Psychische ErkrankungElyn und die Dämonen

Kann man eine Karriere als Professorin machen und gleichzeitig an Schizophrenie erkrankt sein? Elyn Saks kann. Und nicht nur das: Sie hat einen Bestseller über ihre Erfahrungen geschrieben und ein Institut für Ethik in der Psychiatrie gegründet. von Astrid Viciano

Wäre ihr Leben so verlaufen, wie es ihre Ärzte prognostiziert hatten, würde Elyn Saks heute stundenweise als Kassiererin arbeiten. Sie würde in einem Pflegeheim wohnen und ihre Freizeit vor allem vor dem Fernseher verbringen. Doch Saks schwor sich, ihren eigenen Weg zu gehen, 30 Jahre ist das her. Obwohl ihre Realität immer wieder in tausend Stücke zerfiel, obwohl oft nichts blieb, woran sie sich festhalten konnte, und fremde Stimmen die Regie in ihrem Kopf übernahmen. "Meine Erkrankung ist wie ein Albtraum, aus dem ich nicht aufwachen kann", sagt Saks, 57. Sie muss mit der Schizophrenie leben. Und ist heute trotzdem Professorin an der traditionsreichen Gould School of Law der University of Southern California in Los Angeles.

Anfangs kämpfte sie ganz allein mit ihren Dämonen. Sie fürchtete, sonst die Zuneigung ihrer Freunde zu verlieren, die Liebe ihres Mannes, den Respekt der Kollegen. Wenn Saks unvermittelt von Männern mit Messern faselte, tat sie ihre Bemerkungen später als schlechten Scherz ab. Wenn die Stimmen in ihrem Kopf besonders laut schimpften, zog sie sich in ihre Wohnung zurück. Erst spät fand sie den Mut, das Geheimnis ihres Doppellebens preiszugeben – eines Lebens als verängstigte Patientin und als herausragende Juristin.

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Heute sieht sie es als ihre Lebensaufgabe, für die Rechte psychisch kranker Menschen einzutreten. Vor fünf Jahren veröffentlichte sie ein Buch über ihre Erfahrungen mit der Schizophrenie. Das Magazin Time zählte diese Biografie zu den zehn besten Sachbüchern des Jahres. Vor allem aber brachte ihr das Buch den 500.000-Dollar-Förderpreis der MacArthur-Stiftung ein, mit dessen Hilfe sie im Herbst 2010 das Saks Institute for Mental Health Law, Policy, and Ethics gründete. Dort arbeiten Juristen, Psychologen und Psychiater, Gerontologen und Ingenieure daran, die Lebensqualität und die rechtliche Situation psychisch kranker Menschen zu verbessern. Die Schauspielerin Glenn Close sitzt im Vorstand, als Berater stehen Saks der Nobelpreisträger Eric Kandel und der Bestsellerautor Oliver Sacks zur Seite.

Elyn Saks

wuchs in Miami auf. Schon als Teenager zeigte sie Anzeichen einer Schizophrenie-Erkrankung. Dennoch schloss sie ihr Philosophie-Studium als Jahrgangsbeste ab. Sie erhielt ein Stipendium für die University of Oxford, studierte dann Jura an der Yale-Universität. Heute ist die 57-Jährige Professorin für Recht und Psychiatrie an der Gould School of Law der University of Southern California.

Unermüdlich besucht Elyn Saks Ärzte und Medizinstudenten, um ihnen eine andere Sicht auf psychisch kranke Patienten zu vermitteln. So zum Beispiel Assistenzärzte der Psychiatrischen Klinik an der University of California in Los Angeles. Sie sind gekommen, um einen Vortrag von ihr zu hören. Aus ihrem Klinikalltag kennen sie vor allem Schizophrene, die im Leben gescheitert sind. "Es ist wichtig, die Patienten zu ermutigen und ihnen nicht gleich zu sagen, dass sie ihre Erwartungen senken müssen", erklärt Saks den Ärzten. Und hofft, damit deren Einstellung den Patienten gegenüber zu verändern. Denn die haben es nicht einfach: Fast drei Viertel der Betroffenen fühlten sich gezwungen, ihr Leiden zu verheimlichen, berichteten Forscher im Fachjournal The Lancet. Sie empfänden es als Stigma, wenn sie einen Job suchen, wenn sie Freundschaften schließen wollen oder wenn sie auf Partnersuche sind.

Es ist halb elf morgens, in einer halben Stunde soll Elyn Saks im Auditorium des ehrwürdigen Semel-Instituts der University of California aus ihrem Buch lesen. Sie trägt einen schwarzen Anzug und flache Schuhe, steht verloren zwischen den Sitzreihen, wirkt wie ein junges Mädchen, das zum ersten Mal ein Gedicht aufsagen muss. Sie setzt sich, steht auf, nimmt wieder Platz, läuft mit steifen Schritten durch den Saal. Und lässt sich schließlich abrupt neben dem Rednerpult nieder, um den Vortrag, den sie bereits ein Dutzend Mal gehalten hat, nochmals durchzugehen.

ZEIT Wissen 3/2013
ZEIT Wissen 3/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Saks schnitt als Jahrgangsbeste in Oxford und Yale ab, lehrt an einer der renommiertesten Universitäten der USA, hat unzählige Male auf wissenschaftlichen Kongressen über ihre Forschung berichtet. Doch die Schilderung ihrer persönlichen Erfahrungen wühlt sie immer noch auf. Ihr Ehemann Will Vinet, ein hagerer Herr mit weißem Zopf, bleibt hinter ihr, als müsse er ihr Rückendeckung geben. Aber als sie sich schließlich ans Rednerpult stellt, klingt ihre Stimme tief und kraftvoll. "Die Schizophrenie zog in mein Leben wie ein Nebel, der immer dichter wurde."

17 Jahre alt war sie, als die Krankheit bei ihr begann. Auf dem Heimweg von der Schule sprachen plötzlich die Häuser zu ihr. "Sie formulierten Gedanken, von denen ich wusste, dass sie nicht meine waren. Die Häuser sagten, dass ich außergewöhnlich sei – außergewöhnlich schlecht. Ich war furchtbar erschrocken", sagt Saks. Doch sie konzentrierte sich bald darauf auf ihr Studium an der Vanderbilt University und schloss es als Jahrgangsbeste ab. Sie erhielt ein Stipendium für die britische Eliteuniversität Oxford.

Leserkommentare
    • Kiira
    • 18. Mai 2013 16:04 Uhr

    Danke!

    Man macht sich selten klar, wie sehr unsere "normale" Weltwahrnehmung vom einwandfreien funktionieren unseres Gehirns abhängt. Ein paar kleine Stoffwechselstörungen und schon wird der Realitätsgehalt von Außenwelt und Innenwelt fragwürdig.

    33 Leserempfehlungen
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    Es hat schon seinen Grund, dass man geisteskranke Irre wegsperrt. In diesem Fall hat die Dame wohl Glück gehabt.
    Ich persönlich würde das ganze ansonsten nicht so hoch in den Himmel loben.
    Es hätte wie schon erwähnt auch anders kommen können.

  1. die krankenschwester mit Helfersyndrom, der lobbeduerftige Mitarbeiter, der Chef der es seinem Vater zeigen möchte.
    Nur sind diese Kompensationen gesellschaftskompatibel, sogar gewuenscht.
    Das nennt sich dann Leistung.

    Nicht wirtschaftlich Einzubindene werden dann mit Heimen und Charitys abgespeist. In Dänemark hat man es wenigstens geschafft, Autisten fuer langandauernde konzentrationserfordernde Arbeiten dem Arbeitsmarkt als attraktiv zu unterbreiten. Krankheit ist oft nur, dass die Gesellschaft den jenigen so klassifiziert.
    Unter Taubstummen ist der vollfunktionsfähige Mensch behindert, da er Sprache und Hören braucht. Dem Taubstummen geht es bei einem Taubstummentreff wunderbar.

    Schattengeister können eine tolle Triebkraft sein, man muss nur zu ihnen stehen und sich nicht schämen dafuer, weil es von einem erwartet wir

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  2. für das tolle Porträt.

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  3. Sprachlos - vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel.

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  4. über den seidenen Faden dessen, was wir klares Bewußtsein nennen.

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  5. Auch John Nash hat es letztendlich geschafft.

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  6. 8. Danke!

    Ich danke ebenfalls für den tollen Artikel. Als ehemalige Patientin einer Psychiatrie weiß ich, wie enorm wichtig diese Einrichtungen sind. Und wie extrem abhängig das Leben eines Menschen von einem guten Arzt ist. Großen Respekt vor ihrer Leistung auch im beruflichen. Allein ein vernünftiges Leben mit psychischen Problemen auf die Reihe zu kriegen, persönliches Glück zu finden, das sind schon riesige Dinge. Aber dann auch noch an der Uni zu brillieren!

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  • Schlagworte Schizophrenie | Gesundheit | Psychologie | Sigmund Freud | USA
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