Jubelschrei: die deutsche Tennisspielerin Andrea Petkovic nach einem gewonnenen Turnier ©Daniel Karmann/dpa

Worte können lügen. Walter Sendlmeier hat daher gelernt, ihre Bedeutung auszublenden, wenn jemand spricht. In seinem Beruf darf man sich nicht von der Semantik ablenken lassen. Ob Politiker Reden schwingen oder seine Studenten Vorträge halten: Den Professor interessiert manchmal weniger, was eine Person sagt, als vielmehr, wie sie es sagt. Sendlmeier ist Sprechwirkungsforscher an der TU Berlin. Er geht der Frage nach, was Stimme und Sprechweise über einen Menschen verraten. Für ihn steht fest: Nicht die Augen sind der Spiegel der Seele, es ist die Stimme.

Wie ein Mensch spricht, gibt Hinweise auf sein Alter, sein Geschlecht und seine Herkunft. Gleichzeitig erlaubt es einen Blick in sein Innerstes. Emotionen wie Ärger, Freude oder Furcht werden durch subtile Vorgänge in den Kehlkopfmuskeln für andere hörbar. Auch auf die Persönlichkeit eines Menschen kann man so schließen. Und sogar psychische und körperliche Erkrankungen schlagen sich in Stimme und Sprechweise nieder.

Ärzte, Psychologen und Informatiker arbeiten bereits an automatisierten Analyseverfahren, um die Informationen aus der Stimme systematisch zu nutzen. Erkrankungen wie Parkinson ließen sich so womöglich früher erkennen, die Schwere einer Depression oder Aufmerksamkeitsstörung leichter messen. Vielleicht werden eines Tages sogar Haushaltsgeräte Stimmung und Persönlichkeit ihrer Besitzer an deren Stimme erkennen – und darauf reagieren.

Auf der Welt gibt es wohl keine zwei Menschen, die genau gleich sprechen. Die Stimme ist ein kompliziertes Phänomen, geprägt durch physische Faktoren wie Hormone, die Größe des Kehlkopfes und seiner Muskeln, aber auch durch das Umfeld, in dem jemand aufwächst, ja, sogar die Zeit, in der er lebt.

Ob ein Mensch eine hohe oder tiefe Stimme hat, hängt von der Größe der Stimmlippen ab. Je kürzer und dünner diese feinen Muskelstränge im Kehlkopf sind, desto häufiger schwingen sie pro Sekunde und desto höher ist die erzeugte Frequenz. Insofern ist die Stimme körperlich bedingt, Männer sprechen daher in der Regel tiefer als Frauen. Allerdings werde die biologische Vorgabe überschätzt, sagt Sendlmeier. "Wir haben enorme Spielräume, die Frequenz, mit der die Stimmlippen schwingen, zu verändern." Schon die allgemeine Körperspannung wirkt auf die vielen kleinen Muskeln, die am Entstehen der Laute beteiligt sind. "Frauen wie Verona Pooth sprechen vermutlich nicht deshalb so hoch, weil sie kürzere Stimmlippen haben. Sie reden wahrscheinlich mit einer höheren Muskelspannung." 

Eine solche Klein-Mädchen-Stimme signalisiere: Ich suche einen Beschützer. Das muss jedoch nicht unbedingt Absicht sein. Womöglich hat eine Frau, die so spricht, dies schlicht von ihrer Mutter übernommen.