Viele Forscher erklären diese existenzielle soziale Bezogenheit evolutionsbiologisch: Ab einem bestimmten Zeitpunkt musste der Mensch größere Säugetiere jagen, um im Nahrungswettbewerb gegen andere Primatenarten bestehen zu können. Weil das alleine nicht ging, wurde es für den Einzelnen überlebenswichtig, in der Gruppe zu funktionieren und von dieser angenommen zu werden.

Soziale Ausgrenzung ist daher eine existenzielle Bedrohung. "Bei Personen, die gegen ihren Willen dauerhaft isoliert sind, verkümmert das Motivationssystem", erklärt Joachim Bauer. "Sie verlieren alles Interesse am Leben, haben keinen Appetit mehr und werden krank." Oder aggressiv. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter und Psychiater Marc Sageman stieß auf den zunächst verwunderlichen Zusammenhang zwischen Aggression und Anerkennung, als er die Lebensläufe von 400 islamistischen Terroristen analysierte: Bevor sich die Betroffenen einer Terrorgruppe anschlossen, waren sie sozial isoliert. Bekanntschaften im Internet, in Nachbarschaft oder Universität führten sie zu der Gemeinschaft, die sie aufnahm und für die sie bereit waren, ihr Leben zu geben.

Joachim Bauer hält diese These für plausibel: "Wenn die Gesellschaft versagt, indem sie Einzelne diskriminiert, drohen vor allem bei Jugendlichen schlimme Ersatzlösungen. Terrorgruppen und Rechte grasen auf diesem Feld: Sie suchen nach den jungen, vereinsamten Seelen, die ausgeschlossen sind."

Zum Beispiel Felix Benneckenstein. Mit 14 interessierte sich der Junge aus Erding nicht sonderlich für Politik, aber für Musik und die Partys im Jugendclub. Es schmerzte, dass sie ihn dort nicht haben wollten. Und es tat gut, als ihm ein paar Leute diese Ablehnung so erklärten, dass er sie nicht persönlich nehmen musste: Im Jugendclub sind die Ausländer, und die haben was gegen uns Deutsche.

Benneckenstein stieg schnell auf in der rechten Szene. Dafür reichte es, den Holocaust zu leugnen und vor der Gefahr der jüdischen Hochfinanz zu warnen. Er schrieb Texte für Websites und Flyer, später auch Parolen an Hauswände. Man dankte es ihm mit Aufträgen und Führungspositionen. Mit Anfang 20 hielt er Vorträge und tourte mit seinen rechten Liedern durchs Land. "Anerkennung spielte eine zentrale Rolle", sagt er. "Neue wurden von Freunden und Eltern isoliert und gleichzeitig durch Aufgaben eng an die Kameradschaft gebunden." Der Wunsch nach Anerkennung trieb Benneckenstein an den Rand der Gesellschaft. Er landete im Gefängnis; verurteilt wegen Landfriedensbruch, versuchter Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Mittlerweile hat er die Neonaziszene verlassen.

Wie weit Menschen für Anerkennung gehen und nach welcher Form sie suchen, ist unterschiedlich. Je nachdem welche Erfahrungen sie gemacht haben, reagiert ihr Motivationssystem stark oder schwach auf dieselbe Bestätigung. Dem einen kann das Lob des Chefs Kraft geben, während der andere diesem misstraut und auf mehr Zuspruch wartet.

Forscher der University of Wisconsin zeigten, dass schon früheste Erfahrungen dies beeinflussen. Sie untersuchten vierjährige Kinder, von denen einige die ersten Lebensmonate in osteuropäischen Heimen verbracht hatten. Dort waren die Babys zwar gefüttert und gewickelt worden, an anderer Zuwendung aber hatte es gemangelt. Mit etwa einem Jahr wurden sie adoptiert und von da an in amerikanischen Pflegefamilien versorgt. Die andere Hälfte wuchs von Geburt an bei ihren Eltern in den USA auf und hatte eine gute Beziehung zu ihnen. Die Wissenschaftler verglichen, wie die Kinder auf körperliche Zärtlichkeiten reagierten, etwa ein Streicheln des Kopfes. Im Normalfall schüttet das Gehirn dabei Botenstoffe aus, verbunden mit einem guten Gefühl. Doch als die Forscher deren Werte im Urin der Kinder verglichen, stellten sie große Unterschiede fest. Die Gehirne der Kinder, die zu Beginn ihres Lebens alleingelassen worden waren, reagierten auf dieselbe Zuwendung viel schwächer.

"Sichere Beziehungen und Liebe, die nicht an Bedingungen gebunden ist, sind von Anfang an sehr wichtig, damit sich der Selbstwert stabil entwickelt", sagt Astrid Schütz. Die Psychologieprofessorin von der Universität Bamberg hat mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben. Viele Menschen mit einem geringen Selbstwert trauten sich ihr Leben lang nichts zu, nähmen Aufgaben nicht an und verbauten sich so die Chance, Erfolge zu haben. "Andere wirken dagegen nach außen selbstsicher, sind es aber innerlich nicht. Sie sind zwar erfolgreich, müssen sich aber sehr anstrengen, ihre ständigen Zweifel zu verbergen." Hier nütze Anerkennung nur bedingt: Menschen, für die es nicht zum Selbstbild passt, gut zu sein, können Bestätigung schlecht annehmen, obwohl sie danach dürsten.

Das andere Extrem sind narzisstische Persönlichkeiten: Solche Menschen stellen sich gern in den Mittelpunkt, feiern ihre Erfolge lauthals und reagieren auf Kritik massiv kämpferisch. "Oft wirken sie nach außen unverwüstlich. Aber auch sie leiden an dem Missverhältnis zwischen dem eigenen Bild und dem, das der Rest der Welt von ihnen hat", sagt Schütz.

Nicht nur das Maß, auch die Art der Anerkennung, nach der wir suchen, ist unterschiedlich. Viele Kinder, die vor allem für ihre Leistungen geschätzt werden, behalten diese Verknüpfung ihr ganzes Leben: Sie fühlen sich nur wertvoll, wenn sie Erfolg haben. Andere lernen, dass sie nur gemocht werden, wenn sie schön sind oder sich kümmern. "Je nachdem was wir erfahren haben, konzentrieren wir uns bei der Suche nach Bestätigung oft auf einzelne Bereiche wie Karriere, Beziehungen oder Attraktivität", sagt Schütz.

Doch wir sind dem Automatismus nicht hilflos ausgeliefert. "Den Menschen zeichnet aus, dass er die Möglichkeit hat, auch eine Außenperspektive in seine Erwägungen einzubeziehen", erklärt Joachim Bauer. Der dafür zuständige und evolutionsbiologisch junge Hirnbereich sitzt direkt hinter der Stirn und ist bei keinem anderen Wesen so ausgeprägt: "Der orbitofrontale Cortex speichert Informationen darüber, wie das, was wir tun, für andere sein könnte – eine Voraussetzung, um in einer Gruppe gut zu funktionieren, und unsere Chance, Informationen zu prüfen und Entscheidungen abzuwägen."

Wenn auch spät, so nutzte Felix Benneckenstein diese geistige Chance. Als er merkte, dass seine Kameraden auch gegen Kritiker aus den eigenen Reihen immer brutaler wurden und er im Gefängnis Abschiebehäftlinge kennenlernte, bröckelten seine Überzeugungen. Es dauerte noch eine Weile und viele Diskussionen mit seiner Freundin, aber am Ende verließen beide die rechte Szene und engagieren sich heute gegen diese. Mit ihrem Verein Aussteigerhilfe informieren sie unter anderem an Schulen über Neonazis und bieten eine Anlaufstelle für all jene, die keine Nazis mehr sein wollen.