, ob es inzwischen vielleicht einen besseren Weg gibt. In einer seiner Studien zeigte Bas Verplanken, dass Menschen mit stark routinierten Verhaltensweisen auf Informationen verzichten, wenn sie eine Entscheidung für oder gegen ihre Gewohnheit treffen müssen – und sich dann meist für diese entscheiden. Sigmund Freud brachte den Wiederholungszwang zeitweise sogar mit dem Todestrieb in Zusammenhang, denn im Extremfall kann er alles Lebendige aus dem Leben ausschließen. So wie bei Norbert Kuhn* aus Berlin.

Jeden Morgen setzte er sich an einem kleinen Tisch auf einen speziellen Holzschemel. Vor ihm lag eine Liste mit den Buchstaben des Alphabets, zu denen er nach bestimmten Regeln Begriffe finden, aufschreiben und mit Löschpapier fixieren musste. Die Zimmertemperatur durfte währenddessen 18 Grad nicht überschreiten, und wenn er fertig war, klopfte Kuhn dreimal mit den Fingern an die Wand, damit seine Frau hereinkommen und ihm Kaffee in eine weiße Tasse einschenken konnte. Auch für den weiteren Tagesablauf hatte er einen festgelegten Plan, den er jeweils in der Nacht zuvor anfertigte und dann haargenau befolgte.

 Süchte und Gewohnheiten hängen zusammen

Nicolas Hoffmann war der Therapeut des inzwischen verstorbenen Patienten. "Manche Menschen empfinden eine so tiefe innere Verunsicherung, dass sie sich nur mit starken Routinen – an denen sie natürlich irgendwann total ersticken – über Wasser halten können", sagt er. Je nach Persönlichkeitsstil benötigten Menschen mehr oder weniger Vertrautes, um sich wohlzufühlen. Nur wenige ertrügen es, ständig mit Neuem konfrontiert zu sein.

Normalerweise bilden Gewohnheiten ein Gerüst für uns. Daran hangeln wir uns durch die Tage, Wochen, Monate, in den Zwischenräumen aber brechen sich Aufregung und Gefühle Bahn. Doch bei einigen Menschen ist das Bedürfnis nach Sicherheit so groß, dass sie auch einfache soziale Kontakte oder den Alltag nicht mehr ertragen. Norbert Kuhn hatte Angst vor solchen unkalkulierbaren Lücken in seinem Tagesgerüst. Er litt an einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. "Mut zur Lücke" war eines der Ziele der Therapie, die Hoffmann ihm verordnete. Er stellte ihm etwa die Aufgabe, etwas zu tun, das scheinbar keinerlei Zweck erfüllte. Kuhn sollte in ein ihm unbekanntes Stadtviertel gehen oder in ein Kaufhaus und sich nur umsehen – ganz ohne Plan und Routine. "Achtsamkeit, Spontaneität und Neugierde sind die Gegenpole zur Gewohnheit. Es ist wichtig, eine gesunde Balance zu finden", sagt Hoffmann.

Die gesunde Balance konnte Herbert Rugel*, 69 Jahre und ganz in Schwarz gekleidet, lange nicht finden. Es begann, als er zum Studieren in die große Stadt kam: Berlin in den Siebzigern. Er hatte lange Haare und ging gern feiern. Er hasste den Kapitalismus und die Spießer, und wenn er trank, fühlte er sich so locker, wie er gern sein wollte. Er wurde DJ, soff mit den Gästen, wurde anschließend Programmierer und soff mit seinen Auftraggebern. Er zeugte seinen Sohn im Suff, fuhr betrunken zwei Autos zu Schrott. Irgendwann ging er auch allein los und besoff sich nächtelang in Eckkneipen.

Als sein Sohn elf ist, fahren sie zusammen in den Urlaub. Hvar, Korčula, an der Adria. Sie haben ein Haus am Meer, Rugel macht oft Pommes und bringt einem Freund des Sohnes das Schwimmen bei. Schließlich bittet der Sohn ihn um ein Gespräch und erzählt ihm, wie es für ihn sei, wenn der Vater immerzu säuft. Rugel fällt aus allen Wolken. Er hatte gedacht, die anderen hätten die Tage genauso genossen wie er selbst. Erschrocken stellt er fest, dass er sich an vieles nicht mehr erinnern kann. Rugel verspricht, etwas zu ändern. Er glaubt selbst nicht an das Versprechen, aber als er wieder zu Hause ist, besucht er ein Treffen der Anonymen Alkoholiker.

Natürlich ist Alkoholismus viel mehr als eine Gewohnheit. Es ist eine schwere Krankheit mit unwiderruflichen neuronalen Veränderungen. Aber wer die Abhängigkeit bezwingen will, muss auch starke Gewohnheiten in den Griff bekommen. Auslösereize wie Geselligkeit, Frust oder das schlichte Ploppen einer Flasche provozieren das Suchtverhalten, bestimmte Belohnungen wie das Vergessen oder ein Gefühl von Entspanntheit treiben zur Wiederholung.

Das Programm der Anonymen Alkoholiker stimmt überein mit wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu, wie schlechte Angewohnheiten am besten bekämpft werden können. Es ist das Prinzip, nach dem auch die kognitive Verhaltenstherapie funktioniert: lernen, Verhaltensmuster zu erkennen, sie stoppen und durch neue, passendere ersetzen. Die erste Phase ist die der Selbstbeobachtung. "Gewohnheiten werden immer von Reizen aus der Umwelt angestoßen", sagt Bas Verplanken. "Und um es noch schwieriger zu machen: Meist ist es nicht nur ein Reiz, sondern ein ganzer Kontext, eine soziale Praxis, in welche die Gewohnheit eingebettet ist." Raucher rauchen gern, wenn sie ausgehen, trinken und mit anderen Rauchern unterwegs sind. Wir kauen Nägel, wenn wir nervös oder nachdenklich sind. Viele alltägliche Handlungen wiederholen wir meist in einem ganz bestimmten Setting: an einem speziellen Ort, zu einer gewohnten Zeit, in gewissen Stimmungslagen oder mit ausgewählten Menschen.

Die Psychologin Wendy Wood von der University of Southern California hat in vielen Experimenten gezeigt, wie stark wir Situationen mit Handlungen verknüpfen. Das Resultat: Wer sein Verhalten ändern möchte, muss den Kontext ändern. In einer von Woods Studien kam heraus, dass Raucher, die ihr Laster aufgeben wollten, doppelt so erfolgreich waren, wenn sie im Urlaub damit anfingen. Ein Alkoholiker sollte nicht in Lokale gehen, wenn er trocken bleiben möchte. Wer fernsieht, sobald er abends nach Hause kommt, könnte den Fernseher in den Keller bringen und sich mit Freunden verabreden. Viele Reize aber können oder wollen wir nicht vermeiden, wie Geselligkeit oder eine bestimmte Tageszeit.

Dann hilft nur, zu versuchen, den Reiz mit einer neuen Tätigkeit zu verknüpfen. Damit das klappt, müssen wir es schaffen, ein Verlangen nach dieser neuen Tätigkeit zu erzeugen. Dafür wiederum müssen wir verstehen, was uns zu unserer bisherigen Gewohnheit reibt. Raucher glauben, es sei das Nikotin, und ein wenig stimmt das sogar. Aber selbst wenn die körperliche Abhängigkeit nach einer Weile nachweislich überstanden ist, fällt uns der Verzicht schwer – weil wir viel mehr und oft Wichtigeres mit dem Verhalten verbinden. Die Raucherpause vor der Tür bringt eben nicht nur das Nikotin, sondern auch eine Form der Gemeinschaft. Und wer seine Fingernägel kaut, tut das oft, um sich für einen kurzen beruhigenden Moment selbst zu spüren. Für all das muss es etwas geben, das die schlechte Angewohnheit ersetzt.

Menschen, die aufhören wollen, Nägel zu kauen, lernen in Trainings, stattdessen eine Faust zu ballen oder mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen – und sich so zu stimulieren. Starke Grübler üben in der Therapie, schlechte Gedanken durch gute zu ersetzen oder das Grübeln zeitlich einzugrenzen und zum Beispiel auf den Abend zu beschränken. Auch die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker ist eine Art Ersatz. Sie hört zu, ohne Fragen zu stellen oder Vorwürfe zu machen, und spendet Trost, rund um die Uhr, wenn man das möchte. In größeren Städten gibt es täglich mehrere Treffen, und Neue bekommen die Telefonnummer von denen, die länger dabei sind. Noch etwas bietet die Gemeinschaft, vielleicht ist es das Entscheidende: Sie ermöglicht den Glauben daran, dass es möglich ist, etwas zu ändern. Denn immer sitzen in dem Stuhlkreis einige, die nicht mehr trinken.

 Neue Gewohnheiten zu etablieren ist einfacher, als alte abzulegen

"Ohne Hilfe von außen ist es so gut wie nicht möglich, die Persönlichkeit in größerem Umfang gezielt zu ändern", sagt Hirnforscher Gerhard Roth. Wenn Menschen ihr Leben radikal ändern wollen, das zeigte unter anderem eine Studie von Wissenschaftlern der Harvard University, reichen Silvestervorsätze nicht. Große Verhaltensänderungen hängen häufig mit schwerer Krankheit, Scheidung, Jobwechsel oder einer neuen Bezugsgruppe zusammen – sie geschehen, wenn sich der Kontext ändert. "In diesen sogenannten teachable moments werden Gewohnheiten zeitweise gebrochen. Man muss sich neu orientieren, das eigene Verhalten überdenken und sucht nach Informationen", sagt auch Verplanken. Wer nach Veränderung strebt, hat in diesen Momenten die beste Chance.

Bei großen Zielen hilft es außerdem, sie in kleine Schritte zu unterteilen – und diese jeweils zu belohnen. "Anstatt einem großen Ziel nachzueifern, verständigt man sich mit sich selbst auf kleine Schritte, für die man sich ebenso kleine Selbstbelohnungen ausdenkt", sagt Roth. Dabei solle man die Abstände zwischen den Belohnungen vergrößern und sie in ihrer Art variieren – damit sie nicht zur Gewohnheit und damit nutzlos werden.

So hatte Rugel sich eben nicht vorgenommen, dass er nie wieder in seinem Leben trinken werde – das hätte ihm die Kraft zum Verzicht sofort geraubt. Das Ziel bei den Anonymen Alkoholikern ist: heute das erste Glas stehen lassen. Rugel hielt die Regel sogar noch offener: "Jetzt nicht", sagte er sich. Jede Versuchung, der er widerstanden hatte, gab ihm Mut. Selbst kleine Erfolge treiben an und können über einen schweren Anfang hinweghelfen.

Bei Essgewohnheiten gehen Wissenschaftler davon aus, dass es mindestens drei Jahre dauert, bis das neue Verhalten stabil ist. Herbert Rugel fühlte sich zum ersten Mal nach fünf Jahren Abstinenz einigermaßen gefeit vor dem Griff zur Flasche. Aber noch heute, 28 Jahre später, geht er regelmäßig zu den Selbsthilfetreffen. Die Gefahr, wieder auf ausgetretene Pfade zurückzukehren, bleibt bestehen.

Etwas einfacher, als eine alte Gewohnheit abzulegen, ist es, eine neue zu etablieren. Sich im Auto anzuschnallen oder den Teller nach dem Essen in die Spüle zu stellen – an solche wenig komplexen Tätigkeiten gewöhnt man sich schnell. Andere, wie regelmäßig Sport zu treiben, sind aufwendiger. Das Erfolgsrezept: Das gewünschte Verhalten muss mit einem deutlichen Auslösereiz gekoppelt und dann durch Belohnung verstärkt werden.

Frühsportler etwa können sich die Laufschuhe direkt neben das Bett stellen und sie gleich nach dem Aufstehen anziehen. "Am Anfang muss das ganz bewusst gemacht werden", sagt Julia Thurn. Die Sportwissenschaftlerin promoviert an der Universität Stuttgart zu Gewohnheitsstärke und körperlicher Aktivität. Ziel sei, dass unser Gehirn das Aufstehen und Sehen der Laufschuhe mit dem Joggen verknüpft und wir daraufhin automatisch handeln. Das klappt allerdings nur, wenn es gelingt, ein Verlangen zu erzeugen, und dafür braucht es eine gute Belohnung. Die schwammige Aussicht, irgendwann schlanker zu werden, reicht nicht. Der Lohn muss konkret und direkt sein, wie zum Beispiel ein schönes Frühstück.

Thurn empfiehlt, eine Liste zu führen, auf der jedes Mal ein Haken nach dem Sport gesetzt wird, und nach zehn Haken gibt es eine Belohnung, etwa eine Massage. Gerhard Roth rät zusätzlich zu Druck von außen. Indem man sich mit anderen verabredet etwa. Auch hier hilft ein Plan. "Was mache ich? Wo? Wie? Mit wem? So wird das Ziel klarer – die erste Voraussetzung, um es zu erreichen", sagt Thurn. Und noch etwas gehört in den Plan. Was passiert, wenn es plötzlich regnet, wenn unerwarteter Besuch auftaucht? "Von so was lässt man sich ein-, zweimal abhalten, fühlt sich inkonsequent und lässt es dann häufig ganz bleiben", sagt Thurn. Ein sogenannter Wenn-dann-Plan hilft: Wenn unerwartet Besuch kommt, dann mache ich mit diesem eben einen Spaziergang.

Hat man die erste Hürde geschafft, einen neuen Auslösereiz zu etablieren, wird die Gewohnheit zum Selbstläufer. Menschen, die regelmäßig joggen gehen, drängt es früher oder später nach draußen. Leute, die es gewohnt sind, Obst zu essen, gelüstet es nach einiger Zeit quasi automatisch danach. Ein Verlangen in uns wecken zu können ist auch eine verlockende Aussicht für Firmen – längst haben sie das Potenzial der Gewohnheiten für sich entdeckt. Personalabteilungen, Labore der Produktentwickler und ganze Etagen des Managements beschäftigen sich inzwischen mit ihren Mechanismen.

Welche Macht Gewohnheiten haben, zeigt das Beispiel eines Kühlteile-Herstellers in Irland. Die Manager wollten, dass die Mitarbeiter am Standort Galway mit dem Rad zur Arbeit kommen. Sie versprachen sich davon ein grüneres Image und ausgeglicheneres Personal. Die Art, wie man zur Arbeit kommt, gilt allerdings als besonders fest verwurzelte Gewohnheit, weil so vieles mit ihr verwoben ist: Die Zeit ist morgens knapp, die Kinder müssen noch zur Schule gebracht, Einkäufe erledigt werden. Außerdem ist Irland nicht nur wegen des feuchten Wetters keine Gegend, in der man gern Rad fährt – auch der Verkehr gilt als gefährlich für Radler.

"Routinen in Organisationen und Institutionen sind standardisierte Interaktionsabläufe. Sie sind zum Teil vom Management geplant, können aber auch spontan entstehen. Ihr Wert besteht darin, dass sie zur Gewohnheit werden", sagt Ulrich Witt, Leiter der Abteilung für Evolutionsökonomik am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena. Sicherheitsstandards sind ein typisches Beispiel dafür: Wird in einer Fabrik Wert auf Sicherheit gelegt, gibt es klare Anweisungen und Schulungen. Entscheidend ist, dass die Sicherheitsroutinen für die Mitarbeiter zur Gewohnheit werden, über die sie in Gefahrensituationen nicht mehr nachdenken müssen. "Routinen entscheiden darüber, wie Belastungen, Aufgaben, Verdienste und Informationen verteilt werden – und sie können vor Machtmissbrauch schützen", sagt Witt.

Die Manager in Irland konnten ihren Mitarbeitern nicht befehlen, das Auto zu Hause zu lassen, sie mussten sie dazu bringen, es freiwillig zu tun. Das Programm begann mit dem "Earth Day": Nach der Mittagspause standen die Fließbänder still, es gab Musik, ein Rad, mit dem man tretend einen Smoothie mixen konnte, und einen Wettbewerb. Zu gewinnen gab es eine Reise auf eine Insel. Das Einzige, was die Teilnehmer tun mussten, war, ein Dreierteam zu bilden und fünf Wochen lang möglichst oft das Auto zu Hause stehen zu lassen. Jedes Mal, wenn einer mit dem Rad oder zu Fuß kam, bekam sein Team einen Punkt.

"Die soziale Komponente war das Entscheidende", sagt Barbara Heißerer, die das Projekt als Doktorandin begleitete. Die Mitarbeiter begannen, sich auf den Fluren und auf einer eigens eingerichteten Website über ihre Erlebnisse mit Pfützen auszutauschen. Manche schwärmten, wie entspannt sie radelnd zu Hause ankämen.

Sozialer Druck und Anerkennung helfen. Die Firma baute Duschen für diejenigen, die verschwitzt oder regendurchnässt eintrafen, und informierte über staatliche Subventionen beim Fahrradkauf. "Fahrradfahren wurde plötzlich zu etwas, was cool ist. Die, die oft mit dem Rad kamen, wurden zu Vorbildern", sagt Heißerer. "Es entstand ein regelrechter Hype." So war die Reise auf die Insel am Ende des Wettbewerbs völlig unwichtig geworden.

 Die Werbung orientiert sich an unseren Gewohnheiten

"Als ich ein Jahr nach Beginn der Aktion das letzte Mal in dem Unternehmen vorbeischaute, standen überall auf dem Gelände Fahrräder", sagt Heißerer. Die Firma hatte es geschafft, durch geschickte Manipulation eine besonders starke Gewohnheit ihrer Mitarbeiter zu ändern.

Für andere Firmen hingegen ist es ein Hauptgewinn, wenn sie ein neues Produkt für bestehende Routinen kreieren. Ganze Abteilungen beschäftigen sich damit. Werbekampagnen ködern uns, indem sie auf unsere Auslösereize zielen und Belohnungen versprechen, und Firmen sammeln Daten, um Produkte so zu entwickeln, dass sie neue Gewohnheiten bedienen.

Sabine Menzel verdient damit ihr Geld. Als Leiterin der Grundlagen-Marktforschung bei Henkel sammelt sie weltweit Konsumentendaten. Ein Produkt ihrer Arbeit sind die Persil Mega-Caps. Die Marktforscher hatten beobachtet, dass einige Konsumenten beim Dosieren des Flüssigwaschmittels dieses immer wieder danebenschütteten. "Früher haben Frauen den Haushalt in Vollzeitbeschäftigung geführt, aber das hat sich geändert", sagt Menzel, "heute muss das oft nebenherlaufen. Das heißt, je unkomplizierter das Produkt ist, desto besser." Anfang 2012 führte Henkel das portionierte Flüssigwaschmittel auf dem deutschen Markt ein. Ziel der Firma ist es, eine neue Gewohnheit zu etablieren: Waschmittel in Form eines kleinen Kissens direkt zur Wäsche zu schmeißen.

Henkel ist nicht das einzige Unternehmen, das so arbeitet und Erfolg damit hat. Starbucks und andere Ketten etwa haben Massen dazu gebracht, Kaffee zu kaufen, der im Gehen getrunken wird.

Auch im ganz Großen gilt: Viele Gewohnheiten sind keine Zufallsprodukte – sie zeigen, in welcher Gesellschaft wir leben. Denn Gewohnheiten bilden sich im Rahmen vorhandener Strukturen. Wenn ein Vater heute routiniert die Windeln seiner Tochter wechselt, dann auch, weil er Elternzeit nehmen kann und engagierte Väter heute nicht mehr belächelt werden. Wenn Menschen Müll trennen oder ihr Auto zu Hause stehen lassen, dann oft dort, wo die Voraussetzungen stimmen: Die verschiedenen Tonnen stehen direkt am Haus, das Netz des öffentlichen Nahverkehrs ist gut ausgebaut.

"Wir gehen immer vom selbst entscheidenden, gebildeten, aufgeklärten Bürger aus", sagt Martina Schäfer, Professorin am Zentrum für Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin. "Aber der Mensch ist eingebunden in soziale Kontexte, er muss einzelne Handlungen mit anderen abstimmen und ist stark beeinflusst durch Infrastruktur und soziale Normen." Und: "Wenn wir in unserer Gesellschaft etwas ändern wollen, dann reicht es nicht, die Verantwortung Einzelnen zuzuweisen. Erst wenn die Politik den Rahmen setzt, Arbeitgeber Anreize für ihre Mitarbeiter bieten und sich gesellschaftliche Leitbilder wandeln, können gesellschaftliche Veränderungen funktionieren."

Manchmal kann ein solches von oben angeordnetes Verhalten sogar zu einer Leben rettenden Gewohnheit werden. In den siebziger Jahren scheiterten viele Informationskampagnen zum Angurten im Auto, das manche sogar für gefährlich hielten. Die dann geplante Gurtpflicht galt als Ausgeburt staatlicher Regelwut. Erst als 1984 das Nichtanschnallen tatsächlich unter Strafe gestellt wurde, änderte sich etwas. Innerhalb kürzester Zeit schnallten sich statt zuvor 60 Prozent 90 Prozent der Autofahrer an.

"Wir denken immer zuerst daran, die Einstellungen zu ändern, um dann zum Verhalten zu kommen. Umgekehrt müsste es sein", sagt der Sozialpsychologe Verplanken. "Wenn wir es schaffen, das Verhalten zu ändern, ändert sich auch das Denken." Heute überleben hierzulande dank der Gewohnheit, sich anzuschnallen, etwa 2.000 Menschen jährlich einen Unfall, bei dem sie sonst gestorben wären.

* Name von der Redaktion geändert