In Deutschland stoßen ABA-Interventionen nach wie vor auf viel Kritik. Ein wesentlicher Punkt dabei ist, dass die Kinder auf roboterhaftes Verhalten reduziert würden, wie etwa der Bundesverband für Autismus meint. "Sie werden nicht zu anderem Verhalten motiviert, sondern schlicht darauf getrimmt. Das ist eine Dressur des Kindes, die gegen seine Würde verstößt und bei ihm nur Widerstand hervorruft", sagt dessen Vorsitzende Maria Kaminski. Auch sie ist Mutter eines – inzwischen erwachsenen – Autisten. Und das dürfe ihr Sohn auch bleiben, sagt sie. "Unser Ansatz ist liebevoll-konsequent. Wir warten darauf, dass sich das autistische Kind von sich aus für die Außenwelt interessiert und der Folgen seiner Handlungen bewusst wird."

Warum quält ihr euren Sohn so? Das warfen Freunde Johans Eltern anfangs vor, als sie sahen, wie viele Stunden der Junge auf seinem Stuhl ausharrte. Doch man habe ihn nie zu dem Programm zwingen müssen, sagt Ina Winter. "Bevor er sprechen lernte, schob er seinen Stuhl manchmal selbst an den Tisch, um zu zeigen, dass er arbeiten wollte." Es ist, als habe die Therapie ein Fenster für ihn geöffnet. "Er lernt durch uns das Lernen", sagt sie. Die Eltern können sehen, wie er sich von Tag zu Tag entwickelt. Er fängt an zu fragen. Er beginnt mit seinen Autos Geschichten zu spielen und sie nicht nur aufzureihen. Und im Kindergarten hat er sogar einen Freund gefunden. Wenn die Mutter jetzt zusammen mit Johan Mittag isst, unterhalten sie sich. Ganz normal sei das inzwischen, sagt sie, nun ja, fast, ihr Sohn ernähre sich nach wie vor nur von Chips, Keksen und Joghurt. Warme Mahlzeiten? Unmöglich. "Er bleibt wohl immer etwas seltsam", sagt sie. "Aber ich bin zuversichtlich, dass er im Leben zurechtkommen wird."

Inseln der Ordnung

Hamburg-Blankenese. Eine restaurierte Villa, draußen stehen Dreiräder und Kettcars. Hier wohnen die Hansens*. Auch sie waren in Bremen, um am Elterntraining BET teilzunehmen. Es ist Nachmittag, Vera Hansen sitzt mit ihren beiden Kindern im Wohnzimmer und trinkt Tee. Beinahe ein ganz normales Beisammensein, nur dass Jasper, ein blonder Junge mit Engelsgesicht, wie ein Besessener den Knopf auf seinem elektrischen Polizeiauto drückt. Bis seine Mutter ihn aus dem Zimmer schickt. Etwas später kommt der Sechsjährige wieder herein und fragt: "Kann ich raus, spielen?" Sie: "Womit?" Er: "Mit der Gießkanne." Dann flitzt er in den Garten. Und macht, was er am liebsten tut: die Gießkanne umwerfen, aufstellen, umwerfen, aufstellen. Vera Hansen schaut ihm besorgt zu.

Mit diesen stereotypen Handlungen beruhigen sich Autisten, weil sie in den voraussehbaren Effekten Sicherheit finden. Es sind für sie Inseln der Ordnung. Ist das denn so schlimm? Nein, sagt die Mutter, aber es zeige mal wieder, dass sie mit ihrem Sohn in einer Hinsicht kein Stück weitergekommen sei: "Er beschäftigt sich lieber mit Dingen als mit anderen Kindern, die für ihn in ihren Reaktionen unvorhersehbar sind." Ein Jahr lang hat Vera Hansen mit Jasper das BET durchgezogen. Er habe dort vieles gelernt: Gefühle besser zu erkennen, jemanden zu trösten, sagt sie. Nur einen Durchbruch gab es nicht. Jasper spielt im Kindergarten immer noch allein.

"Mir fiel der Befehlston anfangs schwer", erinnert sich die Mutter. Und auch Jasper verweigerte sich oft. Dennoch ist sie froh, dass sie überhaupt etwas machen konnte. Ihr Sohn bekam die Diagnose Asperger – ebenfalls eine Autismus-Störung – erst relativ spät, mit viereinhalb Jahren. Autismus lässt sich nicht medizinisch mit Bluttests oder Röntgenaufnahmen feststellen, sondern nur durch psychologische Verhaltenstests. Die Ärzte sind in Deutschland eher zurückhaltend mit der Diagnose. Das wächst sich aus, das sind Erziehungsprobleme, heißt es oft. Im Durchschnitt wird die Diagnose erst mit sechs Jahren gestellt, oft auch noch später. Etliche Kinder bleiben so jedoch über Jahre ohne Behandlung. "Ich fürchte, wir haben kostbare Zeit verloren", sagt Hansen. "Vielleicht hätten wir sonst mehr bewirken können." Und dann sollte Jasper beim Autismus-Institut in Hamburg auch noch bis zu einem Dreivierteljahr auf einen Therapieplatz warten. Es sei gar nichts anderes übrig geblieben als die teure Intensivtherapie, sagt die Mutter.

Hätten sie und ihr Mann tatsächlich mehr erreicht, wenn sie früher mit dem Training begonnen hätten? Eines ist unbestritten in der Autismusforschung: Je eher eine dem Kind angemessene Therapie startet, desto besser, weil das Gehirn im frühen Alter noch besonders wandlungsfähig ist. Das belegt zum Beispiel eine Studie des Early Start Denver Model von 2009, die zwei Jahre lang die Therapieeffekte bei zwei Kleinkind-Gruppen beobachtete. Die einen erhielten eine ABA-Therapie, die anderen nicht. Dabei schnitten die Kinder aus der ABA-Gruppe deutlich besser ab mit dem, was sie hinterher konnten und wussten.

Die deutsche Psychiaterin Christine Freitag zeigte in einem Pilotprojekt mit autistischen Kleinkindern an der Universität Frankfurt, dass bereits zwei Stunden intensive Verhaltenstherapie unter Einbeziehung der Eltern und des Umfeldes zu Entwicklungsfortschritten führen. Doch sie hält das kleinschrittige Verhaltenstraining am Tisch nur für sinnvoll, solange die Kinder noch sehr klein sind oder noch sehr eingeschränkte Fähigkeiten haben. "Später muss man aus dem rigiden Rahmen herauskommen. Da werden Kreativität, Spontanität und soziale Interaktion wichtig." Natürliches Lernformat heiße diese Methode. "Die Kinder trainieren, selbst die Initiative zu ergreifen, die Therapie bietet die Situationen dafür", sagt Freitag.

Die perfekte Therapie gibt es nicht

Johan, heute fünf Jahre alt, hat auch von diesem lerntheoretischen Ansatz profitiert. Denn parallel zum Training zu Hause erhielt er von Anfang an sechs Stunden Therapie pro Woche im Autismus-Zentrum. "Das war genauso wichtig wie das Lernprogramm am Tisch", sagt seine Mutter. Die dortige Therapeutin motiviert ihn auf spielerische Art, aus sich herauszugehen. Außerdem begleitet sie den Jungen in den Kindergarten und bezieht die Erzieherinnen in die Therapie ein. Johan hat mit dieser Mischform aus Elterntraining und natürlichem Lernen wahrscheinlich die bestmögliche Frühförderung bekommen – die meisten Eltern autistischer Kinder in Deutschland können davon nur träumen.

"Es gibt nicht nur eine einzige Heil bringende Therapiemethode", sagt Vera Bernard-Opitz, dafür sei das Spektrum der Autisten viel zu breit. Die klinische Psychologin und Verhaltenstherapeutin hat mit mehr als 1.000 betroffenen Kinder gearbeitet und das in Deutschland bisher beste Praxishandbuch über die Behandlung von Autismus geschrieben. Sie ist ABA-Supervisorin in den USA und damit eine klare Befürworterin der Verhaltenstherapie, aber sie kennt auch deren Grenzen. Ihr Fazit: Kein Autist ist wie der andere. "Wie ein Schlüssel müssen die verschiedenen Therapiemethoden zu den Merkmalen des Individuums mit Autismus passen." Dafür sei jedoch eine enge Zusammenarbeit von Eltern und Vertretern aller Therapierichtungen nötig.

Dennoch werden in Deutschland weiterhin Grabenkämpfe geführt, statt Gemeinsamkeiten zu formulieren. Immerhin gibt es zunehmend Unterstützung für die intensive Verhaltenstherapie. Die 2011 gegründete Deutsche Gesellschaft für Verhaltensanalyse hat es sich zum Ziel gesetzt, die Ausbildung von ABA-Verhaltenstherapeuten auch hier zu etablieren. An der Fachhochschule Münster gibt es seit Kurzem den Masterstudiengang Clinical Casework mit dem Modul Verhaltenstherapeutische Interventionen bei Autismus-Spektrum-Störungen. Und seit 2010 bieten auch Hermann und Ragna Cordes am IFA in Bremen Fortbildungskurse in der autismusspezifischen Verhaltenstherapie an.

Frühförderung könnte Kosten sparen

Ein Problem aber bleibt: die hohen Kosten für die Therapie, die viele Eltern von autistischen Kindern nicht allein aufbringen können und die ihnen die Sozialämter verweigern. Dabei sind die Folgekosten für Pflege und Betreuung von unzureichend therapierten Autisten für den Staat noch viel höher. Studien aus den USA schätzen das Einsparpotenzial für die Gesellschaft durch Frühinterventionen wie die ABA-Therapie nach Lovaas auf 200.000 Dollar pro Patient bis zum Alter von 22 Jahren und auf eine Million Dollar bis zum Alter von 55 Jahren.

Familie Hansen ist jetzt vor Gericht gegangen, weil das Sozialamt in Hamburg die Erstattung der Kosten für die intensive Frühförderung ihres Sohnes ablehnte. Wie viele Mütter von Autisten konnte auch Vera Hansen in ihrem Beruf nicht weiterarbeiten, da das Lernprogramm des BET sonst nicht zu bewältigen gewesen wäre. "Ich bin zur Expertin für die Behinderung meines Sohnes geworden", schreibt sie in der Begründung ihrer Klage. Sie findet, dass sie der Gesellschaft damit einen großen Dienst erweise. Es gab schließlich lange Zeit keinen Therapieplatz für Jasper in Hamburg. Erst jetzt ist etwas frei geworden: ein Platz mit einer Stunde pro Woche.

* Namen der Familien von der Redaktion geändert