Architekt Friedrich von Borries"Mehrspurige Straßen brauchen wir nicht"

Friedrich von Borries entwirft Modelle für ein klimagerechteres Leben. Nachhaltigkeit bedeutet für ihn höhere Lebensqualität. Wichtig dafür ist das richtige Design, sagt er. von Carola Mensch

ZEIT Wissen: Herr von Borries, was hat Design mit Nachhaltigkeit zu tun?

Friedrich von Borries: Design bestimmt unseren Lebensstil, unsere Träume und wie wir leben wollen. Fragen zur Nachhaltigkeit sind deshalb ganz wesentlich. Neben dieser grundsätzlichen Dimension hat Design aber auch ganz konkret mit Nachhaltigkeit zu tun. Ein Beispiel dafür ist der Bürostuhl Mirra von Studio 7.5. Der Stuhl lässt sich so auseinandermontieren, dass die verschiedenen Materialien getrennt und wieder aufbereitet werden können. Nachhaltiges Design bedeutet aber auch, zu überlegen, was man überhaupt braucht. Vielleicht ist die Lösung nicht, ein wiederverwertbares Handy zu entwickeln – sondern ein Leben ohne Handy zu führen. Das ist ebenfalls Gegenstand von Design und Gestaltung: solche Lebensbilder zu entwerfen.

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ZEIT Wissen: Zum deutschen Lebensbild gehört das Auto in der Garage. Lässt sich daran etwas ändern?

Friedrich von Borries

ist Architekt und Ausstellungskurator. Außerdem lehrt er Designtheorie in Hamburg. Mit seinem interdisziplinären Büro untersucht er gesellschaftliche Prozesse und deren mögliche Gestaltung.

von Borries: Woher kommt es denn, dass so viele Leute ein Auto haben wollen? Weil es attraktiv, bequem und angenehm ist. Das ist auch deshalb so, weil Autos so gut designt sind. Wenn man hier das Verhalten der Menschen ändern wollte, müsste man ihnen eine gleichwertige Alternative bieten, die ebenso gut und attraktiv gestaltet ist.

ZEIT Wissen: Wollen denn die Menschen solche Alternativen?

von Borries: Junge Leute machen heute seltener den Führerschein als früher. Vor zwanzig Jahren wollten noch alle ein Auto haben, jetzt sind andere Dinge wichtiger geworden, zum Beispiel eine Reise oder ein Smartphone. Trotzdem trauen sich nur wenige Politiker, die Infrastruktur umzubauen. Bis sich das ändert, braucht es noch eine Weile.

ZEIT Wissen: Was schlagen Sie konkret vor?

von Borries: Straßenrückbau etwa. Mobilitätsforscher gehen davon aus, dass der motorisierte Individualverkehr zurückgeht. Wenn weniger Verkehr auf den Straßen ist, brauchen wir keine mehrspurigen asphaltierten Straßen mehr, sondern können stattdessen Grünflächen anlegen. Ein bisschen was ändert sich aber bereits. Vom Verkehrsministerium unter Peter Ramsauer gibt es inzwischen einen nationalen Radverkehrsplan. Wenn Sie vor zehn Jahren gesagt hätten, dass ein CSU-Bauminister einen Radwege-Entwicklungsplan auflegt, hätte jeder gesagt: Sie spinnen!

ZEIT Wissen: Also gibt es doch Politiker, die sich etwas trauen.

von Borries: Aber das ist – im Sinne von Nachhaltigkeitsfragen – noch lange nicht genug. Kein Politiker wagt sich daran, den motorisierten Individualverkehr zu verringern, indem er etwa Autobahnen nicht baut.

ZEIT Wissen: Wird ein Straßenrückbau wirklich umsetzbar sein?

von Borries: Viele Menschen können sich das nicht vorstellen. Dabei ist die aktuelle Frage doch ganz einfach: Welche Infrastruktur brauchen wir? Je weniger wir uns individuell motorisiert fortbewegen und je mehr wir auf eine flexiblere Nutzung von Fahrrad, öffentlichem Verkehr und Fußgängerverkehr setzen, desto freier werden wir die Stadt gestalten können.

ZEIT Wissen: Wie könnte das aussehen?

von Borries: Wir werden Straßen abbauen, da bin ich mir sicher. Mein Projektbüro arbeitet im Auftrag des Umweltamts von Frankfurt am Main an einem Konzept, wie mehr Grünflächen in der Stadt geschaffen werden könnten. Wir haben uns zum Beispiel angeschaut, welche derzeit sehr lärmbelasteten Straßen an Grünflächen liegen und wo man dort über Straßenrückbau nachdenken kann. Was davon Wirklichkeit wird, liegt leider nicht in unserer Hand und wird von Politik und Verwaltung entschieden.

Leserkommentare
    • TDU
    • 22. August 2013 11:06 Uhr

    Das hätte man gleich schreiben können, dass es um die Stadt geht. Abgesehen davon, dass der Versorgungsverkehr ausser bleibt, sidns vernünftige Ideen!.

    Aber Deutschland ist doch ein Einwanderungsland. Die kann man nicht alle in der Großstadt unterbingen. Und mittlere Städte und bergige Städte umbauen heisst auch lukrative Läden und Infrastruktur zu schaffen. Bei der auf Verteilung statt auf Erwirtschaften ausgerichteten Politik wäre da mal ein Umdenken nötig.

    2 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 22. August 2013 11:07 Uhr

    Wie üblich meine Frage: Wer ist "wir"?

    8 Leserempfehlungen
  1. Alternativen werden hier aber auch nicht aufgezeigt? "Zurück zum Fahrrad" kanns ja wohl nicht sein und wird auch niemals in der Form passieren. Das ist für meinen Geschmack alles zu sehr Wunschvorstellung und hat mit der Realität wenig zu tun.

    5 Leserempfehlungen
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    Was ist bitteschön so furchtbar am Radfahren? Dass man ein paar Kalorien verbrennt?! Manche Leute sind so unglaublich festgefahren in ihren dicken Autos.
    Für Regentage einen Liegerad mit Überdachung, so könnte man das ganze Jahr mit dem Rad zur Arbeit und zum Einkauf. Wahrlich kein Ding der Unmöglichkeit.

    Natürlich gibt es einige Dinge, die man mit dem Fahrrad erledigen könnte anstatt mit dem Auto. Es wird aber immer so getan als könne man einfach ruckzuck umsteigen und nichts wäre dabei. Kurzstrecken sind kein Problem, aber Mittel- und Langstrecke? Und alle Einkäufe ins Fahrrad packen? Klar, alles möglich, erfordert aber alles Anpassung, die nur dann zu Stande kommen würde, wenn man, beispielsweise durch steigende Ölpreise, dazu gezwungen würde. Denn ganz ehrlich: Warum sollte ich mit dem Fahrrad über Wald, Wiese UND Berge fahren und verschwitzt ankommen, wenn ich nicht auch das Auto nehmen könnte, welches zudem schneller ist.

  2. ...wenn dann noch Busse und Bahnen überall fahren und nur für Kostendeckung bezahlt werden muss, dann kann man den Straßenverkehr wirklich den Ärzten, Polizisten und dem Transport von außergewöhnlichen Gütern überlassen. Am besten mit Elektrofahrzeugen. Die ökonomische und Energiebilanz hab ich jetzt noch nicht ausgerechnet. Ja, das wäre wirklich schön für mich, Utopia ;-)

    7 Leserempfehlungen
    • DDave
    • 22. August 2013 11:16 Uhr

    In Vancouver ist die Fahrradmitnahme in einen Bus kein Problem.
    Das Einsteigen oder Aussteigen wird nicht wirklich verzögert.
    Hier ein Bild:
    http://upload.wikimedia.o...

    -> Im Bus selbst gibt es immernoch Platz für Rollstuhlfahrer oder Personen mit Kinderwagen.

    Eine Leserempfehlung
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    • Chris G
    • 22. August 2013 19:26 Uhr

    Man stelle sich eine U-/S- oder Regionalbahn vor, morgens voll mit Pendlern und nur jeder fünfte hätte ein Fahrrad dabei. Ich glaube nicht das würde gut gehen, da müsste der Designer schon große Zugabteile bzw. Busse entwerfen.

    @DDave das System in Vancouver mag vielleicht mit der Nachfrage problemlos zurechtkommen, es können aber trotzdem nur einige wenige Fahrräder mitgenommen werden (in Toronto sind es bei diesem System 2Stück/Bus). Eine Flächendeckende Verknüpfung von ÖPNV und Fahrrad kann so auch nicht gewährleistet werden.

    Die Holländer sind da weiter: viele nehmen z.B. Fahrrad 1 zum Bahnhof, dann den Zug und Fahrrad 2 bis zur Arbeit. Die Folge ist allerdings ein notorischer Mangel an Fahrradabstellmöglichkeiten. Bikesharing, vielleicht als Abo oder Teil der Monatskarte würde dem Problem vielleicht Abhilfe schaffen?!

  3. >>Das ist ebenfalls Gegenstand von Design und Gestaltung: solche Lebensbilder zu entwerfen.<<

    Herr von Monsanto... ähh von Borries, mir graut vor Dir!

    Ich für meinen Teil möchte nicht, dass irgendein Nerd mein "Lebensbild entwirft" bzw. designed. Das möchte ich gern allein machen!

    Oder sind damit solche "Entwürfe" gemeint? http://www.mdr.de/nachric...

    Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche und beteiligen Sie sich weiterhin sachlich an der konkreten Artikeldiskussion. Danke. Die Redaktion/kvk

    10 Leserempfehlungen
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    Können Sie mir ein Beispiel nennen, in dem Ihr Lebensbild nicht von jemanden anderes mitgestaltet wurde?

    Da wäre ich ja wirklich neugierig.

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Die Redaktion/au

  4. Das ist keine Kritik am Artikel, aber ich finde es bezeichnend, dass die Deutsche Bahn als entscheidender Faktor im Autobahnen/Straßenverkehrrückbau ausgespart wird. Um die hier beschriebene Bürger-, Fahrrad-, und umweltfreundliche Wende zu erreichen ist ein bürgerfreundlicher Ausbau des Schienenverkehrs unverzichtbar. Ein Schienenverkehr der sich nicht allein an Profit orientiert, sondern das Ziel hat alle Bürger an Schienennetz anzubinden.

    Im schlimmsten Fall geht sowas auf Kosten der Wirtschaftlichkeit, da nicht alle Netze gleichstark ausgelastet sind. Jedoch zahlt sich diese Minus am Ende in anderen Kostenfaktoren wieder aus (Lebens- und Wohnqualität, Mietsenkungen, einfach mehr Geld im Säckel des Bürgers, das er ausgeben kann).

    Da eine privatisierte Deutsche Bahn nur den Profit und nicht das Wohl der Bürger sieht, wird dieses Ziel aber wohl unerreichebar bleiben.

    11 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/kvk

    • PerpMob
    • 22. August 2013 13:53 Uhr

    Sie haben recht, der Verzicht auf Straßen funktioniert nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die eine echte Alternative und keinen Behelf darstellen. Was die Städte betrifft, ist dafür der Nahverkehr maßgeblich, und hier müssen die Länder in die Pflicht genommen werden. Vieles, aber nicht alles was auf der Schiene nicht läuft, liegt an der Bahn. Im Nahverkehr liegt die Entscheidung, welche Strecken in welchem Takt und was für Zügen bedient wird, beim Bundesland, da der Nahverkehr ausgeschrieben wird. Die Politik verschweigt diesen Sachverhalt gerne, wenn es um den Verkehr geht, um ihre eigene Planungsverantwortung kleinzureden.

    • det-c
    • 22. August 2013 17:35 Uhr

    Sorry, da sehen Sie etwas falsch: der alte Monopolbetrieb hat viele Strecken stillgelegt, seit der Privatisierung der Bahn ist es die Politik, die Strecken ausschreibt und die Bahn ist einer von n Bewerbern, die sich um die Strecke bewerben.

  5. Herrlich. Das kommt sofort auf einen Ehrenplatz in meinem Museum abartiger Wortschöpfungen der vereinigten Selbstgerechten. Gleich neben "Institut für Klimafolgenforschung" und "erneuerbare Energien". Bitte weiter so mit diesen in all ihrem Unsinn erheiternden Beiträgen zur Sprache.

    16 Leserempfehlungen
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    "Straßenbegleitgrün".

    Alle drei Minuten Fußweg (ca. 250 m) ein Park in New York. Spitze. Dann sollten die mal anfangen, nicht nur Straßen sondern Wohnblocks zurückzubauen.

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