Träte Andreas Peters auf den Fluss, dann würde in der Sparkasse der Alarm losgehen. Ein Licht würde leuchten und seine Kollegen auf den Fehltritt aufmerksam machen. Vielleicht würden sie sogar lästern: "Der Peters hat einen Fehler gemacht, auf den Fluss darf man nicht drauftreten, man muss drüberhüpfen, das weiß doch jeder!" Aber Andreas Peters tritt nie auf den Fluss. Er will Vorbild sein, er hüpft.

Der Fluss, 120 mal 280 Zentimeter, ist eine blaue Plastikfolie mit aufgemalten Wellen. Sie zieht sich quer durch den Flur der Verwaltungsbüros der Sparkasse Rhein-Nahe in Bad Kreuznach, deren Vorstandschef Andreas Peters ist. Der Fluss soll seine Mitarbeiter zum Hopsen anregen, hat sich Peters überlegt, jedes Mal wenn sie durch den Flur müssen. Per Lichtschranke wird gezählt, wie viele Angestellte tatsächlich über den Fluss hüpfen, statt draufzutreten: Die Quote liegt bei 80 Prozent. Gruppenzwang könnte man das nennen. Vorstandschef Peters spricht lieber von "gruppendynamischen Effekten".

Seit einigen Jahren verändern sich die Büros in Deutschland – teilweise dramatisch. Der Fluss in der Sparkasse in Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz ist nur ein Beispiel dafür, was sich Unternehmer heute einfallen lassen, um Arbeitsplätze in Erlebniswelten zu verwandeln. Manche von ihnen ersetzen Einzelzimmer durch Großraumbüros und Wände durch Glasscheiben. Das sieht cooler aus und heißt auch so: "Multi Space". Für informelle Besprechungen mit den Kollegen gibt es loungige Kaffeeecken und Sofas. Wer in Ruhe telefonieren will, der zieht sich in einen Thinktank zurück, eine Denkerzelle. Und in der Mittagspause isst man Bio, sowieso.

Andreas Peters von der Sparkasse Rhein-Nahe ging all das noch nicht weit genug. Das Konzept, das die Arbeit in seinem Haus revolutionieren soll, heißt "Active Office". Peters will, dass sich seine Mitarbeiter im Büroalltag mehr bewegen. Deshalb gibt es den virtuellen Fluss, deshalb gibt es Ringe an der Decke und eine Reckstange, an der man zwischendurch Klimmzüge machen kann. Weil Sitzen ungesund ist, finden Konferenzen an Stehtischen statt, auf elektrischen Massageliegen können sich die Mitarbeiter durchrütteln lassen, und die Mülleimer sind absichtlich so weit weg von den Schreibtischen platziert, dass man ausholen muss, um seinen Abfall dort hineinzuwerfen.

Wer sich bei der Deutschen Messe in Hannover bewegen will, sieht sofort, was die Anstrengung bringt. Im Treppenhaus des Verwaltungsgebäudes hängt ein Schild. Darauf steht: "Laufen Sie 15 Minuten Treppe, und Sie verbrauchen ca. 125 Kalorien. Viel Spaß!"

Treppen steigen statt Fahrstuhl fahren

Wolfram von Fritsch, der Vorstandschef der Deutschen Messe in Hannover, hat sein Büro im 17. Stock. Die Kantine ist in der ersten Etage. Von Fritsch nimmt demonstrativ die Treppe, denn er sieht sich als Vorbild, genau wie Sparkassenchef Peters. "Je mehr die Führungskräfte mitmachen, desto erfolgreicher ist das Programm", sagt von Fritsch beim Aufstieg in sein Büro. Anfangs nimmt er sogar immer zwei Stufen auf einmal.

In jedem Stockwerk zeigt ihm ein neues Schild, wie viele Kalorien er beim Treppensteigen bereits abgebaut hat: nach fünf Etagen so viele, wie in einer Putenbrustscheibe sind, nach neun hat er sich eine Scheibe Toast verdient, nach 14 ein Hanuta und nach 17, wenn von Fritsch in seinem Büro ankommt, ein ganzes Schnitzel. Von Fritsch hat einen roten Kopf und atmet laut. Er muss seine zu eng gebundene Krawatte lockern. "Treppensteigen hält Herz und Kreislauf in Schwung", sagt er.

Dass sich Chefs wie Andreas Peters und Wolfram von Fritsch um die körperliche Gesundheit ihrer Angestellten sorgen, folgt auch einer wirtschaftlichen Logik: Wer fit ist, lässt sich seltener krankschreiben und kann mehr leisten. Aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport geht hervor, dass rund ein Fünftel der Fehltage auf Muskel-Skelett-Erkrankungen zurückgehen, also vor allem auf Rückenschmerzen – da sollen die Spielchen aus dem Active Office gegensteuern. Ein Krankheitstag kostet Arbeitgeber im Schnitt rund 400 Euro, fällt jemand länger aus, kostet dies das Unternehmen schnell mehrere Tausend Euro.

Gesundheitsmanagement soll Mitarbeiter fitter machen

Es erinnert an die Kindergartenzeit, wenn Mitarbeiter deshalb über virtuelle Flüsse springen müssen. Doch sind solche Maßnahmen einfach nur albern, oder bringen sie wirklich etwas? Zunächst die Fakten: Aus einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse (TK) geht hervor, dass der Durchschnittsdeutsche jeden Tag sieben Stunden lang sitzt. Und jeder Vierte verbringt täglich sogar mehr als neun Stunden im Sitzen. Die Folgen: Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen. Gut geht es uns nur, wenn wir nicht mehr als sechs Stunden auf einem Stuhl verbringen und uns ansonsten bewegen.

Da erscheint es folgerichtig, wenn Unternehmen die Angestellten auch mal aufscheuchen. Nur: Studien zeigen, dass Kurse in Pilates, Thai Bo, Volleyball oder ein Firmen-Fitnessstudio vor allem von denjenigen angenommen werden, die ohnehin schon Sport machen. Mitarbeiter mit großem inneren Schweinehund kann man eher dazu motivieren, sich zu bewegen, wenn sie es gar nicht richtig merken, zum Beispiel mit Druckern, die am anderen Ende des Flures stehen. Oder eben mit Mülleimern, die weit weg vom Schreibtisch stehen, so wie es in der Sparkasse üblich ist, die Peters leitet. Um die Faulen zu erreichen, haben sich die Unternehmen noch mehr solcher Tricks ausgedacht: Manche bieten zusätzlich eine Beratung zu Bewegung, Ernährung und Alkohol an. Andere greifen sogar zu so drastischen Maßnahmen wie Gewichtskontrollen. Aber selbst das bringt wenig – eine wesentliche Verbesserung der körperlichen Fitness zeigte keine der Studien, die solche Initiativen analysiert haben.