Autonome AutosComputer am Steuer

Weniger Verbrauch, weniger Unfälle: Automatisch fahrende Autos haben Vorteile. Jetzt fordert Google die Fahrzeugindustrie heraus. von Thomas Byczkowski

Ein selbstständig fahrendes Auto von Google steuert durch Washington (Archivbild vom Mai 2012)

Ein selbstständig fahrendes Auto von Google steuert durch Washington (Archivbild vom Mai 2012)  |  © Karen Bleier/AFP/Getty Images

Passiert ist es in Aschaffenburg. Innenstadt, Berufsverkehr, freie Kreuzung: Gas geben. Ein roter Pfeil blitzt auf, ein Radler saust quer vorbei – Vollbremsung, rums! Eine Tür öffnet sich, und Frederik Naujoks betritt den Raum, in dem der durchgesägte BMW-Kombi mit durchgesessenem Sitz steht. Auf der Panorama-Leinwand läuft die Computersimulation der Aschaffenburger Innenstadt ab. "Keine Sorge, das war kein Unfall", sagt der Wissenschaftler beruhigend, "manchmal ruckelt der Simulator in so einer Situation."

Naujoks forscht am Würzburger Institut für Verkehrswissenschaften, dem WIVW, zur Zukunft des Verkehrs. Er testet Auto-Assistenzprogramme wie dieses Frühwarnsystem, das Informationen über die Umgebung auf der Windschutzscheibe darstellt.

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Auch die Industrie arbeitet an solchen Systemen, die menschliche Autofahrer eines Tages überflüssig machen könnten. Audi schickt ein Roboterauto über Rennstrecken, Volvos rollen in einem automatisierten Konvoi durch Europa, und in Kalifornien testet Google eine Flotte autonomer Pkw. Google-Gründer Larry Page ist überzeugt: Eine Automatisierung des Autoverkehrs könnte in 20 Jahren nicht nur jährlich 600.000 Verkehrstote verhindern, sondern auch Benzinverbrauch und Stauaufkommen drastisch reduzieren.

Stau, das bedeutet allein in Deutschland jedes Jahr 600.000 Kilometer Stillstand – und verschwendete Arbeitszeit und Ressourcen. Fast 300.000 Stunden vertrödeln die Deutschen so pro Jahr und jagen dabei 16 Milliarden Liter verbrannten Kraftstoff durch die Auspuffrohre. Über 24 Milliarden Euro verpuffen in 40 Millionen Tonnen ausgestoßenem CO₂. Roboterautos könnten ein Ausweg sein.

ZEIT Wissen 3/2013
ZEIT Wissen 3/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Von denen träumen deutsche Forscher schon lange. Vor 25 Jahren wurden eineinhalb Milliarden Mark in das Forschungsprojekt Prometheus gepumpt, um die Automatisierung voranzubringen. Bereits 1997 fuhren deshalb mehrere Limousinen auf den Autobahnen, bei denen die Fahrer im Schnitt nur noch alle neun Kilometer ans Lenkrad fassen mussten. "Allerdings hat man sich viel zu spät gefragt, wie genau ein passendes Produkt dazu aussehen könnte", erklärt Markus Maurer, der als junger Wissenschaftler bei Prometheus war und heute an der TU Braunschweig forscht.

Bis 2025, so die Prognosen, wird sich die Zahl der Autos weltweit auf zwei Milliarden verdoppeln. Staus, Unfalltote, Abgasschwaden und Parkplatznot drohen dann überall. Wenn man das verhindern möchte, muss man das Auto ganz neu in eine Mobilitätsinfrastruktur einbetten. Deshalb hat die Vision vom autonomen Auto inzwischen die Labore technikverliebter Tüftler verlassen.

Es beginnt schon beim Einparken. Audi hat auf einer Messe in den USA bereits demonstriert, dass der Fahrer dabei in Zukunft gar nicht mehr lenken und das Gaspedal treten muss. "Richtig sinnvoll wird das autonome Parken aber erst mit Elektroantrieb", sagt Marius Zöllner vom Forschungszentrum für Informatik (FZI) in Karlsruhe. "Denn die Elektroautos könnten im Parkhaus nacheinander selbstständig an die Ladestation fahren und wären bei Abruf wieder einsatzbereit." Etwa, wenn der Besitzer per Handy signalisiert, dass er aus dem Büro kommt. Weil in modernen Wagen bereits Motoren, Bremsen und Lenkung ihre Anweisungen elektronisch bekommen, scheint sogar der Weg zum selbstständigen Fahren nicht mehr weit zu sein. Alles, was das Auto noch braucht, sind Augen und Ohren, also Sensoren, die die Umgebung erfassen – und genügend Grips, um diese Informationen zu verarbeiten.

Die neu vorgestellte E-Klasse von Mercedes etwa hat ihre Umgebung schon im Blick: "Intelligent Drive" nennen die Schwaben ein Konglomerat aus 360-Grad- und Stereokamera, Radar, Totwinkelwarner sowie Fußgängererkennung, Spurhalteassistent, Abstandskontrolle und Notbremssystem. Damit kann der Wagen im Stau selbst lenken, bremsen, anfahren. Er erkennt Verkehrszeichen, warnt beim Überfahren des Mittelstreifens, bei zu dichtem Auffahren – und bremst zur Not bis zum Stillstand. Schneller, als der Fahrer das je könnte. Viele Assistenzsysteme sind serienmäßig eingebaut, für etwa 5.000 Euro hat man sämtliche Module zusammen.

Leserkommentare
  1. Das was Die Google Leute machen geht in Europa nicht. Darum ist der Der, der das Project ans Laufen barchte, ja auch aus Deutschland zu Google geangen. Der Denkansatz ist ein anderer, nicht Einzelfunktionen die sich nicht verkaufen sondern ein System was Andere dann anpassen koennen..........

  2. ... sind Augen und Ohren, also Sensoren, die die Umgebung erfassen – und genügend Grips, um diese Informationen zu verarbeiten.

    Wenn ich mir die Fahrweise von etwa 25% der hinter dem Steuer sitzenden Kohlenstoffeinheiten so anschaue, fehlt's besonders an Letzterem.

    4 Leserempfehlungen
  3. Es wird deutlich, dass vorallem die Interaktion mit von Menschen gesteuerten Fahrzeugen, die größte Herausforderung für diese Fahrzeuge darstellt (Innenstadtsituationen mit Fußgängern mal ausgenommen). Aber ist das System einmal etabliert, tauschen allen autonomen Autos (egal welcher Markte) in Echtzeitdaten aus, so wird das System um so besser, sicherer und günstiger je mehr Menschen es nutzen (Netzgut).

    Aus der Sicht der Ökologie und Sicherheit super! Aber auch ein weiterer Schritt in die Post-Privacy und eine Welt mit weniger Autonomie.

    Freiheit bedeutet auch Fehler machen zu dürfen. Ob diese Fehler allerdings gerade im Straßenverkehr gemacht werden dürfen/müssen, muss der öffentliche Diskurs entscheiden.

    Ich hätte mit dem Verbot von nicht automatischen Fahrzeugen ab 2025 kein Problem … aber dann bitte ALLE inklusive LKWs! Dann erledigt sich auch die gesamte Schleichwegproblematik und Caresharing wird noch besser! :)

    Wichtig ist nur, dass sie im Notfall auch autonom von Netz fahren können, also nicht hackbar sind.

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  4. Dank der überbordenen Bürokratie backen wir bald gar nichts mehr.

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  5. Pferd hatte eine ausgesprochen feinfühlige Sensorik,
    konnte selbstständig Katzen, Hunden, Einwegpfandflaschen, Fußgängern und anderen mobilen oder fixen Hindernissen ausweichen,
    und besaß eine Sprach-, wie auch Direktsteuerung,
    sowie ein innovatives Prämienausgabesystem ( Pferdeäpfel ) z.B. für urban Gardeningprojekte gegen Entgelt.

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  • Schlagworte Computer | Google | Umwelt | Audi | Auto | Nachhaltigkeit
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