Das, wonach er sucht, würde er am liebsten gar nicht finden. "Das wäre nämlich eine echte Katastrophe", sagt Eike Wolter, Biologe beim Umweltbundesamt. Er fahndet nach Belegen für folgende Hypothese: Krebsarten, die – wie etwa Hoden-, Prostata- und Brustkrebs – von Hormonen beeinflusst sind, treten deshalb heute häufiger auf, weil es in der Nahrung viele Chemikalien mit hormonartiger Wirkung gibt. Bisher können Forscher einen Zusammenhang nicht bestätigen.

Fest steht allerdings: In unsere Lebensmittel gelangen immer wieder Stoffe, die beim Menschen eine hormonähnliche Wirkung entfalten könnten. Beispielsweise ins Fleisch, wenn das Tier sie mit der Nahrung aufgenommen hat und nicht abbauen konnte. Besonders problematisch scheinen bestimmte Weichmacher zu sein, die sogenannten Phthalate; sie werden Kunststoffen zugesetzt, um sie geschmeidiger zu machen.

In Lebensmittelverpackungen werden sie zwar nicht mehr eingesetzt, aber oft in den Maschinen zur Verarbeitung der Nahrungsmittel, einem Fließband zum Beispiel. Von dort können sie ebenso ins Essen gelangen. Solche Verunreinigungen finden sich überall, in Joghurt wie in Schokolade. "Man isst sie dann mit", sagt Wolter.

Zwar handelt es sich normalerweise um winzige Konzentrationen. Aber in der Summe können die hormonähnlich wirkenden Schadstoffe möglicherweise doch eine kritische Menge erreichen, wenn sie über Jahre aufgenommen werden und sich im Körper anreichern.

Der Kinder-Umwelt-Survey des Umweltbundesamtes, für den von 2003 bis 2006 mehr als 1.000 Kinder in ganz Deutschland untersucht wurden, wies anhand der Abbauprodukte des Phthalats DEHP im Urin nach: Bei etwas mehr als einem Prozent der jungen Probanden wurde der Höchstwert der täglichen Aufnahmemenge überschritten. Die Stoffe können nicht nur über die Nahrung, sondern auch über den Hausstaub aufgenommen werden.

Manche hormonaktiven Stoffe sind offenbar eher gesundheitsgefährdend als andere. Wenn aber mehrere zusammenwirken, "ist eine hormonartige Wirkung im Körper gut vorstellbar", sagt der Biologe vom Umweltbundesamt. Das Problem bei der Erfassung und Festlegung der Grenzwerte bestehe darin, dass oft noch jede Chemikalie einzeln betrachtet werde. "Nimmt man aber alle einzelnen Stoffe zusammen, denen Menschen ausgesetzt sind, ist das recht beeindruckend", sagt Wolter. "Denkbar ist, dass man dann auf womöglich gesundheitsgefährdende Summenkonzentrationen kommt."

Ein möglicherweise erhöhtes Krebsrisiko ist nur eine der potenziellen Folgen von hormonaktiven Stoffen. "In den vergangenen Jahren gab es Hinweise auf verminderte Fruchtbarkeit bei Männern", erklärt Wolter. "In Tierversuchen haben Phthalate Fehlentwicklungen der Hoden beim Fötus ausgelöst." Für Schwangere dürften die Chemikalien deshalb besonders bedenklich sein. Außerdem besteht der Verdacht, dass manche Substanzen bei Kindern später zu Verhaltensstörungen führen können.

Auch die Entstehung von Diabetes könnte durch Umwelthormone gefördert werden, vermuten einige Forscher. Die Zunahme von Adipositas, also extremer Fettleibigkeit, könnte ebenfalls eine Erklärung in der Wirkung von hormonaktiven Stoffen finden, sagen andere. In der Tierwelt haben sich viele der Folgen bereits gezeigt. Bei manchen Wildtieren wie Alligatoren, die am Ende der Nahrungskette stehen, geht ein Rückgang der Populationen einher mit der Anreicherung bestimmter, potenziell hormonell aktiver Pestizide im Körper der Tiere. Solche Erkenntnisse mahnen zur Vorsicht.

So wird der Bestandteil von Weichmachern Bisphenol A, der unter anderem in Plastikflaschen für Babys nachgewiesen wurde, dort inzwischen kaum noch eingesetzt, nachdem das Thema in den vergangenen Jahren immer wieder für Schlagzeilen sorgte. Die Hersteller haben sich dazu selbst verpflichtet, "BPA-free", prangt nun auf vielen der Flaschen. Den Anstoß gaben nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Eltern, die sich um das Wohl ihrer Kinder sorgten.

"Das Thema findet jetzt mehr Beachtung", sagt Eike Wolter. Und die sei auch dringend nötig: Nur wenn die Öffentlichkeit hinschaue, würden mehr Anstrengungen unternommen, die tatsächliche Wirkung hormonaktiver Stoffe zu erforschen. Denn sie sind womöglich gefährlich – und können bereits in sehr geringen Mengen wirken.

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