ZEIT Wissen: Herr von Borries, was hat Design mit Nachhaltigkeit zu tun?

Friedrich von Borries: Design bestimmt unseren Lebensstil, unsere Träume und wie wir leben wollen. Fragen zur Nachhaltigkeit sind deshalb ganz wesentlich. Neben dieser grundsätzlichen Dimension hat Design aber auch ganz konkret mit Nachhaltigkeit zu tun. Ein Beispiel dafür ist der Bürostuhl Mirra von Studio 7.5. Der Stuhl lässt sich so auseinandermontieren, dass die verschiedenen Materialien getrennt und wieder aufbereitet werden können. Nachhaltiges Design bedeutet aber auch, zu überlegen, was man überhaupt braucht. Vielleicht ist die Lösung nicht, ein wiederverwertbares Handy zu entwickeln – sondern ein Leben ohne Handy zu führen. Das ist ebenfalls Gegenstand von Design und Gestaltung: solche Lebensbilder zu entwerfen.

ZEIT Wissen: Zum deutschen Lebensbild gehört das Auto in der Garage. Lässt sich daran etwas ändern?

von Borries: Woher kommt es denn, dass so viele Leute ein Auto haben wollen? Weil es attraktiv, bequem und angenehm ist. Das ist auch deshalb so, weil Autos so gut designt sind. Wenn man hier das Verhalten der Menschen ändern wollte, müsste man ihnen eine gleichwertige Alternative bieten, die ebenso gut und attraktiv gestaltet ist.

ZEIT Wissen: Wollen denn die Menschen solche Alternativen?

von Borries: Junge Leute machen heute seltener den Führerschein als früher. Vor zwanzig Jahren wollten noch alle ein Auto haben, jetzt sind andere Dinge wichtiger geworden, zum Beispiel eine Reise oder ein Smartphone. Trotzdem trauen sich nur wenige Politiker, die Infrastruktur umzubauen. Bis sich das ändert, braucht es noch eine Weile.

ZEIT Wissen: Was schlagen Sie konkret vor?

von Borries: Straßenrückbau etwa. Mobilitätsforscher gehen davon aus, dass der motorisierte Individualverkehr zurückgeht. Wenn weniger Verkehr auf den Straßen ist, brauchen wir keine mehrspurigen asphaltierten Straßen mehr, sondern können stattdessen Grünflächen anlegen. Ein bisschen was ändert sich aber bereits. Vom Verkehrsministerium unter Peter Ramsauer gibt es inzwischen einen nationalen Radverkehrsplan. Wenn Sie vor zehn Jahren gesagt hätten, dass ein CSU-Bauminister einen Radwege-Entwicklungsplan auflegt, hätte jeder gesagt: Sie spinnen!

ZEIT Wissen: Also gibt es doch Politiker, die sich etwas trauen.

von Borries: Aber das ist – im Sinne von Nachhaltigkeitsfragen – noch lange nicht genug. Kein Politiker wagt sich daran, den motorisierten Individualverkehr zu verringern, indem er etwa Autobahnen nicht baut.

ZEIT Wissen: Wird ein Straßenrückbau wirklich umsetzbar sein?

von Borries: Viele Menschen können sich das nicht vorstellen. Dabei ist die aktuelle Frage doch ganz einfach: Welche Infrastruktur brauchen wir? Je weniger wir uns individuell motorisiert fortbewegen und je mehr wir auf eine flexiblere Nutzung von Fahrrad, öffentlichem Verkehr und Fußgängerverkehr setzen, desto freier werden wir die Stadt gestalten können.

Verkehrsplanung - Warum unsere Städte für Autos optimiert sind Der Stadt- und Verkehrsplaner Konrad Rothfuchs und Mario Bäumer vom Museum der Arbeit in Hamburg, über die Veränderung der Großstädte durch das Auto und wie humaner Verkehr in Zukunft aussehen könnte.

ZEIT Wissen: Wie könnte das aussehen?

von Borries: Wir werden Straßen abbauen, da bin ich mir sicher. Mein Projektbüro arbeitet im Auftrag des Umweltamts von Frankfurt am Main an einem Konzept, wie mehr Grünflächen in der Stadt geschaffen werden könnten. Wir haben uns zum Beispiel angeschaut, welche derzeit sehr lärmbelasteten Straßen an Grünflächen liegen und wo man dort über Straßenrückbau nachdenken kann. Was davon Wirklichkeit wird, liegt leider nicht in unserer Hand und wird von Politik und Verwaltung entschieden.

Fahrradräume statt Autoparkplätze

ZEIT Wissen: Wenn es nach Ihnen ginge: Wie könnten sich Städter in Zukunft umweltfreundlicher fortbewegen?

von Borries: In den meisten Städten ist beispielsweise die Fahrradmitnahme im Nahverkehr kostenpflichtig oder unerwünscht. Das verhindert ein bestimmtes Mobilitätsverhalten. Die meisten Leute besitzen nicht zwei Fahrräder, um mit dem einen von ihrer Wohnung zum S-Bahnhof und mit dem anderen von der Zielhaltestelle zur Arbeit zu fahren. Diese Leute fahren dann seltener mit dem Fahrrad. Wenn wir S- und U-Bahnen oder auch Busse designen würden, in denen ein Drittel des Raumes für Fahrräder einkalkuliert wäre, dann würden wesentlich mehr Leute ihr Fahrrad mitnehmen.

ZEIT Wissen: Steigt damit automatisch die Lebensqualität?

von Borries: Das hängt auch von der Qualität der Planung ab. Ein Unterschied zwischen dem Fahrrad und dem Auto ist, dass Autofahrer meist dieselbe Strecke nehmen, Radfahrer aber je nach Wetter unterschiedliche Routen. Bei gutem Wetter, wenn ich nicht in Eile bin, fahre ich gemütlich durch den Park, bei schlechtem Wetter nehme ich die schnellste Strecke. Das wird aber in der Planung nicht berücksichtigt, oft wird gar nicht die Frage gestellt, wie man eine hohe Lebensqualität erreicht. Das wird sich aber ändern.

ZEIT Wissen: Das heißt: Neu gestaltete Busse, dazu mehr Radwege – dann ändern Menschen ihr Verhalten?

von Borries: Das war ja nur ein Beispiel. Das Ganze durchzieht sehr viele Bereiche. Es geht darum, Angebote zu machen. Ein guter Architekt zum Beispiel sagt seinem Bauherrn: "Mach doch ein paar Autoparkplätze weniger, wir bauen dafür einen Fahrradraum. Und denk dran, wir brauchen nicht nur Toiletten, wir sollten auch eine Dusche haben, damit sich die Fahrradfahrer frisch machen können." Ein schlauer Bauherr antwortet dann: "Stimmt, Parkplätze für Autos sind teurer und nehmen mehr Platz weg als Fahrrad-Stellplätze. Wo ich ein einziges Auto unterbringe, kann ich acht Fahrräder abstellen, das ist billiger." Früher war es sinnvoll, eine bestimmte Mindestanzahl von Autostellplätzen gesetzlich vorzuschreiben. Nun muss es andere Regelungen geben.

ZEIT Wissen: Kann man auch seine Freizeit nachhaltig gestalten?

von Borries: Ja. Manches ist heute ja absurd. Viele Leute gehen zum Beispiel gern joggen. Sie fahren dann mit dem Auto irgendwohin, laufen und fahren mit dem Auto zurück. Warum joggen sie nicht von zu Hause aus? Weil es so wenige schöne Grünflächen gibt. Es gibt Städte, die sich gefragt haben, in wie vielen Minuten ihre Bürger zu Fuß die nächste Grünfläche erreichen sollten. Von New York bis Kopenhagen haben sich Metropolen nun Ziele gesetzt: Innerhalb von drei Gehminuten soll man dort in einem Park sein.

ZEIT Wissen: Was bringt das diesen Städten?

von Borries: Ich glaube, die Städte, die so etwas machen, werden in zwanzig, dreißig Jahren die attraktiven Städte sein. Die Städte, die das jetzt verschlafen, werden zu denen mit einer negativen Ausstrahlung zählen.

ZEIT Wissen: Sie arbeiten an Ausstellungen und Installationen wie derzeit etwa an der Berliner "Weltverbesserungsmaschine". Was wollen Sie vermitteln?

von Borries: Ich glaube an die gesellschaftsverändernde Kraft von Kunst, Design, Architektur. Sie zeigen, was heute ein gutes Leben sein könnte, und diese Ideen will ich weitergeben.

ZEIT Wissen: Erreicht man mit solchen kulturellen Angeboten genügend Menschen, um etwas zu bewegen?

von Borries: Klar, dass hinter der Wirtschaft und ihrer Werbung viel mehr Macht und Geld stecken als in Kunst und Kultur – und sich ihre Bilder deshalb besser verbreiten. Das Budget einer Ausstellung, die drei Monate läuft, ist das einer Doppelseite Werbung in einer Zeitung. Da sind die Mittel sehr ungleich verteilt. Aber diejenigen, die eine gute Ausstellung besuchen, tragen deren Inhalte an andere weiter.

ZEIT Wissen: Warum ist das so wichtig?

von Borries: Ich glaube ganz fest: Diejenigen, die gestalten, also Designer, Architekten und Künstler, sind die Einzigen in unserer Gesellschaft, die andere wirklich von neuen Ideen überzeugen können.