Jedes Jahr kommt für Barack Obama der Tag, an dem er erfährt, wie viele neue Geheimnisse er hat, wie viele zusätzliche Papiere den Stempel "geheim" tragen. 73.477 waren es im vergangenen Jahr – so wenige wie noch nie. 1991, George Bush Senior ist Präsident, häuft die amerikanische Regierung jährlich noch 511.868 Geheimnisse an. Mehr als eine halbe Million! So viele wie nie zuvor oder danach. Wie viele Geheimnisse braucht ein amerikanischer Präsident?

Einige Hundert Jahre zuvor tritt ein Bote der Königin aus einem Wald ins Freie. Er erblickt ein Häuslein, vor dem ein Feuer brennt, und um das Feuer hüpft ein Männchen auf einem Bein. Es ruft: "Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!" Der Bote hastet zur Königin. Bald darauf war Rumpelstilzchen einmal. Es hatte sein Leben an ein einziges Geheimnis geknüpft – und das war nur sicher, solange es gänzlich unausgesprochen war. Ein Märchen der Brüder Grimm.

2003 findet ein Vater das Tagebuch seines Sohnes, der sich erhängt hat. Er stößt darin auf ein Geständnis: Fünf Jahre zuvor hat Bart Heesbeen vier Männer getötet. Die Polizei konnte den Fall nicht aufklären, Heesbeen kam davon, doch er konnte mit der Last nicht mehr leben. "Ihre Augen verfolgen mich", hatte er seinem Tagebuch anvertraut, "ich hoffe, ich finde nun Ruhe."

Drei Fälle, dreierlei Geheimnisse: Viele Tausende zum Schutz eines Volkes, eines zum Lernen fürs Leben und eines, das am Ende den Tod brachte. Jeder kennt solche Geschichten, jeder kennt Geheimnisse, und jeder hat welche. Vielleicht nicht so große, entscheidende, aber dafür kleine und viele, die eigene Welt bewegende. Beste Freundinnen, Könige, Teenager, Pförtner, Anwälte: Der Mensch scheint weise genug zu sein, etwas für sich zu behalten. Und umsichtig genug, zu wissen, dass seine Geheimnisse stets in Gefahr sind, verraten, aufgedeckt oder abgehört zu werden. Von Whistleblowern. Von Kriminellen. Von Arbeitskollegen.

Unsere Geheimnisse sind immer von potenziellen Feinden umzingelt. Um sie herum lauern Neugier, Misstrauen, böser Wille und die reine Lust an der Enthüllung, und alle warten nur auf eine Gelegenheit: die halb offene Zimmertür, die unverschlossene Schublade, den USB-Stick in der Jackentasche. Warum sind so viele Menschen hinter Geheimnissen her? Warum brauchen wir sie überhaupt? Oder anders: Was ist das Geheimnis hinter den Geheimnissen?

Die Konkurrenz zwischen privat und öffentlich, zwischen Nähe und Distanz ist etwas zutiefst Menschliches. Diese Spannung macht uns aus, sie bringt uns weiter – als Individuum, als Gesellschaft und als Spezies. "Das Geheimnis ist eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit", formulierte der Soziologe Georg Simmel im Jahr 1906. "Jede Art von Kultur beginnt damit, dass eine Menge von Dingen verschleiert wird. Der Fortschritt des Menschen hängt an diesem Verschleiern", wusste Friedrich Nietzsche bereits im 19. Jahrhundert. Und heute schreibt die amerikanische Psychiaterin Gail Saltz: "Geheimnisse geben uns einen sicheren Hafen, der uns die Freiheit erlaubt, herauszufinden, wer wir sind."

Wir lernen das früh. Von anderen Menschen, aus Märchen, aus Filmen und aus Zeitungen. Wir lernen: Geheimnisse geben uns die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, welcher Mensch wir für andere Menschen sein wollen. Und welcher eben nicht.