Kim Raisner stand im schönsten Moment ihres Lebens auf einem runden Treppchen in der Sonne. Alles, was sie zuvor getan hatte, schien in diesem Augenblick richtig: die Jugend auf dem Sportplatz und jede Woche die 40 Stunden Training neben der Uni, frühmorgens, spätabends, trotz Regen, Kälte und Verletzungen. Zur Siegerehrung in Ungarn bei der WM im modernen Fünfkampf wurde sie mit der Kutsche abgeholt, am Wegrand riefen die Menschen zu Tausenden ihren Namen. Ihr Körper kribbelte vor Glück.

Soziale Anerkennung wirkt wie eine Droge. Sie macht uns so glücklich, dass wir fast alles dafür tun. Kim Raisner trieb ihren Körper zum Äußersten, andere Menschen machen Überstunden, lügen, hungern oder lassen sich operieren. Menschen werden zu Gockeln, die mit Statussymbolen beladen durchs Leben stolzieren, oder sie verlieren sich in fremden Ansprüchen, weil sie meinen, nur geliebt zu werden, wenn sie sich anpassen. Und auch Aggression kann ein Versuch sein, die Zustimmung zu erzwingen, die man glaubt zu verdienen. Die unbewussten Mechanismen treiben Menschen zu den unterschiedlichsten Taten, der tiefe Sinn dahinter ist aber immer derselbe: Wir wollen als Person wahrgenommen und bestätigt werden. Soziale Anerkennung ist ein Grundbedürfnis wie das nach Essen und Trinken, ohne sie kann kein Mensch existieren.

Und trotzdem geizen viele damit. Gerade hierzulande gilt das Motto: Lob ist, wenn niemand meckert. Skeptisch sein gilt als clever, Begeisterung schnell als naiv. Aber wo das Anerkennen fehlt, fühlen sich Menschen irgendwann unsichtbar. Sie werden nachlässig, unzufrieden, antriebslos oder gar krank. Nach Ansicht des Medizinsoziologen Johannes Siegrist entsteht emotionaler Stress vor allem dann, wenn es eine Kluft gibt zwischen großer Anstrengung und geringer Anerkennung. Das größte Risiko für ein Burn-out ist demnach nicht die viele Arbeit, sondern das Gefühl, sich immerzu anzustrengen, ohne etwas dafür zu bekommen.

Der Ort in unserem Gehirn, der uns nach Anerkennung lechzen lässt, ist der gleiche, der Menschen auch nach Drogen süchtig werden lässt: eine Struktur in der Mitte des Hirns, deren Nervenzellen den Botenstoff Dopamin ausschütten. Er löst ein Gefühl von Glück und Stärke aus, das für den Rausch typisch ist; wir wollen Dinge angehen und Ziele erreichen. "Neurobiologische Studien zeigen, dass nichts das Motivationssystem so sehr aktiviert, wie von anderen gesehen und sozial anerkannt zu werden", sagt Joachim Bauer, Medizinprofessor aus Freiburg, der seit Jahren den Wunsch nach Anerkennung erforscht.

Schon bei einem freundlichen Blick oder Lob schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, neben Dopamin auch körpereigene Opiate und Oxytocin, was uns entspannt macht und Lebensfreude auslöst. Je stärker ein Signal der Zuneigung, desto mehr Botenstoffe werden freigesetzt – bei Liebe oder einem Orgasmus explodiert das Netzwerk förmlich. "Unser Gehirn giert nach Anerkennung", erklärt Bauer. "Alles, was wir tun, steht im Dienste des tiefen Wunsches nach guten zwischenmenschlichen Beziehungen."

Schon der erste Schrei des Neugeborenen oder das anfänglich noch reflexartige Lächeln bringt Eltern dazu zu reagieren. "Das Kind nimmt Kontakt auf, es will gesehen und gespiegelt werden", erläutert Hans-Jürgen Wirth, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt und Psychoanalytiker in Gießen. "Nur im Austausch mit anderen entwickelt der Mensch seine Identität, Eigenschaften und Persönlichkeit. Alles, was in uns vorgeht, ist irgendwie auf unser Umfeld bezogen", sagt Wirth.

Soziale Ausgrenzung als existenzielle Bedrohung

Viele Forscher erklären diese existenzielle soziale Bezogenheit evolutionsbiologisch: Ab einem bestimmten Zeitpunkt musste der Mensch größere Säugetiere jagen, um im Nahrungswettbewerb gegen andere Primatenarten bestehen zu können. Weil das alleine nicht ging, wurde es für den Einzelnen überlebenswichtig, in der Gruppe zu funktionieren und von dieser angenommen zu werden.

Soziale Ausgrenzung ist daher eine existenzielle Bedrohung. "Bei Personen, die gegen ihren Willen dauerhaft isoliert sind, verkümmert das Motivationssystem", erklärt Joachim Bauer. "Sie verlieren alles Interesse am Leben, haben keinen Appetit mehr und werden krank." Oder aggressiv. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter und Psychiater Marc Sageman stieß auf den zunächst verwunderlichen Zusammenhang zwischen Aggression und Anerkennung, als er die Lebensläufe von 400 islamistischen Terroristen analysierte: Bevor sich die Betroffenen einer Terrorgruppe anschlossen, waren sie sozial isoliert. Bekanntschaften im Internet, in Nachbarschaft oder Universität führten sie zu der Gemeinschaft, die sie aufnahm und für die sie bereit waren, ihr Leben zu geben.

Joachim Bauer hält diese These für plausibel: "Wenn die Gesellschaft versagt, indem sie Einzelne diskriminiert, drohen vor allem bei Jugendlichen schlimme Ersatzlösungen. Terrorgruppen und Rechte grasen auf diesem Feld: Sie suchen nach den jungen, vereinsamten Seelen, die ausgeschlossen sind."

Zum Beispiel Felix Benneckenstein. Mit 14 interessierte sich der Junge aus Erding nicht sonderlich für Politik, aber für Musik und die Partys im Jugendclub. Es schmerzte, dass sie ihn dort nicht haben wollten. Und es tat gut, als ihm ein paar Leute diese Ablehnung so erklärten, dass er sie nicht persönlich nehmen musste: Im Jugendclub sind die Ausländer, und die haben was gegen uns Deutsche.

Benneckenstein stieg schnell auf in der rechten Szene. Dafür reichte es, den Holocaust zu leugnen und vor der Gefahr der jüdischen Hochfinanz zu warnen. Er schrieb Texte für Websites und Flyer, später auch Parolen an Hauswände. Man dankte es ihm mit Aufträgen und Führungspositionen. Mit Anfang 20 hielt er Vorträge und tourte mit seinen rechten Liedern durchs Land. "Anerkennung spielte eine zentrale Rolle", sagt er. "Neue wurden von Freunden und Eltern isoliert und gleichzeitig durch Aufgaben eng an die Kameradschaft gebunden." Der Wunsch nach Anerkennung trieb Benneckenstein an den Rand der Gesellschaft. Er landete im Gefängnis; verurteilt wegen Landfriedensbruch, versuchter Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Mittlerweile hat er die Neonaziszene verlassen.

Wie weit Menschen für Anerkennung gehen und nach welcher Form sie suchen, ist unterschiedlich. Je nachdem welche Erfahrungen sie gemacht haben, reagiert ihr Motivationssystem stark oder schwach auf dieselbe Bestätigung. Dem einen kann das Lob des Chefs Kraft geben, während der andere diesem misstraut und auf mehr Zuspruch wartet.

Forscher der University of Wisconsin zeigten, dass schon früheste Erfahrungen dies beeinflussen. Sie untersuchten vierjährige Kinder, von denen einige die ersten Lebensmonate in osteuropäischen Heimen verbracht hatten. Dort waren die Babys zwar gefüttert und gewickelt worden, an anderer Zuwendung aber hatte es gemangelt. Mit etwa einem Jahr wurden sie adoptiert und von da an in amerikanischen Pflegefamilien versorgt. Die andere Hälfte wuchs von Geburt an bei ihren Eltern in den USA auf und hatte eine gute Beziehung zu ihnen. Die Wissenschaftler verglichen, wie die Kinder auf körperliche Zärtlichkeiten reagierten, etwa ein Streicheln des Kopfes. Im Normalfall schüttet das Gehirn dabei Botenstoffe aus, verbunden mit einem guten Gefühl. Doch als die Forscher deren Werte im Urin der Kinder verglichen, stellten sie große Unterschiede fest. Die Gehirne der Kinder, die zu Beginn ihres Lebens alleingelassen worden waren, reagierten auf dieselbe Zuwendung viel schwächer.

"Sichere Beziehungen und Liebe, die nicht an Bedingungen gebunden ist, sind von Anfang an sehr wichtig, damit sich der Selbstwert stabil entwickelt", sagt Astrid Schütz. Die Psychologieprofessorin von der Universität Bamberg hat mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben. Viele Menschen mit einem geringen Selbstwert trauten sich ihr Leben lang nichts zu, nähmen Aufgaben nicht an und verbauten sich so die Chance, Erfolge zu haben. "Andere wirken dagegen nach außen selbstsicher, sind es aber innerlich nicht. Sie sind zwar erfolgreich, müssen sich aber sehr anstrengen, ihre ständigen Zweifel zu verbergen." Hier nütze Anerkennung nur bedingt: Menschen, für die es nicht zum Selbstbild passt, gut zu sein, können Bestätigung schlecht annehmen, obwohl sie danach dürsten.

Das andere Extrem sind narzisstische Persönlichkeiten: Solche Menschen stellen sich gern in den Mittelpunkt, feiern ihre Erfolge lauthals und reagieren auf Kritik massiv kämpferisch. "Oft wirken sie nach außen unverwüstlich. Aber auch sie leiden an dem Missverhältnis zwischen dem eigenen Bild und dem, das der Rest der Welt von ihnen hat", sagt Schütz.

Nicht nur das Maß, auch die Art der Anerkennung, nach der wir suchen, ist unterschiedlich. Viele Kinder, die vor allem für ihre Leistungen geschätzt werden, behalten diese Verknüpfung ihr ganzes Leben: Sie fühlen sich nur wertvoll, wenn sie Erfolg haben. Andere lernen, dass sie nur gemocht werden, wenn sie schön sind oder sich kümmern. "Je nachdem was wir erfahren haben, konzentrieren wir uns bei der Suche nach Bestätigung oft auf einzelne Bereiche wie Karriere, Beziehungen oder Attraktivität", sagt Schütz.

Doch wir sind dem Automatismus nicht hilflos ausgeliefert. "Den Menschen zeichnet aus, dass er die Möglichkeit hat, auch eine Außenperspektive in seine Erwägungen einzubeziehen", erklärt Joachim Bauer. Der dafür zuständige und evolutionsbiologisch junge Hirnbereich sitzt direkt hinter der Stirn und ist bei keinem anderen Wesen so ausgeprägt: "Der orbitofrontale Cortex speichert Informationen darüber, wie das, was wir tun, für andere sein könnte – eine Voraussetzung, um in einer Gruppe gut zu funktionieren, und unsere Chance, Informationen zu prüfen und Entscheidungen abzuwägen."

Wenn auch spät, so nutzte Felix Benneckenstein diese geistige Chance. Als er merkte, dass seine Kameraden auch gegen Kritiker aus den eigenen Reihen immer brutaler wurden und er im Gefängnis Abschiebehäftlinge kennenlernte, bröckelten seine Überzeugungen. Es dauerte noch eine Weile und viele Diskussionen mit seiner Freundin, aber am Ende verließen beide die rechte Szene und engagieren sich heute gegen diese. Mit ihrem Verein Aussteigerhilfe informieren sie unter anderem an Schulen über Neonazis und bieten eine Anlaufstelle für all jene, die keine Nazis mehr sein wollen.

Übungen gegen lähmende Selbstzweifel

Ein Stück weit können Menschen sich also von dem Wunsch nach Anerkennung emanzipieren. "Ob wir zufrieden sind mit uns oder nicht, liegt weniger an objektiven Erfolgen als an unserer subjektiven Haltung", sagt Astrid Schütz. Und daran kann man arbeiten. "Das Zentralste ist das Wohlwollen sich selbst gegenüber", sagt die Freiburger Verhaltenstherapeutin Friederike Potreck-Rose. Zu ihr kommen Professorinnen und Künstler, Unternehmer, Ärzte, Studenten und Mütter, die nach einer langen Pause wieder in den Beruf zurückwollen. Menschen, die glauben, nicht gut genug zu sein. Die sich mit Selbstzweifeln lähmen und davon krank geworden sind.

Monatelang übt Potreck-Rose mit ihren Patienten, die tägliche Selbstentwertung gegen Zuneigung einzutauschen. In einer der ersten Übungen sollen sie zunächst spüren, wie sie auf einem Stuhl sitzen. Stehen die Füße fest auf dem Boden? Ist ein Bein übergeschlagen, das Gewicht auf der Sitzfläche gleich verteilt? "Sich selbst anzuerkennen beginnt damit, sich selbst wahrzunehmen", sagt Potreck-Rose. "Viele Menschen mit kleinem Selbstwert hecheln anderen hinterher, um allen alles recht zu machen, und sehen sich selbst dabei nicht mehr." Die Therapeutin lehrt ihre Patienten, sich einen wohlwollenden Begleiter vorzustellen, der ihnen gut zuspricht und den inneren Kritiker in die Schranken weist. Sie hilft ihnen, einen Anspruch an sich zu finden, der ehrlich und angemessen ist, und übt mit ihnen, sich selbst Gutes zu tun: Sport machen, gesund essen, Freunde sehen. Denn nur wer sich selbst wertschätze, könne Anerkennung auch von anderen annehmen.

Festgefahrene Denk- und Gefühlsmuster lassen sich ändern, aber leicht ist es nicht. "Es ist mit harter Arbeit verbunden und für viele nur mit Unterstützung zu schaffen", sagt Potreck-Rose. Die beste Unterstützung sind wohlwollende Beziehungen. Ob Familie, Freundschaft oder Therapie: Ein anerkennender, interessierter Austausch hilft, sich selbst realistisch einzuschätzen und anzunehmen.

Zwar wissen die meisten, dass das Anerkennen wichtig ist– aber nicht, wie es geht. "Das Geheimnis des richtigen Lobens ist eine Mischung daraus, das Gute zu erkennen und es dann möglichst genau zu beschreiben", sagt Johanna Graf, Psychologin an der Universität München. Sie hat ein Training entwickelt, mit dem sie Paaren, Eltern und Managern in Seminaren das Loben und andere Beziehungskompetenzen beibringt. Ihre Kursteilnehmer sollen beispielsweise versuchen, den Partner dabei zu erwischen, wie er etwas Gutes für sie tut, oder den Mitarbeiter, wie er sich engagiert. Das anschließende Loben sollte möglichst detailreich sein: Was finde ich anerkennenswert? Wofür genau bin ich dankbar? Am besten lerne man das, sagt Graf, in der Rolle des Empfängers: "Sobald man ein paar positive Details über sich und sein Verhalten hört, wächst und wächst man."

Kim Raisner setzt das gezielt ein. Seit die Sportlerin ihre aktive Karriere beendet hat, ist sie Bundestrainerin der Damen im modernen Fünfkampf. "Ich sage meinen Sportlerinnen ganz genau, was sie gut machen, aber auch, wo sie noch besser werden können. Lob im Training muss realistisch sein – sonst wetzt es sich ab." Um die Leistung richtig einzuschätzen, muss Raisner viel über ihre Schützlinge wissen: Wo liegen die individuellen Schwächen und Stärken? Haben sie Stress zu Hause oder eine Prüfung an der Uni?

Die Strategie geht auf. Ihre Schülerin Lena Schöneborn gewann bei den Olympischen Spielen in Peking als erste Deutsche die Goldmedaille im modernen Fünfkampf. Ein Jahr später wurde Raisner vom Deutschen Olympischen Sportbund zur Trainerin des Jahres gekürt.

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