Der Gedanke liegt nahe: Sind Italiener auch deshalb so offenherzig und unbekümmert, weil die Sonne ihr Gemüt verwöhnt? Stimmt es nicht, dass wir so kühl sind wie unser Wetter? Dass Russen im Grübeln versinken wie ihr Land im Winterschnee? Auf den ersten Blick unschuldige Fragen – doch sie führen auf vermintes Gebiet.

Die Vorstellung, dass das Klima einer Region das Wesen ihrer Bewohner prägt, hat eine heikle Geschichte. Oft wurden solche Thesen genutzt, um Ressentiments zu schüren oder die Überlegenheit der eigenen Kultur zu begründen. Der Philosoph Montesquieu war überzeugt davon, dass man in nördlichen Regionen tugendhafte Menschen antreffe, jedoch immer mehr die Gefilde der Moral verlasse, je weiter man in den Süden reise. Der Geograf Ellsworth Huntington meinte im 20. Jahrhundert mit dubiosen Studien belegen zu können, dass das Klima den Grad der Zivilisation bestimme und Menschen in heißen Ländern nicht so gut denken könnten.

Der Klimadeterminismus war ein ideologischer Verwandter der Rassenlehre. Kein Wunder, dass Kulturwissenschaftler heute zurückhaltend auf solche Fragen reagieren. Für viele ist die Sache erledigt. "Die Anpassungsfähigkeit des Menschen gegenüber teilweise extremen klimatischen Bedingungen ist, wie die Evolutionsgeschichte zeigt, sehr groß, und die Bestimmung des Menschen und seiner Kultur und Zivilisation durch das Klima ist gering", schreiben etwa Nico Stehr und Hans von Storch in ihrem Buch Klima, Wetter, Mensch.

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Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler würde heute behaupten, dass allein das Klima Charakterzüge und Kulturformen prägt. Doch um die Relevanz von Wärme und Kälte gibt es noch immer Streit. In einer aktuellen Studie schreibt der Psychologe Evert van de Vliert, dass es einen Zusammenhang zwischen klimatischen Extremen und dem Grad der Freiheit einer Gesellschaft gebe, allerdings nur, wenn man den Faktor Geld berücksichtige. Reiche Länder hätten finanzielle Mittel, um mit Hitze oder Kälte kreativ umzugehen – klimatische Extreme wirkten sich dort sogar positiv auf die Gesellschaft aus. Anders in armen Ländern, die einem harten Klima nichts entgegenzusetzen hätten. Van de Vliert formuliert vorsichtig, dennoch provozierte seine Studie Widerspruch, wie der gut 20-seitige Kommentaranhang zeigt, in dem 50 Forscher Stellung nehmen.

Einer davon ist Jüri Allik, ein Psychologe der Universität Tartu in Estland. Er gehört zu den wenigen Forschern, die sich die Mühe gemacht haben, Persönlichkeitseigenschaften in verschiedenen Ländern systematisch zu erfassen und mit Klimadaten abzugleichen. Gemeinsam mit Robert McCrae, einem Experten für solche Messungen, untersuchte er, ob die durchschnittlichen Persönlichkeitswerte der Länder in Beziehung zu Temperaturen und Äquatornähe standen. Sie werteten 36 Kulturen aus – und fanden kaum Belege dafür. Und die einzig signifikante Korrelation verlief anders, als man nach gängigem Vorurteil erwarten könnte: Menschen in warmen Ländern sind eher gewissenhafter als jene in kühlen Gebieten. "Interkulturelle Unterschiede in Persönlichkeitseigenschaften sind sehr gering", sagt Allik. Und die Einflüsse des Klimas seien wahrscheinlich "so gering, dass sie keine Bedeutung für das tägliche Leben haben".

Auf ein anderes Phänomen hat das Klima aber in der Tat Einfluss: auf Stereotype. Wie wir die Bewohner anderer Länder einschätzen, hängt von den Temperaturen dort ab, zeigt eine weitere Studie von Allik. Menschen in wärmeren Regionen werden auch als wärmer wahrgenommen. Solche Stereotype sind sehr stabil, mit der Realität aber haben sie nicht viel zu tun.

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