PsychologieDer Fluch der Vorurteile

Vorgefertigte Meinungen haben nur die anderen, denken wir. Stimmt aber nicht, und sie beeinflussen unser aller Verhalten. Zum Glück sind wir ihnen nicht ausgeliefert. von Katrin Zeug

Ausländer gefährden Deutschland, Frauen gehören an den Herd, Muslime sind intolerant und Schwule wider die Natur. Finden Sie nicht? Zum Glück – aber Sie gehören damit einer Minderheit an.

52 Prozent der Bevölkerung meinen, Deutschland sei in einem gefährlichen Maße überfremdet. Die Mehrheit der Europäer fordert, dass Frauen ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen sollten, und glaubt, dass der Islam eine intolerante Religion sei. Und die meistgewählte Partei Deutschlands ringt trotz neuer Richtersprüche für mehr Gleichstellung darum, ob sie Schwulen und Lesben die gleichen Rechte zugestehen sollte wie allen anderen.

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Auch wer nichts gegen Homosexuelle, Ausländer, berufstätige Frauen oder Muslime hat, hat Bilder im Kopf, erwartet gewisse Eigenschaften von Friseurinnen, Asiaten oder Fußballspielern und hegt vielleicht eine Abneigung gegen reiche Erben. Jeder hat Vorurteile. Sie sind eine zutiefst menschliche Eigenschaft und fest im Gehirn verankert. Und fast jeder kennt auch die andere Seite: Wer geschieden oder arbeitslos ist, blond oder dunkelhäutig, weiß, wie es ist, in Schubladen gesteckt zu werden.

Dabei haben Vorurteile mit der Realität nichts zu tun. Sie sind ein Wahrnehmungsfehler, ein Aufmerksamkeitsphänomen – mit gesellschaftlicher Dimension. Vorurteile schaden dem sozialen Zusammenleben und kosten die Wirtschaft Geld. Sie ganz loszuwerden ist unmöglich. Aber wer weiß, wie sie funktionieren und unsere Eindrücke verzerren, kann verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen – und womöglich bessere Entscheidungen treffen.

Die Schablonen des menschlichen Denkens bilden sich schon früh, sie sind sogar Teil unserer Entwicklung. Wenn Kinder von ihrer Umgebung lernen, die Welt zu verstehen, ordnen sie sie in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Mädchen sind lieb und kichern. Jungs sind wild und weinen nicht.

Aber auch als Erwachsene speichern wir Wissen in solchen assoziativen Netzen ab. Ausgehend von den Konzepten in unserem Kopf, unterstellen wir anderen spezifische Eigenschaften oder Verhaltensweisen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören: der FDP beispielsweise, den Bayern oder den Kopftuchträgerinnen.

Kübra Gümüşay etwa spürt das tagtäglich. Immer wieder erlebt die Hamburgerin, dass Leute von ihrem Aussehen automatisch Schlüsse auf ihren Charakter und ihr Leben ziehen. Sie gehen davon aus, dass die junge Frau unterdrückt werde, schlecht Deutsch spreche, weder eine eigene Meinung noch Humor habe. Manche haben sogar Angst vor ihr. Nur weil sie ein Tuch auf dem Kopf trägt.

Vorurteile waren früher überlebenswichtig

"Vorurteile sind Übergeneralisierungen unseres Gehirns", sagt Martin Korte, Hirnforscher an der TU Braunschweig. Sie sind im Grunde ein Trick des Gehirns, um bei der Informationsverarbeitung Energie zu sparen.

Je schneller ein Mensch sein Umfeld einordnen kann, desto mehr Kapazitäten bleiben für andere Denkvorgänge. Und desto schneller kann er auf Gefahren reagieren: Sehen wir eine dunkle Gestalt auf nächtlicher Straße, sammelt unser Gedächtnis, was es gelernt hat. Blitzschnell rechnen die Nervenzellen Wahrscheinlichkeiten durch und aktivieren die zuständigen Areale. Die Mandelkerne etwa signalisieren Angst. Die Basalganglien, der Ort, an dem eingespielte Bewegungsabläufe abgelegt sind, lassen uns den Schritt beschleunigen. Quasi automatisch.

Entscheidend ist nicht die tatsächliche Gefahr, sondern es sind die Bilder und Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind. Sie dienen als Interpretations- und Verhaltenshilfen, als Heuristik. Kleidung, Herkunft oder Beruf geben, wenn es schnell gehen muss, Hinweise darauf, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht.

Der Mensch ist evolutionär noch nicht klug genug, die Umwelt so wahrzunehmen, wie sie ist.

Andreas Zick, Sozialpsychologe in Bielefeld

"Der Mensch ist evolutionär noch nicht klug genug, die Umwelt so wahrzunehmen, wie sie ist. Er muss kategorisieren, um die Informationsflut zu reduzieren", sagt Andreas Zick, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Bielefeld. Seit Jahren erforscht er Vorurteile. "Vor allem in der Not, wenn wir Angst haben oder gestresst sind, verfallen wir ihrer Klarheit und stabilisierenden Wirkung." Das sei sehr menschlich – habe aber mit realistischer Wahrnehmung nichts zu tun.

Beim Anlegen der Denkschablonen saugt das Gehirn auf, was das Umfeld hergibt. Häufigkeit und Intensität des Erlebens sind dabei wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Informationen. Wenn nach einem Anschlag Medien und Politiker immer wieder von Selbstmordattentätern und dem Islam sprechen, dann wird das Gehirn diese Verbindung abspeichern und in anderen Situationen aktivieren – auch wenn wir eigentlich nichts gegen Muslime haben.

Sind solche Vorurteile erst einmal verinnerlicht, ist es schwer, sie wieder loszuwerden. Denn sie übernehmen die Kontrolle über die Informationsverarbeitung – und bestätigen sich so immer wieder selbst. Was mit unseren Vorstellungen zusammenpasst, sehen wir schneller, gewichten wir stärker und glauben wir eher.

Informationen, die dem, was wir gelernt haben, widersprechen, behagen uns hingegen nicht. Oft betrachten wir sie daher als Ausnahme. Eine harte, grobe Frau ist dann "wie ein Mann" und Kübra Gümüşay keine "richtige Muslimin". Zwar trägt sie Kopftuch, hat einen türkischen Namen und ist mit 24 schon verheiratet. So weit stimmt das Bild für viele. Doch wenn die Menschen sie kennenlernen, gerät es ins Wanken. Gümüşay hält Vorträge über Feminismus, hat Politik studiert, schreibt ein viel beachtetes Blog und eine Kolumne in der taz. Als wäre es ein Kompliment, beugen sich Irritierte zu ihr herüber und raunen: "Sie sind aber eine Ausnahme."

Leserkommentare
  1. Das Gute an Vorurteilen ist, dass sie sich zumeist als wahr herausstellen.

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    Da hat wohl jemand den Text nicht verstanden.

    Wenn jemand die Meinung hat ,,Ausländer sind kriminell" und dann einen Türken sieht, wie er stiehlt etc. bringt ihn dies dazu, von einer Einzeltat auf die Allgemeinheit zu schließen und damit sein Vorurteil zu bekräftigen.

    Man hört nur, was man hören will. Man glaubt nur, was man glauben will.

    • Varech
    • 01. Mai 2013 12:43 Uhr

    Und wenn Andres Zicks Vorstellung von einer Richtung der Evolution nun ein gerade modernes Vorurteil wäre?

    2 Leserempfehlungen
  2. "Dabei haben Vorurteile mit der Realität nichts zu tun. Sie sind ein Wahrnehmungsfehler, ein Aufmerksamkeitsphänomen – mit gesellschaftlicher Dimension"

    Genauso schlimm wie Vorurteile halte ich die Auffassung, dass diese immer und vollständig falsch seien, wie uns weisgemacht werden soll. Auch wenn sie oftmals ungerechtfertigt sind, dürften sie in den meisten Fällen zumindest aus einem kleinen Funken Wahrheit entstanden sein.

    7 Leserempfehlungen
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    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass viele Vorurteile durch Vorgängen in der Vergangenheit entstehen und eben Generalisierungen von Tendenzen sind.

    Werden alle türkischen Frauen von ihrer Familie untedrückt? Natürlich nicht alle, aber im Vergleich zu deutschen Familien werden mehr Frauen in türkischen Familien unterdrückt.

    Sind alle Spanier bessere Tänzer und tanzen lieber als Deutsche? Natürlich nicht, aber tendenziell wird in Spanien mehr getanzt und mehr Menschen erfreuen sich am Tanzen.

    Bin ich jetzt Rassist, wenn ich davon ausgehe, dass ich in einer Spanischen Gruppe mehr Tanzbefürworter erwarte, als in einer Deutschen Gruppe?

    • Varech
    • 01. Mai 2013 19:53 Uhr

    Ja, wenn man geduldig in die fast schon kalte Asche bläst, kann schon noch mal ein Fünkchen aufleuchten.

    Aber Sie haben recht, an anderen Leuten nennt man auch gerne ein Vorurteil, was man nur nicht gerne hört.

    ... sind Urteile über Menschen, bevor man sie kennengelernt hat.
    Warum muss man einen Menschen beurteilen, den man (noch) nicht kennt?

    Sicher, in bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen treten einige Phänomene gehäuft auf. Aber das ist kein Grund, die Angehörigen dieser Gruppen über jene Phänomene zu definieren, man sollte sie lieber als Individuum betrachten. Vorurteile versperren den Blick auf den Menschen hinter der Schublade ...

  3. ...aber man muss dann auch noch gegen den Gruppenzwang ankämpfen.
    Ich habe mich selbst dabei erwischt Vorurteile gegen geistig Behinderte Menschen zu haben, die ich jedoch mit Vernunft überwunden habe. Das Problem war aber das einige meiner Mitarbeiter - es ging um ein Praktikum - ebenfalls Vorurteile hatten diese aber nicht einsehen(?) wollten.
    Am Ende habe ich ein Machtwort sprechen müssen, was es für die Person nicht einfach gemacht hat.
    Ob das die Lösung ist wage ich zu bezweiflen, aber dem jungen Mann hat es Spass gemacht und ich hoffe das es beim nächsten mal - und es wird ein nächstes mal geben - weniger Widerstand gibt.

    6 Leserempfehlungen
    • doof
    • 01. Mai 2013 12:58 Uhr
    5. [...]

    Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels.Danke, die Redaktion/jk

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    • doof
    • 01. Mai 2013 13:09 Uhr

    Und dass wir alle bisweilen Stereotypen aufsitzen?
    Und auch, eher "platte" Zuschreibungen für die Objekte unserer Vorurteile verwenden, mitunter um bestimmte Ansichten oder Interessen durchzusetzen, ohne die Motive und die Ursachen unserer Ressentiments einer rationalen Prüfung und Reflexion zu unterziehen?
    Ich sicher auch - aber, wie schon gesagt, die Zeit ist selbst (offenkundig) auch nicht frei davon, dessen sollte sie sich eben, wie alle, gewahr sein.

  4. Ist es ein Vorurteil, wenn ich glaube, dass alle Menschen Vorurteile haben?

    Für mich stand schon allerdings schon immer fest, dass alle Menschen mit Vorurteilen nur von Menschen vorverurteilt werden, die von sich selbst glauben, keine Vorurteile zu haben, sonst könnten sie über die anderen ja gar nicht aus Überzeugung heraus urteilen, sondern wüßten, dass das nur ein Vorurteil über Vorurteile ist. Selbst wenn die Anderen Vorurteile hätten.
    Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob das nur ein Vorurteil von mir ist.

    Es geht doch nichts über das persönliche Kennenlernen......

    via ZEIT ONLINE plus App

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  5. sehr interessant, aber letztendlich im Grundgedanken schon bekannt.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels.Danke, die Redaktion/jk

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  6. Kahneman, Thinking fast and slow. Nur: zeigen Sie jemand mal das Bild von Frau Gümüsay und nennen Ihren Namen. Eine Mehrzahl von Menschen würden sie im türkischen Kulturraum verorten. Bei einer Sabine Gümüsay ohne Kopftuch sähe das schon anders aus.

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    das Buch kan ich ich auch wirklich empfehelen acuh wenn es angeblich Bestseller ist und sich eher wie eine ansammlung von Papers liest und secht amerikanisch ist, ist es doch recht empfehlenswert, besonders was die Fuelle an Beweisen und verknuepfungen angeht.

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  • Schlagworte Psychologie | Gehirn | Hirnforschung | IQ-Test
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