Ein Stück weit können Menschen sich also von dem Wunsch nach Anerkennung emanzipieren. "Ob wir zufrieden sind mit uns oder nicht, liegt weniger an objektiven Erfolgen als an unserer subjektiven Haltung", sagt Astrid Schütz. Und daran kann man arbeiten. "Das Zentralste ist das Wohlwollen sich selbst gegenüber", sagt die Freiburger Verhaltenstherapeutin Friederike Potreck-Rose. Zu ihr kommen Professorinnen und Künstler, Unternehmer, Ärzte, Studenten und Mütter, die nach einer langen Pause wieder in den Beruf zurückwollen. Menschen, die glauben, nicht gut genug zu sein. Die sich mit Selbstzweifeln lähmen und davon krank geworden sind.

Monatelang übt Potreck-Rose mit ihren Patienten, die tägliche Selbstentwertung gegen Zuneigung einzutauschen. In einer der ersten Übungen sollen sie zunächst spüren, wie sie auf einem Stuhl sitzen. Stehen die Füße fest auf dem Boden? Ist ein Bein übergeschlagen, das Gewicht auf der Sitzfläche gleich verteilt? "Sich selbst anzuerkennen beginnt damit, sich selbst wahrzunehmen", sagt Potreck-Rose. "Viele Menschen mit kleinem Selbstwert hecheln anderen hinterher, um allen alles recht zu machen, und sehen sich selbst dabei nicht mehr." Die Therapeutin lehrt ihre Patienten, sich einen wohlwollenden Begleiter vorzustellen, der ihnen gut zuspricht und den inneren Kritiker in die Schranken weist. Sie hilft ihnen, einen Anspruch an sich zu finden, der ehrlich und angemessen ist, und übt mit ihnen, sich selbst Gutes zu tun: Sport machen, gesund essen, Freunde sehen. Denn nur wer sich selbst wertschätze, könne Anerkennung auch von anderen annehmen.

Festgefahrene Denk- und Gefühlsmuster lassen sich ändern, aber leicht ist es nicht. "Es ist mit harter Arbeit verbunden und für viele nur mit Unterstützung zu schaffen", sagt Potreck-Rose. Die beste Unterstützung sind wohlwollende Beziehungen. Ob Familie, Freundschaft oder Therapie: Ein anerkennender, interessierter Austausch hilft, sich selbst realistisch einzuschätzen und anzunehmen.

Zwar wissen die meisten, dass das Anerkennen wichtig ist– aber nicht, wie es geht. "Das Geheimnis des richtigen Lobens ist eine Mischung daraus, das Gute zu erkennen und es dann möglichst genau zu beschreiben", sagt Johanna Graf, Psychologin an der Universität München. Sie hat ein Training entwickelt, mit dem sie Paaren, Eltern und Managern in Seminaren das Loben und andere Beziehungskompetenzen beibringt. Ihre Kursteilnehmer sollen beispielsweise versuchen, den Partner dabei zu erwischen, wie er etwas Gutes für sie tut, oder den Mitarbeiter, wie er sich engagiert. Das anschließende Loben sollte möglichst detailreich sein: Was finde ich anerkennenswert? Wofür genau bin ich dankbar? Am besten lerne man das, sagt Graf, in der Rolle des Empfängers: "Sobald man ein paar positive Details über sich und sein Verhalten hört, wächst und wächst man."

Kim Raisner setzt das gezielt ein. Seit die Sportlerin ihre aktive Karriere beendet hat, ist sie Bundestrainerin der Damen im modernen Fünfkampf. "Ich sage meinen Sportlerinnen ganz genau, was sie gut machen, aber auch, wo sie noch besser werden können. Lob im Training muss realistisch sein – sonst wetzt es sich ab." Um die Leistung richtig einzuschätzen, muss Raisner viel über ihre Schützlinge wissen: Wo liegen die individuellen Schwächen und Stärken? Haben sie Stress zu Hause oder eine Prüfung an der Uni?

Die Strategie geht auf. Ihre Schülerin Lena Schöneborn gewann bei den Olympischen Spielen in Peking als erste Deutsche die Goldmedaille im modernen Fünfkampf. Ein Jahr später wurde Raisner vom Deutschen Olympischen Sportbund zur Trainerin des Jahres gekürt.

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