Es ist das Jahr 1907, als in New York etwas Ungeheuerliches geschieht. Eine unbescholtene Frau wird von ihrem Herd weg verhaftet. Der Freiheitsentzug geschieht "zum Schutze der Öffentlichkeit", denn sie stellt eine Gefahr für die Allgemeinheit dar: Ohne Symptome zu zeigen, trägt Mary Mallon den Typhus-Erreger in sich und verbreitet ihn. Anlass für die Gesundheitsbehörde, ihre Persönlichkeitsrechte einzuschränken. Die resolute Irin wehrt sich mit einer Mistgabel gegen ihre Verhaftung, jedoch ohne Erfolg. Eine anwesende Ärztin notiert: "Sie kam kämpfend und fluchend heraus, welches sie beides mit entsetzlicher Kraft und Effizienz beherrschte." Unter dem Namen "Typhus Mary" geht Mallon in die Medizingeschichte ein als eine Frau, die – unbeabsichtigt – anderen Menschen das Leben gerettet hat.

Ihr Beispiel ist allerdings nicht gerade typisch dafür, wie die Medizin mit ihren Helden umgeht. Denn so berühmt wie Typhus Mary wurden nur wenige Patienten, die das Leid auf dem Weg zum medizinischen Durchbruch ertragen haben. Meist waren und sind es die Ärzte in den Kliniken oder die Forscher in ihren Laboren, deren Namen man erinnert. Die Patienten verschwinden in Klinikarchiven oder Laborkellern oder, wie Mary Mallon, als Gefangene in Isolationshaft (wobei ihre Geschichte immerhin Platz fand in der Regenbogenpresse).

Die Schicksale der Patienten mit neuartigen, noch unbekannten oder ungewöhnlichen Leiden hingegen lassen sich oft nur indirekt nachvollziehen. Die Nachwelt weiß von ihnen meist nur, weil Ärzte besonders außergewöhnliche Fälle als Lehrbeispiel dokumentiert haben. Und auch dann wird aus dem Patienten allzu oft nur ein Buchstabenkürzel. Dabei brachten einige Krankheitsfälle so viele neue Erkenntnisse, dass sie zu medizinischen Durchbrüchen führten. Sie halfen, die Funktionen einzelner Organe zu verstehen, die Voraussetzung für jede medizinische Behandlung. Manche Fälle machten aus unheilbaren Krankheiten heilbare. Andere beeinflussten die Gesellschaft über die Medizin hinaus, etwa in der Rechtsprechung. Oder sie werfen bis heute die Frage auf, was der Mensch eigentlich ist.

Ein Jahrhundert nach der Verhaftung von "Typhus Mary" sind Infektionskrankheiten wie Typhus in den Industrienationen kaum noch von Bedeutung. Die Ärzte haben mit jedem Fallbericht dazugelernt. Das ehedem Unvorstellbare ist heute medizinisches Grundwissen. Die Leidensgeschichten dahinter jedoch haben sich zu einem Kuriosum entwickelt, sie sind allenfalls Medizinern oder Wissenschaftshistorikern bekannt. Der einzelne, echte Mensch, der eigentlich im Mittelpunkt der Medizin stehen sollte, ist oftmals in Vergessenheit geraten.

Wir stellen auf den folgenden Seiten sieben der wichtigsten Unbekannten der Medizinhistorie vor. Denn es ist nie zu spät, ihre Namen zu nennen. "Im Gegenteil", sagt Cezary Domański, Medizinhistoriker aus Lublin in Polen. "Es ist für sie an der Zeit, ihre Identität zurückzuerlangen, denn jeder von ihnen steht für einen der Meilensteine der Geschichte der modernen Medizin."

Phineas Gage (1823–1860)

Phineas Gage (1823-1860): Der Mann mit der Eisenstange im Kopf wurde zum Wegbereiter der Hirnchirurgie.

Am 13. September 1848 treibt die versehentliche Zündung einer Sprengladung dem Gleisarbeiter Phineas Gage eine Eisenstange durch den Kopf. Er überlebt, verliert jedoch weite Teile des Frontallappens im Gehirn. Familie und Freunde geben später an, er sei nach dem Unfall "nicht länger Gage" gewesen. Der vormals ausgeglichene Mann war ein launenhafter Zeitgenosse geworden, ohne Achtung vor Kollegen. "Die Balance zwischen seinen intellektuellen Fähigkeiten und seinen animalischen Neigungen war zerstört", schreibt sein Arzt John Martyn Harlow.

Seit Gages Unfall ist bekannt, dass der Frontallappen als "Kontrollinstanz" unsere Handlungen einer Situation anpasst. Harlow notiert, Gage sei dafür bekannt gewesen, Pläne beharrlich in die Tat umzusetzen. Nach dem Unfall verwirft er sie, sobald ihm etwas Neues in den Sinn kommt. Er sei "ein Kind in seinen intellektuellen Fähigkeiten", beschreibt ihn Harlow.

Elfeinhalb Jahre lebt Phineas Gage noch, er verdient sein Geld auf Jahrmärkten, auf denen er sich mit seiner Eisenstange zur Schau stellt. Er stirbt im Mai 1860 an den Folgen eines epileptischen Anfalls. Seit 1867 sind sein Schädel und die Eisenstange im Warren Anatomical Museum der Harvard University ausgestellt.

Gages Fall brachte Erkenntnisse über Hirnfunktionen und wurde Wegbereiter für die Hirnchirurgie, die bis dahin in unbekanntem Terrain operiert hatte. Bis heute wird er in psychologischen Fachbüchern mit vollem Namen erwähnt.