Manchmal bekommen die Ärzte und Psychologen an der Bonner Universitätsklinik etwas Besonderes geboten: eine Art Solokonzert im Hörsaal. Ganz vorn steht dann ein Flötist oder ein Geiger, manchmal eine Opernsängerin. Für die Ärzte ist es eine schöne Abwechslung, in der Arbeitszeit etwa Bach-Partiten zu hören, doch der Musiker leidet Höllenqualen. Die Aufführungen sind Teil einer besonderen Therapie. Die Patienten, meist Berufsmusiker, sollen dabei ihre Angst überwinden – die Angst, Fehler zu machen.

"Lampenfieberambulanz" hat die Psychiaterin Déirdre Mahkorn ihre Station genannt. Das klingt nach Herzklopfen und feuchten Händen – ein bisschen Aufregung halt, die dazugehört. Doch das Leid der Patienten hier ist groß. Manche Musiker erleben auf der Bühne blanke Todesangst, einige müssen sich vor Auftritten übergeben oder betäuben sich mit Alkohol. Schon beim kleinsten Lapsus geraten manche in Panik und hadern anschließend so sehr mit sich, dass sie kaum mehr vorspielen wollen. Es sind keine Einzelfälle, sagt Mahkorn. Seit sie die Ambulanz vor drei Jahren eröffnete, nimmt der Ansturm kein Ende. Sie ist auf Monate ausgebucht.

Das Leid der Musiker ist ein extremes Beispiel dafür, was der Druck, Fehler zu vermeiden, in Menschen auslösen kann. Doch die Angst vor dem Versagen quält fast jeden irgendwann. Gerade in Deutschland hält sie viele Menschen davon ab, Träume zu verwirklichen: Ein eigenes Unternehmen gründen, ein Buch schreiben, Mode entwerfen – es wäre so schön. Aber was, wenn es nicht klappt? Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Menschen an ihren Erfolgen gemessen und für ihre Niederlagen verurteilt werden. In kaum einem anderen Land der Welt werden Misserfolge so sehr geächtet wie hier.

Aus Fehlern wird man klug, heißt es. Doch in Wahrheit schätzt niemand Situationen, in denen die Dinge schiefgehen und man auf die Nase fällt. Niemand gesteht sich gern ein, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, an einer Aufgabe gescheitert zu sein oder gar ein ganzes Projekt in den Sand gesetzt zu haben. Ein Ziel zu verfehlen ist ärgerlich und schmerzhaft. Dennoch sind solche Erfahrungen unausweichlich – und oft lehrreich. Nicht selten führen erst viele Fehlschüsse zu großen Entdeckungen. Aber: Damit wir an Niederlagen wachsen können, müssen wir richtig mit ihnen umgehen. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für unsere Schwächen.

Doch Mahkorn beobachtet seit Beginn der Wirtschaftskrise sogar eine noch geringere Fehlertoleranz in der Gesellschaft: "Im Moment herrscht ein wirtschaftliches Klima, in dem hohe Leistungen, gute Noten und die alten preußischen Tugenden wie Disziplin extrem wichtig sind, um nicht zu scheitern." Der Anspruch an die eigene Leistung sei gerade in der jungen Generation sehr hoch. In die psychiatrische Akutstation der Bonner Uni-Klinik, die Oberärztin Mahkorn ebenfalls leitet, kommen immer häufiger schon junge Leute, die sich als gescheitert betrachten.

Das Geheimnis der Stehaufmännchen ist, dass sie negative Gedanken schneller abstellen können
Andrea Abele-Brehm, Psychologin

"Gerade in individualistisch orientierten Gesellschaften stellt Scheitern eine Bedrohung des Selbstwertes dar", sagt der Psychologe und Fehlerforscher Olaf Morgenroth von der Hamburg Medical School. "Je mehr Leistung zum Kriterium für die soziale Rolle und das Selbstbild wird, desto gravierender ist ein Versagen." Ob und wann Menschen sich als gescheitert sehen, hängt also auch von der Gesellschaft ab, in der sie leben.

Allerdings reagieren selbst Menschen innerhalb einer Kultur unterschiedlich auf negative Erfahrungen. Während die einen sich zerfleischen, weil die Intonation beim Vorspielen nicht ganz perfekt war, rappeln sich andere, die mit einem ganzen Unternehmen gescheitert sind, bald wieder auf, um auf den Scherben ihrer Existenz etwas Neues aufzubauen.

Sascha Schubert gehört zur zweiten Sorte. Vor einigen Jahren scheiterte er mit dem Internet-Start-up Bondea, einem Sozialen Netzwerk für Frauen. Sie sollten sich dort über das Berufsleben oder das Muttersein austauschen. So weit die Idee. Doch in der Realität fanden sich weder Nutzerinnen noch Investoren. Nach einem Jahr war Bondea am Ende, Schubert hatte 40.000 Euro verloren. "Natürlich hätte ich mir das gern erspart, Scheitern tut wirklich weh." Doch Schubert hielt sich nicht lange mit Selbstmitleid auf, er gründete einfach ein neues Unternehmen. Heute vertreibt er mit seiner Firma Spendino eine Software, mit der Hilfsorganisationen Spenden einnehmen und Spender verwalten können. "Ich habe nicht monatelang Trauer getragen und mir das Hirn zermartert: Oh wie schlimm, warum ist das nur passiert?", sagt Schubert. "Es ist leichter, neu anzufangen, als im Gestern zu verharren."

"Das Geheimnis der Stehaufmännchen ist, dass sie negative Gedanken schneller abstellen können", sagt die Psychologin Andrea Abele-Brehm von der Universität Erlangen. Die Professorin ist Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und erforscht, wie Menschen Ereignisse bewerten. "Jeder denkt über negative Erfahrungen mehr nach als über positive", sagt sie. Aber manche Menschen kämen besser wieder davon los: "Stehaufmännchen grübeln nicht."

Sascha Schubert sieht das Aus von Bondea im Nachhinein nicht als Niederlage, sondern als Gelegenheit zum Lernen. Als die Firma am Ende war, fertigten er und seine Partner eine Liste mit all den Fehlern an, die sie begangen hatten. Sie hielten fest, was sie beim nächsten Mal anders machen müssten: "Es war eine unverzichtbare Lektion." Genau diese Lesart möchte Schubert auch anderen nahebringen. Im vergangenen November organisierte er in Berlin die erste deutsche FailCon, eine Messe nach amerikanischem Vorbild, auf der gescheiterte Unternehmer über ihre Fehler sprechen, damit andere aus diesen Erfahrungen lernen können.

Negative Gedanken schneller abschalten

Schubert hat seinem Scheitern einen Sinn gegeben – eine weitere Strategie, um gut damit fertig zu werden, wie der Psychologe Joachim Stoeber von der University of Kent herausfand. Stoeber studiert das Scheitern an Personen, die täglich dazu verurteilt sind: Perfektionisten. Wegen ihrer überhöhten Ansprüche werden sie nur selten ihren Erwartungen gerecht. In einer Studie ließ Stoeber Perfektionisten über ihre täglichen Verfehlungen Buch führen. Die Studenten mussten beichten, wenn sie in einer Klausur schlechter abschnitten als erhofft, wenn sie noch immer keinen Ferienjob gefunden oder die Wäsche nicht gewaschen hatten. Stoeber stellte fest: Am besten konnten die Probanden ihre Niederlagen wegstecken, wenn es ihnen gelang, diese mit Humor zu sehen, ihnen etwas Positives abzugewinnen oder sich auf das zu konzentrieren, was gelungen war.

In der Interpretation eines negativen Ereignisses liegt der Schlüssel, um zufrieden damit weiterleben zu können. Wer hat nicht schon einmal ein Ziel abgewertet, das unerreichbar war? So schön war die Frau ja gar nicht, und der verpasste Job hätte sicher keinen Spaß gemacht. "Es gibt zwei Motive bei der Informationsverarbeitung: möglichst adäquate Urteile zu bilden und den Selbstwert zu schützen", sagt Andrea Abele-Brehm. "In bestimmten Situationen kollidieren sie." Nicht selten setzt sich der Selbstschutz durch. Oft werden dann die Umstände verantwortlich gemacht – ganz anders als bei Erfolgen, die allzu großzügig dem eigenen Tun zugeschrieben werden.

An Politikern lässt sich diese Strategie besonders gut beobachten. Abele-Brehm fand heraus, dass Politiker, deren Partei eine Wahl gewonnen hatte, den Erfolg häufig bestimmten Merkmalen der Partei oder der Kandidaten sowie dem Wahlprogramm zuschrieben. Die Verlierer hingehen machten eher äußere Faktoren verantwortlich: Die Wähler seien zu Hause geblieben, weil das Wetter so schlecht gewesen sei.

Besonders verblüffend an der Studie war, dass sich nahezu alle Politiker nach der Wahl irgendwie als Sieger sahen. Wer erinnert sich nicht an Gerhard Schröders legendären Auftritt in der Elefantenrunde 2005, als er vor den Augen der Nation seine Wahlniederlage in einen Erfolg umdeutete. Nach Einschätzung von Abele-Brehm sind solche Äußerungen mehr als nur polternde Selbstdarstellung. Niemand könne sich so selbstgewiss präsentieren, wenn er nicht auch innerlich ein bisschen von dieser Interpretation überzeugt wäre. Es ist halt leichter, seinen Frieden mit einer Niederlage zu machen, wenn man andere in der Verantwortung sieht oder den Blick auf die positiven Aspekte richtet.

Allerdings hat das gerettete Selbstbild seinen Preis. Wie können wir aus Fehlern lernen, wenn wir vor ihnen die Augen verschließen? Um eine Lektion zu lernen, muss man sich ja erst einmal eingestehen, etwas falsch gemacht zu haben. Wo also liegt der Mittelweg zwischen Selbstzerfleischung und Realitätsverleugnung?

Die Antwort steckt in einem einfachen Satz, der schwer zu beherzigen ist: "Ich habe versagt, aber ich bin kein Versager." Fehler zugeben, aber seinen Selbstwert nicht ans Richtigmachen knüpfen – das ist die Kunst. Manchmal hilft dabei der Blick von außen, von einem Freund oder einem Kollegen. "Wir brauchen jemanden, der uns hilft, diese beiden widerstreitenden Gedanken zu ertragen", schreibt der britische Journalist Tim Harford in seinem Buch Trial and Error. Und manchmal gelingt dies nur mit professioneller Hilfe. Verhaltenstherapeuten wie Déirdre Mahkorn versuchen, ihren Patienten die negativen Interpretationen abzugewöhnen und das Selbstwertgefühl von einzelnen Leistungen abzukoppeln: "Wenn sich jemand für einen Versager hält, weil er mal nicht den richtigen Ton trifft, dann müssen wir sein Grundkonzept unbedingt korrigieren." Und gerade weil Mahkorns Musiker Fehlern mit der Zeit nicht mehr so große Macht geben, gelingt es ihnen besser, Patzer zu vermeiden. Denn sie können ihre Konzentration schneller wieder auf das Spiel lenken.

Was Patienten in Verhaltenstherapien mühsam lernen müssen, ließe sich schon Kindern leicht beibringen, sagt der Psychologe Olaf Morgenroth. Dafür brauchte es aber eine offenere Lernkultur an den Schulen. "Kinder sollten im Unterricht viel mehr zum Experimentieren nach der Trial-and-Error-Methode angeregt werden." Statt sofort jeden Fehler auszumerzen, sollten Lehrer die Schüler probieren lassen. "In einer solch offenen Atmosphäre würden sie erfahren, dass es nicht dramatisch ist, wenn mal was schiefgeht." Sie kämen nicht auf die Idee, dass sie wegen eines Misserfolgs nichts wert sind.

Die Psychologin Carol Dweck von der Stanford University empfiehlt, Kinder bei Erfolgen ganz gezielt für ihre Bemühungen zu loben, also für ihr Handeln. Das erhöhe auch die Motivation, sich neuen Herausforderungen zu stellen: Wurden Kinder nach einem Test für ihre Anstrengung gelobt, waren die meisten hinterher mutig genug, um sich an einen schwierigeren Test zu wagen. Kinder hingegen, deren Intelligenz gepriesen wurde, also eine Eigenschaft, wählten als Nächstes einen leichten Test – sie wollten lieber auf Nummer sicher gehen, um weiterhin als schlau zu gelten.

Schulen brauchen eine offene Lernkultur

Wer sich weniger über seine Eigenschaften und mehr über sein Handeln definiert, der glaubt auch eher daran, dass er sich weiterentwickeln kann. Das schützt vor Versagensangst. Denn ein Fehltritt bringt dann nicht gleich das ganze Selbstbild ins Wanken, sondern birgt eine Chance zum Wachsen.

Auch für Sascha Schubert steht fest: "Unternehmer werden nicht geboren, sondern gemacht." Dieses Bewusstsein fehle jedoch den meisten hierzulande. Mit der FailCon will Schubert eine "Kultur der zweiten Chance" schaffen.

Dass gerade in Deutschland Fehler und Misserfolge unnachsichtig geahndet werden, kann Michael Frese nur bestätigen. Der Wirtschaftspsychologe von der Leuphana-Universität in Lüneburg untersucht, wie verschiedene Kulturen mit Fehlern umgehen. Vor vier Jahren ist er nach Singapur gegangen, um auch dort an der National University zu forschen. "Ich erzähle gern, dass ich von dem Land mit der zweitschlechtesten Fehlerkultur der Welt ausgerechnet in das mit der allerschlechtesten gezogen bin", sagt Frese. "Das finden sogar die Singapurer lustig." Der Psychologe hat die Toleranz für Fehler in 61 Ländern verglichen, Deutschland und Singapur landeten auf den letzten Plätzen. Seine Weltrangliste der Fehler-Verächter ist aber nicht nur für schräge Anekdoten gut, denn wie nachsichtig eine Kultur auf Fehler reagiert, hat erheblichen Einfluss darauf, wie gut sie diese zu vermeiden und – wenn doch etwas schiefgeht – zu erkennen und mit ihnen umzugehen hilft.

Auf der einen Seite hat Intoleranz gegenüber Fehlern etwas Positives: Man stellt sich vor, was schiefgehen könnte, und überlegt, wie es zu verhindern ist. Deshalb sind deutsche Organisationen und Unternehmen ziemlich gut in der Vermeidung von Fehlern. Wenn aber doch etwas schiefgeht, beginnen die Probleme: Weil Fehler tabu sind, wird spät darüber gesprochen, der Verantwortliche quält sich mit Selbstvorwürfen, fürchtet Bloßstellung und Ärger mit dem Chef. Das verhindert, dass Fehler frühzeitig erkannt und pragmatisch bearbeitet werden – und dass alle Beteiligten daraus lernen.

"Wenn Sie in einem Unternehmen in den USA über Fehler reden, reagieren die Leute geradezu enthusiastisch: ›Toll, da können wir was lernen!‹", sagt Frese. In Deutschland höre er dagegen häufig: "Fehler? Gibt’s bei uns nicht." So war es zumindest Mitte der achtziger Jahre, als er mit der Fehlerforschung begann. Inzwischen habe sich die Lage verbessert, es gebe aber immer noch deutliche Unterschiede. Frese fragt Manager gern nach einem Fehler, der ihnen in Erinnerung gelieben sei. Amerikaner erzählten dann meist ehrlich von irgendeinem Patzer. "Deutsche Manager sagen sehr, sehr oft so etwas wie: ›Ich habe den Fehler eines Kollegen nicht früh genug erkannt.‹"

Allerdings: Das Gegenteil, extreme Fehlertoleranz, ist auch nicht gut. Dann kümmert sich nämlich niemand darum, Fehler zu vermeiden oder aus ihnen zu lernen. Am besten ist ein gesundes Mittelmaß. "In angloamerikanischen Kulturen stimmt die Mischung, da geht man pragmatisch mit Fehlern um: Man ist kritisch, regt sich aber nicht fürchterlich auf."

Frese hat außerdem analysiert, welche Faktoren genau den Umgang mit Fehlern beeinflussen: Kulturen, denen es sehr wichtig ist, Unsicherheiten zu vermeiden, die wenig fatalistisch sind und die klare Normen und Sanktionen haben, sind besonders gut in der Vermeidung von Fehlern. Kulturen, in denen Altruismus und Fairness eine große Rolle spielen und in denen die Gemeinschaft wichtiger ist als das Individuum, sind dagegen besonders gut im Entdecken und im Management von Fehlern. Denn in engen Netzwerken fallen Pannen schneller auf, und Informationen werden rascher weitergegeben, außerdem sind Schuldzuweisungen an Einzelne dort seltener und Ängste vor Konsequenzen geringer; beides würde vom Lösen des Problems ablenken. Ein Faktor wirkt sich in jedem Fall positiv aus: flache soziale Hierarchien. An der Prävention sind alle Mitarbeiter beteiligt, alle achten gemeinsam auf Probleme, Untergebene trauen sich eher, auf Fehler aufmerksam zu machen, und Chefs können Fehler leichter eingestehen.

In Singapur, dem Schlusslicht von Freses Rangliste, sei das Hauptproblem der Stolz: "Singapur ist ja tatsächlich so etwas wie eine Insel, auf der alles wie am Schnürchen klappt, verglichen mit den Nachbarn Malaysia und Indonesien. Da kann man dann nicht zugeben, wenn doch mal was schiefgeht."

Welche Faktoren beeinflussen den Umgang mit Fehlern?

Doch auch wenn die Kultur großen Einfluss darauf habe, wie wir mit Fehlern umgehen – wir könnten durchaus etwas verändern, sagt Frese. Er hat Fehlermanagement-Kurse für Firmen entwickelt. Zwei Dinge seien wichtig: Zum einen solle man den Mitarbeitern sagen, dass sie Fehler machen dürften, vor allem im Training. "Das lässt den Dampf raus." Zum anderen sollten die Mitarbeiter sich in Metakognition üben, also kurz darüber nachdenken, wie sie auf einen Fehler reagieren und ob das hilfreich ist. "Wenn man sich selbst als Trottel beschimpft, bringt das gar nichts, im Gegenteil." Auf der Basis von Freses Arbeiten wurden solche Programme zum Beispiel mit Feuerwehrleuten in Australien und Pharmazeuten in den USA gestartet. "Die Resultate sind umwerfend. Die Leistung verbessert sich enorm."

Freses Analysen erklären nicht nur die unterschiedliche Fehlerkultur in verschiedenen Ländern, sondern auch in verschiedenen Branchen. Die Literatur ist voll von Vergleichen zwischen der Luftfahrt und der Medizin. Während sich die Sicherheit im Flugverkehr seit den siebziger Jahren erheblich verbessert hat, sind Ärztefehler immer noch sehr häufig: Etwa 2000 werden jährlich in Deutschland nachgewiesen und offiziell anerkannt, das Aktionsbündnis Patientensicherheit geht nach eigenen Berechnungen aber sogar von 40.000 Behandlungsfehlern und 17.000 Todesopfern aus. Die Hauptprobleme im Krankenhaus: steile Hierarchien und mangelhafte Kommunikation. So schlecht, so bekannt.

Martin Dutschek wollte nicht bei traditioneller Ärzteschelte und Pilotenlob stehen bleiben. Mit der Firma Assekurisk entwickelte der Kommunikationswissenschaftler mit Pilotenschein eine Sicherheitsschulung für Mediziner, inklusive Training im Flugsimulator. Am Nordstadtkrankenhaus in Hannover startete das Projekt 2009. Assekurisk schickte je einen Piloten und einen Arzt auf die Stationen, sie sollten im Tandem mit kritischem Blick von außen und den Sicherheitsstandards der Luftfahrt im Hinterkopf Fehlerquellen aufspüren. Auch wenn viele Ärzte sich nicht gern reinreden lassen – die Piloten fanden Gehör, erzählt Dutschek: "Die Ärzte hatten Respekt vor denen, das sind einfach Sicherheitsexperten." Aber eben auch keine übervorsichtigen Weicheier.

Für die Kommunikation zum Beispiel gelten in der Luftfahrt klare Regeln. "Wenn der Tower sagt: ›Turn left 180‹, dann muss der Pilot das wiederholen", sagt Dutschek. "In der Medizin ist so etwas nicht Standard." Die Ärzte im Nordstadtkrankenhaus entwickelten mit den Piloten solche Regeln und zudem Checklisten, die vor einem Eingriff abgearbeitet werden müssen – sonst gibt es keine Startfreigabe für den Operateur.

Das zweite Problem, das sich aus der steilen Hierarchie im Krankenhaus ergibt, lässt sich nicht so leicht lösen. Im Flugzeug müssen sich der Co-Pilot und die Flugbegleiter einmischen, wenn der Pilot einen Fehler macht. Im Operationssaal dagegen riskiert ein Assistenzarzt oder ein Pfleger mitunter einiges, wenn er den Chef auf einen Fehler hinweist. "Das ist eine Frage der Kultur, da dauert es Jahre, bis sich wirklich etwas ändert", sagt Dutschek.

Denkanstöße lieferte das Training im Flugsimulator: Chef- und Oberärzte spielten Pilot, Co-Pilot und Flugbegleiter waren echt. Die Mediziner sollten einen Airbus A320 fliegen. Ein Chefarzt habe partout nicht die Anweisungen vom Tower wiederholt, erzählt Dutschek. "Da hat ihm der 24-jährige Co-Pilot freundlich mitgeteilt, dass er ihm das Kommando entziehen müsse, wenn das noch einmal vorkomme." Der Arzt sei außer sich gewesen. "Aber später sagte er, er habe noch einmal darüber nachgedacht, und eigentlich habe der Co-Pilot ja recht."

Bei Behandlungsfehlern oder Unternehmenspleiten ist klar: Fehler können und müssen genutzt werden, um aus ihnen zu lernen und sie in Zukunft zu vermeiden. Manchmal können sie aber auch noch auf andere Weise äußerst nützlich sein: weil sie Möglichkeiten eröffnen, an die man nie gedacht hätte, weil sie zu Variationen führen, die man nicht planen kann, weil sie ein unermessliches Potenzial an Kreativität bergen. Das gilt für die Wissenschaft, die Kunst und für unsere Entwicklung.

Die Evolution ist die größte Fehlerverwertungsmaschinerie überhaupt: Zufällige Mutationen im Erbgut führen zu einer aberwitzigen Vielfalt von Variationen, die sich in der jeweiligen Umwelt bewähren müssen. Manche verschwinden schnell wieder, andere werden zu Erfolgsmodellen, wieder andere zu Spezialanwendungen für Nischen. Ein Fehler in der Replikation einer Gensequenz kann dem Besitzer – und womöglich seiner ganzen Art – das Leben retten.

Und Fehler befördern nicht nur unsere biologische, sondern auch unsere soziale, emotionale und intellektuelle Evolution. Die Wissenschaft nutzt das Prinzip der Trial-and-Error-Methode: Oft wird so lange herumprobiert, bis es klappt. Dabei weisen die Fehlversuche den Weg zur Erkenntnis. Neben dieser systematisierten Nutzung von Misserfolgen bringen aber auch immer wieder zufällige Fehler die Forschung voran. Das wohl berühmteste Beispiel ist die Entdeckung des Penicillins. Der russisch-amerikanische Biochemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov sagte es so: "Der aufregendste Satz in der Wissenschaft – derjenige, der neue Entdeckungen ankündigt – ist nicht ›Heureka!‹ (Ich hab’s!), sondern: ›Das ist ja komisch…‹."

Fortschritt entsteht durch zielgerichtetes Forschen und wildem Herumprobieren

Die Komplexitätsforscher Stuart Kauffman und John Holland haben gezeigt, dass Fortschritt immer dann entsteht, wenn viele winzige Schritte und einige wenige hochspekulative Gedankensprünge zusammenkommen. Es braucht also beides – zielgerichtetes Forschen und wildes Herumprobieren. Das Problem: Die meisten Fördergelder fließen in die systematische Schrittchen-Forschung. Eine Ausnahme sind die Programme des Howard Hughes Medical Institute (HHMI) in den USA, gegründet von einem exzentrischen Milliardär. Das Institut drängt seine Forscher dazu, "Risiken einzugehen, neue Wege zu beschreiten und sich auf das Unbekannte einzulassen – selbst wenn dies Ungewissheit oder die Möglichkeit des Scheiterns bedeutet". Die Förderung ist zudem nicht an Projekte, sondern an Forscher gebunden, damit diese die Richtung ändern können, falls nötig.

Die Lizenz zum Scheitern führt zum Erfolg. Ein Team von Ökonomen hat die Resultate der Förderprogramme des HHMI und der National Institutes of Health (NIH), die klassische Forschungsförderung betreiben, verglichen. Ergebnis: Die vom HHMI geförderten Forscher hatten die originelleren Ideen, veröffentlichten doppelt so viele häufig zitierte Artikel und gewannen mehr Preise. Sie wurden öfter auch außerhalb ihrer eigenen Disziplin zitiert und waren insgesamt einflussreicher. Allerdings scheiterten sie auch häufiger, und ein höherer Anteil ihrer Ergebnisse wurde nicht zur Kenntnis genommen. Das ist der Preis für die sensationellen Durchbrüche. In Deutschland bildet noch am ehesten die Volkswagen-Stiftung ein Gegengewicht zur traditionellen Forschungsförderung, sie unterstützt vor allem die Zusammenarbeit von Forschern aus verschiedenen Disziplinen.

Was für die Wissenschaft gilt, gilt erst recht für die Kunst: Scheitern ist kreativ. Die Hamburger Kunsthalle hat ihre aktuelle Ausstellung "Besser scheitern" mit einem Zitat von Samuel Beckett überschrieben:  "Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better." (Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.) Damit wird das Scheitern gleich zum Motiv.

Die Autorin Kathryn Schulz meint sogar, dass unsere Fähigkeit, uns zu irren, und unsere Fantasie dieselbe Quelle haben: unser Vermögen, die Welt so zu sehen, wie sie nicht ist. Im einen Fall folgt daraus ein Irrtum: Wir halten etwas für wahr, das falsch ist, oder anders herum; wir scheitern daran, die Welt so zu erkennen, wie sie ist. Im anderen Fall folgt daraus ein Gedicht, ein Gemälde. Schulz schreibt in ihrem Buch Being Wrong: "Die Kunst ist eine Einladung, uns im Land der Verkehrtheit zu amüsieren." Wer will da noch jeden Fehler vermeiden?

Nicht nur Künstler, auch jeder Einzelne kann sich durch Fehler und Niederlagen ein bisschen neu erfinden. Schulz spricht von psychologischen Baustellen: Orten, an denen wir uns selbst zerstören und wieder aufbauen. Tatsächlich gehört es zu den wichtigen Erfahrungen in unserer Entwicklung, dass Dinge manchmal schiefgehen, schon in Kindertagen. Die norwegische Psychologin Ellen Sandseter fand Hinweise darauf, dass Kinder, die beim Spielen hin und wieder etwa beim Klettern stürzen, als Jugendliche tendenziell seltener an Höhenangst leiden. Sie haben offenbar gelernt, dass es nicht gar so schlimm ist zu fallen.

Auch Sascha Schubert hat das erlebt: "In einer Krise wird man mit seinen Ängsten konfrontiert. Aber ich habe gesehen: So schrecklich ist es gar nicht, zu scheitern." Diese Erfahrung habe seinen Unternehmergeist gestärkt. "Ich war mir vorher gar nicht sicher, ob ich Unternehmer sein wollte. Hinterher schon."

Natürlich gibt es Fälle, in denen Menschen nicht so schnell wieder auf die Beine kommen. Nützlich könne das Scheitern dennoch sein, sagt die Psychologin Abele-Brehm. "Fehlerfreundlichkeit bedeutet auch, Stärken an sich zu entdecken, indem man Schwächen ausschließt." Manchmal muss man vielleicht erst auf die Nase fallen, um zu erkennen, dass man nicht das tut, was man gut kann, oder nicht das Leben führt, das zu einem passt.

Die gute Nachricht ist: Menschen überstehen Krisen oft besser als erwartet. Der Psychologe Daniel Gilbert spricht vom psychologischen Immunsystem. Gescheiterte Ehen und verlorene Arbeitsplätze setzen psychische Verteidigungsmaßnahmen in Gang. Gilbert hat nachgewiesen: Seelische Schmerzen lösen kognitive Prozesse aus, die den Blick auf die Welt so verändern, dass wir uns besser fühlen. Eine Weile nach einer Niederlage pendelt sich das Glücksniveau in der Regel wieder auf dem Ausgangsniveau ein.

Der Psychologe Olaf Morgenroth sagt, Scheitern bringe Menschen sogar dazu, Neues an sich selbst und der Umwelt zu erkennen, aus Denk- und Handlungsroutinen auszubrechen und sich auf andere Erfahrungen einzulassen. "Scheitern trägt zur individuellen Entwicklung bei, weil es die Erkenntnis fördert, auch ein anderer sein zu können."

Die Quellen zu diesem Artikel finden Sie hier.