China : Häuslebauer im Höhenrausch

Der Unternehmer Zhang Yue will in der chinesischen Provinz das höchste und nachhaltigste Gebäude der Welt bauen – in nur sieben Monaten. Sein Vorbild: Freiburg im Breisgau.

Zhang Yue erzählt gern die Geschichte, wie er den "wahren Kommunismus" in Südbaden fand. Im Juni 2008 war der chinesische Unternehmer monatelang durch die Welt gereist, um sich grüne Modellstädte anzuschauen. Schließlich machte er Station in Freiburg im Breisgau. Zhang traute seinen Augen nicht, als er durch das Ökoviertel Vauban schlenderte. Dreifach isolierte Fenster. Keine Autos im Wohngebiet. Solaranlagen auf jedem Dach! Und erst das Zusammenleben der Bewohner: Auf der Straße spielten Kinder, auf den öffentlichen Plätzen grillten Nachbarn. In den Gärten wuchsen Äpfel und Himbeeren. "Es war so, wie ich das China von vor 30 Jahren in Erinnerung habe. In Vauban jagen die Menschen keinen Trends und Statussymbolen nach. Sie leben in Einklang mit der Natur und in Harmonie mit ihren Mitmenschen."

Ausgerechnet das Breisgauer Ökoidyll inspirierte ihn dann zu dem Plan, das höchste Gebäude der Welt zu bauen, einen 838-Meter-Turm mitten auf einem Acker in der südchinesischen Provinz Hunan. Stellt die Reihenhaussiedlung Vauban nicht das genaue Gegenteil von Rekordjäger-Architektur dar? Zhang Yue lächelt zufrieden, er hat auf diese Frage gewartet. "Nein!", ruft er triumphierend. "Dahinter steckt dieselbe Philosophie!"

Ein versmogter Tag im Mai. Das Firmengelände von Broad Sustainable Building, eine Autostunde von der Provinzhauptstadt Changsha entfernt: ödes Vorstadtgebiet, hier und da Fabrikhallen. Zhang Yue steht auf einer Terrasse im neunten Stock des T30, eines 100-Meter-Hochhauses aus Stahl und Glas. Herr Zhang, 54 Jahre alt, knapp 1,65 Meter groß, redet sehr schnell. Er trägt Anzug, das wirre Haar flattert im Wind. Zhang ist Gründer und CEO von Broad Sustainable Building.

Ende 2011 gelang der Firma mit dem Bau des T30 eine Sensation: In nur 15 Tagen errichteten Arbeiter das 30 Etagen hohe Gebäude auf dem Firmengelände. Nun wurde der Grundstein für die "Sky City" gelegt. Sie soll zehn Meter höher sein als das bislang höchste Gebäude der Welt, der 828 Meter hohe Burdsch Chalifa in Dubai. Die Sky City werde "die Welt schockieren", glaubt Zhang. Der Wolkenkratzer soll in nur sieben Monaten fertiggestellt werden. Zum Vergleich: Der Bau des Burdsch Chalifa dauerte sechs Jahre.

Und wie viel Freiburg steckt hinter der hypermodernen Fassade? "Die meisten Menschen sehnen sich heute nach einer Rückkehr zum einfachen Leben", sagt Zhang. "Mit der Sky City streben wir eine solche Rückkehr an." In dem 202 Stockwerke hohen Wolkenkratzer sollen 30.000 Bewohner leben.

Der Name Sky City ist programmatisch: Das Gebäude soll Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Altenheime beherbergen, Büros, Shoppingmalls, Hotels und Kinos. Es soll Schwimmbäder und Sportplätze für Basketball und Tennis geben, sogar vertikal angelegte Biofarmen. Oder, wie die Ingenieure bei Broad es ausdrücken: alles außer Friedhöfen. Fußgänger sollen über eine zehn Kilometer lange Wendelstraße vom ersten bis in den 180. Stock spazieren können, zudem sind 104 Aufzüge und 17 Helikopter-Landeplätze vorgesehen.

Zhang Yue

54, chinesischer Unternehmer, hat sein Geld mit Klimaanlagen gemacht, seine Firma Broad Air Conditioning ist Weltmarktführer. Auf die Idee, Hochhäuser zu bauen, kam er nach dem Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008. In der Branche ist er umstritten – doch alle trauen ihm alles zu.

Wenn es nach Zhang geht, wird das Gebäude ein weltweites Vorzeigeprojekt für Urbanisierung. "Unsere Städte sind lebensfeindlich geworden, sie kranken an Staus und Verschmutzung", sagt er. Wer in seiner vertikalen Stadt lebt, so die Idee, braucht das Haus im Grunde nicht mehr zu verlassen. "Arbeiten, wohnen, entspannen, alles wird binnen fünf Minuten Aufzugfahren möglich sein. Autos werden Vergangenheit sein. Wir bauen in die Höhe statt viele niedrige Häuser. Wir brauchen weniger Straßen und Parkplätze. Dadurch sparen wir insgesamt 200 Hektar Land."

Laut Zhang verbraucht ein Bewohner der Sky City nur einen Bruchteil der Fläche, die ein normaler Stadtbewohner benötigt. Der Himmelsstürmer kommt mit einem Fünftel der Energie aus, die in konventionellen Gebäuden nötig ist: Geheizt wird der J220, wie das Projekt in der Firmenterminologie heißt, mit Wärmerückgewinnung, die Wände sind – wie in Vauban – gut isoliert, die Fenster dreifach verglast.

Die Idee der vertikalen Stadt ist nicht neu. Bereits 1935 schlug Le Corbusier vor, die vielen niedrigen Hochhäuser in Manhattan durch einen einzigen Wolkenkratzer zu ersetzen. Der italoamerikanische Architekt Paolo Soleri ersann in den Fünfzigern das Konzept der "Arkologie": gigantische Gebäudekomplexe aus Häusern und Grünflächen. Als Immobilienspekulanten in den Achtzigern Tokio zum teuersten Wohnort der Welt machten, entwarf Norman Foster den knapp einen Kilometer hohen Millennium Tower, japanische Architekten machten Gedankenexperimente mit bis zu 4.000 Meter hohen Türmen. Bislang blieben diese Ideen Science-Fiction.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Doch, nachhaltiger

Der Flächenverbrauch eines Wolkenkratzers ist viel geringer als z.B. der einer Reihenhaussiedlung. Er ist damit tendenziell sehr viel nachhaltiger als eine solche.

In Asien, insbesondere in China, finden die Menschen nichts an solcher Enge. In Europa haben wir ein viel größeres Bedürfnis nach räumlicher Distanz und "Ruhe", eine vertikale Stadt wie hier finden die meisten Ostasiaten aber einfach nur praktisch.