Mit Appetit aß Papst Gregor VII. seine Mahlzeit, der Tisch war reich gedeckt. Nur sein Gast rührte keine Speise an. König Heinrich IV. schwieg und pulte mit seinen Fingernägeln an der Tischplatte herum. Er war gekommen, um nach einem langen Machtgerangel mit dem geistlichen Oberhaupt seine Niederlage einzugestehen und Frieden zu schließen. Zu Fuß war er dafür im Januar 1077 zur Burg Canossa in Italien gelaufen, auf der Papst Gregor lebte. Indem er die Einladung zum Essen annahm, signalisierte er Unterwerfung. Sein Verhalten bei Tisch demonstrierte zwar, was er wirklich von den neuen Machtverhältnissen hielt. Doch seine Anwesenheit bei Tisch wirkte so verbindlich wie eine Unterschrift unter einer Friedensabmachung.

Bis in 11. Jahrhundert hinein schlossen Menschen Verträge ab, indem sie miteinander aßen. Statt Papier mit Tinte und Feder zu unterzeichnen, galt die Tischgemeinschaft als verbindliches gegenseitiges Einverständnis – am Hof wie unter Bauern. Wenn ein neuer König gekrönt wurde und er die Herzöge zum Festmahl lud, nahm nur an der Tafel Platz, wer auch seinen Pflichten im Königreich nachzukommen gedachte. Ins Brathähnchen aus der Königsküche zu beißen wirkte wie die Signatur unter einem Arbeitsvertrag. Selbst wer Ackerland oder sein Haus verkaufte, schloss die Abmachung mit einem gemeinsamen Essen.

Mit den Jahrhunderten verloren Mahlzeiten ihre Bedeutung als rechtlicher Akt. Ihre symbolische Kraft verloren sie jedoch nie. Erfolgreiche Verhandlungen oder Bündnisschlüsse endeten weiterhin in Essgelagen. Spanien und die Niederlande etwa beendeten Mitte des 17. Jahrhunderts einen achtzig Jahre währenden Krieg mit einer Schützenmahlzeit. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges feierten die Parteien bei einem Friedensbankett in Nürnberg.

Jetzt am Kiosk! Das neue ZEIT Wissen 1/2014

Auch in der heutigen Zeit ist die Symbolkraft eines Abendessens unter Staatschefs nicht zu unterschätzen. So trafen sich der französische Präsident Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Januar 1962 zu einem privaten Essen in Baden-Württemberg. Bei Tomatencremesuppe, Seezunge und Rotwein schmiedeten sie Pläne für ein geeintes Europa. Fast auf den Tag genau ein Jahr später unterschrieben sie den Élysée-Vertrag, der die Freundschaft zwischen den lange zerstrittenen Staaten Deutschland und Frankreich besiegelte – ein Meilenstein auf dem Weg zur Europäischen Union.

Essen stiftet eine Verbindung, die Tinte weder ausdrücken noch herstellen kann. Essen ist privat und persönlich. Wir nehmen den anderen mit in eine Situation, die sonst nur die Familie oder enge Freunde erleben. Das sichert nicht unbedingt den Weltfrieden, aber es schafft Nähe und Zusammenhalt, ob in der Politik, bei geschäftlichen Treffen oder in privaten Beziehungen. Wer nicht mitisst, isoliert sich.

Die Macht eines gemeinsamen Mahls reicht aber noch weiter – mit wem wir bei Tisch sitzen, beeinflusst auf subtile Weise, was wir essen und wie viel. "Die gemeinsame Mahlzeit ist die Urform des Beisammenseins", sagt Eva Barlösius, Professorin am Institut für Soziologie an der Universität Hannover. Es gebe bis heute keine Form der Gemeinschaft, die derart verbinde wie eine Tischgemeinschaft.

Während unsere Urahnen noch Speisen teilten, weil nicht jeder seinen eigenen Büffel jagen konnte, gibt es heute in den industrialisierten Ländern kaum noch Umstände, die ein gemeinsames Mahl erfordern. Dank Fertigessen und Tiefkühlpizza kann jeder sich allein versorgen. Dennoch kommen Menschen, wann immer möglich, zusammen: zum Abendbrot in der Familie, im Restaurant mit Freunden oder zum Mittagessen mit Kollegen. Die Sehnsucht treibe sie, meint die Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. "Menschen haben einen inneren Wunsch danach, gemeinsam zu essen. Also suchen sie sich über den Tag Gruppen, die ihr Bedürfnis danach stillen." Dieselbe Speise befriedige eben nicht so sehr, wenn sie allein statt in Gemeinschaft gegessen werde. Das könne auch kein Radio, Fernsehen oder Handy ändern. "Eine gemeinsame Mahlzeit sättigt nicht nur physiologische, sondern auch seelische Bedürfnisse", sagt Brombach.

Untersuchungen in Familien belegen das: Mahlzeiten mit Mama und Papa fördern das körperliche und seelische Wohl ihres Nachwuchses. Kinder und Jugendliche, die mindestens dreimal in der Woche mit ihrer Familie essen, ernähren sich gesünder und haben weniger Gewichtsprobleme als andere. Sprösslinge ohne regelmäßiges gemeinsames Abendbrot haben dagegen nicht nur häufiger Übergewicht, sie sind zudem auch eher verhaltensauffällig, berichten kanadische Wissenschaftler. Sie untersuchten das Essverhalten von mehr als 26.000 Jugendlichen. Diejenigen, denen die Zusammenkunft am Esstisch fehlte, zogen sich eher zurück, waren besonders ängstlich oder übermäßig aufbrausend und aggressiv.

Geschmack wird sozial erlernt

Dabei sind es nicht die Speisen an sich, die die Kinder schützen. Es ist vielmehr das Beisammensein. Eltern können am Esstisch frühzeitig Probleme ihrer Kinder erkennen und gegensteuern. Ohne die Familienmahlzeit fehle den Kindern zudem jener wichtige Moment am Tag, in dem sie sich von ihren Eltern Zuspruch und Tipps holen können. Was währenddessen gegessen wird, hat allerdings auch beträchtlichen Einfluss auf das weitere Leben der Kinder: Familienmahlzeiten prägen, was Menschen ihr ganzes Leben lang gerne mögen. "Geschmack wird sozial erlernt", sagt Brombach. Menschen äßen nur das gern, was sie schon früh kennengelernt hätten. "Sie essen nicht einfach, was ihnen schmeckt. Etwas schmeckt ihnen, weil sie es schon immer gegessen haben." Jeder Mensch habe eine solche Geschmacksheimat – der Wurstsalat nach Omas Originalrezept oder Muttis Vanillepudding.

Wir können Tausende Kilometer von unserem Elternhaus entfernt sein und dennoch ein Heimatgefühl verspüren, wenn wir diese Dinge zubereiten. Vor allem wenn wir krank im Bett liegen, besinnen wir uns auf die Geschmacksheimat. Mit 39 Grad Fieber möchte keiner Haute Cuisine verspeisen, sondern die Suppe, die Mutti schon früher ans Bett gebracht hat. Ihrem geschmacklichem Zuhause bleiben Menschen sogar treu, wenn sie als Erwachsene in völlig anderen Gesellschaftskreisen leben. "Wer in einer Arbeiterfamilie groß geworden ist, wird trotz Studium und beruflicher Karriere weiterhin meistens eher deftige Hausmannsküche essen als Feinkost", sagt Brombach.