Der Kulturkampf zwischen Anhängern und Gegnern der Alternativmedizin hat damit ein neues Level erreicht. Wer eine Erkältung mit dem weitgehend wirkungslosen Echinacea behandelt, wird daran nicht sterben. Wer dagegen einen Tumor mit Pilzen oder Globuli zu bekämpfen versucht, schiebt vielleicht eine lebensverlängernde Chemo- oder Strahlentherapie zu lange hinaus.

Bislang tragen die Patienten den Widerstreit der sanften und der konventionellen Medizin meist mit sich selbst aus. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Zahl der Neuerkrankungen auf 480.000 im Jahr. Rund jeder zweite Krebspatient in Deutschland nutzt zusätzlich zur Standardbehandlung eine CAM-Therapie oder sogar mehrere davon, Tendenz steigend. Das ergab ein Vergleich von 15 Studien aus dem Zeitraum 1985 bis 2005. Patienten mit einem Hirntumor nehmen am häufigsten homöopathische Mittel, gefolgt von Nahrungsergänzungsmitteln und Weihrauchextrakt. Von den Brustkrebspatientinnen spritzen sich rund 40 Prozent Mistelextrakte unter die Haut.

Die Misteltherapie gehört zu den am besten erforschten und doch umstrittenen Naturheilmitteln für Krebspatienten. An ihr zeigt sich exemplarisch, warum die neue Allianz mit der Komplementärmedizin heikel ist – und trotzdem nutzen kann.

In der Sprechstunde von Matthias Rostock stellte sich eine 39-jährige Brustkrebspatientin vor, die bereits eine Operation und einen Teil der Chemotherapie hinter sich hatte. Sie hatte acht Kilo abgenommen, fühlte sich antriebslos, weinte oft grundlos und litt unter entzündeten Schleimhäuten. Ein Beratungsdienst der Alternativszene empfahl ihr, die Chemo abzubrechen und auf Mistelextrakte umzustellen. Die behandelnden Onkologen warnten: Die Inhaltsstoffe der Mistel könnten das Tumorwachstum sogar noch fördern.

Krebs mit Mistelextrakt zu bekämpfen war eine Idee Rudolf Steiners: Aus vagen Analogien zwischen Misteln im Baum und Tumoren im Körper leitete der Begründer der Anthroposophie 1920 die Forderung ab, die Mistelmedizin müsse das "Chirurgenmesser" ersetzen. Die Firma Weleda, die mit anthroposophischen Arzneimitteln knapp 100 Millionen Euro Umsatz macht, behauptet heute ähnlich wie die Gesellschaft anthroposophischer Ärzte, die Therapie könne die Metastasenbildung behindern.

Aus wissenschaftlicher Sicht sei das "völliger Unfug", sagt Josef Beuth von der Universität Köln. Der Professor leitet das Institut für Naturheilkunde und erforscht seit mehr als 20 Jahren die Wirksamkeit von Komplementärmedizin. Die Eiweißstoffe der Mistel stimulieren das Immunsystem. "Aber das ist nicht immer wünschenswert", sagt Beuth. Bei den Krebsarten des Blut- und Lymphsystems könne eine Misteltherapie bösartige Zellen des Immunsystems zum Wachstum anregen. Bei anderen Krebsarten, wie Brustkrebs, könnten Mistelpräparate jedoch nützlich sein, wenn das Immunsystem nach einer Chemo- oder Strahlentherapie geschwächt ist. "Das betrifft allerdings nur fünf bis zehn Prozent der Patientinnen", sagt Beuth. Dass die Misteltherapie viel beliebter ist, führt er auf Lobbyarbeit zurück, "die ist gigantisch".

Matthias Rostock ist weniger zurückhaltend. Zur Misteltherapie hat er eine Meta-Analyse mitverfasst. 80 Mistelstudien haben er und seine Kollegen gesichtet. 13 Studien hatten erforscht, ob die Misteltherapie die Überlebenszeit verlängert. Sechs davon fanden Hinweise darauf, aber sie waren methodisch mangelhaft. 16 Studien hatten untersucht, ob eine Misteltherapie die Lebensqualität verbessert. 14 davon fanden Hinweise darauf, aber nur zwei Studien von ein und derselben Forschungsgruppe waren von höherer Qualität.

Diese hatten untersucht, wie Brustkrebspatientinnen in Osteuropa eine Chemotherapie vertragen, wenn sie parallel dazu Mistelextrakte spritzten: Sie fühlten sich weniger antriebslos und waren etwas zuversichtlicher als diejenigen einer Vergleichsgruppe, die stattdessen ein Placebo gespritzt hatten. Selbst diese Studien waren nicht makellos. Sie wurden vom deutschen Hersteller des Mistelextrakts finanziert und von einem Mitarbeiter der Firma mit verfasst. "Das ist aber kein Gegenargument", sagt Rostock: "Diese Praxis ist auch in der Schulmedizin verbreitet."

Seiner 39-jährigen Patientin riet er, die Misteltherapie begleitend zur Chemotherapie einzusetzen. Die Frau vertrug die Spritzen gut – und setzte dann auch die Chemotherapie fort.

Diese Erfahrung machen die Kokon-Forscher oft. Patienten, die mit ihrem Wunsch nach sanfter Medizin ernst genommen werden, folgen auch der konventionellen Medizin besser. Es klingt paradox, aber vielleicht können skeptische Ärzte so am besten verhindern, dass ihre Patienten auf Quacksalber hereinfallen: indem sie die Komplementärmedizin umarmen, zumindest ein wenig.

Man wüsste nun gerne, welche CAM-Therapie die Forscher für welche Tumorart empfehlen, aber so einfach ist das nicht. "Wir richten uns immer nach der wissenschaftlichen Evidenz, aber eine Empfehlung bezieht auch die Erfahrung des Arztes und den Wunsch des Patienten mit ein", sagt Markus Horneber vom Klinikum Nürnberg, der Leiter des Kokon-Projekts. Wenn der Patient auf ein Naturpräparat schwört, dessen Wirksamkeit umstritten ist, für das es aber Erfahrungen aus der ärztlichen Praxis gibt, würde er nicht unbedingt davon abraten. "Das kann auch mal heißen, dass jemand auf eines der Medikamente gegen Übelkeit verzichtet und stattdessen eine Akupunktur macht."

Horneber hat eine der ersten komplementärmedizinischen Beratungsstellen eingerichtet. Jetzt sitzt er im Büro von Matthias Rostock, ein freundlicher Mann mit weißen Haaren, und zitiert Paul Watzlawick: "Ich kann nicht nicht kommunizieren." Soll heißen: "Man kann schon dadurch helfen, dass man zuhört." Wo zieht er eine Grenze? "Da, wo möglicherweise ein Schaden entsteht." 60 Aprikosenkerne am Tag? "Davon rate ich ab." Es drohe eine Blausäurevergiftung.