Manchmal bekommen die Ärzte und Psychologen an der Bonner Universitätsklinik etwas Besonderes geboten: eine Art Solokonzert im Hörsaal. Ganz vorn steht dann ein Flötist oder ein Geiger, manchmal eine Opernsängerin. Für die Ärzte ist es eine schöne Abwechslung, in der Arbeitszeit etwa Bach-Partiten zu hören, doch der Musiker leidet Höllenqualen. Die Aufführungen sind Teil einer besonderen Therapie. Die Patienten, meist Berufsmusiker, sollen dabei ihre Angst überwinden – die Angst, Fehler zu machen.

"Lampenfieberambulanz" hat die Psychiaterin Déirdre Mahkorn ihre Station genannt. Das klingt nach Herzklopfen und feuchten Händen – ein bisschen Aufregung halt, die dazugehört. Doch das Leid der Patienten hier ist groß. Manche Musiker erleben auf der Bühne blanke Todesangst, einige müssen sich vor Auftritten übergeben oder betäuben sich mit Alkohol. Schon beim kleinsten Lapsus geraten manche in Panik und hadern anschließend so sehr mit sich, dass sie kaum mehr vorspielen wollen. Es sind keine Einzelfälle, sagt Mahkorn. Seit sie die Ambulanz vor drei Jahren eröffnete, nimmt der Ansturm kein Ende. Sie ist auf Monate ausgebucht.

Das Leid der Musiker ist ein extremes Beispiel dafür, was der Druck, Fehler zu vermeiden, in Menschen auslösen kann. Doch die Angst vor dem Versagen quält fast jeden irgendwann. Gerade in Deutschland hält sie viele Menschen davon ab, Träume zu verwirklichen: Ein eigenes Unternehmen gründen, ein Buch schreiben, Mode entwerfen – es wäre so schön. Aber was, wenn es nicht klappt? Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Menschen an ihren Erfolgen gemessen und für ihre Niederlagen verurteilt werden. In kaum einem anderen Land der Welt werden Misserfolge so sehr geächtet wie hier.

Aus Fehlern wird man klug, heißt es. Doch in Wahrheit schätzt niemand Situationen, in denen die Dinge schiefgehen und man auf die Nase fällt. Niemand gesteht sich gern ein, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, an einer Aufgabe gescheitert zu sein oder gar ein ganzes Projekt in den Sand gesetzt zu haben. Ein Ziel zu verfehlen ist ärgerlich und schmerzhaft. Dennoch sind solche Erfahrungen unausweichlich – und oft lehrreich. Nicht selten führen erst viele Fehlschüsse zu großen Entdeckungen. Aber: Damit wir an Niederlagen wachsen können, müssen wir richtig mit ihnen umgehen. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für unsere Schwächen.

Doch Mahkorn beobachtet seit Beginn der Wirtschaftskrise sogar eine noch geringere Fehlertoleranz in der Gesellschaft: "Im Moment herrscht ein wirtschaftliches Klima, in dem hohe Leistungen, gute Noten und die alten preußischen Tugenden wie Disziplin extrem wichtig sind, um nicht zu scheitern." Der Anspruch an die eigene Leistung sei gerade in der jungen Generation sehr hoch. In die psychiatrische Akutstation der Bonner Uni-Klinik, die Oberärztin Mahkorn ebenfalls leitet, kommen immer häufiger schon junge Leute, die sich als gescheitert betrachten.

Das Geheimnis der Stehaufmännchen ist, dass sie negative Gedanken schneller abstellen können
Andrea Abele-Brehm, Psychologin

"Gerade in individualistisch orientierten Gesellschaften stellt Scheitern eine Bedrohung des Selbstwertes dar", sagt der Psychologe und Fehlerforscher Olaf Morgenroth von der Hamburg Medical School. "Je mehr Leistung zum Kriterium für die soziale Rolle und das Selbstbild wird, desto gravierender ist ein Versagen." Ob und wann Menschen sich als gescheitert sehen, hängt also auch von der Gesellschaft ab, in der sie leben.

Allerdings reagieren selbst Menschen innerhalb einer Kultur unterschiedlich auf negative Erfahrungen. Während die einen sich zerfleischen, weil die Intonation beim Vorspielen nicht ganz perfekt war, rappeln sich andere, die mit einem ganzen Unternehmen gescheitert sind, bald wieder auf, um auf den Scherben ihrer Existenz etwas Neues aufzubauen.

Sascha Schubert gehört zur zweiten Sorte. Vor einigen Jahren scheiterte er mit dem Internet-Start-up Bondea, einem Sozialen Netzwerk für Frauen. Sie sollten sich dort über das Berufsleben oder das Muttersein austauschen. So weit die Idee. Doch in der Realität fanden sich weder Nutzerinnen noch Investoren. Nach einem Jahr war Bondea am Ende, Schubert hatte 40.000 Euro verloren. "Natürlich hätte ich mir das gern erspart, Scheitern tut wirklich weh." Doch Schubert hielt sich nicht lange mit Selbstmitleid auf, er gründete einfach ein neues Unternehmen. Heute vertreibt er mit seiner Firma Spendino eine Software, mit der Hilfsorganisationen Spenden einnehmen und Spender verwalten können. "Ich habe nicht monatelang Trauer getragen und mir das Hirn zermartert: Oh wie schlimm, warum ist das nur passiert?", sagt Schubert. "Es ist leichter, neu anzufangen, als im Gestern zu verharren."

"Das Geheimnis der Stehaufmännchen ist, dass sie negative Gedanken schneller abstellen können", sagt die Psychologin Andrea Abele-Brehm von der Universität Erlangen. Die Professorin ist Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und erforscht, wie Menschen Ereignisse bewerten. "Jeder denkt über negative Erfahrungen mehr nach als über positive", sagt sie. Aber manche Menschen kämen besser wieder davon los: "Stehaufmännchen grübeln nicht."

Sascha Schubert sieht das Aus von Bondea im Nachhinein nicht als Niederlage, sondern als Gelegenheit zum Lernen. Als die Firma am Ende war, fertigten er und seine Partner eine Liste mit all den Fehlern an, die sie begangen hatten. Sie hielten fest, was sie beim nächsten Mal anders machen müssten: "Es war eine unverzichtbare Lektion." Genau diese Lesart möchte Schubert auch anderen nahebringen. Im vergangenen November organisierte er in Berlin die erste deutsche FailCon, eine Messe nach amerikanischem Vorbild, auf der gescheiterte Unternehmer über ihre Fehler sprechen, damit andere aus diesen Erfahrungen lernen können.