Obst und GemüseFrisch von der Stange

Ob Obst, Gemüse oder Fleisch: Unsere Lebensmittel sind zu Industrieprodukten geworden. Sie wachsen in Zuchtfabriken, fernab jeder Bauernhof-Idylle. von Vanessa Rehermann

Mit Erde sind die meisten Tomaten, die wir essen, nie in Berührung gekommen. Das Gemüse wird fast ausschließlich in Gewächshäusern angebaut, wie hier in Nordschweden.

Mit Erde sind die meisten Tomaten, die wir essen, nie in Berührung gekommen. Das Gemüse wird fast ausschließlich in Gewächshäusern angebaut, wie hier in Nordschweden.  |  © Jonathan Nackstrand/AFP/Getty Images

Im Supermarkt ist immer Saison. Frisches Obst und Gemüse liegen das ganze Jahr über nur einen Griff weit entfernt, denn Gewächshäuser setzen die natürlichen Erntezeiten weitgehend außer Kraft. So wie die Fleischproduktion und damit die Tierhaltung längst den Gesetzen industrieller Produktion unterworfen sind, werden auch Obst und Gemüse in künstlichen Welten besonders rentabel angebaut. Die meisten unserer Salatköpfe und Gurken sind – ebenso wie die heutigen Hühner – in großen, weitgehend automatisch gesteuerten Hallen gezüchtet worden. Allenfalls Biolebensmittel wachsen noch in natürlicher Erde.

Abgesehen vom Anbau im eigenen Garten, gibt es wohl kaum eine deutsche Tomate, die nicht unter Glasdächern oder in Folientunneln gewachsen ist: Mit 61.200* Tonnen Ertrag im Jahr 2012 ist sie das meist angebaute Gewächshausgemüse des Landes. Die Zahlen für den Freilandanbau sind indes so verschwindend gering, dass das Statistische Bundesamt sie seit einigen Jahren nicht mehr erhebt. Unter den Glasdächern gedeihen die empfindlichen Pflanzen schließlich unabhängig von Witterung und Klima.

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In der Massenproduktion wachsen die Pflanzen getrennt vom natürlichen Untergrund in Substraten mit klangvollen Namen wie Perlit, Kokosfaser oder Steinwolle. Sie bringen mehr Ertrag auf kleinerer Fläche. Und weil die meisten Betriebe die Substratmatten jedes Jahr austauschen, ist die Gefahr von Krankheiten geringer als beim Anbau in Erde. Vollautomatische Prozesse machen den Anbau zudem zu 100 Prozent steuerbar: Ein Computer regelt die Wasserversorgung auf den Milliliter genau und passt auch die Zufuhr der Nährstofflösung an, aus der die Pflanzen ihre Kraft zum Wachsen ziehen.

ZEIT Wissen 3/2013
ZEIT Wissen 3/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Der technisch optimierte Anbau erinnert in nichts an den klassischen Bauernhof, und das Gemüsebeet hinter dem Haus scheint im Vergleich zu den fußballfeldgroßen Glashäusern von einer anderen Welt – kaum vorstellbar, dass dort dieselben Früchte wachsen. Dennoch: Was die Nährstoffe angeht, soll die Gewächshaustomate genauso gesund sein wie ihre Schwester aus dem eigenen Garten. Außerdem ist bislang nicht belegt, dass Tomaten aus dem Gewächshaus schlechter schmecken.

Mit der richtigen Wärme- und Lichtzufuhr können die ersten deutschen Tomaten statt im Juli schon im März auf den Tisch kommen. Sie tragen sogar das Label "aus der Region", doch macht sie das nicht unbedingt umweltfreundlicher als Importe aus anderen Ländern. Zwar haben sie einen wesentlich kürzeren Weg zum Verbraucher und belasten die Umwelt somit weniger durch ihren Transport als jene, die in spanischen oder italienischen Anlagen gewachsen sind. Doch ihr Anbau ist wesentlich energieintensiver: Was im Süden die Sonne leistet, müssen hierzulande Heizung und Lampen richten.

Die Wahrheit über Bio
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Klicken Sie auf das Bild, um zur ZEIT-Serie über Lebensmittel aus dem Ökolandbau zu gelangen.  |  © misterQM/photocase.com

Das wirkt sich auf die Klimabilanz aus: Einer österreichischen Studie zufolge machen die Heizkosten eines Gewächshauses bis zu 80 Prozent der CO2-Emissionen beim Anbau aus. Oft wird die Energie dabei aus fossilen Brennstoffen wie Erdöl oder Erdgas gewonnen. Vergleicht man regionale Gewächshaustomaten aus Österreich mit dem Ertrag von spanischen oder italienischen Tomatenfeldern unter Folie, weisen die regionalen Erzeugnisse insbesondere bei einer Beheizung auf Erdölbasis eine schlechtere Umweltbilanz auf, trotz der kurzen Transportwege. Für die Produzenten rechnet sich der höhere Energieaufwand dennoch, weil die Nachfrage nach regional erzeugtem Gemüse so groß ist wie nie zuvor – egal, zu welcher Jahreszeit.

Also doch besser Tomaten aus dem Süden? Stattdessen rät die Energieagentur NRW, die Gewächshäuser besser abzudichten und beispielsweise mit Spezialverglasung besser zu isolieren. Einige deutsche Betriebe senken ihren Schadstoffausstoß außerdem, indem sie die Abwärme von Kraftwerken zur Beheizung ihrer Gewächshäuser nutzen. Noch hat die deutsche Landwirtschaft viel Potenzial, mit anderen Energiequellen als Öl und Gas umweltfreundlicher zu produzieren. Nachhaltiger Anbau liegt aber auch in den Händen der Verbraucher: Wer mit gutem Gewissen reife Früchte essen möchte, muss sich nach der Saison richten. Nicht nach der im Supermarkt – sondern nach der da draußen.

*Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich stand hier fälschlicher Weise die Zahl 61,2 Tonnen. Der Fehler wurde korrigiert.

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Leserkommentare
  1. Ich weiss gar nicht warum viele das nostalgische Bild des Kleinbauern für so erstrebenswert halten, ist ja auch im Marketing von großen Schlachtbetrieben oder Lebensmittelkonzernen, wo jeder Konsument wissen MUSS dass das nicht die Herstellung des jeweiligen Produkts wiederspiegelt, immer üblich.

    Wir holen unsere Schuhe auch nicht mehr bei einem Schuster mit Lederschürze in einer ulkigen Werkstatt wie jene von Meister Eder. Und Brot wird auch nicht mehr einmal die Woche von Landfrauenkooperativen im gemeinsamen Dorfofen gebacken. Ich kann nichts schlechtes an kontrollierten Wuchsbedingungen inkl. Substrat z.B. aus Kokosfasern finden. Umgekehrt steigert das die Lebensmittelsicherheit, den Ertrag und verringert die Notwendigkeit von Pestiziden ganz enorm. Jeder der mal versucht hat Tomatenpflanzen zu peppeln weiss erstens wie schwierig das ist und zweitens was für enorme Schädlingsprobleme man hat. In einem abgeschlossenen Gewächshaus mit Außenluftfilter kriegt man mit Glück keinerlei Schädlinge und hat dementsprechend auch keinen Pestizideinsatz - und keine Rückstände in der Tomate. So schaut die Analyse schon wieder ganz anders aus, auch aus Verbrauchersicht. Auch kann z.B. Wasser sehr viel effizienter genutzt werden, Stichwort Tröpfchenbewässerung. Häufig sind solche Betriebe auch "Null Abfall" Betriebe, die anfallenden Pflanzenverschnitt selbst kompostieren, schon aus Kostengründen, ein kleiner Kreislauf entsteht. Und der Transport aus Südeuropa entfällt auch. Bin dafür.

    17 Leserempfehlungen
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    Außer bei der Sache mit Meister Eder: Der war Schreiner :)

    Spanien war mal komplett grün.
    Das spricht auch für den hemischen Anbau, wir erschaffen bei uns dadurch keine Wüsten.

    • K.P.R.
    • 05. Juni 2013 17:20 Uhr

    "Mit 61,2 Tonnen Ertrag im Jahr 2012 ist sie das meist angebaute Gewächshausgemüse des Landes"
    Diese Zahl kann nicht stimmen.

    5 Leserempfehlungen
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    diese Quelle hier gibt für 2010 eine Gesamtmenge für Unter-Glas-Tomaten von 73300 Tonnen an.

    http://www.statistik.bade...

    • mcjr
    • 06. Juni 2013 8:15 Uhr

    wie kann der Zeit so ein Fehler passieren? Es ist ja offensichtlich dass diese Zahl nicht stimmen kann. Werden die Artikel nicht gegengelesen?

    EIn bischen mehr Daten und Hintergruende wuerden dem Artikel gut tun. Ein Vergleich des CO2 Ausstosses von importierten Biotomaten, importierten Gewaechshaustomaten, regional angebauten Biotomaten waere interessant.

    Sind Biotomaten wirklich umweltfreundlicher? Fuer biologischen Anbau sind groessere Flaechen erforderlich um den selben Ertrag zu erzielen. Wie wirkt sich das aus?

    Redaktion

    Liebe Leser(innen), bei der monierten Zahl von 61,2 Tonnen Ertrag für Tomaten ist uns natürlich ein Fehler unterlaufen – gut, dass Sie das bemerkt haben und vielen Dank für den Hinweis! Die richtige Zahl lautet 61200 Tonnen (jetzt im Text korrigiert) und stammt vom Statistischen Bundesamt: https://www.destatis.de/D....
    Man sieht dort auch, dass es für Tomaten keine Zahl mehr unter dem Punkt "Im Freiland" gibt: Diese wird nicht mehr erhoben, weil die Menge laut Auskunft des Statistischen Bundesamtes einfach zu gering ist.
    Viele Grüße aus der ZEIT Wissen-Redaktion,
    Jan Schweitzer

  2. ...und niemand der 2 und 2 zusammenzählen kann geht auch davon aus.
    Es schafft aber Arbeitsplätze in der Region und manchmal, nicht immer aber manchmal, ist es umweltverträglicher als Exporte aus dem Süden oder Osten Europas.
    Schlecht ist Glashausgemüse bestimmt auch nicht und dank der Flut in Mitteleuropa und dem saukalten Frühling in Westeuropa können wir froh sein wenn Dank der Glashäuser die Lebensmittelpreise dieses Jahr hoffentlich nicht zu sehr steigen...

    8 Leserempfehlungen
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    ...tschuldigung :-)

    es ist doch egal ob die arbeitsplätze hier oder 200km weiter aber immer noch in deutschland entstehen...
    wenn dann die 200km weiter weg leute die waren ihrer region kaufen ist im endeffekt nix gewonnen nur es wurden nicht die optimalen produkte der region produziert
    jeder wird ärmer
    das heißt jetzt nicht dass sie zeug außerhalb deutschlands kaufen sollten

  3. ...tschuldigung :-)

  4. diese Quelle hier gibt für 2010 eine Gesamtmenge für Unter-Glas-Tomaten von 73300 Tonnen an.

    http://www.statistik.bade...

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "zu wenig"
  5. Na ja, das ist eben die Realität, als dass ein guter Teil unserer Lebensmittel nicht vom ökolog. Kleinerzeuger stammt. Muss aber dennoch nicht alles negativ sein. Man kann einerseits nicht mit modernster Technik wie Smartphone, Medien im HighTech- Öko Haus leben und andererseits erwarten, dass der Bauer bzw. Gärtner noch mit Pferden und Pferdemist als Dünger und per Handarbeit arbeitet.Das Romantik pur und genauso, wie wenn Großstädter, z.B im Raum Stuttgart mit Ihrem SUV auf der Autobahn am WE schnell mal in einen Nationalpark Nordschwarzwald wollen und dort dann "Urwald" erwarten, aber dann am Ende doch oft bei künstlichen Events landen (Hochseilgarten, Wipfelpfad, Wildpark usw...)

    Auch wenn solche Produktionen etwas "unschön" wirken , haben sie auch Vorteile. Trotz monatlicher Lebensmittelskandalen ist die Kontrolle in D noch immer deutlich besser und strenger als in anderen Ländern (z.B. Pflanzenschutzmittel, Wasserschutz, Arbeitsbedingungen usw.).
    In südlichen Ländern ist der Wasserverbrauch oft ein kritischer Faktor, ebenso der Pflanzenschutzmitteleinsatz. Und Wasser haben wir genug, wie man gerade sehen kann.

    5 Leserempfehlungen
  6. ... nicht mit Gewächshäusern gepflastert ist, um die Abwärme nicht einfach mittels Kühlturm in die Luft zu verdunsten, sondern damit mehrmals im Jahr Gemüse- und Obsternten einzufahren. Vielleicht mindert das den Wirkungsgrad des Kraftwerks ein kleines bisschen, aber der ( gesellschaftliche ) Gesamtwirkungsgrad sollte dadurch deutlich steigen. Ich bin zutiefst beunruhigt, wenn ich mir dieses "nicht meine Sache" und "das ist dem seine Sache", dieses hirnlose Aneinandervorbeigewurschtele anschaue. Wofür hat die Menschheit eigentlich sprechen gelernt, wenn nicht für eine Zusammenarbeit? Und es gibt noch mehr gebiete, wo sich eine Kooperation zum Wohle aller lohnen würde. Selbst Affen jagen und fressen die Beute gemeinsam, und wir "homo sapiens sapiens"?

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    ... ob sie ihrem Biokind eine Biotomate, die aus der Nähe eines AKWs stammt "verabreichen" würde!

    • chris-
    • 05. Juni 2013 18:31 Uhr

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Die Redaktion/au

    • DDave
    • 05. Juni 2013 19:47 Uhr

    Die Restwärme(,welche nicht mehr zur Stromerzeugung zu nutzen ist,) wird normalerweise in ein Fernwärmenetz eingespeist(,wenn ein solches vorhanden ist, in Mannheim ist dies der Fall) oder aber auch zum "Vorwärmen" vom Wasser(, welches als nächstes Strom erzeugen wird,) genutzt.

    Es würde definitiv NICHT den Wirkungsgrad des Kraftwerks reduzieren, sondern eher erhöhen(, weil Wärmeenergie zum Fenster hinauszuschleudern ist ein Verlust.) Man sollte aber beachten, dass die Temperatur der Fernwärme bei ca. 100°C liegt. (Weitere Infos unter Kraft-Wärme-Kopplung)

    Ansonsten sehe ich bei KWs keine Möglichkeit mehr, dort viel zu nutzen.

    Wie mein Vorkommentator schon geschrieben hat:
    Bei AKWs wird Flusswasser(ca. 5°C) und Kühlwasser mit einer Temperatur von 15°C wieder eingeleitet. Beim Kühlwasser könnte die Möglichkeit bestehen, es zum "Vorwärmen" des Gewächshauses zu nutzen.

    • K.P.R.
    • 05. Juni 2013 21:39 Uhr

    wird längst genutzt:

    http://www.taz.de/!56937/

  7. ... ob sie ihrem Biokind eine Biotomate, die aus der Nähe eines AKWs stammt "verabreichen" würde!

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    "... ob sie ihrem Biokind eine Biotomate, die aus der Nähe eines AKWs stammt "verabreichen" würde!"

    Der Originalposter hat von Kraftwerk gesprochen, nicht von Kernkraftwerk. Auch in Kohle/Öl/Gaskraftwerken fällt Abwärme an, die z.B. durchaus für die Heizung in der Landwirtschaft genutzt werden könnte.

    Doppelposting. Die Redaktion/au

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  • Schlagworte Lebensmittelindustrie | Obst | Pflanze
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