Ausländer gefährden Deutschland, Frauen gehören an den Herd, Muslime sind intolerant und Schwule wider die Natur. Finden Sie nicht? Zum Glück – aber Sie gehören damit einer Minderheit an.

52 Prozent der Bevölkerung meinen, Deutschland sei in einem gefährlichen Maße überfremdet. Die Mehrheit der Europäer fordert, dass Frauen ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen sollten, und glaubt, dass der Islam eine intolerante Religion sei. Und die meistgewählte Partei Deutschlands ringt trotz neuer Richtersprüche für mehr Gleichstellung darum, ob sie Schwulen und Lesben die gleichen Rechte zugestehen sollte wie allen anderen.

Auch wer nichts gegen Homosexuelle, Ausländer, berufstätige Frauen oder Muslime hat, hat Bilder im Kopf, erwartet gewisse Eigenschaften von Friseurinnen, Asiaten oder Fußballspielern und hegt vielleicht eine Abneigung gegen reiche Erben. Jeder hat Vorurteile. Sie sind eine zutiefst menschliche Eigenschaft und fest im Gehirn verankert. Und fast jeder kennt auch die andere Seite: Wer geschieden oder arbeitslos ist, blond oder dunkelhäutig, weiß, wie es ist, in Schubladen gesteckt zu werden.

Dabei haben Vorurteile mit der Realität nichts zu tun. Sie sind ein Wahrnehmungsfehler, ein Aufmerksamkeitsphänomen – mit gesellschaftlicher Dimension. Vorurteile schaden dem sozialen Zusammenleben und kosten die Wirtschaft Geld. Sie ganz loszuwerden ist unmöglich. Aber wer weiß, wie sie funktionieren und unsere Eindrücke verzerren, kann verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen – und womöglich bessere Entscheidungen treffen.

Die Schablonen des menschlichen Denkens bilden sich schon früh, sie sind sogar Teil unserer Entwicklung. Wenn Kinder von ihrer Umgebung lernen, die Welt zu verstehen, ordnen sie sie in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Mädchen sind lieb und kichern. Jungs sind wild und weinen nicht.

Aber auch als Erwachsene speichern wir Wissen in solchen assoziativen Netzen ab. Ausgehend von den Konzepten in unserem Kopf, unterstellen wir anderen spezifische Eigenschaften oder Verhaltensweisen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören: der FDP beispielsweise, den Bayern oder den Kopftuchträgerinnen.

Kübra Gümüşay etwa spürt das tagtäglich. Immer wieder erlebt die Hamburgerin, dass Leute von ihrem Aussehen automatisch Schlüsse auf ihren Charakter und ihr Leben ziehen. Sie gehen davon aus, dass die junge Frau unterdrückt werde, schlecht Deutsch spreche, weder eine eigene Meinung noch Humor habe. Manche haben sogar Angst vor ihr. Nur weil sie ein Tuch auf dem Kopf trägt.

Vorurteile waren früher überlebenswichtig

"Vorurteile sind Übergeneralisierungen unseres Gehirns", sagt Martin Korte, Hirnforscher an der TU Braunschweig. Sie sind im Grunde ein Trick des Gehirns, um bei der Informationsverarbeitung Energie zu sparen.

Je schneller ein Mensch sein Umfeld einordnen kann, desto mehr Kapazitäten bleiben für andere Denkvorgänge. Und desto schneller kann er auf Gefahren reagieren: Sehen wir eine dunkle Gestalt auf nächtlicher Straße, sammelt unser Gedächtnis, was es gelernt hat. Blitzschnell rechnen die Nervenzellen Wahrscheinlichkeiten durch und aktivieren die zuständigen Areale. Die Mandelkerne etwa signalisieren Angst. Die Basalganglien, der Ort, an dem eingespielte Bewegungsabläufe abgelegt sind, lassen uns den Schritt beschleunigen. Quasi automatisch.

Entscheidend ist nicht die tatsächliche Gefahr, sondern es sind die Bilder und Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind. Sie dienen als Interpretations- und Verhaltenshilfen, als Heuristik. Kleidung, Herkunft oder Beruf geben, wenn es schnell gehen muss, Hinweise darauf, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht.

Der Mensch ist evolutionär noch nicht klug genug, die Umwelt so wahrzunehmen, wie sie ist.
Andreas Zick, Sozialpsychologe in Bielefeld

"Der Mensch ist evolutionär noch nicht klug genug, die Umwelt so wahrzunehmen, wie sie ist. Er muss kategorisieren, um die Informationsflut zu reduzieren", sagt Andreas Zick, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Bielefeld. Seit Jahren erforscht er Vorurteile. "Vor allem in der Not, wenn wir Angst haben oder gestresst sind, verfallen wir ihrer Klarheit und stabilisierenden Wirkung." Das sei sehr menschlich – habe aber mit realistischer Wahrnehmung nichts zu tun.

Beim Anlegen der Denkschablonen saugt das Gehirn auf, was das Umfeld hergibt. Häufigkeit und Intensität des Erlebens sind dabei wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Informationen. Wenn nach einem Anschlag Medien und Politiker immer wieder von Selbstmordattentätern und dem Islam sprechen, dann wird das Gehirn diese Verbindung abspeichern und in anderen Situationen aktivieren – auch wenn wir eigentlich nichts gegen Muslime haben.

Sind solche Vorurteile erst einmal verinnerlicht, ist es schwer, sie wieder loszuwerden. Denn sie übernehmen die Kontrolle über die Informationsverarbeitung – und bestätigen sich so immer wieder selbst. Was mit unseren Vorstellungen zusammenpasst, sehen wir schneller, gewichten wir stärker und glauben wir eher.

Informationen, die dem, was wir gelernt haben, widersprechen, behagen uns hingegen nicht. Oft betrachten wir sie daher als Ausnahme. Eine harte, grobe Frau ist dann "wie ein Mann" und Kübra Gümüşay keine "richtige Muslimin". Zwar trägt sie Kopftuch, hat einen türkischen Namen und ist mit 24 schon verheiratet. So weit stimmt das Bild für viele. Doch wenn die Menschen sie kennenlernen, gerät es ins Wanken. Gümüşay hält Vorträge über Feminismus, hat Politik studiert, schreibt ein viel beachtetes Blog und eine Kolumne in der taz. Als wäre es ein Kompliment, beugen sich Irritierte zu ihr herüber und raunen: "Sie sind aber eine Ausnahme."

Sogar das Selbstbild gerät ins Wanken

So wie der Spiegel-Autor Matthias Matussek: Nach einer Begegnung im ICE und einem spontanen Gespräch im Bordbistro, bei dem die beiden unter anderem Dialekte imitierten und über das Internet diskutierten, bezeichnete er ihre Form der Religionsausübung in einem Text als Punk. Er schuf ein Extrakästchen in seiner Schublade "Muslimin" und vermied so, ein Vorurteil infrage zu stellen.

"Die Gefahr ist, dass man sich geschmeichelt fühlt, weil man für besonders gehalten wird", sagt Gümüşay. "Aber in erster Linie ist das eine Beleidigung aller anderen Frauen mit Kopftuch und zeigt, welche geringe Erwartung man an mich hat. Bei mir sind manche begeistert, nur weil ich Abi gemacht habe und humorvoll bin." Kübra Gümüşay weiß, dass sie keine Ausnahme ist. Sie bewegt sich in einer Szene moderner, selbstbestimmter Musliminnen. Im Aktionsbündnis muslimischer Frauen e.V. etwa ist sie vernetzt mit Hunderten anderer Frauen. Die meisten davon haben Kopftuch und Universitätsabschluss.

Das Denken in Vorurteilen verzerrt nicht nur die Wahrnehmung der Realität, es kann Vorurteile sogar Wirklichkeit werden lassen. Der Harvard-Psychologe Robert Rosenthal und die Grundschuldirektorin Leonore Jacobson machten in den sechziger Jahren ein Experiment, das in der Sozialpsychologie Geschichte schrieb. Es zeigt, wie sehr – in diesem Fall positive – Vorurteile den Umgang mit Schülern prägen.

Rosenthal und Jacobson erzählten Lehrern, dass, nach wissenschaftlichen Tests, einige Schüler kurz vor einem intellektuellen Entwicklungsschub stünden. In Wirklichkeit waren diese Kinder jedoch willkürlich ausgewählt. Als die Forscher acht Monate später zurückkamen und die Leistungen verglichen, schnitten die angeblichen Aufblüher in einem IQ-Test tatsächlich weit besser ab als zu Beginn der Studie. Die in die Köpfe der Lehrer gepflanzten Erwartungen hatten deren Verhalten gegenüber den Schülern verändert und waren so Realität geworden.

Noch unheimlicher ist die Erkenntnis, dass die Vorurteile, die in unserer Gesellschaft herrschen, sogar das eigene Selbstbild ins Wanken bringen können. Bei einem Leistungstest der Stanford University schnitten Afroamerikaner tatsächlich schlechter ab, wenn sie zuvor mit ihrem Namen und Alter auch ihre Hautfarbe angeben mussten. Wohl, weil sie das in den USA gängige Bild "Schwarze sind ungebildet" verinnerlicht hatten.

Der Effekt wurde in anderen Variationen des Experiments bestätigt: Hören Männer, dass bei einem Sprachtest Geschlechterunterschiede gemessen werden, lösen sie die Aufgaben viel langsamer und vorsichtiger, als wenn sie nicht an ihr Geschlecht und damit verbundene Erwartungen erinnert werden. Frauen geht es ebenso bei Mathematiktests und Fahrsimulationen. Und blonde Studentinnen, die vor einem Intelligenztest Blondinenwitze lesen, schneiden schlechter ab als diejenigen, die andere Witze lesen.

Die Vorurteile, die die Kultur vermittelt, beeinflussen also unsere Leistungen, im Negativen wie im Positiven. In China gelten alte Menschen etwa als aktiv, weise und wichtig. Die Yale-Forscherin Becca Levy zeigte in mehreren Studien, dass sich dort – anders als in den USA – die Gedächtnisleistungen junger und alter Menschen kaum unterscheiden.

Ein türkischer Name mindert die Chance auf einen Job

Aber auch viel weniger subtil entfalten Vorurteile ihre Macht und nehmen Einfluss auf unsere Erfolgsaussichten. Hierzulande genügt ein türkischer Name, um – bei sonst identischen Angaben – eine bis zu 24 Prozent geringere Chance auf ein Vorstellungsgespräch zu haben. Arbeitgeber lassen Stellen oft lieber unbesetzt, als Hartz-IV-Empfänger einzustellen, und zahlen Frauen bei gleicher Tätigkeit acht Prozent weniger Gehalt als Männern.

Es ist ein Teufelskreis: Denn regelmäßig diskriminierte Menschen, das ergab eine Untersuchung der Universität Duisburg-Essen, werden häufiger krank, zeigen schlechtere Leistungen und verlieren das Interesse, sich zu integrieren. Das schadet auch den Firmen und der gesamten Volkswirtschaft. Die Unternehmensberatung Roland Berger schätzt, dass deutsche Firmen jährlich 21 Milliarden Euro sparen könnten, wenn ihr Personal bunt gemischt wäre. Weil sie dann mehr über die Welt und über Frauen wüssten, neue Kunden gewinnen und die Erfahrung von Älteren nutzen könnten.

Allerdings gesteht niemand sich gerne ein, Vorurteile zu haben. Auch nicht Personalchefs. Ein Fehler, den Steffen Müller zu spüren bekam. In den Bewerbungsunterlagen ist der Mann niemand, den sich ein Personaler auf der Suche nach einer Bürokraft wünscht: gelernter Metzger, eine lange Lücke im Lebenslauf, Umschulung, Glasauge, fast 50 Jahre alt. Monatelang bekam Steffen Müller seine Unterlagen immer wieder zurück.

Studien belegen, dass vor allem in der ersten Phase der Bewerbung Vorurteile greifen. Mitarbeiter werden nach Vornamen, Nase und Kleidung ausgewählt. Schon die Frisur macht einen Unterschied, und Dicke haben schlechtere Chancen als Dünne. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startete daher ein Pilotprojekt: Acht Betriebe und Behörden verzichteten bei der Suche nach neuen Mitarbeitern ein Jahr lang im ersten Durchlauf auf Informationen wie Alter, Geschlecht, Familienstand und Bild. In den angelsächsischen Ländern ist das seit Jahren Standard.

Die Stadt Celle machte bei dem Experiment mit, als die Bewerbungsunterlagen von Steffen Müller ankamen. Ohne Bild. Ohne Altersangabe. Aber mit den Noten der Umschulung zum Verwaltungsfachangestellten, einem Motivationsschreiben und einer detaillierten Beschreibung seiner Fähigkeiten. Im Gespräch überzeugte er durch seinen Elan – und macht seitdem im Grün- und Straßenbetrieb die Buchhaltung. Momentan sucht die Stadt Celle einen neuen Leiter der Stadtwerke, ebenfalls anonym.

Solche Initiativen können den Fluch der Vorurteile bannen. Doch kann auch jeder bei sich selbst anfangen. Wir sind Vorurteilen nicht machtlos ausgeliefert. Die schnellen Berechnungen von Basalganglien und Mandelkernen gehen in einen evolutionsbiologisch recht jungen Bereich des Gehirns ein, der hinter der Stirn sitzt: den präfrontalen Kortex, zuständig für die bewusste Verarbeitung und Steuerung von Emotionen, für Analysen und Überlegungen. "Dank dieses Areals haben wir die Möglichkeit, innezuhalten und dann unsere Reaktion angemessen anzupassen", sagt Hirnforscher Martin Korte.

Wichtig ist, sich die vorgefertigten Bilder selbst einzugestehen. Nicht vorurteilsfrei, sondern vorurteilsbewusst ist daher das Credo des Anti-Bias-Ansatzes, der in den USA und Südafrika im Kampf gegen Rassismus entstand. Statt in Schuldgefühlen zu verharren, soll sich jeder seiner Bilder im Kopf bewusst werden. Bemitleiden wir geistig Behinderte, ohne zu wissen, wie es ihnen wirklich geht? Nehmen wir an, dass Dunkelhäutige anders denken als wir? "Nur wenn wir sie kennen, bemerken wir die Bilder, während sie in uns arbeiten. Dann können wir lernen, uns nicht von ihnen leiten zu lassen", sagt Ulrich Wagner, Konfliktforscher an der Universität Marburg.

Markus Schega, Schulleiter der Nürtingen-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, hat damit angefangen. Täglich muss er über Dinge entscheiden, die Kinder, Eltern und Lehrer betreffen. Wenn Klassen zusammengestellt, Gymnasialempfehlungen ausgesprochen oder Elternvertreter gewählt werden, geht es auch an seiner Schule – das zeigte eine Studie – nach den Kategorien Herkunft und Geschlecht.

"Es ist schwer, sich seine Vorurteile einzugestehen, aber es hilft nichts, anders kommen wir da nicht raus", sagt Schega. Kürzlich ertappte er sich dabei, dass er eine Praktikumsbewerbung trotz bester Noten und eines guten Motivationsschreibens weglegen wollte, als er das Foto entdeckte, das eine junge Frau mit Kopftuch zeigte. Schega reagierte. Alle Lehrer seiner Schule mussten ein Diversity-Training absolvieren, er selbst nahm mehrfach daran teil.

Dabei lernten sie, wie sich Ausgrenzung anfühlt und wie wenig hilfreich Kategorien tatsächlich sind. Einen ersten Erfolg verbuchte das Kollegium schon: Als eine Klasse bei Schulbeginn zu zwei Dritteln aus Jungen bestand, sorgten sich die Lehrer, es könne unerträglich wild werden. Sie besprachen den Fall in der Konferenz.

"Sobald wir das Bild ›Junge gleich wild‹ aufbrachen und uns die einzelnen Kinder ansahen, löste sich das Problem auf", sagt Schega. "Wir erkannten, dass die Schüler sehr gut zusammenpassten." Auch für sich hat er einen kleinen Trick gefunden, der funktioniert: Wenn er im Elterngespräch einer voll verschleierten Frau gegenübersitzt, stellt er sich einfach vor, er spreche mit einer Ärztin.