Schon oft hat Jennifer Bergmann* versucht, ihr Leben zu ändern – dieses Mal beginnt sie mit einem Wattestäbchen. An einem Montagmorgen im Februar steht die Berliner Studentin in ihrem Badezimmer und reibt mit dem Stäbchen über die Innenseite ihrer Wange, steckt es in ein Röhrchen, das sie verschließt und in einen Briefumschlag legt. Dann sticht sie sich eine winzige Nadel in den Finger und drückt Bluttropfen auf zwei weiße Kärtchen. Sie legt ein Maßband um Bauch, Beine und Hüfte, die Werte trägt sie in eine Tabelle ein, auch ihre Größe, 183 Zentimeter. Sie befestigt einen weißen Sensor an ihrem BH, der von nun an jede ihrer Bewegungen dokumentiert. Und sie stellt sich auf die Waage: 103 Kilogramm. Das soll sich ändern in den kommenden Monaten.

Jennifer Bergmann beginnt an diesem Montag die Reise in die Zukunft der Ernährung – zumindest wie viele Forscher und Nahrungsmittelkonzerne sie sich ausmalen. Die Berliner Studentin ist eine von etwa 1.200 Freiwilligen in Europa, die sich derzeit bereitwillig vermessen und befragen lassen. Das europäische Forschungsprojekt Food4Me möchte auf diese Weise herausfinden, ob man Menschen zu einem gesünderen Leben motivieren kann, wenn man ihre genetische Veranlagung und den individuellen Stoffwechsel berücksichtigt. Es geht nicht nur darum, Übergewichtigen eine maßgeschneiderte Diät anzubieten. Die Ich-Ernährung soll auch Normalgewichtigen anzeigen, wie sie durch die Auswahl bestimmter Lebensmittel gesund bleiben und alt werden können. Einige Kliniken und Firmen verdienen mit solchen Angeboten bereits Geld. Doch der Grat zwischen wissenschaftlich fundierter Diät und Geschäftemacherei ist schmal.

Unbestritten ist, dass sich durch eine gesündere Lebensweise viel Leid und manche Krankheit verhindern ließen. Die guten Ratschläge dazu sind bislang allerdings nicht auf jeden anwendbar. Warum kann der eine ein Leben lang fettes Fleisch essen und wird steinalt,während der andere trotz Gemüseteller und schlanker Taille einen frühen Herztod stirbt? Warum ist jemand mühelos schlank, während ein anderer an allen Diäten scheitert?

Eine Antwort auf diese Fragen vermuten Wissenschaftler in unserem Erbgut: Erst die Kombination aus Veranlagung und Lebensweise entscheide über Gesundheit oder Krankheit. Im vergangenen Jahrzehnt haben Biowissenschaftler eine Fülle von Forschungsergebnissen angehäuft, um das komplizierte Puzzle aus Genen, Nahrung und Stoffwechselprodukten zusammenzusetzen, das mutmaßlich unser Wohlbefinden bestimmt. Mit dem Forschungsprojekt Food4Me wagen sie nun einen ersten Feldversuch. Verrate mir dein Genprofil, und ich sage dir, was du essen sollst: Das ist die Vision. Nutrigenomik nennen das Wissenschaftler, ein Kunstwort aus nutrition (Nahrung) und Genomik. Der Trend wird von kommerziellen Interessen machtvoll vorangetrieben: Eine maßgeschneiderte Ernährung soll uns künftig ein langes, gesünderes Leben bescheren – und Lebensmittelkonzernen viel Profit. Denn wer wäre nicht bereit, für eine solche individuelle Diät mehr Geld auszugeben als für Biomöhren von Aldi?

An dem EU-finanzierten Projekt sind 25 Partner beteiligt, auch die Industrie. Philips etwa stellt den Sensor her, der die Probanden vermisst und zu mehr Bewegung antreiben soll. Aus sieben europäischen Ländern wurden Freiwillige rekrutiert; ursprünglich sollten es acht sein, aber Norwegen ist nach Einwänden der dortigen Ethikkommission ausgeschieden. Die Begründung der Norweger zeigt, dass die DNA-Diät nicht ganz unproblematisch ist: Es sei nicht klar, ob die Probanden wirklich ausreichend betreut würden.