ZEIT Wissen: Optimismus und Pessimismus – womit haben wir es da eigentlich zu tun? Mit einer Eigenschaft? Einem seelischen Zustand?

Wolfgang Schmidbauer: Wir haben es mit dem Erleben von Angst zu tun, dem Erleben von Depression – beziehungsweise mit der Abwehr von beidem. Jedem denkenden Menschen ist doch klar, dass das Leben schlecht ausgeht. Erst verlieren wir alle uns lieben Menschen, und am Ende sterben wir selbst. Ich würde sagen, diesen schlechten Ausgang ignorieren zu können – das nennt man Optimismus. Wenn jemand all das nicht verdrängen kann, dann erleben wir ihn als Pessimisten.

ZEIT Wissen: Der Optimist ist also ein Meister der Verdrängung?

Schmidbauer: Eindeutig: Ja. Liebesbeziehungen haben in diesem Sinne eine ganz wichtige Funktion, nämlich die, sich gegenseitig bei der Verdrängung zu unterstützen. Es ist ein unglaublich beziehungsstiftendes Element, wenn es einem Paar immer wieder gelingt, gemeinsam zu lachen und sich so gegenseitig zu versichern: Wir sitzen zwar am Rand des Abgrunds, und irgendwann fällt einer hinein, aber warum sollen wir uns darüber jetzt schon den Kopf zerbrechen?

ZEIT Wissen: Sind optimistische Menschen glücklicher?

Schmidbauer: Auf jeden Fall. In unserer modernen Gesellschaft ist diese Haltung auch viel mehr respektiert. Jemand, der ein finsteres Gesicht macht und so vermittelt: Ich trau euch nicht, bleibt mir vom Leib, der kriegt beispielsweise keinen guten Job. Das war früher anders. Es gab Zeiten, in denen es kulturelle Tradition war, dass die tiefsinnigen und nachdenklichen Menschen alle ein bisschen depressiv waren und über das Tal der Tränen auf der Erde jammerten. Freude und Lachen galten dagegen als oberflächlich.

Eltern bestimmen, ob wir Optimisten oder Pessimisten werden

ZEIT Wissen: Wenn Optimisten die genialen Verdränger sind, was sind dann die Pessimisten?

Schmidbauer: Der Pessimist ist der Realist. Ohne eine Portion Pessimismus kann ein nachdenklicher Mensch eigentlich nicht existieren. Aber Optimismus bedeutet nicht nur Verdrängen, sondern auch: Ich nehme das Negative an. Verdrängen betrifft ja nur den emotionalen Gehalt, nicht die Wahrnehmung.

ZEIT Wissen: Ist diese Haltung anerzogen?

Schmidbauer: Die optimistische Haltung entsteht durch das Erleben von Geborgenheit. Angst ist ein zentraler und lebenswichtiger Affekt, der uns vor Gefahren warnt, der aber nur dann wirklich gut in unser Leben integriert werden kann, wenn wir als Kinder einen Erwachsenen haben, der uns bei heftigen Angstgefühlen unterstützt und uns beibringt, zu differenzieren zwischen dem, was wirklich gefährlich ist, und dem, was nicht gefährlich ist. Gut und sicher gebundene Kinder haben später weniger Ängste und sind optimistischer.

ZEIT Wissen: Wenn man das als Kind nicht gelernt hat, kann man es als Erwachsener nachholen?

Schmidbauer: Ja. Das Leben ist ein ständiger Prozess der Kränkungsverarbeitung und Angstbewältigung. Alles, was unser Selbstgefühl stabilisiert, zum Beispiel wenn wir einen Beruf haben, der Freude macht, oder wenn wir lernen, ein Musikinstrument zu spielen, ist ein Mittel, um die ängstliche Selbstbezogenheit in den Griff zu kriegen.

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ZEIT Wissen: Man kann also im Laufe des Lebens die Seiten wechseln, vom Optimisten zum Pessimisten werden und umgekehrt?

Schmidbauer: Es ist in der Regel ein fließendes Gleichgewicht, das aufgebaut oder zerstört werden kann. Wenn jemand keine übermäßigen Traumatisierungen oder Kränkungen verarbeiten musste, dann kann er eine optimistische Haltung aufbauen, weil er denkt, das Leben hat mehr Gutes als Schlechtes für ihn in der Tasche. Wenn aber jemand traumatisiert ist, gemobbt oder vergewaltigt wird – dann wird aus ihm kein Optimist.

ZEIT Wissen: Sind Paare glücklicher, wenn beide dieselbe Haltung haben?

Schmidbauer: Es ist wichtig, dass sich Paare in einer optimistischen Sicht auf das Leben bestärken können. Das setzt voraus, dass man liebevoll mit der Haltung des anderen umgeht und sie nicht entwertet. Sonst wird man nur erreichen, dass der Pessimist versucht, den Optimismus des anderen zu brechen: Du bist oberflächlich, machst dir das Leben leicht, die Tiefen meiner Seele werden dir für immer verschlossen bleiben. Wenn jemand als Kind geschlagen wurde, niemand ihn so recht verstanden hat, dann ist es wichtig, seine Haltung zu akzeptieren und zu versuchen, das Positive, das in jedem Menschen ist, zu unterstützen.